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Deplorabel vulnerabel

03.03.2021

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Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Covid-19 beschäftigt die ganze Welt. Einige Länder mehr, andere weniger. Wie hart man von der Pandemie getroffen wird, hängt aber nicht nur davon ab, in welchem Land man lebt, sondern auch davon, welcher demografischen Gruppe man innerhalb dieses Landes angehört.

Republik-Journalistin Anja Conzett hat sich die Fakten genauer angeschaut:

Erhebungen in den USA und Gross­britannien haben gezeigt, dass People of Color sehr viel stärker unter dem Virus und seinen direkten und indirekten Folgen leiden. So haben Schwarze in den USA eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit als Weisse, an einer Covid-Infektion zu sterben. In Gross­britannien ist die Wahr­scheinlichkeit zweieinhalb­mal höher.

Frauen sterben zwar weniger häufig an Covid-19 als Männer, doch leiden sie grund­sätzlich härter unter den psychologischen und ökonomischen Folgen der Pandemie, wie eine Studie der Unternehmens­­beratungsfirma McKinsey feststellte.

Und am härtesten leiden Frauen, die einer minorisierten Gruppe angehören.

Die überproportionale Betroffenheit hat verschiedene Gründe. So wurde in den USA festgestellt, dass handels­übliche Sauerstoff­messgeräte bei schwarzen Patienten dreimal häufiger fehlerhafte Resultate liefern. Auch die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht spielt eine erhebliche Rolle – minorisierte Bevölkerungs­gruppen sind oft auf schlechter bezahlte Berufe angewiesen, die oft ein höheres Ansteckungs­risiko mit sich bringen –, und das bei tiefer Jobsicherheit.

«Was amerikanische und britische Studien festgestellt haben, ist, dass dort vor allem drei Faktoren darüber entscheiden, wie vulnerabel man innerhalb der Pandemie ist: race, class und gender», sagt Denise Efionayi-Mäder, Vize­direktorin am Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungs­studien der Universität Neuenburg.

Doch wie sieht es in der Schweiz aus?

Hier gibt es bislang keine vergleichbaren Studien. Daten zu Faktoren wie race oder Ethnie werden vom Bundesamt für Statistik grundsätzlich nicht erhoben – auch ausserhalb der Pandemie nicht. «Man scheut sich, diese Daten zu erheben, weil ein missbräuchlicher, rassistischer Umgang damit befürchtet wird», sagt Efionayi-Mäder.

Sie beurteilt dieses Vorgehen kritisch: «Grundsätzlich gilt: Je genauer wir darüber Bescheid wissen, wer in der Pandemie besonders vulnerabel ist, desto effizienter können Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung getroffen und kommuniziert werden.» Allerdings lasse sich die Dimension des Problems race und Covid-19 nicht eins zu eins aus den USA oder Gross­britannien auf die Schweiz übertragen, da die Demografie historisch anders gewachsen sei. Die Bevölkerungs­gruppe, auf die die Schweiz ein besonderes Augen­merk richten müsse: «Migrantinnen und Menschen mit Migrations­hintergrund, die einer tieferen sozialen Schicht angehören – also nicht der deutsche Manager oder die französische Professorin.»

Immerhin – zurzeit läuft eine Studie, die in diese Richtung zielt: Im August 2020 hat das Bundesamt für Gesundheit eine Umfrage zur Gesundheits­kompetenz der Migrations­bevölkerung in Auftrag gegeben. Dabei wird untersucht, ob die Befragten Informationen zur Pandemie finden, verstehen und Massnahmen umsetzen können.

Efionayi-Mäder ist eine der Forscherinnen, die an der Studie beteiligt sind. Sie steht dem Begriff «Gesundheits­kompetenz» ambivalent gegenüber. «Es ist ein sinnvoller Anfang», sagt sie, «aber gewisse wichtige Faktoren wie Stress durch Arbeits­platz­unsicherheit werden ausgeklammert.» Weiter berge die Frage nach der Gesundheits­kompetenz die Gefahr, dass Probleme individualisiert würden. «Es ist aber enorm wichtig, dass wir auch strukturelle Faktoren untersuchen, die gesundheitliche Ungleichheit verstärken.»

Einer dieser strukturellen Faktoren laut Efionayi-Mäder: «Wir haben festgestellt, dass viele Migrantinnen, die keinen gefestigten Aufenthalts­status geniessen, keine Sozial­hilfe beziehen, obwohl sie Anspruch darauf hätten, weil sie aufgrund des revidierten Ausländer­gesetzes fürchten müssen, dass sie ihre Bewilligung verlieren, zurück­gestuft werden oder nicht aufsteigen können.»

Die Studie soll in den nächsten Monaten veröffentlicht werden.

Und damit zur heutigen Lage.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Nationalrat fordert sofortige Öffnungen. Mit 97 zu 90 Stimmen will die grosse Parlaments­kammer den Bundesrat dazu bewegen, die Corona-Massnahmen viel schneller als geplant zu lockern. So sollen Beizen schon ab dem 22. März draussen bewirten dürfen, und die 5-Personen-Regel soll fallen. Die Erklärung aus dem bürgerlichen Lager ist aber nicht bindend. Am kommenden Montag debattiert der Rat dann darüber, einen Öffnungs­zwang ins Covid-19-Gesetz zu schreiben.

Graubünden lockert die strengen Kontakt­beschränkungen für Hochbetagte. Unterdessen seien mehr als 80 Prozent aller Bewohnerinnen der Alters- und Pflegeheime zweimal geimpft und damit immun, teilt der Kanton mit. 15 Tage nach der zweiten Spritze müssen sie darum nun keine Masken mehr tragen – und es ist dann für sie auch deutlich einfacher, Freundinnen und Angehörige bei sich zu empfangen.

Die Sorge vor Mutationen aus New York und Kalifornien wächst. Im November war eine Virus­mutation aus Kalifornien erstmals sequenziert worden, nun bereiten diese und weitere Virus­varianten aus New York Wissenschaftlern Sorge. Die bisher entwickelten Impfstoffe könnten möglicher­weise weniger stark wirken. Bisher gibt es aber noch keine gesicherten Erkenntnisse. «Es sind nicht wirklich fröhliche Nachrichten», sagte der Immunologe Michel Nussenzweig von der Rockefeller University der «New York Times».

Unicef warnt vor «katastrophaler Bildungskrise». Das Kinder­hilfswerk sagt, seit fast einem Jahr seien mehr als 168 Millionen Schul­kinder vom Unterricht ausgeschlossen. 214 Millionen Kinder hätten mehr als drei Viertel des Stoffes verpasst. Laut dem Bericht von Unicef waren zwischen März 2020 und Februar 2021 weltweit 14 Länder grösstenteils in harten Lockdowns. Zwei Drittel dieser Länder gehören zu Latein­amerika und der Karibik, hier konnten rund 98 Millionen Kinder den Unterricht nicht besuchen.

Und zum Schluss ein Blick in den Süden, wo die Australier über ihre eigenen Migrations­gesetze stolpern

Down Under ist dicht. Australien hat seine Grenzen seit bald einem Jahr für den inter­nationalen Reise­verkehr geschlossen. In der Konsequenz müssen aber nicht nur europäische Austausch­studenten und amerikanische Surferinnen draussen bleiben, sondern auch die Saison­arbeiter – und damit 80 Prozent der Arbeits­kräfte, die sich in Australien Jahr für Jahr um die Ernte kümmern. Schätzungen gehen davon aus, dass die Bäuerinnen dadurch mehr als 38 Millionen australische Dollar an Einnahmen verloren haben (rund 27 Millionen Franken). Aufgrund der restriktiven Migrations­gesetze bekommen Saison­arbeiter in Australien ihre Visa nur für kurze Zeit und erhalten keine länger­fristigen Aufenthalts­bewilligungen. Jetzt sind sie alle weg. Und die Erdbeeren, Äpfel und Salate verrotten ungepflückt auf den Feldern.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Elia Blülle, Anja Conzett und Cinzia Venafro

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: In Deutschland geht das neue Printheft «Pieks» an den Start. Sein alleiniges Thema – Sie ahnen es – ist das Impfen. Wir wünschen den Kolleginnen viel Erfolg – und empfehlen Ihnen, liebe Leserinnen, diese Aufstellung der «Süddeutschen» zu den schönsten Nischen­magazinen: mit Zielpublikum Weihnachts­baum­händler bis Hundehasser.

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