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Lippenbekenntnisse

11.03.2021

Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Zeig mir deine Lippen, und ich weiss, was du sagst: Seit Corona gilt dies nicht mehr für Menschen mit einer Hör­behinderung. In der Pandemie ist für Gehör­lose die Welt noch stiller geworden.

So auch für Romina. Sie ist eine von rund 10’000 Gehörlosen in der Schweiz. Die 43-Jährige ist seit ihrer Geburt gehörlos, wie ihre Eltern auch spricht sie mit den Händen und hört mit den Augen. Wie hat sich das Leben für Romina verändert, seitdem alle ihre Lippen bedecken? Sie hat Republik-Journalistin Cinzia Venafro von ihrem neuen Alltag berichtet.

«Wenn jemand mit mir kommunizieren möchte, hat das Tragen der Gesichts­maske eine grosse Auswirkung. Die Kommunikation besteht schlicht gar nicht mehr», sagt Romina. Da müsse sie sich jeweils «outen», wie sie es nennt – also zeigen, dass sie nichts hören kann. «Beim Einkaufen, in der Apotheke, in der Post, im Spital benütze ich vermehrt mein Handy und schreibe auf, was ich sagen will. Aber auf diese Weise entsteht natürlich keine Konversation.» Und auch im Bus, im Zug oder im Tram sei die Kommunikation «gleich null». Zwar dürfen Begleit­personen und das Personal die Maske abnehmen, trotzdem fühlt sich Romina vom Rest des Zug­waggons abgeschnitten.

«Klar, etwas Augen­kontakt hilft, ich erkenne die Mimik, sehe, wenn jemand die Stirn in Falten legt. Aber nur, wenn jemand die Gebärden­sprache beherrscht, kann ich mit ihm kommunizieren. Allein mit Gesten entstehen keine Gespräche.»

Corona habe für uns alle den Alltag fundamental verändert, betont Romina. «Ich als Gehörlose bin durch die Pandemie sehr eingeschränkt. Wenn ich Bekannte im Einkaufs­zentrum treffe, kann ich nicht mit ihnen kommunizieren. Muss ich das Verkaufs­personal etwas fragen, tippe ich es ins Handy. Und wenn es einen gesund­heitlichen Notfall gibt, überlege ich zweimal, ob sich der Gang in den Notfall wirklich lohnt. Schliesslich würde ich dort wieder nicht kommunizieren können. Lieber suche ich Hilfe beim Hausarzt und beim Kinder­arzt, der unsere Situation kennt.»

Und so möchte Romina das gesellschaftliche Bewusstsein für ihre Behinderung schärfen. «Die Menschen wissen gar nicht, dass es noch Menschen gibt, die nicht hören können. Oder es ist ihnen einfach nicht bewusst. Seit Corona gibt es aber auch jene, die nun mir gegenüber rücksichts­voller sind. Doch erst, wenn man mich an einem Ort kennt, kann ich die Menschen sensibilisieren. Von aussen ist unsere Behinderung unsichtbar. Tragen wir alle Maske, müssen wir Gehörlose unsere Behinderung zu erkennen geben.»

Und nun:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Nidwalden erlaubt Gemeinde­versammlungen im Freien. Die kantonale Regierung regelte dies mit einer Notverordnung. Zwar dürfen Gemeinde­versammlungen gemäss Covid-19-Verordnung des Bundes trotz Veranstaltungs­verbot stattfinden. Mit der Spezial­regelung will Nidwalden ermöglichen, dass alle Bürgerinnen teilnehmen können.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat den Impfstoff von Johnson & Johnson zur Zulassung empfohlen. Jetzt muss noch die EU-Kommission ihre Zustimmung geben – diese gilt jedoch als Formsache. Damit ist der Impfstoff von Johnson & Johnson der vierte, der in der EU zugelassen wird. Ein Vorteil ist, dass er schneller verimpft werden kann, weil er nur eine Dosis braucht.

Und zum Schluss: Wieder mal Impfor­mationen

Wo stehen wir eigentlich mit den Impfungen in der Schweiz?

Die gute Nachricht ist: Es geht voran. Stand Anfang dieser Woche wurden gemäss behördlicher Information in der Schweiz und in Liechtenstein rund 332’590 Personen vollständig geimpft – das heisst, sie haben die nötigen zwei Dosen des Impfstoffs von Pfizer/Biontech oder von Moderna erhalten. Und bei weiteren rund 286’630 Personen gab es immerhin schon einen Shot.

Das sind 3,85 Prozent aller Menschen in diesem Land. Dabei gibt es grosse Unterschiede zwischen den Kantonen – während kleinere Kantone wie beispielsweise Schaffhausen oder Appenzell Inner­rhoden mehr als 6 Prozent ihrer Bevölkerung geimpft haben, sind die bevölkerungs­reichen Kantone wie Zürich und Bern die Schluss­lichter. (Interessanter­weise liegt das kleine Fürstentum Liechtenstein abgeschlagen noch weiter hinten.)

Bisher sind in der Schweiz die beiden Impfstoffe von Moderna und Pfizer/Biontech zugelassen und werden derzeit verimpft. Von ihnen wurden rund 13,5 Millionen beziehungs­weise 6 Millionen Dosen vorbestellt.

Wie steht es um die anderen Impfstoffe, die weltweit auf dem Markt sind?

Erst wenn ein Impfstoff in der Schweiz zugelassen wird (er also der wissenschaftlichen Prüfung durch Swissmedic standhält), kann er verimpft werden – wenn er bestellt wurde und der Hersteller liefert.

Astra Zeneca wartet in der Schweiz noch auf die Zulassung durch die Arzneimittel­behörde Swissmedic. Von diesem Impfstoff wurden rund 5,3 Millionen vertraglich reserviert. Bisher haben andere Länder gute Erfahrungen mit diesem Stoff gemacht – in Gross­britannien beispielsweise sank die Zahl der schweren Erkrankungen und Hospitalisationen bereits nach den Impfungen mit den Erstdosen.

Heute Donnerstag erreichte uns eine betrübliche Nachricht: Sieben europäische Länder, darunter Dänemark, Österreich und Norwegen, haben ihre Impfaktionen mit Astra Zeneca als Vorsichts­massnahme vorläufig gestoppt. Sie untersuchen einige Fälle von schweren Blut­gerinnseln, die nach der Impfung bei Patienten aufgetreten waren. Derzeit gebe es aber keine Beweise, dass ein Zusammen­hang zwischen den Gerinnseln und den Impfungen bestehe, teilte das dänische Gesundheits­ministerium mit. Die schweizerische Arzneimittel­behörde habe diese Nachricht zur Kenntnis genommen. «Diese Verbote in den anderen Ländern beeinflussen unser wissenschaftliches Zulassungs­verfahren nicht», so Swissmedic-Sprecher Alex Josty auf Anfrage der Republik. Man warte weiterhin auf die fehlenden Daten und Resultate aus Studien für die Zulassung in der Schweiz.

Derzeit verzichtet die Schweiz auf eine Bestellung des Impfstoffs von Johnson & Johnson. Dies sagte die Vizedirektorin des Bundes­amts für Gesundheit, Nora Kronig, in einem Interview gegenüber «Blick» gestern Mittwoch. Der Grund: Der Impfstoff (dessen Vorteil darin liegt, dass nur eine Dosis nötig ist) würde zu spät ausgeliefert. Die Schweiz will früher impfen. Dennoch läuft das Zulassungs­verfahren bei Swissmedic weiterhin: Diese Stelle schaut quasi, ob die Qualität grundsätzlich ausreicht – egal, ob das Mittel dann gekauft wird oder nicht.

Weiter auf die Zulassung warten auch die Vakzine von Curevac und Novavax, von ihnen wurden 5 Millionen beziehungs­weise 6 Millionen Dosen bestellt.

Welche Neben­wirkungen sind bisher bei den Impfungen in der Schweiz aufgetaucht? Insgesamt sind 597 Verdachtsmeldungen aufgetaucht. Die meisten Neben­wirkungen sind leichte oder mittlere. Etwas weniger als ein Drittel werden als schwer­wiegend bezeichnet: Fieber, Erbrechen, Atemnot, Kopfschmerzen.

In 21 der schwerwiegenden Fälle sind die Personen in unter­schiedlichen zeitlichen Abständen zur Impfung gestorben – durch­schnittlich 85 Jahre alt und mit mehrheitlich schweren Vorerkrankungen. Diese Fälle seien besonders geprüft worden, so Swissmedic. Die Todes­ursachen waren nach jetzigem Erkenntnis­stand unabhängig von der Impfung. Zum Vergleich: Allein in den letzten zwei Wochen sind über 100 Menschen in der Schweiz an Corona verstorben.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Marguerite Meyer und Cinzia Venafro

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Es ist wieder einmal Roadtrip Music Thursday. Diesmal geht der Roadtrip den Nil entlang bis in den Sudan – und auf Umwegen nach New York. Denn die Sängerin Alsarah stammt aus Khartum, verbrachte als Jugendliche Zeit im Jemen und landete schliesslich in der US-amerikanischen Millionen­metropole. Der unverkennbare Sound von Alsarah & The Nubatones erinnert daran, dass die Welt – so klein und eng sie manchmal gerade wirken mag – gross und vielseitig ist. Augen schliessen, einmal tief durchatmen und eine Runde mit dem Fuss wippen.

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