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Der zweite Frühling

24.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Manchmal wohnt dem Zufall eine schräge Poesie inne: Vor genau einem Jahr wurde der erste Covid-19-Fall in der Schweiz (zumindest in der amtlichen Statistik) verzeichnet. Und heute beschliesst der Bundesrat die ersten Öffnungs­schritte dieses zweiten Corona-Frühlings. Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber manchmal reimt sie sich.

Vor einer Woche hat der Bundesrat seine Vorschläge präsentiert – und in der Zwischen­zeit mit den Kantonen darüber beraten. Heute Nachmittag hat die Landesregierung die ersten Öffnungsschritte bekannt gegeben. Und den Fahrplan für danach.

Dabei hat sich der Bundesrat darauf geeinigt, dass vorerst nur dort geöffnet werden kann, wo das Risiko klein ist. Sprich: wo Maske und Abstand möglich sind, wo sich nur wenige Menschen aufhalten und bei den Tätigkeiten, die draussen stattfinden können. «Risiko­basierte Entscheidungen» nennt er das. Bundes­präsident Guy Parmelin betonte gleich zu Beginn der Medien­konferenz in Bern: «Die Situation ist weiterhin fragil.»

«Das Ziel ist, so schnell wie möglich zu öffnen – ohne die Kontrolle über die Situation zu verlieren», schob Gesundheits­minister Alain Berset nach. «Wir haben schon einmal erlebt, was es bedeutet, wenn wir die Kontrolle verlieren – im November, Dezember.» Diese Aussage darf durchaus als Schritt in Richtung transparentere Fehler­kultur interpretiert werden. Auch ein Bekenntnis zu grundsätzlich wissenschafts­basierten Entscheiden wurde abgegeben: Es sei beeindruckend, dass die Vorwarnungen der wissenschaftlichen Taskforce eingetreten seien, so Berset. Diese habe Anfang Januar vorausgesagt, dass bei den absoluten Zahlen jetzt der Effekt der Mutationen sichtbar würde. (Und tatsächlich: Blicken wir auf den Anteil der Mutationen an allen Ansteckungen, so steigt dieser. Die gemeldeten Neu­ansteckungen sinken nicht mehr wirklich – und im benachbarten Ausland steigen die Werte teilweise gar wieder.)

Im Allgemeinen scheint der Bundesrat als Gremium mehr oder minder geeint – auch gegenüber den Forderungen verschiedener Interessen­gruppen und der knappen Mehrheit der Kantone, die (erfolglos) die Öffnung der Restaurant­terrassen verlangt hatte. Ebenso perlten heute Mittwoch die jüngsten Diktatur-Vergleiche vonseiten der SVP am Bundesrat ab. Die Partei hatte ihren eigenen Bundesrat Parmelin als «halben Bundesrat» bezeichnet (wie gesagt, manchmal reimt sich die Geschichte). Dieser betonte heute kaum zufällig: «Obwohl viele Menschen heute diese Pandemie gerne vergessen würden, liegt es in der Verantwortung der Regierung gemäss Verfassung und Gesetz, mit dieser Situation umzugehen.»

Also, was gilt nun ab 1. März?

  • Es öffnen: Läden (mit einer Beschränkung der Kunden­anzahl), Museen, Lesesäle von Bibliotheken und Archiven. Auch die Aussen­bereiche von Zoos, botanischen Gärten und Freizeit­anlagen öffnen. Dies aber mit Maske, Abstand und begrenzter Kapazität.

  • Sportanlagen im Freien sind wieder zugänglich – mit Maske oder Abstand sowie begrenzter Kapazität.

  • Wettkämpfe im Erwachsenen-Breitensport bleiben verboten, Veranstaltungen auch.

  • Bei privaten Treffen draussen sind neu bis zu 15 Personen erlaubt. Drinnen gilt weiterhin die 5-Personen-Regel.

  • Für Kinder und Jugendliche bis 20 Jahre (das heisst ab Jahrgang 2001) sind Wettkämpfe in allen Sportarten, Konzerte ohne Publikum und das Singen in Chören erlaubt. Auch können Jugend­treffs und andere Angebote der offenen Kinder- und Jugend­arbeit wieder besucht werden.

Wie geht es weiter?

Geht es nach der Landes­regierung, öffnet die Schweiz etappen­weise am 22. März mehr. Aber nur, wenn einige Bedingungen erfüllt sind: Die Positivitäts­rate muss unter 5 Prozent bleiben, die belegten Intensiv­betten müssen unter 250 bleiben, der durchschnittliche R-Wert über 7 Tage muss unter 1 liegen – und am 17. März soll die 14-Tage-Inzidenz (also der Anteil an Infizierten pro 100’000 Menschen über 14 Tage) nicht höher sein als am 1. März. Ob noch was dazukommt und wie es danach wieder konkret weiter­gehen soll, will der Bundesrat am 19. März entscheiden.

Es fühlt sich seltsam an, nicht wahr? Nun sitzen wir fast ein Jahr später immer noch da, inmitten einer globalen Pandemie. Gesundheits­minister Berset meinte denn auch: «Ich hätte nie gedacht, dass das so lange dauert.» Und dann: Es werde dauern, aber: On va vers le mieux – wir gehen in Richtung Besserung. (Auf Französisch klingt das aber viel schöner, wie eigentlich ja fast alles.)

On verra. Wir werden sehen.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Es kommen mehr Einreise­länder auf die Schweizer Quarantäne­liste. Ab 8. März stehen unter anderem Luxemburg, Chile, Peru sowie einige weitere Staaten auf der Liste. Auch werden Gebiete und Regionen in den Nachbar­ländern Italien, Frankreich und Österreich hinzugefügt. (Was für Einreise­bestimmungen gelten für welche Grenz­überschreitungen? Das haben wir bereits einmal hier aufgelistet.)

Der Kanton Aargau reicht Strafanzeige gegen Corona-Trick­betrüger ein. In den vergangenen Tagen hätten mehrere Personen Anrufe von Unbekannten erhalten, die Spenden verlangten, so das Departement für Gesundheit und Soziales. Die Anrufe stammten aus Callcentern, und es würden Personen angerufen, die bereits geimpft wurden. Die Anrufer hätten sich beispiels­weise als Spitex-Mitarbeitende ausgegeben, die Geld für die Impfung von jüngeren Personen sammeln würden. Der Kanton geht von einem Missbrauch von Impfdaten aus. Bei Verdachts­fällen sollte die Kantons­polizei Aargau informiert werden, so der Kanton.

Das Covax-Impfprogramm hat die ersten Impfstoff­dosen nach Ghana geliefert. Das Programm der internationalen Impfallianz Gavi will in der weltweiten Verteilung der Impfstoffe verhindern, dass reiche Länder die Vakzine aufkaufen und horten – und deshalb ärmere Länder nicht impfen können. In der ghanaischen Hauptstadt Accra landete heute Mittwoch ein Flugzeug mit 600’000 Dosen von Astra Zeneca. Sie sollen zuerst beim Gesundheits­personal verimpft werden. Als nächstes Land soll die Côte d’Ivoire Impfstoffe erhalten.

Und zum Schluss: Was für ein Theater!

Wenn die Bühnen verwaist und die Tore dicht sind – was geht dann noch im Theater? Nun: der Hefeteig.

Zumindest im Zürcher Theater Neumarkt. Dort hat man derzeit eine Backstube eingerichtet, wo sonst die Billetts verkauft werden. Und auf dem Spielplan, den man bequem vom heimischen Sofa aus verfolgen kann, steht «İlknurs Leckerei». Hinter dem Filmprojekt mit dem rätselhaften Namen verbirgt sich eine persönliche Geschichte um allerhand Selbst­gebackenes, eine lebenslange Liebe zur Hefe und um Feminismus. Klingt nach einem wilden Zutatenmix? Bis Freitag kann man noch in die Backstube schauen.

Wie dem Neumarkt ergeht es gerade allen Bühnen: Während die Museen nächste Woche wieder öffnen dürfen, müssen die Schau­spielerinnen noch länger auf das tägliche Brot namens Applaus (und Entlöhnung) verzichten. Da bleibt nicht viel anderes, als ein wenig zynisch die Sprich­wörter zu bemühen: dass Not erfinderisch macht. Und man das Improvisieren ja gelernt hat.

Auch das Theater Basel hat vor wenigen Tagen sein Online-Programm aufgeschaltet, mit Dokus, Rap und alten Premieren auf Video. Konzert Theater Bern bietet online Konzert­mitschnitte, Podcasts und eine virtuelle Haus­führung. Im Lausanner Théâtre de Vidy gibt es gar ein Phantom-Spektakel für eine Person (Sie?). Auf Vermittlung des sogar-Theaters kann man sich Geschichten am Telefon vorlesen lassen, das Zürcher Schau­spielhaus lädt zu «Tender Talks» live auf Zoom. Livestreams und Video-on-Demand gibt es auch im (virtuellen) Zürcher Opernhaus. Und die Genfer Produktion von Milo Raus Mozart-Oper «La clemenza di Tito», die kürzlich ohne Publikum Premiere feierte, lässt sich hier hören und sehen.

Immerhin: Nichts davon erfordert eine Anreise. Sich vor dem Bildschirm in Schale zu werfen, ist natürlich trotzdem erlaubt. (Wie auch das Gläschen Prosecco in der – meist selbst gewählten – Pause.)

Vielleicht schauen Sie einfach mal wieder auf den Seiten Ihrer Lieblings­häuser vorbei? Und womöglich gehen da bald auch wieder die Tore und der Vorhang auf. Nicht bloss der Teig.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Daniel Graf und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Sprache verändert sich – und zwar schnell. Oder hatten Sie vor einem Jahr Ausdrücke wie Balkon­klatscher, Hotspot oder Ampel­system in Ihrem aktiven, alltäglichen Wortschatz? Wir auch nicht. Das Leibniz-Institut für deutsche Sprache in Mannheim ist eine renommierte Institution, welche die deutsche Sprache dokumentiert und erforscht. Und es hat eine (lange!) Liste von coronabedingten Wörtern zusammengestellt – wir haben auch gestaunt!

PPPPS: Die Autorin dieses Newsletters ist ja ein bekennender Roadtrip-Fan und hat kürzlich ihre aktuelle Lieblings­musik mit Ihnen geteilt. Nun schreibt uns eine Newsletter-Leserin (gar von ausserhalb der Schweiz!): «Sie hatten kürzlich tolle Links mit uns geteilt. Ich habe diese danach selbst mit Freunden geteilt – und habe dann diesen Link zurückgemailt bekommen. Den ich nun gerne mit Ihnen teile – denn in diesen Zeiten, am heimischen Schreib­tisch festgezurrt, tut das einfach gut.» Finden wir auch. Vielleicht machen wir ja doch noch eine kleine Tradition aus dem Roadtrip-Wochentipp, wer weiss?

PPPPPS: In diesem Sinne: Voilà.

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