Covid-19-Uhr-Newsletter

Lost in Depression

09.02.2021

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Liebe Leserinnen und Leser

Wenn dieser Newsletter ein bisschen länger ausfällt, ein paar unerwartete Schlenker macht – und dann mit einer Liste endet, dann werden die Covid-19-Uhr-Veteraninnen unter Ihnen vermuten: Der ist wohl von Constantin Seibt.

Korrekt. Gute Lektüre.

«Beim ersten Shutdown erwischte es mich für ganze sieben Wochen. Ich verlor beinah meinen Job. Beim zweiten waren es immerhin knapp drei.

Was war es? Eine Art Denken in Zeitlupe. Eine Lähmung der Urteilskraft: Beim Schreiben sah ein Satz so aus wie der andere. Und im Kopf ein Gedanke wie der nächste.

Zu Hause und mit dem Baby funktionierte ich noch, hoffte ich. Aber sobald ich das Büro betrat, lief nur noch das Internet. Ich las Nachrichten, Nachrichten, noch mehr Nachrichten, als könnte eine davon mich retten.

Dagegen versuchte ich, Zoom-Konferenzen so weit wie möglich zu schwänzen: Ich verliess sie zuverlässig deprimierter, als ich sie betrat. Jedes Mal, wenn ich etwas sagen wollte, hatte ich das Gefühl, etwas Bedeutendes sagen zu müssen. Also liess ich es. Und wenn ich dann doch etwas sagte, war die Antwort ein Dutzend unbewegte Gesichter auf den Badezimmerkacheln.

Die Pandemie lieferte mir schlicht keine Energie von aussen mehr – kein Pingpong, keine Debatte und fast keine Ereignisse.

Ich war ein Leben lang überzeugt gewesen, Einsamkeit zu brauchen – und mich dazwischen als passabel funktionaler Asozialer durchzuschlagen. Was sich als Lebenslüge herausstellte.

Fuck, du bist doch sozial, dachte ich.

Eigentlich hätte ich das schon nach Japan wissen sollen. Ich war damals Mitte 30 und in der Form meines Lebens. Ich hatte beim ‹NZZ-Folio› meine erste grosse Reportage auf Spesen bekommen – Japan in 7 days.

Es war der einfachste Auftrag der Welt: Ich musste nur herumlaufen, ein paar exotische Dinge erleben und diese aufschreiben.

Zu meiner Verblüffung war Tokio völlig unexotisch. An die japanischen Gesichter war man nach wenigen Stunden gewöhnt. Und an die Betonschachtel­architektur auch. Höchstens das Wetter war exzentrisch: Hinter dem Fenster sah man einen kühlen, grauen Himmel. Aber verliess man das Hotel, war es, als würde einem eine Maschine durch Ärmel und Hosenbeine feuchtwarmen Dampf hineinblasen.

Das grösste Rätsel war, wie es die Japaner schafften, ihre weissen Hemden nicht durchzuschwitzen. Ansonsten war es wie zu Hause: dieselben Waren, dieselben Magazine, dieselben Kleiderläden. Und überall Toblerone, Swatch, Taschenmesser – sogar ein Vierfrucht-Kampfanzug der Armee.

Das Einzige, was ausländisch wirkte, war, dass ich plötzlich Analphabet war, weil fast alles nur auf Japanisch angeschrieben war. Und obwohl es überall amerikanische Magazine zu kaufen gab, sprach kaum jemand ein Wort Englisch.

Nichts hatte mich darauf vorbereitet, dass in Tokio alles vollkommen normal war – beinah wie zu Hause. Mit einem Unterschied: ich. Ich war in Tokio nicht mehr der gleiche Mensch. Falls überhaupt noch einer.

Jedenfalls löste ich überall Entsetzen aus. Fragte ich einen Passanten nach einer Adresse, ergriff dieser die Flucht. Als ich auf die U-Bahn-Kasse zusteuerte, versteckte sich der Kassierer unter dem Tisch. Es war, als wäre ich Godzilla. Irgendwann sprang ich ohne Ticket mit einem Fluch über das Drehkreuz, beobachtet von mehreren Hundert schockierten Japanerinnen.

Zurück im Hotel schoss der Manager, ein würdiger Mann um die 50, mit dem Bimmeln der Türglocke aus dem Büro, blieb wie vor einer unsichtbaren Wand stehen und bedeckte sich mit Schweiss. Ich fragte, ob ich irgendwelche Nachrichten bekommen hätte, er schrie verzweifelt ‹Telephone! Faxes! Room! Room!›. Dann, während ich die Treppe raufging, konnte ich ihn vor Erleichterung stöhnen hören.

Damals lief gerade die Fussball-Weltmeisterschaft. Japan spielte. Ich betrat eine vollgepackte Bar. Vor der Theke stand ein Rudel angetrunkener Fans vor dem Fernseher. Sie trugen Shirts mit der Aufschrift ‹Nippon Ultra› oder ‹We Fight for the Pride!›. Ich stellte mich dazu und sagte: ‹Nakata – good player›. Die Fans hörten auf zu schreien und drängten sich an der anderen Seite der Theke zusammen wie eine Schafherde, wenn der Wolf kommt.

Der Barkeeper näherte sich. Er war der erste Mensch nach drei Tagen, der mit mir sprach. Er sagte: ‹Sorry Sir, we’re closed.› Ich protestierte: ‹But there are hundreds of people in this bar.› Er sagte: ‹Sorry, closed!›

Auf dem Rückweg wünschte ich dasselbe wie jedes Monster: die Vernichtung Tokios. Ich hatte Schwierigkeiten zu gehen. Es fühlte sich an, als seien meine Beine aus Luft. Vor dem Hotelspiegel wuchs mir innert Minuten ein gespenstischer Ausschlag über Gesicht und Körper, der nach einer halben Stunde so mysteriös verschwand, wie er gekommen war.

Es war faszinierend. Vor der Reise hatte ich mich für endlich erwachsen gehalten: trickreich und unverwundbar. Doch nur drei Tage Entsetzen von aussen hatten genügt, um mein solides Selbst bis auf die Fundamente niederzureissen.

Am nächsten Morgen änderte ich die Strategie: Ich rief alle möglichen Leute in Zürich an und fragte, ob sie irgendwen in Japan kannten. Das klappte. Wurde man mit Namen und Funktion angekündigt, konnte man mit Japanern durchaus reden.

Auf dem Rückflug dachte ich: Kulturschock. Du Provinzler!

Später begriff ich: Teufel, so also geht es jungen schwarzen Menschen. Es ist alles andere als cool, von einer Menge Leute gefürchtet zu werden. Es ist verdammt brutal. (Wie mir jemand erzählte, haben etwa auch Zahnärztinnen deshalb hohe Suizidraten.)

Seit Corona glaube ich zusätzlich, dass der ganze bedeutungslose Every-Day-Smalltalk doch nicht so bedeutungslos ist. Eine Depression ist das Gefühl, keinen Kontakt mehr zu haben. Und offensichtlich funktioniert es auch umgekehrt – streiche den Kontakt, und du wirst depressiv.

Jedenfalls hat es diesen Januar nicht mich erwischt, sondern meine halbe Bekanntschaft. Fast niemand ist gerade in Form.

Was tun? Der Tipp einer psychologisch versierten Freundin: Bei einer Depression kommt es darauf an, sich gerade gegenteilig zu verhalten wie mit Depression. Also etwa:

  • Kopf rauf. Blick nach vorn

  • Sorgfältige Kleidung tragen

  • Musik. Singen unter der Dusche. Sogar ausserhalb der Dusche

  • Sport. Rausgehen

  • Mit allen möglichen Leuten zu Spaziergängen abmachen

Zugegeben: Das mag sich albern und mechanisch anhören. Aber es nützt.»

Und damit zu:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Ein erster Fall der brasilianischen Virusvariante ist in der Schweiz entdeckt. Das sagte Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit heute vor den Medien in Bern. Derzeit sei noch unklar, wie der Fall in die Schweiz kam. Die brasilianische Variante ist ansteckender. Verschiedene neue Virusvarianten verbreiten sich in der Schweiz rasch, die britische Variante ist die häufigste. Sie ist rund 50 Prozent ansteckender als die bisherige Variante. Das Wachstum bei den neuen Ansteckungen sei dabei exponentiell, sagte Taskforce-Chef Martin Ackermann. Alleine die britische Variante würde derzeit bereits rund 20 Prozent aller Ansteckungen ausmachen.

Tirol kann nur noch mit einem negativen Test verlassen werden. Das beschloss die österreichische Regierung heute Dienstag. Das Bundesland Tirol ist europaweiter Hotspot der mutierten südafrikanischen Virusvariante. Die Regierung Österreichs werde die Polizei einsetzen, um die Testpflicht durchzusetzen. Auch werde das Bundesheer aktiviert, um die Strassen, den Flughafen Innsbruck und die Bahnstrecken zu kontrollieren. Die Massnahme ist derzeit auf 10 Tage beschränkt. Von ihr ausgenommen ist die Enklave Osttirol, die nicht an den Rest des Bundeslandes grenzt.

Südkoreas Hauptstadt Seoul führt Corona-Tests für Haustiere ein. Dies teilte die Regierung der Metropolregion mit. Die Entscheidung folgte nach dem ersten Fall bei einem Kätzchen. Es würden jedoch nur Haustiere mit Symptomen wie Fieber oder Atemnot getestet, die mit infizierten Menschen in Kontakt waren. Falls ihre Besitzer selbst zu krank seien, um die Tiere zu pflegen, soll es Quarantäne-Tierheime geben. Bisher sind mehrheitlich Mensch-zu-Tier-Übertragungen bekannt, und nicht andersherum. Südkorea hat bisher bei rund 51,7 Millionen Einwohnerinnen nur rund 1500 Todesfälle zu verzeichnen.

Corona hat seinen Ursprung höchstwahrscheinlich nicht in einem Labor in Wuhan. Dies stellte das Expertinnenteam der Weltgesundheitsorganisation WHO fest. Seit zwei Wochen untersucht ein gemischtes Team der WHO und aus China den Ursprung von Sars-CoV-2. Es gäbe auch keine Hinweise auf eine breite Zirkulation des Virus in China vor Dezember 2019 und es sei immer noch unklar, wie es auf den Markt gelangte, auf dem es zuerst entdeckt worden war. Das Team vermutet jedoch ein natürliches Erregerreservoir als Ursprung der Pandemie.

Und zum Schluss: Kassensturz

Zeynep, Sascha und Sophie haben eines gemeinsam: Sie arbeiten im Verkauf und sitzen täglich an der Kasse, begrüssen Hunderte von Kunden, räumen Regale ein. Sie haben den Kolleginnen des jungen Basler Onlinemediums «Bajour» erzählt, wie es ihnen derzeit so ergeht. Sie berichten davon, wie es ist, wenn Kundinnen keine Maske tragen wollen, wie manche beleidigend werden – und wie anstrengend Arbeitstage sind, an denen alkoholische Getränke Aktion sind.

Da erzählt Sascha beispielsweise: «Ich glaube einfach, viele Kund*innen nehmen mich gar nicht so richtig wahr. Sie überlegen nicht, dass wir uns gegenseitig schützen müssen. Für sie beschränkt sich der Kontakt zu Verkäufer*innen auf wenige Minuten, aber ich bin den ganzen Tag Hunderten von Menschen und deren möglichen Viren ausgesetzt. (…) Manchmal fühle ich mich deshalb wie eine tickende Zeitbombe.»

Sie erzählen aber auch von Solidarität untereinander und der unmöglichen Entscheidung zwischen Testen und Nichttesten, während man im Stundenlohn angestellt ist. Das macht nachdenklich. Wir finden, der Bericht lohnt sich zu lesen.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Marguerite Meyer und Constantin Seibt

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Kennen Sie Lünen? Die 86’000-Menschen-Stadt im deutschen Ruhrgebiet – liebevoll Pott genannt – lebte früher vom Bergbau. Und ist heute Heimat des Bergmannchors «MVG Harmonie Zeche Victoria». Im vergangenen Sommer spannten der Kabarettist und Autor Rainald Grebe und der Musiker und Texter Martin Bechler der Band Fortuna Ehrenfeld mit dem Chor zusammen: Sie wollten das Lied «Die Rose» aufnehmen. Doch wie sollte das gehen? Bechler hat jede einzelne Stimme im Vereinsheim der betagten Bergmänner aufgenommen und zusammengeschnitten. Die Aufnahmen zeigen nicht nur deren Liebe zum gemeinsamen Singen, sondern zeugen von Freundschaft, dem Stolz harter Arbeit – und vom nötigen Zusammenhalt. Oder wie einer der Ex-Kumpel sich erinnert: «Auch wenn man sich über Tage nicht vertragen hat – unter Tage war alles ein Herz und eine Seele.» Wir finden: Diese Geschichte geht mitten ins Herz.

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