Geschichten aus der Krisenzone Erde

Wenn sich Weltmeere unterhalten, Schiffsbohrwürmer Venedig bedrohen und Charlotte im Pariser Tropen­sommer auf das Jüngste Gericht wartet: Literarische Climate-Fiction verbindet menschliche Schicksale mit dem des Planeten.

Von Martin Zähringer, 04.02.2021

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Wie kann man dem Gefühl der existenziellen Bedrohung Ausdruck verleihen? Charles Xelot/Institute

Climate-Fiction ist die Literatur einer zivilisatorischen Krise. Der Krise unserer globalen CO2-Kultur alias Ölmoderne alias Kapitalismus.

Die «Cli-Fi», wie sie mittlerweile fast etwas zu spielerisch abgekürzt wird, war in ihren Anfängen eine seismografische Literatur, oft war sie dystopisch, warnend. Jüngere Klima­prosa beschreibt indes kritisch die Realität einer globalen Veränderung und weist in die Zukunft. Den Rahmen der Genre­literatur hat sie längst verlassen – zuletzt immer deutlicher auch im deutsch­sprachigen Raum.

Weil das Thema aber im Wortsinn weltumspannend ist, befindet sich die Climate-Fiction immer auch selbst in einer Krise: einer Krise der Repräsentation. Wie vom Klima­wandel erzählen, wenn dieser den Bereich der persönlichen Erfahrung und unser Vorstellungs­vermögen übersteigt?

Die Literatur­wissenschaftlerin Ursula K. Heise stellte 2008 in ihrer wichtigen Studie «Sense of Place and Sense of Planet» eine These auf, die noch heute das Grund­problem, aber auch die besonderen Qualitäten von Climate-Fiction formuliert:

Eine zentrale Heraus­forderung der kulturellen Repräsentation des Klima­wandels ist die Überbrückung der Kluft zwischen den Geschichten von Individuen und den Erzählungen von der globalen Transformation.

Wenn es also um Überbrückung geht, lässt sich anfügen: Es geht nicht um fertige Brücken – also Cli-Fi als Genre –, sondern um Entwicklungen und Prozesse: Cli-Fi als Strömung. Die Literatur wandelt sich mit der Krise – und bringt uns damit vielleicht zu neuen Ufern.

Der folgende Streifzug durch aktuelle Romane und Erzähl­texte soll zeigen, wie vielfältig die Spielarten der Climate-Fiction sind. Auch weil sie ihr Haupt­thema auf unterschiedlichste Weise mit anderen Phänomenen in Beziehung setzen.

1. Klima und Migration

Der indische Autor Amitav Ghosh, der schon lange in den USA lebt, pflegt die globale Perspektive. In seinem neuen Roman «Die Inseln» behandelt er die Frage der Umwelt­gerechtigkeit. Der Brückenbau, von dem Ursula K. Heise spricht, bedeutet hier einen Brücken­schlag zwischen Süd und Nord.

Im Zentrum des komplex aufgebauten Romans stehen Tipu und Rafi, zwei junge Männer aus Bengalen. Sie müssen ihre Heimat verlassen und landen nach einer schwierigen Flucht in Venedig. Ghosh erzählt ihre Schicksale und macht zugleich die reale Infra­struktur von Migration und Menschen­handel sichtbar.

Die titelgebenden Inseln wiederum – eine Insel in der Sumpf­landschaft der Sundarbans und das jüdische Ghetto in Venedig, das von der Stadt isoliert ist, gleichsam eine Insel innerhalb der Insel – sind durch ein Geheimnis verknüpft. Diesem Geheimnis will ein bengalisch-amerikanischer Historiker durch eine kultur­geschichtliche Recherche auf die Spur kommen: Seine Reisen erzeugen die Koordinaten des Romans.

Bei einem Aufenthalt in Bengalen etwa lässt sich der Forscher von einem Touristen­boot auf die Insel fahren, auf der sich der Schrein eines Kaufmanns aus dem 18. Jahr­hundert befindet. Er fragt den Steuer­mann Horen, ob der sich noch erinnert, wann er zuletzt dort war:

«Natürlich, das war 1970, nicht lange nach dem grossen Sturm. Schrecklich war der, noch schlimmer als Aila …» Stürme waren Horens Zeitmass, wie ich bald feststellte. So wie die Chinesen von der Qianlong- und der Jiajing-Zeit und die Amerikaner von der Kennedy- und der Reagan-Administration sprechen, so waren für Horen der Bola-Zyklon und Aila Anfangs- und Endpunkte langer Zeitspannen.

Schon im individuellen Gedächtnis des Steuer­manns ist also die neuere Klima­geschichte der Region eingeschrieben. In weiteren Recherchen wird ihre historische Tiefe bis zur Kleinen Eiszeit im 17. Jahr­hundert ausgelotet, in deren Folge der historische Kaufmann bis nach Venedig geflüchtet war.

Dort, an der Lagune der Stadt, spielt sich nun auch der Gegenwarts­plot des Romans ab.

Die Gruppe bengalischer Arbeiter und Kleinhändlerinnen beschreibt Ghosh als eine wohlorganisierte Gesellschaft von heutigen Klima­flüchtlingen aus den Sundarbans. Eine sichere Zukunft aber, eine stabile Ausgangs­lage für ein neues Leben, erwartet sie auch an diesem Ort nicht. Die planetarische Situation hat den alten sense of place, die inselhafte Eigenheit eines lokalen Orts, längst überholt.

Ghosh zeigt das eindrucksvoll in der prekären Verwandtschaft der geschilderten Klimazonen und Wasser­landschaften: Im Sumpf­archipel der Sundarbans zerstört der steigende Salzwasser­gehalt das ökologische Gleich­gewicht und zwingt die Menschen zur Abwanderung. In den Holz­unterbauten von Venedig dagegen hat sich der Schiffs­bohrwurm nieder­gelassen, dem die gestiegene Wasser­temperatur sehr zusagt. Auch machen sich bisher ungesehene Giftspinnen­arten breit. Besonders giftig aber sind die überall lauernden Spitzel und Handlangerinnen der Flüchtlings­mafia, in deren Hände jeder fällt, dem keine legale Migration möglich ist.

Die Erderhitzung verschiebt die alten Habitate in eine gemeinsame Krisen­zone. Die ebenfalls «verschobenen», aus ihrem alten Leben vertriebenen Menschen aus Bengalen gehören dazu – und alle anderen natürlich auch. Alle Lebewesen des Südens werden Objekt einer globalen Bedrohung durch das vom Norden veränderte Klima. Wir lernen beide Perspektiven in ihrer klima­geschichtlichen Tiefe kennen. Darin liegt die literarische Kraft einer Climate-Fiction in globaler, postkolonialer Perspektive.

2. Klima und Feminismus

Dass auch zwischen Ökologie und Feminismus Verbindungs­linien bestehen, wurde bereits in den 1970ern auf einen Begriff gebracht: Ökofeminismus.

Darunter fallen unterschiedliche Denkansätze. Im Zentrum stand zunächst die Idee, dass es einen Zusammen­hang gibt zwischen der Unter­drückung der Frau und der Unter­werfung der Natur, aber auch spirituelle Vorstellungen von der Einheit des Weiblichen mit der Natur kamen auf. Besondere Brisanz entwickelten ethische Grundsatz­fragen: Inwiefern ist das individuelle Recht auf Mutterschaft mit der Heraus­forderung der sogenannten «Über­bevölkerung» vereinbar?

Im Lauf der Jahre hat sich diese Debatte weit über den Feminismus hinaus zugespitzt: Ist es ein ethisches Problem, wenn eine Frau mit zwei Kindern ungefähr vierzig Mal so viele CO2-Emissionen erzeugt, wie wenn sie kinderlos bliebe? Und wie wäre auf dieses Problem zu reagieren?

Die feministische Literatur antwortet mit einer ganzen Reihe von Romanen. In jüngster Zeit sind dies vermehrt Werke zum Thema Mutterschaft – wofür der schwer übersetzbare Begriff motherhood environmentalism geprägt wurde.

In diese Reihe lässt sich auch der Roman «Regenschatten» der Zürcher Autorin Seraina Kobler einordnen.

Die 30-jährige Anna arbeitet in einem Club in Zürich und befindet sich in einer Selbstfindungs­krise. Sie verliebt sich in den charismatischen David und wird schwanger, allerdings von Oskar, mit dem sie nur ein kurzes Verhältnis hatte. Sie entscheidet sich für das Kind, David entscheidet sich im Grunde für eine Pro-forma-Vaterschaft. Doch die Beziehung bleibt beschädigt, und David verschwindet, als längst auch die Aussen­welt bedrohlich geworden ist: zu trocken und zu heiss. Existenzbedrohend.

Die Geburt findet schliesslich statt, während ein katastrophaler Waldbrand ausbricht.

Die Schwangere erlebt die Krise der Natur buchstäblich in der Krise des eigenen Körpers. Und was sie aus der Theorie des Klima­wandels kennt – Kipppunkte zum Beispiel –, überträgt sich auf die Wahrnehmung ihrer individuellen Situation, etwa wenn sie im Gespräch mit Davids Mutter ihrer Angst vor einem Kaiser­schnitt Ausdruck verleiht:

Wenn ich das richtig verstanden habe, sagte ich, gehe es im Prinzip auch hier um nichts anderes, als um Kipppunkte, die zeigten, wie sehr alles miteinander zusammen­hänge. Quasi ein Albedo-Effekt für das hormonelle System? Sozusagen, pflichtete Lis mir bei und lächelte unter ihrer zu grossen Haut. Nur seien es bei einer Geburt nicht Schnee- und Eisschilde, die wegschmelzen und dadurch eine problematische Strahlung anziehen, sondern, dass zum Beispiel nach einer Rückenmarks­anästhesie die Ausschüttung der körper­eigenen Stoffe wie Oxytocin und Endorphin gebremst werde. Diese brauchte es aber, um Wehen auszulösen und wiederum um die Schmerzen zu lindern.

Wenn dieser Prozess gestört wird, ist ein Kaiser­schnitt nötig, was die werdende Mutter in diesem Roman vermeiden kann.

Die Analogie von Mutter­körper und Erdkörper bringt die Ich-Erzählerin allerdings nicht wirklich weiter in ihrer Selbst- und Welt­erkundung und erlöst sie auch nicht von ihrer Angst. Anna hat zwar die narzisstische Fixierung ihrer Jugend aufgegeben und sucht nun als junge Mutter eine neue Rolle in der Gesellschaft. Doch dieser neue, soziale Ort ist bereits durch die globale Katastrophe kontaminiert.

So verleiht Seraina Kobler dem Gefühl der existenziellen Bedrohung Ausdruck – auch indem sie sich bei den geschilderten Katastrophen­ereignissen von Texten, etwa zur mitteleuropäischen Dürre von 1540, inspirieren lässt.

Die Hitze – die innere und die äussere – war bereits das bestimmende Thema in Sabine Haupts Roman «Der blaue Faden» von 2018, einem gedanken­reichen und sprach­witzigen Text über eine Autorin, die inmitten des Hitze­sommers 2003 an einem kultur­geschichtlichen Buch über das Warten schreibt. Während Charlotte von Manteuffel, zwischen Paris und Genf pendelnd, permanent von ihrer zynischen Verlegerin angetrieben wird («Sie sind eine Monade, schöpfen Sie aus sich selbst»), schweift ihr Projekt immer wieder ab: in ihre Vergangenheit, in diskursfreudige Gegenwarts­analysen und in vielleicht zukunfts­weisende Dating-Chatrooms des Internets.

Nur die dröhnende Hitze bildet den realen Anker­punkt in diesem Schreibstrom:

Eigentlich sollte ich die Fenster öffnen. Doch die Luft da draussen ist noch schlechter und heisser als hier drinnen. Philippes alte Junggesellen­wohnung ist jetzt mein Pariser Zuhause. Mein überhitztes Frauen­zimmer. Ich habe, nein ich bewohne, ein tropisches Frauenzimmer.

A room of my own: Was ist hier nur aus diesem Versprechen geworden!

Die Hitze lastet nicht nur auf der Stadt, sondern schwer im Erzählen selbst:

Die Zeit darf nicht auch noch durcheinander­geraten! Klima und Welt­ordnung sind schon aufgewühlt genug! Wir wollen es jetzt genau wissen: Wie viele Jahrhunderte trennen die Gegenwart vom Jüngsten Gericht? Wie lange hat die Menschheit noch auszuharren? Was kommt danach? Das sind die Fragen, die uns hier in Paris, im Sommer 2003, beschäftigen!

Die vielen Ausrufezeichen und rhetorischen Fragen in ihrem hoch­gespannten Ton deuten es an: Zwischen der Erzählerin und ihrem Geschriebenen tut sich ironisch ein Abgrund auf, denn die Frau im «tropischen Frauen­zimmer» beschäftigen in Wirklichkeit eher Dinge erotischer Natur als die letzten Klima­fragen. Die Signatur unserer Epoche der globalen Erhitzung scheint dennoch durch.

3. Planetarische Gefühle

Climate-Fiction also kann die Perspektiven verschieben: Das Ökologische dringt ins Persönliche ein – und umgekehrt. Einen besonders radikalen Weg geht die Literatur, wenn sie die Wahrnehmung mit aller Konsequenz vom Anthropozentrischen hin zum Ökozentrischen fortsetzt: wenn also nicht mehr menschliche Figuren die Handlung bestimmen, sondern es die Natur selbst ist, die «denkt» und «spricht».

Diese forcierte Art des nature writing spielt mit dem Konzept der Tiefen­ökologie, das die bisher als grundlegend gedachte Konstellation «Mensch = Subjekt, Umwelt = Objekt» infrage stellt.

Perspektivenwechsel: In ökozentrischen Erzählungen spielt die Natur die Hauptrolle. Charles Xelot/Institute

In mancher Climate-Fiction wird dadurch die Natur selbst zum Subjekt ästhetischer Wahrnehmung. Natürlich bleibt auch das immer eine menschliche Projektion. Aber die Literatur hat eben auch die Fähigkeit, die Vorstellungs­kraft hin zum Äussersten zu treiben, hin zu einer erdachten Welt, in der der Mensch entweder schon verabschiedet ist oder zumindest keine Rolle mehr spielt. Es ist dann keine menschliche Person mehr, die fühlt, sondern die Erde selbst. Oder auch das Wasser.

So zum Beispiel in der noch nicht auf Deutsch übersetzten Erzählung «Havbrevene» der dänischen Autorin Siri Ranva Hjelm Jacobsen. Darin unterhalten sich das Mittelmeer und der Atlantik per Briefwechsel. Die beiden Meere haben sich gegen die Menschheit verschworen: Mittels Erderwärmung und Eisschmelze wollen sie zum einzig wahren Urzustand zurückkehren, an dem alles eine spiegelglatte, runde Wasserfläche ist – und diese kriechende Masse Mensch ausgelöscht.

Die Pointe einer solchen geopoetischen Phantasmagorie liegt natürlich darin, dass uns als Lesenden der Clash der Perspektiven und Wertungen ins Auge sticht: Uns kriechenden Kreaturen erscheint der Anstieg des Meeres­spiegels natürlich als Dystopie; den verschworenen Meeren bei Jacobsen klingt es zauberhaft utopisch.

Zum Autor

Martin Zähringer schreibt seit vielen Jahren über ecocriticism und nature writing, unter anderem für die NZZ und den Deutschland­funk. Er ist künstlerischer Leiter des Climate Fiction Festival Berlin und Gründer des Climate Cultures Network Berlin, eines Netzwerks am Schnitt­punkt von Klima, Krise und Kultur.

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