Wer die Einzigartigkeit des Holocaust belegen will, kommt nicht um Vergleiche herum

Lässt sich die Erinnerung an den Kolonialismus und jene an die Shoa zusammendenken, ohne den nationalsozialistischen Genozid zu relativieren? Ja, aber nur mit sehr viel Genauigkeit.

Von Jörg Heiser, 05.05.2021

Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau beim Verbrennen von Leichen. SZ Photo/Keystone

Am 9. Oktober 2019 kam es zum Anschlag auf die Synagoge von Halle in Sachsen-Anhalt. Es war ein versuchtes Massaker an Juden, zwei Menschen starben. Am 19. Februar 2020 erschoss ein Täter neun Menschen mit Migrations­hintergrund bei einem rassistischen Anschlag im hessischen Hanau. Auf erschütternde Weise wurde Deutschland daran erinnert, dass im Geiste von Antisemitismus und Rassismus nicht nur ausgegrenzt und geschmäht, sondern immer noch und immer wieder gemordet wird. Und dass beides ein gemeinsames Problem aller ist.

Wenig später, im Frühjahr 2020, entbrannte jedoch in Deutschland eine breite, hitzige Medien­diskussion um die Person des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe, bei der sich ein Widerspruch aufzutun schien zwischen der Bekämpfung des Antisemitismus und der Bekämpfung des Rassismus.

Diese Debatte muss hier kurz rekapituliert werden, um eine ihrer zentralen Fragen herauszuarbeiten: Es ist die Frage, ob und wie der Holocaust – die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch Nazi-Deutschland – mit anderen Menschheits­verbrechen verglichen werden kann und wenn ja, wie.

Die Causa Mbembe – eine Spirale der Boykotte

Um es vorwegzunehmen: Ich glaube, dass eine Vertiefung dieser Frage letztlich der Schlüssel ist, wenn nicht zur völligen Auflösung, so doch zur Entwirrung des – vermeintlichen – Widerspruchs zwischen der Bekämpfung des Antisemitismus in Nachfolge des National­sozialismus und des Rassismus in Nachfolge des Kolonialismus. Jedenfalls dann, wenn diese Vertiefung auf der Grundlage konkreter historischer Forschung und Reflexion erfolgt, wie sie beispiels­weise jüngst die Kultur­theoretikerin Iris Därmann mit ihrem bahn­brechenden Werk «Undienlichkeit. Gewalt­geschichte und politische Philosophie» geleistet hat.

Aber schauen wir uns zuerst kurz an, was seit dem Frühjahr 2020 geschah.

Zuerst forderte ein FDP-Landtags­abgeordneter in Nordrhein-Westfalen, dann auch der Antisemitismus­beauftragte der deutschen Bundes­regierung, Felix Klein, vehement die Ausladung von Achille Mbembe als Redner vom internationalen Kunstfestival Ruhrtriennale. Dies entspreche dem Beschluss des Deutschen Bundes­tags vom Mai 2019, demzufolge «keine Veranstaltungen der BDS-Bewegung oder von Gruppierungen, die deren Ziele aktiv verfolgen», zu unterstützen seien. BDS – «Boycott, Divestment and Sanctions» – ruft international zu Boykott­aktionen gegen Israel auf.

Mbembe, der als ein weltweit führender Kolonialismus- und Rassismus­forscher gilt, wies die Vorwürfe zurück und sagte, er habe «keinerlei Beziehung mit BDS». Er hatte allerdings tatsächlich 2015 ein sehr scharf formuliertes Vorwort für einen Sammel­band namens «Apartheid Israel. The Politics of an Analogy» geschrieben, in dem er nicht mit Superlativen sparte. So schrieb er: «Die Besetzung Palästinas ist der grösste moralische Skandal unserer Zeit, eine der dehumanisierendsten Torturen des neuen Jahrhunderts, und der grösste Akt der Feigheit des vergangenen halben Jahrhunderts.»

2018 hatte Mbembe zudem gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Literatur­professorin Sarah Nuttall, ein schriftliches Statement veröffentlicht, demzufolge sie den Boykott Israels befürworteten und ihre Teilnahme an einer Konferenz de facto davon abhängig machten, dass den Forderungen von BDS nach Ausladung israelischer Konferenz­teilnehmerinnen – namentlich der renommierten Psychologin und Konflikt­forscherin Shifra Sagy – entsprochen werde (Sagy wurde nach eigener Aussage nie offiziell ausgeladen, vielmehr sei das Panel, an dem sie mitwirken sollte, einfach aus dem Programm verschwunden).

Auch andere Schriften Mbembes gerieten in die Kritik. Er habe, so der Antisemitismus­beauftragte Klein, den Holocaust relativiert, und verwies etwa auf eine Textstelle aus dem Buch «Politik der Feindschaft» (2016): «Im kolonialen Kontext war die permanente Trennungs- und damit Differenzierungs­arbeit zum Teil die Folge der von den Kolonisten empfundenen Angst vor Vernichtung. […] Das Apartheid­regime in Südafrika und – in einer ganz anderen Grössen­ordnung und in einem anderen Kontext – die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei emblematische Manifestationen dieses Trennungs­wahns.»

Es sei, so sagte Klein im Deutschlandfunk seinerzeit, «zumindest missverständlich, wenn er das Apartheid­system in Südafrika und die Zerstörung von Juden in Europa unmittelbar hintereinander erwähnt».

Einer der Hauptvorwürfe war also, allein schon durch einen solchen Vergleich werde die Ungeheuerlichkeit des Holocaust – gekennzeichnet durch die industrielle Vernichtung von Millionen von Menschen als Ziel und Zweck der «Endlösung» der Nazis – relativiert, das heisst in der Konsequenz verkannt und kleingeredet. Dem widersprachen zu Mbembes Verteidigung etwa die Philosophin Susan Neiman und die Kultur­wissenschaftlerin Aleida Assmann.

Mbembes Aussage, «keinerlei Beziehung zu BDS» zu haben, trifft zwar im rein formalen Sinne zu (er ist kein Mitglied der Organisation), erscheint aber nicht korrekt im Hinblick auf seine tatsächlichen israel­bezogenen Beiträge und Aktionen. Ob dies es jedoch geboten erscheinen lässt, die Spirale der Boykotte und Ausladungen fortzusetzen? Diente eine solche Forderung der Ausladung nicht auch einer bequemen Umgehung all der Fragen nach dem kolonialen Erbe, die offen und ohne Abwehr­haltung zu diskutieren sich besonders in Deutschland viele lange genug gedrückt hatten?

Die Ruhrtriennale fand dann aufgrund der Corona-Pandemie sowieso nicht statt. Aber die Debatte war längst nicht beendet. Vielmehr brach sie mehr­fach wieder auf, etwa im Dezember 2020 mit der Initiative «GG 5.3 Welt­offenheit», mit der zahlreiche deutsche Kultur­institutionen – darunter das Goethe-Institut, die Kultur­stiftung des Bundes und zahlreiche Theater – ihre Sorge darüber zum Ausdruck brachten, dass sich mit der Causa Mbembe eine zunehmend ausgrenzende Haltung gegenüber internationalen kritischen Stimmen zeige: «Die historische Verantwortung Deutschlands darf nicht dazu führen, andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren», hiess es dort.

Eine ziemliche Zumutung – zum Relativierungs­reflex

Während die Kultur­institutionen befürchteten, dass de facto eine Zensur stattfinde, indem potenziellen internationalen Gästen – vorauseilend oder über eine Art Kontakt­schuld – eine Nähe zu BDS und damit zum Antisemitismus unterstellt werde, wurde im Umkehr­schluss dies als Zeichen einer Art Unterwanderung der Institutionen durch ebendiese Geistes­haltung gewertet. Der Historiker Michael Wolffsohn etwa sprach von einer «BDS-Unterwanderung» des Jüdischen Museums Berlin. Das gestiegene Interesse für postkoloniale Diskurse und die «Dekolonisierung» der Institutionen habe, so tönt es, antisemitischer Israel­feindlichkeit Tür und Tor geöffnet. Im selben Zug drohe die Einzigartigkeit der Shoah relativiert zu werden.

Die Argumente sind ausgetauscht, die Muster wiederholen sich. Auch jüngst mit der deutsch­sprachigen Veröffentlichung des Buchs «Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung» des jüdisch-amerikanischen Holocaust-Forschers Michael Rothberg zeigt sich das wieder. Er tritt darin für eine eben multidirektionale Auseinander­setzung nicht ausschliesslich mit dem Holocaust, sondern auch mit den Verbrechen der Kolonial­zeit ein.

Der Aufstand der Herero: Sie konnten nach der Flucht in die Omaheke-Wüste zurückkehren. Viele andere verdursteten dort, weil sie von den deutschen Truppen von den Wasserstellen verjagt wurden (1907). ullstein-bild
Gefangene Hereros werden nach der Niederschlagung des Aufstandes mit der Eisenbahn in ein Lager zur Küste transportiert (1905). ullstein-bild/Getty Images

Konservative wie linke Tages­zeitungen schrieben sehr ähnlich, dass bei Rothberg – so die TAZ unter der Überschrift «Diffuse Erinnerung» – wieder der «Wunsch nach Relativierung» sich manifestiere beziehungs­weise, so die «Welt», das «Bedürfnis, den Holocaust wenn nicht verschwinden zu lassen, so ihm doch seine Sonder­stellung zu nehmen».

Was bedeutet es eigentlich, wenn deutsche Journalistinnen einen jüdisch-amerikanischen Forscher, der sich seit Jahrzehnten mit dem Holocaust auseinander­setzt, darüber belehren, er hege einen – in letzter Konsequenz ja dann wohl antisemitischen – Wunsch nach Diffusion und Relativierung der Shoah? Und das, weil er offenbar zu sehr über die Verknüpfung mit der Frage nach den Menschheits­verbrechen im Zuge des Kolonialismus nachdenkt – obwohl das beispiels­weise schon Hannah Arendt in ihrem Anfang der 1950er-Jahre erschienenen Buch «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» zumindest ansatzweise getan hatte?

Es bedeutet eine ziemliche Zumutung. Umso notwendiger ist es, den zugrunde­liegenden Vorwurf der Relativierung genauer anzuschauen.

Und immer den Bannstrahl auf den Vergleich

Relativierung war auch der Schlüssel­begriff des deutschen Historiker­streits der 1980er-Jahre, als Ernst Nolte Auschwitz als Reaktion auf die stalinistischen Gulags einzuordnen, also tatsächlich zu relativieren versuchte und Jürgen Habermas vehement widersprach. Habermas bezichtigte Nolte beziehungs­weise seine Position des «Revisionismus» – was bis heute mehr als berechtigt erscheint.

In der Tat war damals das Haupt­interesse des vergleichenden Ansatzes, deutsche Verantwortung zu relativieren, kleiner zu machen, in den Schatten des Stalinismus zu rücken. Es war die damalige Diskussion, die endgültig den Bannstrahl auf beinahe jedweden Versuch des Vergleichens richtete, der über das blosse Heraus­streichen von Unterschieden hinausgeht. Der Vergleich führe, da er auf Gleichsetzung hinauslaufe, quasi automatisch zur Relativierung der Spezifik und Einzigartigkeit der sich im Holocaust manifestierenden Verbrechen, sei also strukturell antisemitisch.

Dieses Argumentations­muster, das aus dem Historiker­streit hervorging, ist weitverbreitet – und wird gleichzeitig immer wieder in Abrede gestellt. So schreibt der «Welt»-Autor Alan Posener in einer polemischen Entgegnung auf einen «Zeit»-Artikel von Michael Rothberg und dem Afrika­forscher Jürgen Zimmerer mit dem Titel «Enttabuisiert den Vergleich!», dass Vergleiche ja gar nicht tabuisiert seien. Nur um hinterherzusetzen, Rothberg und Zimmerer ginge es in Wirklichkeit ja gar nicht um Vergleiche, schreibt Posener, sondern um die «Genese des Holocaust»; sie missbrauchten quasi die Frage nach dieser Genese, um die «Erinnerungs­kultur in den Dienst des Kampfes für eine bessere Welt ohne weisse und westliche Dominanz» zu stellen.

Ähnlich reagierte Thierry Chervel auf der Feuilleton-Plattform «Perlen­taucher» auf Aleida Assmanns Konstatierung eines «Vergleichs­verbots»; er werde als Entgegnung «über die Selbst­verständlichkeit des möglichen Vergleichs» hier nichts schreiben. Nur um dann im gleichen Atemzug mit Verweis auf Steffen Klävers Studie «Decolonizing Auschwitz?» die Gefahr einer «Einbettung des Holocaust in eine Geschichte des Kolonialismus» zu beschwören, die «nur mit gewaltsamen Kappungen seiner Besonderheit machbar ist».

Verharren im Ungefähren – oder: Kontinuität ≠ Kausalität

Es ist richtig, dass Kläver sich gründlich und triftig gegen eine allzu lineare Kausalitäts­kette wendet, die sich – mit einem Buchtitel von Jürgen Zimmerer von 2011 – auf die Formel «Von Windhuk nach Auschwitz?» bringen liesse; gegen die These also, dass der Völkermord der Deutschen an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) eine Einübung darstellte und dass sich die Grundzüge der späteren militärischen Expansion gen Osten mitsamt der Vernichtungs­politik ansatzweise schon dort gezeigt hatten.

Nur war es schon bei Zimmerer als Frage formuliert, eine Leerstelle benennend, die in der Geschichts­forschung tatsächlich besteht zwischen der Erforschung von National­sozialismus und Kolonialismus. Und selbst wenn Zimmerer seinerzeit noch dazu geneigt haben sollte, einen zu linearen Zusammen­hang zu postulieren, so betonen er und Rothberg doch in besagtem «Zeit»-Artikel: «Wer Zusammen­hänge zwischen Krieg und Holocaust nicht bestreiten will, kann auch eine koloniale Dimension der Verbrechen nicht bezweifeln – allerdings als diskursive Kontinuitäten und Funktions­äquivalenzen, nicht als Kausalitäten.»

Ihre Kritiker tun so, als verstünden sie diesen Satz nicht («Welt»-Autor Posener spricht von «verquast»), dabei legt er klar dar, dass es Rothberg und Zimmerer genau nicht um das geht, was ihnen zumindest implizit ständig unterstellt wird. Sie versuchen gerade nicht, auf Teufel komm raus einen direkten Ursache-Wirkung-Konnex zwischen kolonialem Völkermord und Holocaust zu konstruieren, so wie einst Nolte zwischen Gulag und Auschwitz. Die koloniale Dimension der Nazi­verbrechen besteht ihnen zufolge in bestimmten «diskursiven Kontinuitäten», etwa wieder auftauchenden ideologischen Versatz­stücken; und Funktions­äquivalenzen, beispiels­weise der Stigmatisierung vermeintlicher Volksfeinde, Herrenrasse­fantasien, unmittelbare Bereicherung usw. All dies zu benennen, bedeutet nicht, eine direkte Kausalität (im Sinne von: Windhuk bewirkt Auschwitz) zu behaupten.

Massenvernichtungslager: Eine Luftaufnahme der sowjetischen Armee von Auschwitz-Birkenau, Januar 1945. Stanislaw Mucha/Keystone

Allerdings unterlaufen Zimmerer und Rothberg in der Hitze des polemischen Schlag­abtauschs ebenfalls masslose Übertreibungen: So werfen sie beispiels­weise ihren Kritikerinnen vor, deren Zurück­weisen einer globalen Erweiterung des Erinnerungs­kontexts erinnere an «Kampagnen gegen (jüdischen) Kosmopolitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts». Oder sie werden ungenau beziehungs­weise scheinen sich selbst zu widersprechen: Einerseits schreiben sie zu Recht, wie zitiert, dass es nicht um aus den kolonialen Dimensionen sich ergebende Kausalitäten gehe. Kurz vorher schreiben sie jedoch, die Eroberung von «Lebens­raum» während des Dritten Reiches stehe «in einem kolonialen Kontinuum», was eben doch eine lineare Ursache-Wirkung-Kontinuität mindestens suggerieren kann.

Es ist diese Gefahr eines Verharrens im Ungefähren in Bezug auf die Behauptung von «Kontinuität», die es den Polemikerinnen wider die vermeintliche «Relativierung» stellen­weise unnötig leicht macht. Denn auf deren Seite herrscht ein argumentatives Doublebind: Es wird behauptet, dass es gar kein Vergleichs­verbot gebe. Wie oben bei Felix Klein gesehen, gilt aber, sobald ein Vergleich «zu grosse Nähe» bedeutet, das Verbot eben doch. Zumal sich die Gegnerinnen der Fraktion Rothberg/Zimmerer in der Regel gar nicht erst die Mühe machen, en détail auf die konkreten Frage­stellungen einzusteigen, offenbar weil sie befürchten, dann selbst ins vermeintliche Fahrwasser der Relativierung zu geraten.

Multiperspektivisch – ein neuer Blick auf die Quellen

Dabei ist für jeden, der sich nur einen Moment einmal aus den eingeübten Argumentations­mustern heraustraut, offenkundig, dass, wer jetzt und in Zukunft die Singularität des Holocaust belegen und veranschaulichen will, natürlich auf Vergleiche angewiesen ist – und nicht nur abstrakt, sondern konkret an den historischen Vorgängen.

Eins sollte endlich klar sein: Der Versuch, eine Beziehung zwischen Kolonialismus und Holocaust zu untersuchen, ist nicht automatisch eine Relativierung des Letzteren.

Dies demonstriert gerade auch Dan Diner – der renommierte Historiker, auf den der Begriff der «Singularität» des Holocaust zurückgeht – mit seinem neuen Buch «Ein anderer Krieg». Sein Fokus richtet sich nicht wie üblich auf die kontinental­europäische Entwicklung des Zweiten Weltkrieges, sondern auf das jüdische Palästina als geostrategischen Angelpunkt in den Jahren 1935 bis 1942. Die Versuche des britischen Empire, seine Kolonial­interessen von der Levante bis Indien zu sichern, kollidieren mit den imperialistischen Vorstössen der Achsen­mächte. 1942 werden beim ägyptischen al-Alamein die deutsch-italienischen Panzer­verbände gerade noch zurückgeschlagen. Die Vernichtung der Juden wäre sonst nach Palästina getragen worden.

Diner führt an, dass es zu Solidarität zwischen Juden und Araberinnen angesichts italienischer Luftangriffe auf Haifa kam; oder dass arabisch-palästinensische Angehörige der britischen Streitkräfte in der Kriegs­gefangenschaft mit jüdisch-palästinensischen Kräften kooperierten. Und er zeigt, wie die zionistischen Siedler sich gegen das britische Empire erst durchzusetzen hatten, nicht zuletzt auch, um dem von der Vernichtung bedrohten europäischen Judentum eine Zufluchts­stätte bieten zu können – was die Briten in den entscheidenden Phasen des Holocaust so weit als möglich verhinderten.

Der antisemitische Vernichtungs­wille der Nazi-Kriegs­partei sprengte derweil jedes geostrategische Kalkül, etwa bei der Deportierung der Jüdinnen von Rhodos nach Birkenau im Juli 1944 – hier wurden keine Gefahren und Mühen gescheut, um die Juden­vernichtung bis an die alleräussersten Ränder des europäischen Kriegs­schauplatzes zu tragen.

Überlebende des KZ Buchenwald, aufgenommen im April 1945. Harry Miller/dpa/Keystone
Der Boden mit Leichen bedeckt: Die Soldaten der 7. US-Armee erreichen im April 1945 das KZ Dachau. Roger Viollet/Keystone

Insgesamt richtet Diner ein Schlaglicht aus dem globalen Süden auf die «Funktions­äquivalenzen» und zeigt, wie die Geschichte des Zweiten Weltkriegs tatsächlich nur multidirektional oder besser multi­perspektivisch erzählt werden kann: als ein Geschehen also, das simultan aus dem Blickwinkel der Kolonial­geschichte und der Vernichtung der Juden in Europa betrachtet werden muss.

Beim Historiker­streit hingegen war es nicht nur um das Vergleichen gegangen, sondern um Noltes Behauptung einer Aktion und einer Reaktion beziehungs­weise eines Vorbilds und einer Nachahmung. Davon kann bei einem ernsthaften Vorschlag, Kolonialismus und National­sozialismus stärker auf Verbindungs­linien zu untersuchen, überhaupt keine Rede sein.

Es ginge nun darum, mit neuem Blick an die historische Quellen­lektüre zu gehen, genauer hinzuschauen, an den Evidenzen zu argumentieren, anstatt das Ganze einfach als ein «bloss» zeitgenössisches Problem der politischen Interpretation und Gewichtung zu sehen – und auf den heillos zerfahrenen, hochtoxischen Konflikt um Israel und die besetzten Gebiete zu beziehen.

Michael Rothberg konzentriert sich in «Multidirektionale Erinnerung», das zuerst 2009 erschien, vor allem auf Aspekte der Nachkriegs­zeit: wie unter dem Eindruck der Dekolonisierung (also des Unabhängig­werdens der ehemaligen Kolonien) bedeutende Theoretikerinnen von Hannah Arendt über Aimé Césaire bis W. E. B. Du Bois gar nicht umhinkamen, einen grösseren Zusammen­hang zu sehen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus.

Es ist also in erster Linie eine Reflexion im Anschluss an diese historischen Perspektivierungen – mit der im Titel gegebenen Pointe, dass eine Art Bereicherung der Erinnerungs­kultur entstehen müsse, wenn neben dem Holocaust andere Menschheits­verbrechen (etwa die Opfer der transatlantischen Sklaverei oder der Genozid an den Herero und Nama) ebenfalls gebührende Beachtung und Berücksichtigung fänden. Das «Multidirektionale» daran klingt jedoch nach einer Pluralität, die es erst noch weiter und genauer in ihren Binnen­verhältnissen zu untersuchen gilt, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung in der Nachkriegs­zeit, sondern gerade auch im Hinblick auf die Genese eines möglichen Verhältnisses, also die Zeit zwischen 19. Jahr­hundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Von Parallelen und Unterschieden – ein kleiner Exkurs in die Aufklärung

Vielleicht ist ein Schlüssel zur Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis von Kolonialismus und National­sozialismus beziehungsweise Holocaust in Iris Därmanns 2020 erschienenem Grundsatz­werk «Undienlichkeit. Gewalt­geschichte und politische Philosophie» zu finden. Hier kommen die ideologischen Parallelen und Unterschiede zwischen Kolonialisten und National­sozialistinnen scharf zum Vorschein.

Därmann untersucht, wie berühmte Denker der Aufklärung und des Liberalismus – namentlich Thomas Hobbes und John Locke – ein Anderes projizieren, das bestialisch sei: Bei Hobbes sind es die amerikanischen Ureinwohner, die für ihn durch das Jamestown-Massaker von 1622, bei dem 347 Siedlerinnen starben, den Vorwand lieferten, sie als «wölfisch» erscheinen zu lassen. Sie sind die Blaupause für seine Grundfigur im «Leviathan» (1651): der «Natur­zustand», aus dem sich die moderne Staats­ordnung erhebt. Die Gleichsetzung mit dem Tier legitimiert zugleich Versklavung oder Tötung. Hobbes hatte eigene ökonomische Interessen, war Anteils­eigner der Virginia Company, die Jamestown gegründet hatte.

Die Kolonisatoren verstanden sich als Repräsentanten der Zivilisation, die den «Wilden» und fremden Welten gegenübertritt, die es zu missionieren und zu erschliessen, auszubeuten und zu versklaven, im Extremfall aber auch einfach auszulöschen gelte – im Dienste der Urbarmachung und «Zivilisierung» der Welt. Und des Profits.

Knapp vierzig Jahre nach Hobbes entwarf John Locke mit seinen «Zwei Abhandlungen über die Regierung» (1689) die Grundlagen zu einer Theorie der demokratischen Freiheit aller. Er sah dabei aber wohlweislich den Ausnahme­fall der Versklavung vor – und hiess diesen gut. Wenn ein «recht­mässiger Eroberer» im gerechten Krieg gewinnt und den Verlierer nicht tötet, so habe er im Sinne einer Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln das Recht, diesen zu versklaven («This is the perfect condition of slavery, which is nothing else, but the state of war continued, between a lawful conqueror and a captive»). Das liess sich leicht so hinbiegen, dass dieser «gerechte Krieg» pauschal den Sklaven­handel rechtfertigt – und passte insofern gut, als Locke selbst Aktionär der Royal African Company war. Er verdiente unmittelbar am transatlantischen Sklaven­handel mit.

Die Frage liegt nun nahe, ob im National­sozialismus philosophische Stichwortgeber auf ähnliche Weise bereit waren, in einer Mischung aus eigener Überzeugung und Anpassung an den Zeitgeist passende ideologische Versatz­stücke zu liefern. Und in der Tat: Bei Martin Heidegger und Carl Schmitt – im Echo mit Hitler, Heinrich Himmler und Hans Frank – arbeitet Därmann dies minutiös heraus.

Politische Zoologie – oder: Freilassung der «Bestie» Mensch

Carl Schmitt hiess 1934 die Beseitigung «artfremder Elemente aus der Beamtenschaft» gut, so als ginge es um einen Vorgang biologischer, züchtender Hygiene (was es aus dem Blickwinkel völkischer Rassen­ideologie genau ist). Damit einher geht ein Bild des Juden als «Masken­träger», als insekten- oder echsenhaften «Virtuosen der Mimikry», den es zu demaskieren gelte. Entsprechend forderte er unter Berufung auf den Reichrechts­führer Hans Frank die «exakte» Feststellung, «wer Jude und wer nicht Jude ist», und von jüdischen Autoren gesäuberte Bibliotheken.

Heidegger wiederum schreibt in den «Schwarzen Heften», der National­sozialismus könne «wahr» sein, «wenn er imstande ist, eine ursprüngliche Wahrheit freizugeben und vorzubereiten». Und weiter: «Der National­sozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Grösse.» Die Juden erscheinen in dieser Konstellation als jene, die der «bestialischen» Vollendung der Metaphysik durch den National­sozialismus im Weg sind.

Die politische Zoologie ist skizziert. Es ist die Umstülpung oder Inversion der ideologisch-projektiven Gegenüberstellung von «moderner Gesellschaft» und dem tierisch-bestialischen Anderen: Das Andere wird nun genau umgekehrt lokalisiert in der verkommenen, dekadenten, berechnenden Gesellschaft, im jüdischen Kosmopoliten, im Wimmelnden und Parasitären.

Demgegenüber muss das Eigene freigelegt und wiederentdeckt werden: das Bestialische, das Barbarische und Völkische («Das Kennzeichen der Wirklichkeit jedes Wirklichen im Ende der Metaphysik ist die Brutalitäts­fähigkeit», notiert Heidegger).

Gefangene aus Namibia im Krieg der Deutschen gegen Herero und Nama (1904–1908) in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Ganz rechts höchstwahrscheinlich ein deutscher Soldat und Gefangenenaufseher. National Archives of Namibia/AFP

Heidegger verzichtet, so Därmann, «auf die Fassaden­bildung der SS-Anständigkeit», deren sich noch Himmler bei seiner berüchtigten Posener Rede vom Oktober 1943 befleissigte, als er den SS-Schergen bescheinigte, noch im Anblick der Leichen­berge in den Vernichtungs­lagern – «abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein». Heidegger begrüsst vielmehr ausdrücklich die Freilassung der «Bestie» Mensch, zitiert dafür Franz Grillparzers Sentenz: «Der Weg der neuern Bildung geht / Von Humanität / Durch Nationalität / Zur Bestialität.»

Aber auch die Schnittmenge zwischen Heidegger und Himmler bleibt sichtbar: Erst durch Bestialität wird die Metaphysik überwunden zugunsten einer volks­gemeinschaftlichen, rassischen Wahrheit. Es ist ein Programm für den industrialisierten Genozid, der sich längst nicht mehr um die Fassade der Zivilität schert, ja das den eigenen Untergang in Kauf nimmt; man denke auch an Sebastian Haffners in «Anmerkungen zu Hitler» von 1978 bereits gemachter Beobachtung, dass in der Zwangs­logik Hitlers und damit seiner Erfüllungs­gehilfen der eigene Lebens­horizont darauf zielt, die Juden zu vernichten, und sei es um den Preis, zugleich Deutschland zu vernichten.

Um es noch einmal klar zu sagen: Das kolonialistische Denken operiert – im Grunde bis heute – mit der Ideologie einer Entgegen­setzung von «moderner» Zivilisation und dem Anderen, dem Tierisch-Barbarischen. Der National­sozialismus invertiert diese Ideologie: Es ist nun das Tierisch-Barbarische, das als Wahrheit des (homogen und rassisch definierten) Volkes freizulegen sei – freigelegt gegenüber dem Feind, der jüdisch-kosmopolitischen «Zivilisation». In diesem Sinne bleiben Kolonialismus und National­sozialismus im Zerrspiegel dieser ideologischen Inversion verbunden.

Radikale Umstülpung – der «Madagaskar-Plan»

Bezüglich der Frage nach (Dis-)Kontinuität ist also die These, die sich aus Därmanns Buch ableiten lässt – auch wenn sie dort weniger explizit gemacht wird, als latent enthalten bleibt –, die folgende: Die Verbindung zwischen Kolonial­zeit und der antisemitischen Vernichtungs­politik der Nazis besteht nicht in einer «blossen» Fortsetzung, Kumulation oder Steigerung, sondern in einer radikalen Umstülpung, einer Inversion der zugrunde­liegenden Legitimationsideologie.

Das Verhältnis zwischen Zivilisation und «Wilden», das die Kolonial­zeit beherrschte, kehrt sich exakt um. Hierin gründen sowohl die «diskursiven Kontinuitäten» zwischen Kolonial­verbrechen und Holocaust als auch die radikale Singularität des Letzteren.

Die Inversion bedeutet zugleich auch die Verlagerung vom kolonialen Motiv der gnadenlosen Unterwerfung und Ausbeutung – die im Extremfall, wenn es für das Ziel der Ausbeutung von Menschen und Land opportun erscheint, zwar die völlige Vernichtung billigt und betreibt, sich aber weiterhin als fortschrittlich und zivil erfährt – hin zum eigentlichen national­sozialistischen Hauptziel der Vernichtung, mit dem Nebeneffekt einer darauf hinführenden gnadenlosen Ausbeutung und Plünderung (Zwangs­arbeit, «Arisierung» jüdischen Besitzes, Vernichtung durch Arbeit).

Aber ist es vielleicht nicht einfach ein ideen­geschichtlicher Zufall, dass sich sowohl Kolonialisten als auch Nazis der Gegen­überstellung eines Tierischen und eines «Zivilisierten» bedienen, nur eben seitenverkehrt? Ist es nicht. Därmann führt an, dass Hitler bereits 1926 von «Ostkolonisation» spricht, auf der NSDAP-Führer­tagung in Bamberg: Nur eine «weitsichtige Kolonial­politik, nicht in anderen Weltteilen, sondern in Europa, an unseren Ostgrenzen, wird eine Gesundung unserer Rasse ermöglichen».

Zehn Jahre später ist im Band «Der Reichs­arbeits­dienst in Wort und Bild» von der notwendigen «planmässigen Innen­kolonisation» die Rede, um die durch den Versailler Vertrag verlorenen Territorien aufzuwiegen. Die Arbeiten einiger Historiker wie Zimmerer oder auch Magnus Brechtken untermauern die These, dass in die Entstehung der genozidalen «Endlösung» zumindest bis 1940/41 immer wieder auch Versatz­stücke des Kolonial­denkens eingingen.

Brechtkens 1998 erschienene Studie «Madagaskar für die Juden» rekonstruiert gründlich, wie der im letzten Drittel des 19. Jahr­hunderts entstandene rassische, sozial­darwinistische Antisemitismus auch die Vorstellung einer gänzlichen Aus- und Absonderung der Juden in ein fernes Land hervorbrachte und wie diese Vorstellung noch bis in die Kriegsjahre 1940/41 als Vorraum und Camouflage der dann eigentlichen Zielsetzung der Vernichtung der Juden diente.

1885 spricht der deutsche «Orientalist» Paul de Lagarde, einer der übelsten Vordenker des modernen völkischen Antisemitismus, beinahe beiläufig von den «nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar abzuschaffenden» Juden Polens, Russlands, Österreichs und Rumäniens. Brechtken hört hier noch den «exotisch-erlösenden Ton» des Kolonial­romantikers heraus, den es schon zwei Jahre später bei Theodor Fritsch – einem der wenigen, die Hitler explizit als Einfluss nennt – nicht mehr hat; nun sollen die Juden sich nur mehr selbst «irgendwo ein Colonial-Land erwerben».

Hans Leuss fordert 1893 «die Transplantation» des jüdischen Volkes nach Südafrika. Der Engländer Henry Hamilton Beamish, ein weiterer Verfechter der Madagaskar-Idee – ehemals Soldat in Südafrika –, trat 1923 mit Hitler vor 7000 Zuschauern im Münchner Zirkus Krone auf. Derselbe schrieb 1926 im «Völkischen Beobachter» zynisch: «Wo ist das Paradies, das allen Juden vergönnt, in Frieden und Freude dahinzuleben, dabei sich rein zu halten und auch ihren Idealen […] nachzugehen? Das ist Madagaskar.»

1934 traf sich ein internationaler Antisemiten-Kongress gleich zweimal – erst in der Schweiz, in Bellinzona, dann in Belgien – und gipfelte in einem gemeinsamen «Rütli-Schwur» aller Teilnehmer, man werde «nicht ruhen und rasten», bis auch der Jude «sein eigenes Vaterland habe», das allerdings nicht Palästina sein könne, sondern gross genug sein müsse für alle Juden der Welt. Als Alternative bleibe sonst nur die «blutige Lösung der Judenfrage».

Unter Nazigrössen kursierten in den folgenden Jahren auch andere Szenarien; so spielte Göring mit dem Gedanken, man könnte die Jüdinnen in der ehemaligen deutschen Kolonie Tanganyika (heutiges Tansania) ansiedeln – Hitler wandte ein, man könne Territorien, «in denen so viel deutsches Helden­blut» geflossen sei, nicht den ärgsten Feinden der Deutschen überlassen.

Zurück in die Gegenwart

Im Grunde haben wir hier eine weitere Inversion: Aus der kolonialen – dabei beschönigenden, täuschenden – Utopie eines verheissungs­vollen neuen Territoriums für Auswanderer wird die Dystopie eines isolierenden Zwangs­reservats. Die Madagaskar-Pläne des 19. Jahr­hunderts extrapolierten gewissermassen Motive, die aus den Strafkolonien Englands in Australien oder aus den Reservaten rührt, in die die nordamerikanischen Ureinwohner gezwungen wurden.

Die Kolonisierung zur Ausbeutung anderer Erdteile und anderer Völker bleibt dabei jedoch etwas fundamental anderes als dann im Dritten Reich die Absonderung eines riesigen Bevölkerungs­teils aus dem «eigenen» Territorium mit dem Ziel, ihn völlig zu vernichten.

Den Nazis war im Übrigen klar, dass auch der «Madagaskar-Plan» aufgrund der Übersiedlungs­umstände und der Verhältnisse vor Ort Millionen Tote bedeutet hätte. Und schon bald verdichten sich die Indizien, wie Brechtken aufzeigt, dass die Gedanken­spiele bezüglich der Entstehung eines «Juden­reservats» in Madagaskar, wie sie immer wieder kursierten, unter der Hand der kalt-pragmatischen Schergen Hitlers – Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann – längst zu einer Art Abfederung des eigentlichen Ziels der genozidalen «Endlösung» in Europa geworden waren. Noch 1942 wurde den Häftlingen im Vernichtungs­lager Treblinka erzählt, Hitler habe sich mit Roosevelt auf die «Madagaskar-Lösung» geeinigt, bald schon gehe der erste Zug aus Treblinka ab – um sie von der Flucht abzuhalten.

Der Eingang zur Gaskammer im KZ Dachau (April 1945). Tallandier/Rue des archives/Keystone
Separation von Frauen und Männern: Neu angekommene KZ-Häftlinge in Auschwitz-Birkenau (ca. 1944). Everett Collection/Keystone

Es bleibt also zu untersuchen, inwieweit eine mit dem Madagaskar-Motiv verbundene «koloniale» Rhetorik der Nazis, selbst schon in den 1920er-Jahren, eine «Tarnmetapher» (Brechtken) gewesen sein könnte. Nahe liegt, dass es eine Mischung aus Täuschung und einem doch ernsthaft erwogenen Plan ist, also eine Bruchlinie innerhalb des National­sozialismus. Bei einigen Nazi-Grössen mag diese Bruchlinie direkt durch die Person gegangen sein, etwa beim «Schlächter von Polen», dem General­gouverneur Hans Frank, dessen Freude über den Gedanken an Madagaskar in seinen Äusserungen des Sommers 1940 noch «sinnlich greifbar gewesen» sei, so Brechtken.

Wenn man der These einer national­sozialistischen Inversion der Kolonial­ideologie vor diesem Hintergrund mal einen Moment folgt, führt sie geradewegs aus der Sackgasse einer falschen Wahl zwischen «Kausalität, ergo Relativierung» und «Singularität». Denn sie zeigt auf, wie Kolonialismus und National­sozialismus untergründig verbunden sind – und der Holocaust dennoch ein singuläres Menschheits­verbrechen bleibt.

Es bedeutet zugleich, dass es genuin zum Verständnis der Entstehung der genozidalen «Endlösung» gehört, ihr Verhältnis zum immer wieder auch genozidalen Kolonialismus im Blick zu haben. Damit einher geht die Notwendigkeit, Letzteren auch ideologisch in seinem Fortwirken bis heute zu verstehen.

Und das führt in die unmittelbare Gegenwart. Eine adäquate Erinnerungs­kultur sucht die Resonanzen auf, versteht sie als zu entwirrendes Geflecht von Parallelen und Gegensätzen, anstatt sie rundweg abzustreiten.

Eine Blaupause dafür gibt es bereits. Es ist der Kampf der Sinti und Roma um die Erkennung, Anerkennung und offizielle Erinnerung des Porajmos, der Ermordung von geschätzt 200’000 bis 500’000 Opfern durch Nazi-Deutschland. 2012 wurde in Berlin ein grosses Mahnmal eingeweiht, auf halbem Weg zwischen Reichstag und dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. 2020 avisierte die Deutsche Bahn – ausgerechnet die Deutsche Bahn! –, dieses Denkmal möge für einen S-Bahn-Tunnelbau abgebaut oder verlegt werden. Nach Protesten wurde der Plan wieder abgeändert.

Aber dass er überhaupt ernsthaft erwogen wurde, zeigt triftig, wie die Deutschen immer noch dazu neigen, sich zwar zugutezuhalten, dass sie die Shoah adäquat «bewältigt» hätten, sich aber auch deshalb tendenziell taub stellen bei allem anderen, was zwar zweifelsfrei bewiesen, aber dennoch bislang nicht adäquat «bewältigt» – also anerkannt und erinnert – ist.

Keiner jener, die mit Verweis auf den Holocaust laut gegen die (vergleichs­weise) leisen Forderungen nach Berücksichtigung der kolonialen Verbrechen polemisieren, wäre je so unverfroren gewesen, die Existenz dieser Verbrechen abzustreiten. Konsequenter­weise müssten sie sich dann aber auch für ein offizielles Mahnmal für die ermordeten Herero und Nama einsetzen. Es wird Zeit, dass sie es tun.

Zum Autor

Jörg Heiser ist Direktor des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste in Berlin. Er war knapp zwanzig Jahre Redaktor der britischen Kunst­zeitschrift «Frieze».

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