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Einsatz wagen

11.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser – and everyone beyond

Damit unser Gesundheitswesen funktioniert, sind jeden Tag Tausende Menschen im Einsatz. Manche davon arbeiten nicht in Spitälern oder Arztpraxen, sondern draussen auf den Strassen des Landes: die Rettungssanitäterinnen. Wie erleben sie, die Unfälle und Leid hautnah mitbekommen, die Pandemie? Olivia Kühni hat mit Matthias Christen gesprochen, diplomierter Rettungssanitäter bei Schutz & Rettung Zürich.

Christen arbeitet seit rund zehn Jahren als Rettungssanitäter. Als er nach einer akademischen Ausbildung und einigen anderen Jobs einstieg, war er bereits Vater und nicht mehr blutjung. Ein Vorteil, wie er sagt: «Es hilft in diesem Beruf, wenn man Lebenserfahrung mitbringt.»

Rettungssanitäterinnen sind, wie es umgangssprachlich heisst, «der Krankenwagen». Sie kommen, wenn wir den Sanitätsnotruf 144 wählen. Allein in der Stadt Zürich sind Tag und Nacht rund 13 Teams im Einsatz. Sie versorgen Schwerverletzte an Unfallstellen oder holen Menschen ab, wenn sie schwer gestürzt sind, einen Herzinfarkt oder Zusammenbruch hatten. Oder inzwischen eben auch: wenn sich eine Covid-Erkrankung so sehr verschlimmert hat, dass eine Patientin sofort ins Spital muss.

Herr Christen, merken Sie das an der Front, wenn die Statistiker «steigende Fallzahlen» melden?
Ja, das merken wir sofort. Ich würde subjektiv sogar sagen, dass wir es bereits merken, wenn die Zahlen erst zu steigen beginnen, die sogenannte Welle erst kommt. Wir haben das im Februar gemerkt, und im November wieder.

Hat sich Ihre Arbeit durch die Pandemie verändert?
Die Art der Einsätze hat sich verändert. Wir haben weniger Notfälle im Strassenverkehr, weil weniger Leute unterwegs sind. Dafür haben wir natürlich mehr Einsätze wegen Covid-19. Wobei das nicht immer sofort nach Covid-19 aussieht – die Leute rufen beispielsweise an, weil sie sich den Fuss gebrochen haben.

Den Fuss gebrochen?
Ja. Die Leute sind in Isolation, und dann kommen sie auf die Idee, ihre Fenster zu putzen oder Ähnliches. Dann stürzen sie, und wir kommen zum Einsatz.

Arbeiten Sie mehr als sonst?
Wir arbeiten auch normalerweise im Schichtbetrieb, jeweils 12 Stunden am Stück. Wir sind lange Tage gewohnt. Bei Covid-Transporten haben wir einen Zusatzaufwand, weil alle Mitarbeiter jeweils Mantel, Schutzmaske und Brille anziehen müssen, die Fahrzeuge reinigen wir danach komplett. Das braucht viel Zeit. Aber die meisten von uns haben Familien, wir wollen gesund heimkommen. Zum Glück sind wir bislang im Team verschont geblieben. Wir hatten einzelne Fälle aus dem privaten Bereich, aber keine grosse Welle.

Belastet Sie die Pandemie?
Wir merken das vor allem in Zusammenarbeit mit unseren Partnern, den Spitälern. Normalerweise können wir Patienten einfach in das nächste Spital bringen, in dem es die für sie nötige Versorgung hat. Jetzt müssen wir immer die Bestätigung abwarten, dass es einen freien Platz hat. Das ist ein seltsames Gefühl, wenn man eine schwer verletzte Patientin im Wagen hat. Man merkt die Situation auch den Spitalmitarbeitern an: Wir kennen uns natürlich, und normalerweise ergeben sich oft kurze Gespräche. Das ist weniger geworden.

Des Stresses wegen?
Alle sind sehr fokussiert auf ihre Arbeit. Verständlicherweise. Und Corona ist rundherum das Hauptthema.

Unabhängig von Covid-19: Haben Sie eigentlich das Gefühl, die Gesellschaft schätzt Ihre Arbeit?
Ja. Heute wissen viele, was wir leisten. Wir haben auch immer wieder Patienten, die sich bei uns bedanken, die uns sagen oder zeigen, dass sie unseren Einsatz sehr geschätzt haben.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie gerne ändern würden am Gesundheitswesen? Sie haben Carte blanche.
Mich beschäftigt hin und wieder, dass Gesundheit für viele Menschen eine Art Konsumgut geworden ist. Dass man wenig Rücksicht nimmt oder nachdenkt, weil man ja einfach schnell uns anrufen kann. Das ist in Ordnung, dafür sind wir da. Aber manchmal wünschte ich mir etwas mehr Sensibilität. Mit Klatschen ist es nicht getan – darf ich das sagen?

Unbedingt.
Ja. Alle finden die Gesundheitsberufe wichtig. Aber die Arbeit ist oft anspruchsvoll.

Und nun:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

In der Schweiz haben rund 50’000 Personen die zweite Impfdosis erhalten. Zudem hätten rund 450’000 Personen die erste Dosis verimpft bekommen. Das teilte Nora Kronig, Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), heute mit. Positiv beurteilt sie die kantonale Umverteilung bei Engpässen, damit die Zweitimpfungen in mehreren Kantonen sichergestellt werden konnten. Eine Herausforderung würden die aktuellen Lieferengpässe bleiben.

Im Jahr 2020 haben 44 Prozent der Schweizerinnen ihre Sommerferien im Inland verbracht. Das zeigte eine Umfrage des Touring-Clubs Schweiz. Ein Drittel fuhr gar nicht in die Sommerferien, sondern blieb zu Hause. Im europäischen Ausland fuhren rund 40 Prozent der Bevölkerung nicht in die Sommerferien. Die Umfrage ermittelt jährlich das Verkehrsverhalten in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Finnland, Ungarn und der Schweiz. Befragt wurden rund 30’000 Personen.

Die Vereinigung der Schweizer Kinderärztinnen unterstützt die Maskenpflicht in der Primarschule. Damit passt Pädiatrie Schweiz ihre Empfehlungen bezüglich Kindern und Masken aufgrund der epidemiologischen Situation an. Die Massnahme sei vor allem für die 5. und 6. Klasse geeignet, könne aber auch auf die Unterstufe ausgedehnt werden. Das Maskentragen sei in diesen Altersgruppen medizinisch unbedenklich, so die Fachgesellschaft.

Und zum Schluss: Virenschleuderchen?

Vor einigen Wochen haben wir in diesem Newsletter mit Eltern gesprochen, die ihre Kinder nicht mehr in die Schule schickten. Sie waren besorgt, dass sich die Kinder mit Covid-19 anstecken, krank werden oder das Virus an Familienmitglieder, die zu Risikogruppen gehören, weitergeben könnten.

Die Sorge jener Eltern hat sich rund einen Monat später in der Tendenz bestätigt: Kinder scheinen zwar weniger selber krank zu werden. Doch sie geben wie Erwachsene das Virus weiter. Deren Kontakte sind mit Homeoffice und geschlossenen Restaurants zwar eingeschränkt – in den Schulen und Kindertagesstätten jedoch sind jeweils täglich Dutzende Kinder auf einem Haufen. Bei einer Ansteckung heisst das: ein potenzieller Rattenschwanz – wenn man grob damit rechnet, dass pro Schulkind wohl zwei oder drei andere Personen im gleichen Haushalt leben.

Kein Wunder, häufen sich also (mit der weiteren Verbreitung der ansteckenderen neuen Varianten) die Berichte von Hotspots an Schweizer Schulen. So auch im aargauischen Turgi, wo ein Ausbruch an der Schule zur Quarantäne des halben Dorfes geführt hat – und die Schule nun ganz geschlossen ist. «In diesen Klassen hatten wir zum Teil 80 oder 90 Prozent Ansteckungen», sagt Schulleiter Emil Enzler in der «Rundschau» auf SRF.

Was macht diese Information mit Eltern? Klar ist: Alle im Beitrag porträtierten Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Für die einen heisst das, dass sie ihre Kinder aus der Schule nehmen – weil sie nicht wollen, dass sich diese anstecken. Für die anderen, dass sie die Kinder zu Hause behalten – damit sie keine Maske tragen müssen. Für die Epidemiologie-Professorin Olivia Keiser von der Universität Genf ist indes die Faktenlage klar: «Kinder werden angesteckt, und sie geben auch das Virus weiter», sagt sie gegenüber der SRF-«Rundschau». Hier gehts zum Beitrag.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Olivia Kühni und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Manchmal fragt man sich als Schweizerin, die gemäss Klischee zum Lachen eher in den Keller gehen sollte, schon: Wie machen die das, die Briten? Mit trockenem Humor jede Lebenslage angehen? Neuestes Beispiel ist das Video von Musiker Elton John und Schauspieler Michael Caine. Die beiden Legenden (73 und 87 Jahre alt) werben darin für die Impfkampagne in Grossbritannien – und nehmen sich gegenseitig und sich selbst aufs Korn. And they’re still standing!

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