Gute Pestizide, schlechte Pestizide

Kann die Schweiz auf synthetische Pflanzen­schutz­mittel verzichten? Das fordert die Pestizidinitiative – und stösst eine hitzige Debatte zwischen Umwelt­schützerinnen, Bauern­verbänden und Chemie­konzernen an.

Von Katharina Wecker, 30.04.2021

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Pestizidverbot? Bei der Vorstellung träumen die einen von heiler Natur, andere sehen rot. Anne Schwalbe

Wir schreiben das Jahr 2031. Vor zehn Jahren hat das Schweizer Stimm­volk die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» überraschend angenommen.

Nach der Übergangs­frist haben die Landwirte erfolgreich auf ökologischen Pflanzen­schutz umgestellt. Es fliegen und krabbeln wieder mehr Insekten über die Felder. Jeder Apfel, jedes Weizen­korn ist nun bio. Die Menschen müssen sich keine Gedanken mehr über gesund­heitliche Auswirkungen von Pestizid­rückständen im Grund­wasser und in ihren Lebens­mitteln machen. Die Initiative war ein voller Erfolg.

In einem Parallel­universum, ebenfalls im Jahr 2031, ebenfalls zehn Jahre nachdem die Schweizer Stimm­bevölkerung die Pestizid­initiative angenommen hat.

Nachdem synthetische Pestizide weggefallen waren, hatten die Landwirte keine effektiven Alter­nativen mehr, um Krankheiten wie Draht­würmer in Kartoffeln oder Erdflöhe in Zucker­rüben zu bekämpfen. Immer wieder kommt es zu Ernte­ausfällen, vor allem bei Kartoffeln, Rüebli und verschiedenen Kohl­sorten. Gemüse muss vermehrt importiert werden. Schweizer Land­wirte können im inter­nationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten. Das Bauernhof­sterben wird immer schlimmer. Die Annahme der Initiative war ein Desaster.

Welches dieser zwei Szenarien ist wahrscheinlicher?

Welche Konsequenzen hätte eine Annahme der Pestizid­initiative, die vom Bauern­verband als «extrem» bezeichnet wird? Blüht der Schweiz das Ende der modernen Agrar­wirtschaft? Oder würde das neue Gesetz die ökologische Nach­haltigkeit der Land­wirtschaft sichern, wie die Initiantinnen versprechen?

Was sind die Argumente dafür und dagegen?

Zunächst mal: Worum geht es eigentlich? Die Pestizid­initiative, über die das Schweizer Stimmvolk am 13. Juni abstimmt, verlangt ein Verbot aller synthetisch-chemischen Pflanzen­schutz­mittel. Der Einsatz von Pestiziden, welche Moleküle enthalten, die es in der Natur nicht gibt, wäre ab 2031 untersagt. Landwirte dürften sie auf ihren Äckern nicht mehr versprühen; Privat­personen müssten in ihren Gärten auf Bioalternativen ausweichen; die SBB müssten das Unkraut um ihre Gleise ander­weitig entfernen. Selbst importierte Lebens­mittel wären vom Verbot betroffen.

Inhaltlich überschneidet sich die Pestizid­initiative teilweise mit der Trinkwasser­initiative, über die ebenfalls am 13. Juni abgestimmt wird. Letztere will Pestizide aber nicht komplett verbieten, sondern ihren Einsatz über Subventionen steuern. Nur noch Land­wirtinnen, die pestizid­frei produzieren, sollen dabei finanzielle Unter­stützung vom Staat erhalten.

Die beiden Volks­initiativen sind mit dafür verantwortlich, dass sich rund um das Thema Pestizide eine hitzige Debatte entwickelt hat. Die Initianten werben mit dem Pestizid­verbot für mehr Arten­vielfalt, gesündere Lebens­mittel und sauberes Trink­wasser. Jedes dritte Kind sei mit dem Herbizid Glyphosat belastet, schreiben sie auf ihrer Website – und sogar jedes Kind mit dem Insektizid Chlor­pyrifos. Sie stellen sich klar auf den Stand­punkt: Pestizide schaden der Gesundheit.

Die Agrarchemie­riesen Syngenta und Bayer wiederum propagieren auf einer gemeinsamen Website und in diversen Social-Media-Kampagnen den Einsatz von Pestiziden. Ob es bald keine Paprika­chips mehr gebe, fragen sie da beispiels­weise. Auch der Schweizer Bauern­verband engagiert sich gegen die «extremen Agrar-Initiativen». Die Gegnerinnen stellen in ihren Kampagnen vor allem die massiven ökonomischen Folgen ins Zentrum, welche ein Pestizid­verbot ihrer Meinung nach hätte: Die einheimische Produktion würde sinken, die Importe im Gegenzug würden steigen und die Preise für Lebens­mittel sich stark erhöhen.

Die Argumente sind bei den Gegnern wie auch bei den Befürworterinnen der Initiative oft sehr vereinfacht, schwarz und weiss. Und doch haben alle ein bisschen recht.

Wie schädlich sind Pestizide für Menschen?

«Pestizidrückstände auf Südtiroler Spiel­plätzen gefunden», titelt die NZZ.

«Pestizide im Trinkwasser: Soll man das noch trinken?», fragt die «Zeit».

«Pestizid-Cocktail in Schweizer Äpfeln», schreibt SRF.

Solche Überschriften können verunsichern. Natürlich möchte niemand seine Kinder beim Spielen Chemikalien aussetzen oder Spuren von Pestiziden in seinem Essen und seinem Getränk finden. Doch sind solche Rück­stände überhaupt gesundheits­gefährdend?

In der Schweiz und in der EU gelten mitunter die strengsten Richt­werte für Pestizide weltweit. Die Höchst­werte für Rückstände in Lebens­mitteln würden so festgelegt, dass dadurch keine gesund­heitliche Gefahr für Menschen bestehe, schreibt das Bundesamt für Land­wirtschaft in einem Bericht.

Damit ein Wirkstoff eine Zulassung erhält und als Pestizid verkauft werden darf, müssen die Anbieter umfang­reiche Unter­suchungen zur Giftigkeit und zum Rückstands­verhalten bei den Behörden vorlegen. Pestizid­wirkstoffe gehörten damit zu den «chemischen Stoffen, die hinsichtlich möglicher Gefahren und Risiken für die Gesund­heit am besten untersucht» seien, schreibt das deutsche Bundes­institut für Risiko­bewertung, das ähnliche Vorgaben kennt, wie sie in der Schweiz gelten.

Unmittelbar stellen die synthetischen Stoffe für die menschliche Gesundheit also keine Gefahr dar. Doch was ist, wenn man den Pestiziden über Jahre und Jahrzehnte ausgesetzt ist? Drohen Langzeit­folgen?

Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. «Bestimmte Krankheiten auf einzelne Schad­stoffe zurück­zuführen, ist fast unmöglich», sagt Aurélie Berthet, die an der Unisanté in Lausanne zu Pestiziden und Gesundheit forscht. «Menschen sind vielen Schad­stoffen ausgesetzt – nicht nur Pestiziden. Wie sich dieser Cocktail auf unsere Gesund­heit auswirkt, wissen wir nicht.»

Um gesundheitliche Langzeit­schäden zu untersuchen, bräuchten Forscherinnen zwei Vergleichs­gruppen – idealer­weise ein Dorf A, in dem ein fragliches Pestizid verwendet wird, und ein identisches Dorf B, in dem das Pestizid nicht eingesetzt wird. So könnten Wissenschaftler in Beobachtungs­studien Dorf A mit Dorf B vergleichen und unter­suchen, ob das Pestizid für Erkrankungen verantwortlich ist oder nicht.

Das Problem: Solche perfekten Vergleichs­dörfer gibt es nicht. Dorf B liegt vielleicht in der Nähe einer Autobahn mit höherer Luft­verschmutzung. Verschiedene Faktoren können das Ergebnis beeinflussen.

Trotzdem gibt es Hinweise auf langfristige Gesundheits­gefahren. Vor allem bei Personen­gruppen, die über Jahre und Jahrzehnte regel­mässig synthetischen Pestiziden ausgesetzt sind, wie etwa Land­wirtinnen. Eine Meta-Analyse der schwedischen Örebro University hat gezeigt, dass Menschen, die beruflich mit Pestiziden in Kontakt kommen, eine höhere Wahr­scheinlichkeit haben, an Parkinson zu erkranken. In Frankreich ist Parkinson mittler­weile als Berufs­krankheit für Landwirte anerkannt.

Aber nicht nur synthetische, sondern auch natürliche Pestizide, die vom verlangten Verbot nicht betroffen wären, können giftig sein. «Bio ist nicht per se gesund», sagt die Biologin Berthet. «Auch diese Wirkstoffe können Asthma oder andere gesund­heitliche Reaktionen auslösen.» Schwefel könne in hoher Konzentration die Atemwege irritieren und Husten verursachen, Kupfer zu Nieren­versagen oder neurologischen Problemen führen. «Die biologischen Wirkstoffe stellen zwar kein gesund­heitliches Problem für die Bevölkerung dar, aber für die Land­wirte schon», sagt Berthet. «Die Menge macht das Gift.»

Wie schädlich sind Pestizide für die Umwelt?

Schweizer Landwirtinnen versprühen pro Jahr bis zu 2000 Tonnen Pestizide, um ihre Ernte vor Insekten, Pilzen und Unkraut zu schützen. 299 zugelassene Wirkstoffe stehen ihnen dafür zur Verfügung, 50 davon sind auch in der Bioland­wirtschaft erlaubt. Das Problem: Pestizide bleiben nicht nur auf den Feldern. Regen­fälle können sie von den Äckern in benachbarte Biotope oder Gewässer schwemmen – und auch durch die Luft verteilen sich die Pflanzen­schutzmittel.

Der intensive Einsatz von sogenannten Breitband­pestiziden führt dazu, dass die Pflanzen­welt verarmt. Herbizide bekämpfen Unkraut und andere Pflanzen, die auf dem Acker unerwünscht sind. Insektizide töten Schädlinge, Käfer und Würmer. Vögeln und Insekten, die in der Nähe von Feldern leben, wird die Nahrungs­grundlage entzogen.

Besonders umstritten sind sogenannte Neonicotinoide, eine Gruppe von Insektiziden, die das zentrale Nerven­system von Insekten angreifen, lähmen oder sogar zum Tod führen können. Nachdem ein Bericht der Europäischen Behörde für Lebens­mittel­sicherheit die Gefahr für Bienen und Hummeln 2018 bestätigt hatte, wurden die drei Neonicotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam in der EU und in der Schweiz für den Freiland­einsatz verboten. In Gewächs­häusern dürfen sie weiterhin verwendet werden.

Wissenschaftler machen vor allem die intensive Land­wirtschaft für den Rückgang der Insekten verantwortlich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts verschwand immer mehr Lebens­raum der Insekten. Hecken­landschaften und Wild­wiesen wurden in Mono­kulturen verwandelt. Zeitgleich setzten Bäuerinnen immer mehr Pestizide und Dünger ein. «Wenn Pestizide verwendet werden, müssen wir ihre Anwendung strikt auf die kultivierten Pflanzen beschränken und verhindern, dass die biologischen Chemikalien über die Luft oder den Regen in die umliegenden Gegenden und Natur­gebiete gelangen», schreiben der Botaniker Peter Raven und der Biologe David Wagner im Fachblatt PNAS.

Pestizide wirken sich aber auch auf Mikro­organismen aus. Eine Studie von Agroscope, dem Kompetenz­zentrum des Bundes für land­wirtschaftliche Forschung, zeigte kürzlich, dass Pestizid­rückstände in Böden weit verbreitet sind. Die Konzentrationen sind sehr niedrig und konnten nur mithilfe von empfindlichen Mess­geräten gemessen werden. Dennoch legen die Ergebnisse nahe, dass Pestizid­rückstände einen negativen Einfluss auf das Boden­ökosystem haben.

Je mehr Pestizid­spuren die Forscher fanden, desto weniger Mykorrhiza-Pilze waren in den Böden vorhanden. Das Pilz­geflecht wächst wie ein Spinnen­netz um die Wurzeln einer Pflanze und versorgt sie mit Wasser und Nährstoffen aus dem Boden. Als Gegen­leistung wandeln die Pflanzen Sonnen­licht in Zucker um und geben diesen an den Pilz weiter. Der Pilz und die Pflanze sind also voneinander abhängig und bilden eine Symbiose, eine Art Partnerschaft.

Biopestizide sind zwar natürlichen Ursprungs, aber deswegen nicht zwangs­läufig weniger schädlich für die Natur. In hoher Konzentration werden sie zum Gift. Kupfer zum Beispiel ist ein essenzielles Spuren­element für Pflanzen, Tiere und Menschen, blockiert aber lebens­wichtige Enzym­reaktionen bei Pilzen.

Biolandwirtinnen verwenden deswegen Kupfer gegen Pilz­krankheiten bei Äpfeln, Kartoffeln und Weinreben. Wenn sich zu viel Kupfer im Boden anreichert, vertreibt es dort Regen­würmer und schadet Mikro­organismen. Darum gilt der Regen­wurm auch als Indikator für Boden­fruchtbarkeit – je weniger davon herum­kriechen, desto weniger fruchtbar ist der Boden.

Sowohl synthetische als auch Biopestizide können also für die Umwelt problematisch sein. Trotzdem ist sich die Wissenschaft einig, dass der Ökoanbau insgesamt besser für die Biodiversität ist. Denn auf konventionell bewirtschafteten Äckern bauen Landwirte meistens nur eine Kultur an, wie zum Beispiel Mais. Doch Mono­kulturen entziehen dem Boden immer die gleichen Nährstoffe – der Boden laugt aus. Im Bioanbau hingegen werden die Pflanzen, die auf einem Feld wachsen, meist variiert. Dadurch bleibt der Boden länger fruchtbar. Davon profitiert die Tierwelt.

Auf biologisch bewirtschafteten Feldern leben etwa 35 Prozent mehr Feldvögel und 23 Prozent mehr blüten­bestäubende Insekten, zeigt der Agrar­wissenschaftler Jürn Sanders in einer grossen Studie. Die Pflanzen­vielfalt fällt auf Biofeldern sogar um 86 Prozent höher aus als im konventionellen Landbau.

Eine Augenweide: Zartes Schleierkraut … Anne Schwalbe
… und eine pestizidfreie Wiese. Anne Schwalbe

Können wir auf synthetische Pestizide verzichten?

Die Pestizid­initiative sieht eine Übergangs­frist von zehn Jahren vor, damit die Land­wirtinnen und andere Pestizid­nutzer auf Alternativen umstellen können. Das sei essenziell, sagt Stefan Brunner, Biobauer aus dem Berner Seeland. Man müsste umdenken: Neues lernen und experimentieren.

Brunner baut auf seinem Hof alles von Getreide über Wurzel­gemüse bis Hülsen­früchte an – seit über zehn Jahren ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden. Er wird für die Initiative stimmen. Brunner sagt, die Frage sei nicht, ob wir ohne chemische Pflanzen­schutzmittel könnten. «Sondern ob wir wollen.»

Der Bauernhof wird mittler­weile in der sechsten Generation von der Familie Brunner geführt. 2010 hat Stefan Brunner den Betrieb von seinen Eltern übernommen. Er lebt dort mit seiner Frau, vier Kindern und seinen Gross­eltern. Für seinen erfolg­reichen biologischen Anbau macht er haupt­sächlich sein Wissen über Böden verantwortlich.

Der Boden, die Erde mit ihren Mikro­organismen, brauche wie der menschliche Körper eine ausgewogene Ernährung, sagt Brunner. «Wir untersuchen den Boden, welche Nährstoffe da sind, und fügen dann die fehlenden Spuren­elemente gezielt hinzu, um das Gleich­gewicht wieder­herzustellen.»

Im Unterschied zu den meisten konventionellen Bauern achtet Brunner darauf, dass seine Felder möglichst immer bewachsen sind. Er nutzt die Foto­synthese der Pflanzen, um den Boden zu nähren. «Wir tun das, was unsere Gross­eltern auch schon getan haben», sagt er. «Ich verbinde die Technologie von heute mit dem Wissen von früher.»

Auch sein Kollege Jean-Denis Perrochet, Bioweinbauer am Neuenburger­see, arbeitet seit 2012 ohne synthetische Pflanzen­schutz­mittel, rein biologisch. Eine Heraus­forderung dabei sei Mehltau, sagt Perrochet – eine Pilz­krankheit, die die Rebstöcke befällt. Er behandelt befallene Pflanzen mit dem Biopestizid Kupfer­sulfat. Doch weil zu viel Kupfer im Boden umwelt­schädlich sein kann, versucht er es nun mit Kuhmilch.

Allerdings sei sein grösstes Problem nicht der Mehltau, sondern die Unkraut­bekämpfung, sagt Perrochet. Am Jurafuss, wo sein Weingut «La Maison Carrée» liegt, ist es im Sommer warm, gleichzeitig fällt viel Regen – perfekte Bedingungen für Unkraut. Perrochet und seine Kollegen entfernen das Unkraut maschinell mit einem kleinen Traktor.

Damit die Maschinen aber reibungslos liefen, müsse man den richtigen Moment abpassen. Es darf nicht zu trocken und nicht zu nass sein. «Wir haben sandigen Boden, lehmigen Boden, steinigen Boden. Das erschwert die Arbeit», sagt Perrochet. «Der Wechsel von konventioneller Land­wirtschaft zur pestizid­freien ist nicht immer einfach. Aber wenn man will, dann funktioniert sie auch ohne chemischen Pflanzen­schutz.»

Fast jeder sechste Bauernhof in der Schweiz ist laut dem Dach­verband Bio Suisse unterdessen ein Biobauern­hof. Dort wird ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden gearbeitet. Allerdings funktioniert das nicht für den kompletten Gemüse- und Feldbau. Laut einer Studie von Agroscope wäre vor allem der Anbau von Zucker­rüben, Mais und Raps erschwert bis unmöglich. Auch bei Kartoffeln, Rüebli und verschiedenen Kohl­sorten rechnen die Studien­autorinnen mit teilweisen oder ganzen Ernte­ausfällen.

Forscher von Agroscope haben Hunderte Studien über biologische Land­wirtschaft aus der ganzen Welt ausgewertet. Das Ergebnis: Bio­landwirte ernten im Durch­schnitt 15 Prozent weniger als ihre Kolleginnen, die konventionell arbeiten.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Ohne synthetische Pestizide können Biobäuerinnen nicht so schnell und effektiv auf Krankheiten und andere Pflanzen­schädlinge reagieren. Es ist schwieriger, mit organischen Düngern das richtige Timing zu finden, weil sie Nährstoffe langsamer abgeben als Kunst­dünger. Zudem wurden bisher haupt­sächlich Pflanzen für den konventionellen Anbau gezüchtet, die auf den Gebrauch von synthetischen Pestiziden und Kunst­dünger abgestimmt sind.

Für den Bioanbau bräuchte es dagegen Sorten, die krankheits- und unkraut­resistenter sind. Zudem eignen sich nicht alle Gegenden für den Bioanbau. In manchen Regionen hat man beispiels­weise Probleme mit Boden­erosionen, da erlaubt die konventionelle Land­wirtschaft mehr Möglichkeiten für boden­schonende Methoden.

Klar ist: Die komplette Umstellung der Land­wirtschaft auf den biologischen Landbau kostet viel Geld und Zeit.

Das kleine Königreich Bhutan machte 2013 Schlag­zeilen, als es ankündigte, das erste Bioland der Welt zu werden. Ursprünglich wollte das Land den Wandel innerhalb von zehn Jahren schaffen, mittler­weile hat die Regierung das Ziel auf 2030 gesetzt. Agrar­wissenschaftler Arndt Feuerbacher von der Universität Hohen­heim analysierte in einer Studie die potenziellen Auswirkungen dieser Umstellung auf die bhutanische Wirtschaft. Das Ergebnis: Die Ernte würde um knapp ein Viertel fallen, was sich negativ auf das Brutto­inland­produkt auswirken würde. Allerdings könnten die Verluste durch die inter­nationale Vermarktung der Bioprodukte wieder ausgeglichen werden.

Feuerbacher hat bei seiner Recherche über Bhutan auch gelernt, dass ein Verbot synthetischer Pestizide nicht automatisch aus allen Land­wirten vorbildliche Biobauern macht. Denn wenn Land­wirtinnen synthetische Pflanzen­schutz­mittel ersetzen, müssen sie erst lernen, welche biologischen Pestizide sie stattdessen verwenden können. Neue Maschinen zur manuellen Unkraut­vernichtung müssen angeschafft und robustere Sorten gepflanzt werden. «Dafür ist eine hohe Eigen­motivation notwendig.»

Der Agrarwissenschaftler hält deswegen nichts von einem totalen Verbot. Man müsste stattdessen Anreize setzen, um den Wandel zu einer pestizid­freien Land­wirtschaft attraktiver zu machen. Das könnten beispiels­weise Subventionen für die Produktion von Biolebens­mitteln sein – aber auch tiefere Mehrwert­steuern auf ökologische Produkte, um die Preise zu senken und so mehr Kunden zu gewinnen.

Und jetzt?

Bioprodukte sind, momentan zumindest, teurer als konventionell produziertes Gemüse und Obst. Weniger synthetischer Pflanzen­schutz hätte sehr wahrscheinlich auch höhere Preise zur Folge. Wären die Konsumentinnen bereit, dafür tiefer in die Taschen zu greifen?

Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauern­verbands, zeigt sich wenig optimistisch. «Die Konsumenten geben in Umfragen an, dass sie mehr Umwelt­schutz und möglichst wenig Pflanzen­schutz­mittel wollen. Aber kaum stehen sie im Laden, schauen sie auf die Optik und auf den Preis. Dann ist alles vergessen», sagt sie. «Die Anforderungen an die Produkte sind streng. Bei uns können sie einen Apfel mit Pilz­flecken nicht verkaufen.»

Die Konsumentinnen würden ausblenden, dass es für makellose Produkte Pestizide brauche, sagt auch Gemüse­bauer Thomas Wyssa. Er baut verschiedene Salate, Zucchetto und Fenchel auf seinem Hof im Kanton Freiburg an. Nachhaltige Land­wirtschaft ist ihm wichtig; die Pestizid­initiative lehnt er aber ab. Denn ganz ohne synthetische Pestizide könne er sein Gemüse nicht anbauen, sagt er.

Die Menschen sind seiner Meinung nach zu weit weg von der Lebens­mittel­produktion. «Das Bauern-Bashing hat extrem zugenommen», sagt Wyssa. «Ich würde mir wünschen, dass man mehr mit uns spricht. Wir wollen niemanden vergiften, wir essen unser Gemüse schliesslich auch selbst.»

Wyssa hat, so sagt er selber, in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren seinen Pestizid­einsatz immer stärker reduziert. Insgesamt verwenden konventionell arbeitende Bauern 40 Prozent weniger Pestizide als noch vor zehn Jahren. Momentan nimmt Wyssa an einem Modell­projekt teil, bei dem spezielle Maschinen die Pestizide nur auf den Blattsalat und andere gepflanzte Kulturen sprühen und nicht über den ganzen Acker. «So können wir bis zu 80 Prozent Pestizide einsparen», sagt er.

Das Projekt wird von Agroscope finanziert und ist Teil des «Aktions­plans zur Risiko­reduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzen­schutz­mitteln», der 2017 vom Bundesrat verabschiedet wurde. Darin wurden Dutzende Wirkstoffe identifiziert, die als risiko­reich gelten. Sie sollen so schnell wie möglich durch andere Produkte ersetzt werden.

Zudem sollen weitere Alternativen zu chemisch-synthetischem Pflanzen­schutz gefördert werden. Der Plan stiess 2017 von allen Seiten auf viel Kritik. Umwelt­gruppen ging er nicht weit genug. Die Lobby­gruppe der Chemie­konzerne fand, die Vorteile von Pestiziden seien unter­schlagen worden. Und die Bauern­verbände beklagten, dass nur die Landwirte im Fokus seien, aber nicht andere Bereiche, wo Pestizide ebenfalls eingesetzt würden.

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Dieselben Akteurinnen führten auch heute wieder ähnliche Argumente gegen die Pestizid­initiative ins Feld. In der öffentlichen Debatte hat sich im vergangenen Jahr kaum etwas verändert. Immerhin: Die Schweiz diskutiert über Pestizide – und fragt sich, ob eine Land­wirtschaft ohne synthetische Gifte möglich wäre. Hätte das ein Desaster zur Folge, wie Gegner der Initiative behaupten? Oder würde diese das Beste sein, was der Umwelt hierzulande je passiert wäre?

Die Antwort lautet: weder noch. Ein «Weiter so wie bisher» schadet den Insekten und der Arten­vielfalt. Giftige Pestizide gefährden die Gesundheit der Land­wirtinnen. Aber ein komplettes Verbot würde die Ernte einiger Sorten tatsächlich erschweren oder gar unmöglich machen und viele Landwirte ökonomisch empfindlich treffen oder gar ruinieren.

Unbestritten ist, darin sind sich die aller­meisten Bäuerinnen und Forscher einig: Wenn weniger Pestizide – sowohl synthetische als auch biologische – auf den Feldern landen, dann ist das gut für die Gesundheit von Mensch und Umwelt. Wie, wie viel weniger und wie schnell – diese Fragen muss die Gesellschaft politisch aushandeln.

Zur Autorin

Katharina Wecker berichtet als freiberufliche Journalistin über Umwelt, Klima­wandel und gesellschafts­politische Themen. Ihre Texte und Videos erscheinen unter anderem bei der «Deutschen Welle» und «Spiegel online».

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