Auf lange Sicht

Der Preis der Wende

Nach dem Reaktorunfall in Fukushima beschlossen einige Länder den Atomausstieg – allen voran Deutschland. Wie sieht die Klimabilanz zehn Jahre danach aus?

Von Arian Bastani, 08.03.2021

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Am 11. März 2011 bebte vor der Ostküste Japans die Erde. Wenig später donnerte ein Tsunami mit bis zu 15 Meter hohen Wellen auf das Land zu. Die Wasser­massen trafen das Kernkraft­werk nahe der Stadt Fukushima. Dort fielen Strom­versorgung und Kühlung von drei Reaktoren aus. Es kam zur Kernschmelze und zur schwersten Atomkatastrophe seit Tschernobyl.

Anlässlich des zehnten Jahrestags berichten Medien ausführlich über das Ereignis. Die Rekonstruktion des Unfalls, die Folgen für die Bevölkerung und die Risiken der Atomkraft werden ausführlich diskutiert. Vor allem in Deutschland beschäftigt Fukushima die Öffentlichkeit nach wie vor stark. Der Tenor: Auch zehn Jahre danach laboriert Japan am Nuklear­unglück.

Weniger im Fokus steht ein anderer Aspekt: das Klima.

Zu Unrecht. Denn Fukushima hat auch hier Spuren hinterlassen.

Kohlekraft ersetzt Kernenergie

Nur drei Tage nach dem Unfall verfügte die deutsche Bundesregierung ein Moratorium. Alle 17 Kernkraftwerke wurden auf ihre Sicherheit geprüft. Drei Monate später folgte das Aus. Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett beschlossen einen stufen­weisen Ausstieg: Acht Kraftwerke wurden sofort abgeschaltet, drei weitere gingen in den Folgejahren vom Netz, und Ende 2022 werden die letzten der verbleibenden deutschen Kernkraftwerke den Betrieb einstellen.

Im Eiltempo stellte Deutschland damit seine Energiestrategie auf den Kopf. Kaum ein Jahr zuvor hatte die Regierung noch Laufzeitverlängerungen beschlossen: Bis 2036 sollte die Kernenergie zur Strom­versorgung beitragen. Doch nach Fukushima folgte die Kehrtwende. Weder die Schweiz noch irgendein anderes Land hat derart einschneidend auf den Unfall reagiert.

Die Auswirkungen davon schlugen sich in der Klimabilanz nieder. Bevor der deutsche Strom grüner wurde, wurde er zunächst brauner: Atomstrom wurde durch Importe und durch Strom aus fossilen Kraftwerken ersetzt. Statt der Kernkraft kam über Jahre vermehrt insbesondere Kohle zum Einsatz.

Dies hat die Klima­wende aufgehalten. Die CO2-Intensität des Stroms ist weniger rasch gesunken. Bis heute hinkt Deutschland vielen anderen Ländern in Europa hinterher.

Deutschland erzeugt klimaschädlichen Strom

CO₂-Intensität der Stromproduktion

Deutschland201020193380300600 g pro kWhGrossbritannien201020192280300600 g pro kWhFrankreich20102019520300600 g pro kWhSchweden2010201980300600 g pro kWh

Quelle: EEA

Zu den Ländern mit klima­freundlicherem Strom zählt etwa Schweden, das mit seinem Mix aus Wasser-, Atom- und Windenergie nur gerade 8 Gramm CO2 pro Kilowatt­stunde ausstösst. In einem ähnlichen Bereich bewegt sich die Schweiz. Etwas darüber liegt etwa Frankreich mit rund 50 Gramm CO2. Dort werden rund zwei Drittel des Stromes durch Atomkraft erzeugt. Beide Länder hatten schon vor zehn Jahren praktisch keine fossilen Kraftwerke.

Besonders aufschluss­reich ist aber der Vergleich mit Grossbritannien. Dort war der Strom vor Fukushima mit rund 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunde ähnlich klimaschädlich wie in Deutschland. Doch statt die Kernkraftwerke legten die Briten zunächst die Kohle­kraftwerke still. So schneidet der britische Kraftwerkspark heute deutlich besser ab als jener aus Deutschland.

Klimaschädlicher Strom trotz Energiewende

Über die letzten Jahre hat Deutschland zwar viel in erneuerbare Energien investiert. Vor allem Windkraftwerke wurden gebaut. Doch deren Anteil an der Strom­produktion schwankt. Man erkennt dies auf einer Animation, welche die CO2-Intensität des europäischen Stroms während des Jahres 2020 zeigt. Immer wieder wechselt Deutschland von grün auf rot: Es sind Tage, an denen wenig Wind weht und fossile Kraftwerke (meist Gas) übernehmen müssen.

Dies ist ein Youtube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann Youtube Sie tracken.
Electricity Maps - Year in Review 2020 [Europe]

Ganzjährig grün bleiben nur Länder wie Norwegen, die den geografischen Vorteil haben, den Grossteil ihres Stromes mit Wasserkraft erzeugen zu können, oder solche, die wie Frankreich und Schweden eine Menge Atomstrom erzeugen (die Schweiz wäre demnach ebenfalls grün eingefärbt).

Zusätzlicher Kohlestrom, zusätzliche Emissionen

Man könnte sagen: Okay – das ist halt der Preis, der für den Ausstieg aus der Kernenergie gezahlt wird. Doch die wenigsten sind sich bewusst, wie hoch dieser Preis eigentlich ist. Gerade aus Schweizer Sicht ist das interessant.

Denn auch die Schweiz nutzt Strom aus Deutschland. Er ist wesentlich klimaschädlicher als der hiesige. Und durch den steigenden Strombedarf könnte die Schweiz künftig vermehrt auf Winterimporte angewiesen sein.

Wie viel Schaden hätte Deutschland also vermeiden können, wenn es statt der Kernkraft­werke zunächst seine Kohlekraftwerke abgeschaltet hätte?

Die Antwort darauf gibt das folgende Diagramm. Es zeigt einerseits, wie viel Kohlestrom in Deutschland tatsächlich produziert wurde. Und stellt ein Szenario gegenüber, bei dem die Kernkraft­werke beibehalten wurden.

Mehr klimaschädliche Elektrizität als nötig

Kohlestromproduktion in Deutschland

Tatsächliche Produktion
Kohle- statt Atomausstieg
2010201520200100200300 Terawattstunden

Kohle- statt Atomausstieg = hypothetisches Szenario mit gleicher Menge an Kernenergie wie 2010 zulasten von Kohle. Quelle: eigene Berechnung, basierend auf BP Statistical Review of World Energy & Ember.

Die Bilanz ist eindrücklich:

  • Hätte Deutschland seine Atomkraftwerke nicht abgeschaltet, so wären 2020 gemäss diesem Szenario nur 58 statt 134 Terawattstunden Kohlestrom erzeugt worden. Also fast 60 Prozent weniger als tatsächlich produziert wurde.

Auf vergleichbare Zahlen kamen 2019 auch wissenschaftliche Studien, etwa durch das National Bureau of Economic Research in Cambridge, Massachusetts oder durch die Columbia University in New York. Letztere beleuchtet auch die Zukunft: Was wäre, wenn die deutschen Kernkraftwerke bis 2035 weiter Strom produzieren würden – und zwar im selben Umfang, wie sie es 2017 taten? Die Autoren kommen in diesem Szenario auf Minderemissionen von insgesamt 1100 Millionen Tonnen CO2.

Das ist mehr CO2, als die Schweiz insgesamt noch ausstossen wird, gegeben dass sie ihre Emissionen bis 2050 wie versprochen auf null senkt. Und es entspricht ungefähr der Menge, welche die Schweiz ausstossen würde, wenn sie bis Mitte des Jahrhunderts überhaupt nichts fürs Klima unternähme.

Viel zusätzliches CO2

Kumulierte Emissionen, in Millionen Tonnen CO₂

Eingesparte CO₂-Emissionen Deutschland 2018 bis 2035 durch Atomausstieg1100 Inland-CO₂-Budget Schweiz 2018 bis 2050 für netto null 2050715

Annahme zur Schweiz: Lineare Absenkung bis 2050. Quellen: Kharecha und Sato (2019) und BAFU

Mit anderen Worten: Eine anders getaktete Energiewende (zuerst die Kohlekraftwerke ausschalten, danach die Atomkraftwerke) würde Deutschland einen grösseren Hebel für den Klimaschutz verschaffen, als ihn die Schweiz selbst bei grösstmöglichen Anstrengungen jemals haben wird.

Die Tatsache, dass die Energiewende in den letzten zwei Jahren an Fahrt aufgenommen hat, könnte bedeuten, dass die Schätzwerte aus den Studien noch etwas nach unten korrigiert werden müssen. Doch am Prinzip ändert dies wenig: Der Atomausstieg verursacht bedeutsame Mehremissionen.

Auch die Gesundheit ist betroffen

Kohlestrom schadet überdies nicht nur dem Klima, sondern auch der Gesundheit. Bei der Verbrennung von Kohle wird nicht nur Kohlendioxid ausgestossen, sondern auch Schwefeldioxid, Stickoxide und Feinstaub, die etwa Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen können. Diese Gesundheitsschäden führen dazu, dass Menschen früher sterben.

Wie viele Menschen? Auch dazu finden sich verschiedene Schätzungen. Gemäss der Studie der Columbia University wurden durch den deutschen Atomausstieg von 2011 bis 2017 rund 4600 zusätzliche frühzeitige Todesfälle verursacht. Von 2018 bis 2035 könnten weitere 16’000 dazukommen.

Kohle ist tödlich

Zusätzliche Todesopfer durch den Atomausstieg

Kharecha & Sato
NBER
Unsicherheitsbereich
2011 bis 20170 5000 10’000 15’000 20’000 2018 bis 20350 5000 10’000 15’000 20’000

Quellen: NBER (2019) und Kharecha & Sato (2019). Erstere geben keinen Unsicherheitsbereich an.

Auf einen ähnlichen Wert für 2011 bis 2017 kommt das National Bureau of Economic Research. Weiter schätzt diese Studie die externen Kosten des Atomausstiegs (für Klima und Gesundheit) auf rund 12 Milliarden Dollar pro Jahr. Dem gegenüber stellt sie Einsparungen von rund 0,2 Milliarden Dollar durch das verminderte Risiko von Kernschmelzen und die Kosten für die Lagerung von Atommüll. Einer der Autoren resümiert: «Die Menschen überschätzen das Risiko und die Schäden durch einen Atomunfall.»

Fazit

Der Reaktorunfall in Fukushima hat grossen Schaden angerichtet. Mehr als 100’000 Menschen mussten das Gebiet temporär oder dauerhaft verlassen. Umfangreiche Dekontaminierungs- und Aufräumarbeiten waren nötig. Die Kosten waren immens. Dies soll hier auf keinen Fall kleingeredet werden.

Doch es bedarf einer Diskussion, ob Länder wie Deutschland die richtigen Lehren aus der Katastrophe gezogen haben. Auch die Kohlekraft vernichtet Landschaften und zwingt Menschen zur Umsiedelung. Und dies, ohne dass überhaupt ein Unfall passiert – die Schäden werden einfach einkalkuliert.

Während der Corona-Pandemie hat sich deutlich gezeigt: Wo auf der Basis von Zahlen und Fakten entschieden wird, lebt es sich besser. Debatten um die Kernenergie werden dagegen oft emotional und anhand von Vorurteilen geführt. Doch dafür sollte in der Entscheidungsfindung kein Platz sein.

Trotz aller Betroffenheit für die Menschen in und um Fukushima.

In einer früheren Version haben wir im Zusammenhang mit den Kosten für die Lagerung von Atommüll über Einsparungen von rund 2 Milliarden Dollar geschrieben. Tatsächlich sind es 0,2 Milliarden Dollar. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

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