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Vorschlagkräftig

12.03.2021

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Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Wir haben mit Spannung auf heute Freitag gewartet. Der Bundesrat gab in Bern an einer Medien­konferenz bekannt, was er für den nächsten Öffnungs­schritt vorschlägt. Wir fassen kurz zusammen.

Wichtig zu wissen ist: Der Bundesrat entschied heute nichts. Den heutigen Vorschlag können die Kantone nun eine Woche lang beraten. Am 19. März – also in einer Woche – will die Landes­regierung entscheiden, ob und wie am 22. März weiter gelockert wird.

Vor einigen Wochen hatte der Bundesrat vier epidemiologische Richtwerte für einen weiteren Öffnungs­schritt definiert (Sie finden sie hier aufgelistet). Drei davon sind derzeit nicht erfüllt. (Mehr zur aktuellen epidemiologischen Situation lesen Sie weiter unten im Lagebericht zur Woche.) Gesundheits­minister Alain Berset machte heute klar, dass die Situation (wieder mal) fragil sei. «Wir haben Richt­werte, die überschritten sind. Wichtig ist: Wir haben keinen Automatismus für die Öffnungen», erinnerte Berset. Es sei essenziell, dass die Kontrolle nicht verloren gehe. Sonst seien drastische Massnahmen wieder nötig, so der Gesundheits­minister. Und es klang ein bisschen wie ein Drohfinger in Richtung desjenigen bürgerlichen Teils des Parlaments, der in den vergangenen zwei Wochen in Richtung Öffnungen um jeden Preis gepoltert hatte.

Vieles deute auf eine dritte Welle hin, so Berset. «Wir wissen nicht, wie sich der erste Öffnungs­schritt vom 1. März auswirkt.» Es bleibt etwa die Frage, warum der Bundesrat das ursprünglich vorgesehene Intervall für den Entscheid verkürzt hatte – eine Woche mehr Wartezeit würde mehr Klarheit in den Zahlen geben, weil die Neuansteckungen, Hospitalisationen und Todesfälle sichtbar würden.

Doch genug hätte, hätte, Fahrradkette. Was schlägt der Bundesrat konkret vor?

  • Kulturelle Veranstaltungen mit Publikum sollen wieder erlaubt sein. Drinnen mit 50, draussen mit 150 Personen. Dabei soll gelten: Sitzpflicht, nur ein Drittel der Kapazität des Veranstaltungs­orts gefüllt, 1,5 Meter oder 1 Sitz Abstand, Masken­pflicht, keine Konsumation und keine Pausen.

  • Treffen zu Hause mit bis zu 10 Personen. Dabei gilt die Empfehlung: möglichst wenig Haushalte. Treffen draussen bleiben bei maximal 15 Personen.

  • An Vereinstreffen, Führungen und Ähnlichem dürfen bis zu 15 Personen teilnehmen. Bis zu dieser Grösse soll auch das Singen im Chor erlaubt werden – sogar mit einer Ausnahme­regelung ohne Maske. Auch für sportliche Aktivitäten soll es wieder Lockerungen geben. Dabei empfiehlt der Bundesrat jedoch, «sportliche und kulturelle Aktivitäten nach draussen zu verlegen».

  • Restaurants sollen ihre Terrassen öffnen dürfen, wenn sie gewisse Regeln einhalten (Sitzpflicht, maximal 4 Personen an einem Tisch, Angabe der Kontaktdaten, 1,5 Meter Abstand zwischen den Tischen). Wichtigster Punkt dabei ist: Die wirtschaftlichen Unter­stützungen sollen fortgeführt werden.

(Hier finden Sie die ganze Mitteilung des Bundesrats.)

Nicht alle gehen mit dem Vorhaben der Regierung einig. So kommentierte der Epidemiologe Christian Althaus auf Twitter: «Die vernünftige Lockerungs­strategie, die der Bundesrat vor einem Monat präsentiert hat, scheint bereits wieder Makulatur zu sein.» Mit den verkürzten Intervallen und «viel zu vielen Lockerungen trotz ansteigender Inzidenz» würde man die gute Ausgangs­lage verspielen.

Was dann wirklich gilt, sehen wir in einer Woche.

Und damit:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die Lehrabschluss- und Matura­prüfungen sollen diesen Sommer regulär stattfinden. Dies wolle der Bundesrat so, teilte das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) mit. Für den Fall, dass die epidemiologische Lage dies nicht zulässt, hat der Bundesrat Spezial­regelungen erlassen. Dabei wird den Kantonen viel Handlungs­spielraum beigemessen.

Die Schweizer Covid-App kann bald mit der deutschen App verbunden werden. Er habe die Vereinbarung mit dem deutschen Robert-Koch-Institut (RKI) genehmigt, so der Bundesrat. Heute müssen beispiels­weise Grenz­gängerinnen beide Apps auf ihrem Mobil­telefon installiert haben – und je nach Aufenthalts­ort hin- und herschalten. In Kürze sollen die beiden Apps inter­operabel sein.

Weltweit gab es wegen der Pandemie 1,4 Millionen ungewollte Schwangerschaften. Dies teilte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, UNFPA, mit. Wegen der Pandemie hätten rund 12 Millionen Frauen Schwierigkeiten beim Zugang zu Verhütungs­mitteln gehabt, unter anderem wegen der Über­lastung der Gesundheits­systeme. Gerade für das Leben von Frauen in ärmeren Ländern habe dies schwerwiegende Folgen, so der Bericht.

Und zum Schluss: Der Lage­bericht zur Woche

«Wir müssen uns auf eine dritte Welle einstellen», sagte Bundesrat Alain Berset heute an der Presse­konferenz. Ob die wieder heiklere Lage aus den ersten Öffnungs­schritten folgt oder aus den nun stark verbreiteten neuen Virus­varianten, ist unklar. Vielleicht spielt beides eine Rolle.

In den freitäglichen Lageberichten dieses Newsletters zeigen wir seit Oktober eine Grafik mit den neuen Spital­eintritten pro Tag (gemittelt über die vergangenen 7 Tage, weil die Zahlen von Tag zu Tag schwanken). Einerseits haben wir diese Messgrösse gewählt, weil sie stabiler ist als die der täglich neu getesteten Personen (sie hängt nicht davon ab, wie viel ins Testen und ins Contact-Tracing investiert wird). Und andererseits, weil es beim Umgang mit der Epidemie eines der Hauptziele ist, das Gesundheits­system nicht zu überlasten. Platz zu haben für alle Patientinnen, die im Spital behandelt werden müssen.

Die Grafik mit den aktuellsten Zahlen zeigt: Platz ist noch da. Aber die Zahl der Spital­eintritte sinkt nur noch sehr, sehr langsam:

Neue Spitaleinweisungen; gleitender Mittelwert über 7 Tage. Die Daten nach dem 5. März sind vermutlich noch unvollständig, deshalb haben wir sie nicht berück­sichtigt. Stand: 12. März 2021. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

Aus zwei Gründen zeigen wir ab heute eine andere Messgrösse: die Zahl der neu positiv getesteten Personen (ebenfalls über die vergangenen 7 Tage gemittelt). Erstens werden immer mehr Menschen geimpft, was die Spital­eintritte mitbeeinflusst – diese Messgrösse wird das Infektions­geschehen vermutlich bald nicht mehr so gut widerspiegeln. Die Dynamik des Infektions­geschehens bleibt aber trotz wachsendem Impfschutz wichtig: um künftige Spital­auslastungen, Langzeit­effekte und Weiteres zu beobachten. Andererseits steht uns vielleicht eine dritte Welle bevor, und das sehen wir als Erstes in den Fallzahlen (die Zahl der Hospitalisierungen hinkt natur­gemäss immer etwas hinterher).

Seit der zweiten Oktoberhälfte werden viel mehr Tests durchgeführt, und nach dem Frühling werden auch Kontakte konsequenter nachverfolgt als während der ersten Welle der Epidemie. Deshalb sind die Zahlen der ersten und der zweiten Welle nicht so gut vergleichbar. Wir zeigen also die Fallzahlen ab dem 15. Oktober. Und sehen: Der Trend geht wieder leicht nach oben. Damit liegt die Schweiz auf Kurs – und zwar mit der rasch steigenden dritten Welle in anderen europäischen Ländern.

Positiv getestete Personen; gleitender Mittelwert über 7 Tage. Die Daten nach dem 9. März sind vermutlich noch unvollständig, deshalb haben wir sie nicht berück­sichtigt. Stand: 12. März 2021. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

Wir schliessen also: Die Ansteckungen gehen hoch. Die Impfungen langsam aber auch. Und die Hospitalisationen gehen praktisch nicht runter. (Wie es in der Schweiz um die Impfung steht, haben wir gestern ausgelegt.)

Es ist Freitagabend, 19 Uhr. Schnappen Sie sich ein Getränk Ihrer Wahl und geniessen Sie einen hoffentlich erholsamen Abend.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Marie-José Kolly und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Luana, Zulfeqar und Elias haben den Durchblick: Sie sind Primar­schülerinnen und erklären uns, was Begriffe wie Corona, Lockdown und Bundesrat bedeuten. Das machen sie nicht nur sehr kompetent (und auch für Erwachsene einfach verständlich), sondern auch sehr herzig.

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