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Augen auf den Tomaten

22.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Nicht dass es unsere Absicht wäre, Sie heute Abend in schlechte Laune zu versetzen. Aber angesichts der End-of-Shutdown-Aussichten erlauben wir uns, den Schein­werfer heute auf eine Ungeheuerlichkeit zu richten.

Kennen Sie den Spruch «Gewinne privat, Verluste dem Staat»? Es ist die etwas zynische Verdichtung einer grossen Kapitalismus-Misere: Läuft die Wirtschaft und schreiben die Unternehmen Gewinne, kassieren die Aktionäre – oft vermögende Privat­personen. Geraten die Firmen aber ins Schlingern, kommt die Gesellschaft mit Steuer­geldern für die Kosten auf, etwa bei Massenentlassungen.

Das führt uns zur Dividende. Sie ist die bekannteste Form der Gewinn­beteiligung, eine finanzielle Wertschätzung, mit der sich die Firma bei den Aktionären für das Vertrauen bedankt. Eigentlich ein Schönwetter­produkt. Letztes Jahr, im ersten Shutdown, wurde die Dividende kontrovers diskutiert, weil viele Firmen ihre Angestellten in die Kurzarbeit schickten und gleichzeitig Gewinn­beteiligungen an die Aktionäre ausschütteten. Eben: Gewinne privat, Verluste dem Staat.

Damals war das meistgenannte Argument aus Unternehmens­sicht: Die Dividende bezieht sich auf das letzte Geschäftsjahr, als es noch kein Corona gab.

Dieses Jahr werden jetzt also konsequenter­weise jene Unternehmen, die Kurzarbeit beantragten – und das sind einige –, auf die Gewinn­ausschüttung verzichten, oder? Die Realität sieht anders aus.

«In diesem Frühling ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Dividenden­summe in der Schweiz steigen wird», schrieb die «Finanz und Wirtschaft» kürzlich. In ihrer Gesamtheit zahlen demnach alle Schweizer Unternehmen, die an der Börse sind und ihre Aktionäre mit einer Dividende belohnen, dieses Jahr sogar mehr aus als letztes Jahr.

Wir sprechen also bereits nicht mehr davon, dass überhaupt etwas ausbezahlt wird, sondern darüber, dass es sogar mehr sein wird als letztes Jahr.

Die Berichte-Saison läuft erst an, in den nächsten Wochen werden die börsenkotierten Firmen ihre Zahlen veröffentlichen und dabei auch die beabsichtigte Dividenden­auszahlung bekannt geben. Corona-Ungeschädigte wie Roche, Novartis oder Nestlé werden ihre Gewinn­ausschüttung erhöhen. Die meisten anderen Börsen­firmen werden gleich viel oder etwas weniger Dividende auszahlen.

Zwei besonders dreiste Beispiele gefällig?

  1. Swatch: Der Uhren­konzern schrieb letztes Jahr einen Verlust, schickte zeitweise 12’000 der schweizweit 17’000 Angestellten in die Kurzarbeit, erhielt dafür vom Bund 240 Millionen Franken und will nun trotzdem 181 Millionen Franken an Dividenden auszahlen (43 Millionen davon fliessen auf die Konten der Familie Hayek, die den Konzern führt).

  1. Straumann: Der weltweit grösste Zahnimplantate-Hersteller mit Sitz in Basel beantragte erst Kurzarbeit, baute danach fast jeden zehnten Arbeits­platz ab, verlor über ein Fünftel des Gewinns und zahlt nun trotzdem die gleich hohe Dividende pro Aktie aus wie letztes Jahr (ein Teil der Belegschaft erhielt sogar einen Bonus).

Die fehlende Einsicht der Konzerne scheint ein Schweizer Problem zu sein. In vielen vergleichbaren Ländern sind die Ausschüttungen deutlich tiefer als hier. Weltweit soll es sogar das «schlechteste Dividenden­jahr seit der Finanzkrise» werden, wie die Investment­gesellschaft Janus Henderson prognostiziert.

Doch die Ungerechtigkeit bleibt bei uns ein Randthema. Auch ein Vorschlag von ETH-Ökonom Jan-Egbert Sturm, Gewinne der Krisen­gewinner höher zu besteuern, um die Verlierer der Krise zu unterstützen, ist sogleich wieder verhallt.

Im Moment hält nur die SP aktiv dagegen, wenn auch erfolglos. Der Vorschlag eines Dividenden­verbots für Firmen, die Kurzarbeits­entschädigung beziehen, scheiterte letztes Jahr im Parlament. Eine zeitlich befristete 3-Prozent-Erhöhung der Gewinn­steuer steht noch aus.

Die Co-Präsidentin der Partei, Mattea Meyer, startet nun einen neuen Versuch für ein Dividenden­verbot. Letzte Woche hat sie in der Kommission für Soziales und Gesundheit einen Antrag eingereicht. Sie will das Covid-Gesetz anpassen: Kurzarbeits­entschädigung soll nur erhalten, wer keine Dividenden auszahlt. Für kleine Unter­nehmen soll es Ausnahmen geben.

Die «Selbstbedienungs­mentalität» in der Unternehmens­welt habe sie wütend gemacht, sagt Meyer: «Wer jetzt für sich Gewinne aus dem Geschäftsjahr 2020 ausschüttet und im gleichen Jahr Kurzarbeits­entschädigung für Angestellte erhalten hat, bedient sich an Steuer­geldern», sagt sie. «Das sind von uns allen finanzierte Gewinne für ein paar wenige.»

Und damit zur heutigen Lage:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Kantone sind uneins über den Lockerungs­fahrplan des Bundesrats. Am Mittwoch will die Landes­regierung über den Plan für den März und darüber hinaus entscheiden. Heute hat sich die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren dazu geäussert. In den grossen Zügen unterstützen die Kantone den Plan des Bundesrats. Aber eine knappe Mehrheit möchte, dass Restaurant­gäste schon ab dem 1. März wieder draussen auf der Terrasse sitzen und essen dürfen. Allermindestens solle das in den Skigebieten erlaubt sein. Der Bundesrat wollte die Terrassen bis zum 1. April geschlossen halten – einige Kantone ignorieren aber diese Regel bereits jetzt.

In Deutschland fällt die Infektionskurve nicht mehr. Obwohl sich der nördliche Nachbar in einem strengeren Lockdown als die Schweiz befindet, nehmen die entdeckten Neuansteckungen aktuell nicht mehr ab. Zuvor wies der Trend über Wochen nach unten. Ob im Land aber wirklich eine (möglicher­weise durch mutierte und damit ansteckendere Viren mitverursachte) dritte Welle beginnt, das wird sich erst in ein bis zwei Wochen klar sagen lassen. In der Schweiz sinkt der Wochen­schnitt der Ansteckungen aktuell weiterhin, allerdings immer langsamer.

Der britische Premier will bis Ende Juni alle Einschränkungen aufheben. Dann solle wieder «Normalität» herrschen, sagte Boris Johnson heute im Parlament. Direkt befinden kann er nur über den englischen Teil von Grossbritannien; Schottland, Wales und Nordirland hätten aber «ähnliche Pläne». Mit Beginn am 8. März soll im Abstand von jeweils fünf Wochen sukzessive mehr erlaubt sein.

Ermutigende neue Zahlen zu zwei Impfstoffen. Der Impfstoff der schwedisch-britischen Firma Astra Zeneca war in den letzten Wochen Gegenstand heftiger Debatten. In der Schweiz ist er noch nicht zugelassen. Nun ist in der Fachzeitschrift «The Lancet» eine Übersichtsstudie erschienen, die ihn erneut als hochgradig wirksam gegen schwere Erkrankungen ausweist. Unter den geimpften Teilnehmern in mehreren Ländern sei nicht eine Person so krank geworden, dass sie ins Spital musste. Und eine israelische Studie (die noch nicht veröffentlicht wurde) deutet darauf hin, dass der Impfstoff von Pfizer nicht nur symptomatische Erkrankungen massiv verringert, sondern auch die Übertragung des Virus. Sprich: Die Gefahr, dass geimpfte Infizierte weitere Menschen anstecken, ist offenbar sehr gering.

Und zum Schluss: Sommer­träume, prall gefüllt

Wie lange dauert das noch? Sind wir schon da? Selbst wer sich nicht um Krankheit oder finanzielle Sicherheit kümmern muss, scharrt vielleicht rastlos in der Box wie ein junges Fohlen. Dass ja aber bekanntlich «das Virus den Takt vorgibt», macht das Warten nicht einfacher.

Einfacher wirds, wenn sich die Zeit, in der Geduld gefordert ist, als Zeit der Vorfreude umdeuten lässt. Zum Beispiel mithilfe von Tomaten.

Bald beginnt der ideale Zeitpunkt, Tomaten­keimlinge drinnen auf einer hellen Fenster­bank vorzuziehen. Also: Samen in die Erde, täglich feucht halten, konstant bei 18 bis 25 Grad. Jeden Tag beim Wachsen zuschauen. In rund 1 bis 2 Wochen sollten die Kleinen zu keimen beginnen und können dann umgetopft werden. Und irgendwann nach draussen gestellt werden. (Und da wir bei der Republik keine Garten­profis sind, verweisen wir auf einschlägige Seiten oder auf Ihre eigene Google-Suche.)

Und wenns nicht klappt? Dann hats nicht sollen sein mit den eigenen Tomaten. Der Sommer kommt trotzdem.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Philipp Albrecht, Oliver Fuchs und Marguerite Meyer

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