Hier sieht man ziemlich viel: Verschiedene alte Fenster, übereinander montierte Secondhand-Heizkörper, gebrauchtes Parkett und Stahlträger, die einst ein anderes Gebäude stützten. Martin Zeller

Recycle, Reuse, Refit

Wie es mit dem Klimaschutz bei Gebäuden wirklich klappt: Drei Prinzipien, drei Fallbeispiele und ein flammendes Plädoyer für eine Bauwirtschaft nach dem Kreislaufprinzip.

Von Palle Petersen, 18.03.2021

Journalismus kostet. Dass Sie diesen Beitrag trotzdem lesen können, verdanken Sie den über 28'000 Leserinnen, die die Republik schon finanzieren. Wenn auch Sie unabhängigen Journalismus möglich machen wollen: Kommen Sie an Bord!

Klimaschutz im Bausektor?

Heute bedeutet das vor allem: Lärm und Staub. Ein Staffel­lauf gewaltiger Maschinen. Erst reissen Abbruch­bagger und Planier­raupen das Alte nieder. Dann schaffen Lastwagen die Abfall­berge fort und neues Material heran. Schliesslich richten Baukräne und Beton­mischer das Neue und Bessere auf.

Selbst ökologisch gesinnte Bauherren machen häufig Tabula rasa. Es scheint, als liessen uns Klimakrise und Zersiedlung nur eine Wahl: fort mit den Häusern und Siedlungen. Fort mit den Energie­schleudern der Nachkriegs­zeit. Alles abbrechen und neu bauen.

Doch egal wie klimafreundlich und modern man ein Haus baut, die Sache hat einen Haken: die sogenannten «grauen Emissionen», die in Bau­materialien stecken, beim Transport und auf der Baustelle anfallen. Hier liegt die Klimakrux. Denn wie sich Häuser dämmen und ohne Öl und Gas heizen lassen, ist längst klar. Wie wir sie emissionsfrei bauen, nicht.

Darum liegt im Baubestand der grösste Hebel für den Klima­schutz. Die Gebäude der Schweiz bestehen aus 1,6 Milliarden Tonnen Material. Darin sind mehr Treibhaus­gase gebunden, als das Land je wieder ausstossen sollte: Beton und Mauer­werk, Metalle und Kunst­stoffe, alles steckt voller CO2. Die Vorstellung, alles abzureissen und eine bessere Schweiz zu bauen, ist darum absurd. Viel zielführender wäre es, Gebäude clever zu renovieren und weiter­zubauen, ihre Bauteile und Materialien wieder­zuverwenden.

Das Zauberwort dafür heisst: Kreislaufwirtschaft.

Folgende Prinzipien fallen beim Bauen darunter:

  1. Recycle: Baumaterial nach dem Abbruch wieder aufbereiten. Das spart Rohstoffe und Platz auf der Deponie (ist aber schwierig, energie­intensiv und teuer).

  2. Reuse and repair: Bauteile wieder­verwenden, falls nötig reparieren, anpassen oder zweck­entfremden. Das spart Energie, die es bräuchte, um Altes zu vernichten und Neues zu produzieren.

  3. Refit and repurpose: Häuser erweitern und umnutzen. Das erübrigt den Abbruch ganzer Gebäude und den Bau von neuen.

Damit die Bauwirtschaft in der Schweiz vom Wegwerfen in den Kreislauf­modus umstellt, muss sich so ziemlich alles ändern: Geschäfts­modelle, Mentalitäten, Ausbildungen, Baugesetze, Normen, Nachhaltigkeits­labels. Doch wer will, kann schon heute handeln.

1. Recycle: Das zweite Leben der Materialien

Der Rückbau von Häusern verursacht mehr Abfall als sämtlicher Siedlungs- und Sonder­müll zusammen: 9 Millionen Tonnen im Jahr 2018. Das entspricht einer Lkw-Schlange doppelt so lang wie die Schweizer Landes­grenze. Hinzu kommt fast nochmals so viel Abfall, der beim Neubauen entsteht.

Die Theorie, diese Material­kreisläufe zu schliessen und aus der «urbanen Mine» stets neue Rohstoffe für den Bau zu fördern, klingt verlockend. Seit Jahrzehnten fördert die Schweiz darum das Recycling von Baustoffen und ist stolz darauf, zwei Drittel des Abfalls zu recyceln. Das ist ein wichtiger Anfang.

Doch dabei entsteht fast ausnahmslos Minder­wertiges. Beton und Mauerwerk enden zu Kies zermahlen unter Strassen. Wird wieder Beton gemischt, ist er schwächer und braucht neuen Zement, spart also kaum CO2. Das meiste Holz und fast alle Kunst­stoffe werden verbrannt. «Thermisches Recycling» heisst dieser Vorgang. Er bringt Heiz­energie, doch die Rohstoffe verpuffen dabei in die Atmosphäre – im Kreislauf­denken ein Tabu.

Was auf Schweizer Baustellen abgebrochen wird, ist also alles andere als kreislauf­fähig. Mit Fensterglas und Gips lässt sich heute kaum etwas anfangen. Dazu kommen gewaltige Mengen Misch­abbruch, denn viele Dinge sind so verklebt und vergossen, dass sie sich nur schlecht trennen und aufbereiten lassen. Ein Drittel des Bauabfalls landet darum auf der Deponie.

Die Rückbaufirma Eberhard will das ändern. Der Familien­betrieb mit Sitz in Kloten baut zurzeit eine komplexe Robotikanlage, um Misch­abbruch zu trennen. Zuerst erfassen Kameras, Infrarot­sensoren, 3-D-Scanner und Metall­detektoren auf einem Förder­band den Abfall. Dann weisen intelligente Algorithmen jedes Teil einer Material­klasse zu. Schliesslich sortieren Roboter­arme den Abfall, der danach korrekt entsorgt oder für einfache Anwendungen wie den Strassen­bau weiter­verwendet wird.

Doch das allein rechtfertigt die Investitionen noch nicht. Patrick Eberhard, zuständig für Baustoff­kreisläufe, sagt: «Im heutigen Markt hat die Anlage keine Chance. Aus den einzelnen Material­klassen müssen wir hochwertige Produkte entwickeln, zum Beispiel Fliesen aus Leicht­mineralik.» Die Firma Eberhard geht damit eine Wette ein: Sie setzt darauf, aus den sortierten Ziegeln, dem Glas oder dem Holz neue Baustoffe zu entwickeln.

Wie ein solches Upcycling funktionieren kann, zeigen Firmen wie Stone Cycling oder Pretty Plastic in den Nieder­landen. Sie machen aus Bauabfall Backsteine – wahlweise in grünen, ocker oder grauen Farb­tönen – und verwandeln ihn in Kacheln für die Fassaden­verkleidung.

Doch egal, wie innovativ die Recycling­produkte werden: Der Weg vom Abfall zurück zum Baustoff und wieder zum Haus bleibt der schwierigste und energie­intensivste. «Recycling ist zwar besser als Deponieren», sagt Eberhard, «aber nur der erste Schritt auf der Evolutions­leiter zur Kreislauf­wirtschaft. Wir müssen weniger bauen, weniger abreissen und weniger wegwerfen.»

2. Reuse and repair: Das zweite Leben der Bauteile

Heutzutage landen Millionen völlig funktions­fähige Bauteile auf der Deponie – zerstört in der Eile kompetitiver Abbruch­firmen. Eine Tür raushauen und entsorgen kostet rund 20 Franken. Sie sauber ausbauen, damit sie woanders wieder eingebaut werden kann? Locker das Fünffache.

Manche tun das trotzdem.

«Welcome to the world of Schrott», sagt Marc Angst und schiebt den Baustellen­zaun zur Seite. Angst ist Architekt beim Baubüro In Situ, das in Winterthur das Pilot­projekt K 118 verwirklicht: Drei Stock­werke für Gewerbe­ateliers werden auf eine hundert­jährige Industrie­halle gesetzt.

Das Pilotprojekt K 118 in Winterthur: Unten die ehemalige Modell­schreinerei der Sulzer, oben die drei neuen Stockwerke mit den Gewerbeateliers. Martin Zeller

Rechtlich zählt das Projekt als Neubau. Doch neu ist hier nur wenig: Die Stahl­träger stammen von einem Basler Lebens­mittel­lager, das orange leuchtende Fassaden­blech hing früher an einer Winter­thurer Druckerei, über Dach­elementen aus Olten liegen Solar­panels aus Zürich, und von dort kommt auch die Treppe.

Selbst die Fenster stammen von verschiedenen Orten. Sie sind bis zu zehn Jahre jung. Älter sind nur die grossen Industrie­fenster vom benachbarten Lokstadt-Areal. Dort entsteht gerade ein urbanes Wohn­quartier: Ein paar denkmal­geschützte Fassaden und eine Fabrik­halle bleiben stehen – der ganze Rest wurde nicht mehr benötigt. «Diese Fenster haben wir ganz am Anfang eingelagert», sagt Angst. «Da geht es auch um Symbolik.»

Neu sind im K 118 nur der Kalkstein für den Liftschacht und der Beton, um die Stahl­träger feuerfest auszugiessen. Die Decken und ein paar Stützen und Wände, die den Altbau verstärken, sind aus Recycling­beton gemacht. Das meiste Neue besteht aus nach­wachsenden Materialien: Holz­bretter tragen die Fassade, dazwischen sorgen 900 Stroh­ballen für die Wärme­dämmung. Der Lehm für den Innen­putz kommt aus einer nahen Baugrube.

Auch innen überwiegt gerettetes Material. Das Parkett stammt aus einem Weinlager und einer Wohn­siedlung. Abgehobelte Bühnen­bretter sind an die Zwischen­wände geschraubt. Brand­schutz­türen, Heizkörper und Lampen, WC-Schüsseln und Lavabos sind ebenfalls wieder­verwendet, selbst die Elektro­schränke und 200 Laufmeter Kabel­trassen. Die Kurven­elemente findet Marc Angst wunder­schön, «wie die Schienen der Brio-Holzeisenbahn».

Später in der Bar träumt der Architekt von einer «Mad Max»-Welt ohne Abfall. Alles Hippie­kacke und Steampunk? Im Gegenteil: Das Projekt verursacht 59 Prozent weniger Treibhaus­gase als ein identischer Neubau, vom Standard­haus ganz zu schweigen. Selbst der «SIA-Effizienz­pfad Energie», einer der strengsten Standards für Nach­haltigkeit im Bauen, wäre mit doppelt so hohen Emissionen zufrieden. Das K 118 ist ein Klimachampion.

Die Bauteiljagd dahinter ist händische Knochen­arbeit. Kleine Dinge finden Marc Angst und sein Team im Netz und bei Bauteil­börsen. An die wichtigen Teile kommen sie über ein informelles Netzwerk und auf eigene Faust. Wird etwas abgerissen, erhalten sie oft einen Anruf. Sehen sie Bauprofile um bestehende Häuser, nehmen sie den Hörer selbst in die Hand. Dann heisst es reingehen, beurteilen und verhandeln. Bezahlen können sie wenig bis nichts.

Denn: Wieder­verwendung bedeutet Mehrarbeit. Zum Ausbauen, Anpassen, Einlagern und Wieder­einbauen nimmt man die Dinge oft mehrmals in die Hand. Die Lohn­kosten sind darum die Knack­nuss für Projekte wie das K 118.

Auf der Bauteilkarte sieht man, woher die einzelnen Materialien kommen. Martin Zeller
Mit Stroh gedämmt: Das vorfabrizierte Bauelement, an das später die Blechfassade geschraubt wird. Martin Zeller
So ein wiederverwendetes Lavabo spart zwar nicht viel CO2, aber warum Dinge wegschmeissen, die noch funktionieren? Martin Zeller

Das gilt auch für die Planung. Normaler­weise bestimmen Ingenieurinnen erst die Anforderungen und bestellen dann passende Teile. Hier mussten sie ungewöhnliche Einzel­lösungen erfinden: Der Stahlbau passt nicht auf seinen Sockel? Wenn man die Träger abschneidet, kann man die Reststücke rundherum anschrauben und daran die Fassade aufhängen. Die Decken sind zu schwach für die neue Nutzung? Zum Glück gibt es genug Träger, um sie doppelt so eng zu legen. Die Heizkörper sind zu klein für das grosse Atelier? Dann montiert man eben zwei übereinander. Und wie erreicht man ambitionierte Energie­ziele mit alten Industrie­fenstern? Indem man sie zum Kasten­fenster aufdoppelt und in einer dicken Strohbau­wand verbaut.

Insgesamt durfte das Pilot­projekt nicht teurer als ein Neubau sein. Dass die Idealisten das Ziel erreichten, ist erstaunlich: Immerhin konkurrierten sie mit einer spezialisierten und auf Effizienz getrimmten Bauindustrie, die ihre normierten Produkte just in time und mit Garantie auf die Baustelle bringt.

Um da mitzuhalten, braucht es umfassendes Material- und Konstruktions­wissen. Der Architekt klappt den Laptop auf und zeigt eine Grafik, die wieder­verwendete mit neuen Bauteilen vergleicht. Je weiter rechts ein Teil liegt, desto mehr CO2 spart es; je weiter oben, desto günstiger ist es.

  • Oben rechts liegen die klaren Fälle. Gebrauchte Fenster beispiels­weise sparen viel Geld und noch mehr Treibhausgase.

  • Etwas darunter liegen Bleche und Stahl­träger. Sie kosten gebraucht dasselbe wie Neuware, reduzieren die Emissionen aber deutlich. Auch hier sollte man nicht nachdenken.

  • Rechts unten liegen die Solar­panels. Hier spart Wieder­verwendung viel CO2, ist wegen der Mehrarbeit aber teurer. Im heutigen Markt muss man sich den Klima­schutz hier leisten wollen.

  • Links oben liegen Heizkörper und Wasch­becken. Diese Teile wieder­zuverwenden, ist für die Ökobilanz zwar zweitrangig, aber immerhin gut fürs Portemonnaie.

  • Links unten schliesslich liegen Parkett­bretter. Die aufwendige Handwerks­arbeit macht deren Wieder­verwendung deutlich teurer, und trotzdem ist der Klima­gewinn bescheiden.

Nicht bei jedem Bauteil ist die Wieder­verwendung also sinnvoll. Trotzdem liegt hier enormes Potenzial: Eine Studie im Auftrag des Bundes­amts für Umwelt schätzt etwa, dass in der Schweiz jährlich 5 Millionen wieder­verwendbare Bauteile anfallen. Damit sie öfter ein zweites Leben finden, müssen Architektinnen, Ingenieure und Bauämter umdenken.

Diese genieteten Stahlträger im alten Gebäude sind über 100 Jahre alt. In den neuen Geschossen kommen knapp 30-jährige Träger aus Basel zum Einsatz. Martin Zeller

Einige tun dies bereits. Zu ihnen zählen risikobereite Bau­herrinnen wie die Stiftung Abendrot, die «nachhaltige Pensions­kasse» aus Basel, die das K 118 finanziert hat. Schon vor der Baubewilligung hatte sie viel Geld für Bauteile, Arbeit und Lager­kosten ausgegeben. Auch die Stadt Zürich erfasst zurzeit die Bauteile ihrer nächsten Abbruch­objekte und plant einen Architektur­wettbewerb mit Bauteil­katalog. Das könnte für andere grosse Immobilien­investoren wie Banken und Versicherungen, Pensions­kassen oder die SBB interessant sein.

Und das Interesse wächst. 2020 bekamen die zwei Gründerinnen von In Situ den renommierten Prix Meret Oppenheim für Architektur. Mittler­weile klopfen Dutzende Interessierte beim Baubüro an, vor allem kleinere Genossenschaften oder Private. Wenn die grossen Investoren kommen, sind die Wieder­verwender bereit: Im Herbst haben sie die Tochter­firma Zirkular gegründet. Künftig wollen sie nicht nur selbst so bauen, sondern andere dabei beraten und begleiten. Das ergibt Sinn – schliesslich fehlen nicht Bauteile, sondern Know-how und Projekte.

3. Refit and repurpose: Das zweite Leben der Häuser

Nicht nur einzelne Bauteile wieder­verwenden, sondern ganze Häuser: Hier ist die Schwer­gewichts­klasse des Kreislauf­bauens angesiedelt – beim Umbau.

Der grösste Hebel bezüglich grauer Emissionen liegt ausgerechnet da, wo wir eigentlich längst wüssten, wie es geht. Ist etwa die Betriebs­energie das Problem, kann man Heizungen austauschen und Fassaden dämmen. Ist dagegen bauliche Verdichtung gefragt, lassen sich Siedlungen punktuell ersetzen, Stock­werke aufbauen oder Zimmer­schichten anfügen.

Im Umbau steckt heute nur halb so viel Geld wie im Neubau. Doch ist der Wille da, lässt sich auch hier vieles verwirklichen. Dann werden Büro­bauten zu Wohn­häusern oder Industrie­bauten zu Museen.

Oder ein Lagerhaus wird zur lebendigen Siedlung: Willkommen in Bern.

Kann daraus eine Wohnsiedlung entstehen? Das alte Toblerone-Lagerhaus aus den Sechzigern, südlich des Berner Inselspitals, vor Baubeginn. Daniel Kaufmann

Bis vor wenigen Jahren verbrannte die Stadt auf dem Holliger-Areal südlich des Insel­spitals ihren Kehricht. Früher war die Schokoladen­fabrik Tobler hier zu Hause. Als sie die Produktion verlagerte, zogen Kreative und Journalisten, Gemüse­händler und ein Teelager in das Lagerhaus aus den Sechzigerjahren.

Heute steht nur noch der Rohbau – ein gewaltiges Skelett aus Stahlbeton. Darüber ragen zwei neue Treppen­häuser übers Dach. Rundherum stehen die ersten Holz­elemente für drei neue Geschosse, bald kommen jene für die Fassade. Wenn das Projekt im kommenden Herbst fertig ist, zieht die Genossenschaft Warmbächli mit 150 Erwachsenen, 50 Kindern und Gewerbe­treibenden ein. Der Lager­koloss wird ein pralles Stück Stadt.

Aus Ressourcen­sicht ist die Umnutzung ein 21’000 Tonnen schwerer Gewinn: So viel Beton tritt ein zweites Leben an. Das CO2 darin entspricht dem jährlichen Fussabdruck von etwa 375 Schweizerinnen im Inland. Und eigentlich müsste man die Energie für den vermiedenen Abbruch noch dazurechnen.

Der Umbau ist ein intellektueller Kraftakt. Das Haus ist 25 Meter breit – um Wohnungen zu belichten, eigentlich zu viel. Die Stützen stehen im Abstand von 6 Metern – zu schmal für 3 Zimmer, zu breit für 2. Die Geschosse sind zwischen 3,6 und 4,7 Meter hoch – mehr als nur grosszügig, aber doch nicht hoch genug, um Zwischen­decken einzuziehen. Zu allem Übel liegt das Haus auch am Hang, und in seiner Mitte stand ein stockdunkler Kakaobohnensilo.

Doch mit dem Architekturbüro BHSF fanden die jungen Genossenschafter unkonventionelle Lösungen. Von der Güterstrasse 8, wie das Projekt auch heisst, führt eine Laderampe ins Haus. An der Ecke liegt der «Selbstbau-Loft», in dem es beim Einzug nur einen Küchen­anschluss und Bäder in Holzboxen gibt. In den Wohnungen rundherum sind so auch die Zimmer gebaut, auf dass sich die Bewohnerinnen darauf Kinder­zimmer und Büros zimmern. Oder offene Galerien zum Fernseh­schauen, Musizieren und Arbeiten.

In den oberen Lager­geschossen und der Aufstockung aus leichten Holzständer­wänden entstehen weitere Gross­wohnungen, aber auch ganz normale für Familien, Paare und Einzelne. Wo früher der Kakao­bohnen­silo stand, liegen heute sechs neue Geschoss­decken, die so hoch wie vier Lager­geschosse sind. Die Wohnungen in diesem Bereich sind komplex verschachtelt, mit verschieden hohen Räumen und Treppen. Die «Kind und Kegel»-Wohnung mit 15 Zimmern reicht zum Beispiel über drei Stockwerke.

Die untersten drei Geschosse sind halb im Hang vergraben. Im Dunkeln liegen Mieter­keller und Technik, die Autogarage und ein riesiger Velo­keller. Zum Hof hin, wo Tageslicht hereinkommt, gibt es einen Quartier­raum, eine Kita und riesige Gewerbe­flächen. In der Innen­stadt sind Letztere ein Wagnis. Doch die ersten Interessenten haben angeklopft: ein Gebrauchtmaterial­händler und eine Lebens­mittel­genossenschaft.

Eigentlich war das Toblerone-Lager eine einzige Zumutung für das Vorhaben, günstige Wohnungen und Gewerbe­flächen einzubauen. Kein Wunder, interessierten sich die alteingesessenen Genossenschaften nach dem städte­baulichen Wettbewerb nur für die Neubau­projekte auf dem Areal. Einzig die neu gegründete Genossenschaft Warmbächli fing damals Feuer für das komplizierteste Baufeld. So bekamen sie Land und Lagerhaus im Baurecht und eine Million Franken als Sanierungs­zustupf. Für die Stadt Bern, die das Fünffache für den Abbruch budgetiert hatte, ein gutes Geschäft.

Sorgfältig wird die Fassade entfernt und der Kakaobohnensilo abgetragen, später werden dort neue Geschosse eingebaut. Daniel Kaufmann
Die Treppenhäuser wurden in die Struktur einbetoniert: Bauliche Speziallösungen sorgen dafür, dass das Gebäude den neuen Ansprüchen gerecht wird. Daniel Kaufmann

Damals wusste man nur wenig über das Haus. «Ob wir halb blauäugig waren? Mindestens», sagt Gründungs­mitglied Tobias Willimann heute. Doch schlimme Überraschungen blieben aus.

Die Mieten werden günstig, aber nicht rekordtief. Umgekehrt zeigt sich: Anspruchs­volle Umbauten sind nicht billiger als Neubauten. Aber komplizierter. Für die Erdbeben­sicherheit mussten Bauarbeiter die Treppen­häuser und einige Wände mitten in die Struktur betonieren. Ebenso sorgsam mussten sie den Kakao­bohnen­silo aus dem Haus heraus­brechen und die neuen Geschoss­decken einziehen. Und an zig weiteren Stellen mussten sie konstruktive Einzel­lösungen finden.

Geld gespart haben die wagemutigen Genossenschafter darum nicht. Doch sie haben nicht nur 21’000 Tonnen Beton gespart, sondern auch ein Haus mit Geschichte und Charme gewonnen. Die Wohnungen sind so vielfältig und die Raum­höhen so opulent, wie man es sonst nur aus öffentlichen Bauten und gross­bürgerlichen Wohnungen kennt. Mit einem kosten­optimierten Neubau wäre man in Bern bei den üblichen 2,3 Metern gelandet.

Als Fallbeispiel ist die Güter­strasse 8 interessant. Sie zeigt, was möglich ist, wenn man sich auf das Vorhandene einlässt. Aber sie ist untypisch. Das Gros der abgerissenen Altbauten bilden keine Fabrik­hallen, sondern Bürohäuser und Wohn­siedlungen der Zwischen- und Nachkriegszeit.

Auch sie liessen sich eigentlich umbauen und aufwerten: Nur selten ist die bestehende Bau­substanz am Ende. Doch oftmals sind die Wohnungen kleiner als heute üblich, und die Parzellen weisen Baureserven auf. Anders als bei komplexen Umnutzungen wie in der Berner Güter­strasse lässt sich mit material­genügsamen Sanierungen und behutsamen Erweiterungen von alten Wohn­siedlungen deshalb nur wenig Geld anlegen – und verdienen.

So ist die heutige Ersatz­neubau-Mentalität zumindest ökonomisch erklärbar.

Aus Klimasicht wäre es trotzdem besser, möglichst viel zu erhalten und darauf aufzubauen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Umbauten einen Start­vorteil haben: Die Betriebs­emissionen fallen erst nach und nach an. Dagegen kosten Neubauten viele graue Emissionen – und zwar jetzt und auf einen Schlag.

In den überhohen Lagerräumen entstehen grosszügige Gewerberäume und verschachtelte Wohnungen, eine davon reicht über drei Stockwerke. Daniel Kaufmann

Die Stadt Zürich weiss das. Im September veröffentlichte sie eine Studie, wie sie Netto null erreichen könnte. Wenig überraschend sind alle Häuser gedämmt und alle Öl- und Gasheizungen verschwunden. Was ausserdem im Zielbild steht, ist politischer Spreng­stoff: «Die 2020 bestehenden Gebäude stehen praktisch alle auch 2050 noch.»

Ideen für die Zukunft

Zwei Drittel des Schweizer Baubestands stammen aus den letzten 60 Jahren. All die Decken und Wände aus Beton und Backstein lassen sich nicht an neue Orte bringen – mit klugem Weiterbau aber durchaus in einen neuen Lebens­abschnitt. Hier spielt Musik. Wann wird die Baubranche das realisieren?

Eine Umbau- und Reparatur­kultur wäre schon heute möglich – das zeigen die zwei Baustellen in Bern und Winterthur. Damit sie skaliert, sind aber mehr als überzeugte Architekten und neugierige Bauherrinnen nötig. Es braucht eine Transformation der ganzen Bauwirtschaft – einen neuen Mainstream.

Und es braucht Planungs­sicherheit. Die Politik und die Berufs­verbände müssen den Rahmen dafür setzen und Anreize schaffen. Das fehlt heute komplett: Sowohl in der Energiestrategie 2050 als auch im CO2-Gesetz sind die grauen Emissionen im Bausektor kein Thema. In den Nachhaltigkeits­labels beschäftigen sich nur wenige Faktoren damit, und die Grenz­werte sind viel zu hoch. In den Ökobilanzen von Ersatz­neubauten spielt es überhaupt keine Rolle, was abgerissen wird.

Ein Beispiel: Letztes Jahr ersetzte das Internationale Olympische Komitee an seinem Haupt­sitz in Lausanne drei Gebäude aus den Jahren 1986, 1998 und 2008. Sie wurden weit vor Ende ihrer Lebens­dauer abgerissen. Trotzdem bekam der geometrisch aufwendige Neubau aus Beton, Stahl und Glas das zweite Platin­zertifikat des Standards Nachhaltiges Bauen Schweiz. Beim amerikanischen Indikator LEED erreichte er sogar die höchste Punkt­zahl, die bisher je vergeben wurde. Ein Label, das graue Emissionen entsprechend ihrem Klima-Impact gewichten und die auf dem Bauplatz vorhandenen Gebäude miteinbeziehen würde, müsste ihn anders benoten: ungenügend.

Immerhin: Letzten Oktober hat sich der Schweizerische Ingenieur- und Architekten­verein zu Netto null, Ressourcen­schonung, Kreislauf­wirtschaft und Suffizienz bekannt. Ein Positions­papier ist ein Anfang. Doch es liegt an der Politik, in den kommenden Jahren die wichtigen Fragen zu beantworten:

  • Wann kommen gesetzliche Grenz­werte für graue Emissionen, so wie sie für die Betriebs­energie längst Standard sind?

  • Wie lassen sich die im Baubestand gebundenen Emissionen miteinbeziehen?

  • Werden diese ins Grund­buch geschrieben und als Emissions­schulden angerechnet, wenn ein Gebäude zu früh abgerissen werden soll?

  • Welche Lebens­dauer gilt dabei in den Ökobilanzen für den Rohbau und emissions­intensive Bauteile?

  • Sollte man besonders umsichtige Bauherrinnen mit einem Flächen­bonus belohnen?

  • Wie hoch sind wirksame Entsorgungs­gebühren?

  • Sind flexiblere Normen für reuse-Bauteile nötig?

  • Oder Steuervorteile für Umbauten und reuse-Handwerk?

  • Geht die öffentliche Hand in ihren Ausschreibungen voran?

  • Rücken die Architektur­schulen den Umbau und den kreislauf­fähigen Neubau ins Zentrum der Lehre?

  • Welche Forschung soll der Schweizerische National­fonds fördern?

Bringt die Politik die Kraft für kluge Antworten auf, wird die Wegwerf- zur Kreislauf-Bauwirtschaft. Die Baustoff­industrie und die Abfall­berge schrumpfen. Und neue Geschäfts­modelle folgen von allein: Dann werden Neubau- zu Umbau­firmen und Bauingenieurinnen zu Reparatur­experten. Aus Abbruch- werden Ausbau­firmen, die Bauteile aufarbeiten und mit Garantie weiterverkaufen.

Dann gibt es Bauteil­händler mit cleverer Logistik, die Kaufoptionen bis zur Baubewilligung anbieten. Ausserdem entstehen Branchen­verzeichnisse, Standard­verträge und nutzer­freundliche Daten­banken. Intelligente Ingenieur­programme werden Tragwerke vorschlagen, ausgehend von räumlichen Ideen und erhältlichen Bauteilen.

Für Bauherren und Architektinnen werden die Beschränkungen des Vorhandenen dann selbst­verständlich – und die Idee, Ressourcen­verbrauch und Wohlstand zu entkoppeln, wird Realität.

Zum Autor

Palle Petersen studierte Architektur an der ETH Zürich. Schon damals fand er die Gesellschaft wichtiger als die Branche. Heute arbeitet er als freier Autor und als fester Redaktor bei «Hochparterre», einer Fach­zeitschrift für Architektur, Planung und Design in Zürich.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source