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Wir sollten Einsame nicht alleinlassen

02.03.2021

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Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Neben all den neuen Wörtern, die wir im vergangenen Jahr neu gelernt haben, von «Aerosol» bis «Zoonose» (und von Astra bis Zeneca), haben während der Pandemie auch die Metaphern Karriere gemacht: Die Corona-Krise, so hörte man allerorten, wirke wie ein «Brennglas» für gesellschaftliche Missstände. Oder sie fungiere als «Spiegel der Gesellschaft».

Doch auch wenn die Wiederholung dieser Sprachbilder ähnlich monoton ist wie das Dauer­gesprächs­thema Corona: Es stimmt ja, die Pandemie hat Probleme, die schon vorher da waren, noch einmal verschärft. Oder positiver ausgedrückt: Sie hat sie sichtbarer gemacht. Manchmal haben viele dadurch auch alte Wörter in ihrer Bedeutung erst richtig wahrzunehmen gelernt. Eines davon lautet: Einsamkeit.

Diana Kinnert, junge Unternehmerin und fast schon ihr halbes Leben lang politisch bei den deutschen Christ­demokraten engagiert, hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema befasst. Als Politikerin. Aber auch als Betroffene. Denn die Vorstellung, dass eine bestens vernetzte, in unzählige Projekte eingebundene Person wie sie gegen Einsamkeit gefeit sei, ist ebenso ein Irrtum wie die Annahme, unter Einsamkeit litten überwiegend ältere Menschen.

Während der Pandemie ist das Bewusstsein dafür gestiegen, welch massives Problem Einsamkeit ist – und zwar über alle Generationen hinweg. Was sich ausserdem verändert habe, erzählt Kinnert im Gespräch mit der Republik, sei die Sensibilität für das Thema. «Wollte man vorher Politiker dafür sensibilisieren, hat sich keiner interessiert.»

Ausser in Grossbritannien. Dort hatte Kinnert, ursprünglich auf Initiative der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die Politik beraten, bevor die britische Regierung 2018 ein «Ministerium für Einsamkeit» schuf.

Nun hat Diana Kinnert, zusammen mit Marc Bielefeld, ein umfangreiches Buch zum Thema Einsamkeit geschrieben, das heute erschienen ist. Darin finden sich Wörter wie «Multioptions­attitüde», «Konditional­herrschaft» oder «Absentierungs­obsession». Und daneben solche wie «Fuckboys» und «alternativgeil». Es ist ein eigenwilliger Sound, in dem Kinnert ihre These vom «Zeitalter der Einsamkeit» erläutert und in weiten kultur­historischen Bögen untermauert.

Im Interview mit der Republik hingegen schlägt sie einen etwas anderen Ton an: zugleich weniger technisch und weniger salopp. Sondern persönlicher. Direkter. Aber mit einer ebenso ungewöhnlichen Mischung aus Wert­konservatismus und Kapitalismus­kritik.

Eine der Hauptursachen für die grassierende Einsamkeit liegt für Kinnert in der heutigen Arbeitswelt mit ihrem Zwang zu Flexibilität, fehlender Kontinuität und hohem Anpassungs­druck. Soziale Anerkennung sei längst zu einem ökonomischen Faktor geworden. Wir haben, sagt Kinnert, das Zwischen­menschliche zu Konsum­gütern degradiert. Und «diese ökonomische Durchdringung sorgt dafür, dass wir unfähig sind zur Intimität».

«Wir sind in unserer Gesellschaft durchdrungen von Attraktion, Attraktivität, Begehrlichkeit, auch von Anti-Aging. Mit Jungsein und Vitalität assoziieren wir Leben und Gewinnersein. Das, was Einsamkeit assoziiert, ist genau das Gegenteil: Ich bin es nicht wert, dass Menschen mit mir befreundet sind, ich bin hässlich, ich bin dumm, ich bin sozial inkompatibel, keiner will was von mir.» Deshalb, so Kinnert weiter, sei Einsamkeit «eines der schamvollsten Themen überhaupt». Weil es in der Mitte der Gesellschaft «mit sozialem Versagertum» gleichgesetzt werde.

Was also tun? Wie der Einsamkeit entgegenwirken?

Hier geht es zum Interview, das Feuilleton-Redaktor Daniel Graf mit Diana Kinnert geführt hat.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Ist eine Schülerin infiziert, muss die Klasse nicht mehr immer in Quarantäne. Regelmässige Massentests werden in der Schweiz immer normaler. Fällt ein Test bei einem Kind positiv aus, müssen es und seine Familie weiterhin in Isolation bzw. Quarantäne – aber die anderen Schüler neu nicht mehr, wie Rudolf Hauri als Präsident der Schweizer Kantonsärztinnen und Kantonsärzte heute in Bern ausführte. Das Bundesamt für Gesundheit hat keine Einwände gegen die neue Praxis. Und es prüft diese Lockerung jetzt auch für Unternehmen, die ihre Angestellten regelmässig testen.

Neue Zahlen dazu, wer in der Schweiz Antikörper im Blut hat. Mit der gemeinsamen Studie «Corona Immunitas» verfolgen Hochschulen und Gesundheits­organisationen den Verlauf der Pandemie. Ein Vertreter des Forschungs­projekts stellte heute in Bern die neusten Erkenntnisse daraus vor. Demnach hat sich der Anteil der Menschen mit Antikörpern gegen das Virus seit Beginn der zweiten Welle in den meisten Kantonen ungefähr verdoppelt. Am höchsten liegt er rund um den Genfersee, wo nun etwa jede fünfte Person entweder infiziert wurde oder nach der Impfung Antikörper gebildet hat. Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit sagte, dass in den Altersheimen nun praktisch alle Bewohnerinnen geimpft seien.

Deutschland wird vor Ostern wahrscheinlich nur wenig lockern. Morgen Mittwoch beraten die Kanzlerin und die Vorsteher der Bundesländer über die nächsten Schritte. Vorab sickerte ein Entwurf der zu diskutierenden Massnahmen an mehrere Medien durch. Die meisten Einschränkungen sollen demnach bis Ende März verlängert werden. Es dürften sich aber ab kommender Woche wieder fünf Menschen aus zwei Haushalten treffen – und Buchhandlungen, Blumen­geschäfte und Gartenmärkte dürften überall öffnen.

Hinweise verdichten sich, dass die Mutation P.1 für die enorme Infektions­welle in der brasilianischen Stadt Manaus verantwortlich ist. Eine (noch nicht peer-reviewte) Studie kommt zum Schluss, dass das mutierte Virus sowohl ansteckender als auch besser darin ist, Antikörper zu umgehen. In der Millionen­stadt ist es im Dezember zu einer grossen Infektions­welle gekommen – obwohl Blutstudien zuvor nahegelegt hatten, dass etwa drei Viertel aller Bewohner die Infektion schon durchgemacht hatten.

Und zum Schluss: Wenn der Covid-Test vier Beine hat

Wer schon einmal auf Covid-19 getestet wurde, weiss: Es gibt Angenehmeres, als sich ein Kunststoff­stäbchen in die Nase schieben zu lassen, bis es gefühlt an die hintere Schädeldecke drückt. Deutlich angenehmer wäre es doch, sich kurz von einem freundlichen Hund beschnuppern zu lassen, der dann signalisieren würde, ob man das Virus in sich trägt oder nicht.

Tatsächlich ist das bereits möglich. So hat eine deutsche Tierklinik Hunde ausgebildet, die Covid-19 erschnüffeln können. Das Gute daran ist aber nicht nur, dass so ein flauschiger Vierbeiner viel sympathischer ist als ein Nasen-Rachen-Abstrich. Er ist auch noch ausgesprochen präzis: Die deutschen Spürhunde fanden in Tests mit mehr als 1000 Proben die infizierten Personen mit einer 94-prozentigen Genauigkeit, selbst dann, wenn diese keine Symptome hatten. Dazu sind solche Tests mit Hunden natürlich auch noch viel günstiger als Labor­tests – und das Resultat ist sofort da. Kein Wunder, werden Spürhunde, die auf das Virus trainiert sind, bereits an einigen Flughäfen eingesetzt, beispielsweise in Helsinki, Santiago und Dubai, sowie in Südtirol an Schulen und in Altersheimen.

Und vielleicht auch bald in der Schweiz. So hat das Universitäts­spital Genf gemeinsam mit der Schweizer Armee und dem Sicherheits­dienst der Uno ein entsprechendes Projekt lanciert.

Aber wie erkennen die Hunde das Corona­virus überhaupt – zumal dieses keinen Eigengeruch hat? Sie erschnüffeln die von Covid-19 befallenen menschlichen Zellen, welche bei einer Virusinfektion ihren Geruch verändern. Dabei sollen Hunde eine Infektion sogar bereits kurz nach der Ansteckung erkennen, wenn die geringe Virenlast bei einem herkömmlichen Test mit Nasen-Rachen-Abstrich noch kein positives Resultat ergeben würde.

Für diejenigen, die sich jetzt schon darauf gefreut haben, bei ihrem nächsten Covid-Test einem Hund um den Hals zu fallen, gibt es aber eine schlechte Nachricht. Da der direkte Kontakt die Tiere ablenken und auch viele Menschen – vor allem Allergiker – irritieren würde, erschnüffeln die Hunde Covid-19 in der Regel nicht direkt am Menschen, sondern via ein feuchtes Tuch, das die zu testende Person sich über den Arm gestrichen hat. Trotzdem: Sympathischer als ein Stäbchen im Rachen ist das allemal.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Oliver Fuchs, Daniel Graf und Bettina Hamilton-Irvine

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Update zum Schweizer Ghost Festival, über das wir im Januar berichtet hatten. Bei der Solidaritätsaktion für Schweizer Musikschaffende sind unterdessen gemäss den Veranstaltern 1,2 Millionen Franken zusammengekommen.

PPPPS: Nachdem wir Ihnen heute eine angenehmere Alternative zum Rachentest vorgestellt haben, haben wir jetzt endlich einen seriösen Anlass, Ihnen unsere bisherige Lieblings­schlagzeile 2021 zu präsentieren: «China bestreitet, US-Diplomaten einem Covid-19-Analabstrich unterzogen zu haben».

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