Covid-19-Uhr-Newsletter

Essig in Eyam

03.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Heute tagte wieder einmal der Bundesrat, schliesslich ist Mittwoch. Es gibt dazu einige Nachrichten – diese lesen Sie weiter unten in den Kurznews.

Woche drei des Shutdowns, und irgendwie scheinen die eigenen vier Wände noch enger als vor bald einem Jahr. Wenn die Gegenwart grau ist und die Zukunft ungewiss, schreibt Republik-Journalistin Anja Conzett, dann bleibt einem immer noch der Blick in die Vergangenheit.

Zum Beispiel ins Jahr 1665:

In Südengland tobt der Schwarze Tod. Über 100’000 Tote fordert einer der letzten grossen Ausbrüche der Pest in Europa, was nach heutigen Dimensionen rund 1,5 Millionen Menschenleben wären – rund ein Fünftel der Einwohnerinnen Londons stirbt. Dass die Epidemie in England nicht mehr Leben kostete, ist unter anderem einem Kaff 240 Kilometer nördlich von London zu verdanken.

Eyam ist einer der wenigen Orte Nordenglands, die 1665 von der Pest heimgesucht wurden. Der Grund: ein Ballen Stoff aus London, der mit infizierten Flöhen befallen war. Der Schneider und sein Gehilfe verstarben als Erste. Als sich die Pest rasend im Dorf ausbreitete, entschieden der Dorfpfarrer und sein Vorgänger, die bis anhin als zerstritten galten, ihre theologische Fehde beizulegen. Um gemeinsam die Bewohner Eyams zu überzeugen, in Quarantäne zu gehen, die Dorfgrenzen nicht mehr zu überschreiten – damit sich die Pest nicht in die benachbarten Städte Sheffield und Manchester ausbreitete.

Obwohl die beiden Pfarrer wenig über die Krankheit wussten, installierten sie weitere nützliche Massnahmen: Messen wurden unter freiem Himmel gehalten, Tote nicht auf dem zentralen Friedhof, sondern auf privatem Grund von Angehörigen beigesetzt. Und in einem eigens errichteten Brunnen am Rand des Dorfs legten die Bewohner Münzen in desinfizierendes Essigwasser, um die Lebensmittel zu bezahlen, welche die angrenzenden Dörfer dort deponierten.

Ein Jahr lang lebte Eyam in Isolation. Der Preis war hoch: Ganze Familien wurden von der Pest ausgelöscht. 257 Dorfbewohner starben, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, wie der Historiker John Clifford festhält, der 25 Jahre über Eyam geforscht hat und von einer Ursprungspopulation von 700 ausgeht. Während sich die Forscherinnen uneinig sind, wie gross die Bevölkerung Eyams vor der Pest war, sind sie sich einig, dass das Opfer des Dorfs nicht umsonst war – und die Verbreitung der Pest in Nordengland durch die Selbstisolation wohl erheblich eingeschränkt wurde.

Nebst diversen Studien hat die Heldentat Eyams eine Reihe Romane, Gedichte und Theaterstücke inspiriert. Das meiste vermutlich näher an verklärender Folklore als an historischer Aufarbeitung. Denn obwohl vieles überliefert wurde – nicht zuletzt dank der akribischen Dokumentation der beiden Dorfpfarrer –, ist es fraglich, ob die Bewohnerinnen von Eyam wirklich so freiwillig in Quarantäne gingen, wie man sich erzählt. Und ob sich auch wirklich alle dran gehalten haben oder ob die Isolationsbestimmungen vor allem für die ärmere Bevölkerung des Minenarbeiterdorfs galten – und der wohlhabende Teil Eyams sich nicht doch noch aus dem Staub machte.

Wer weiss.

Aber hin und wieder braucht man einfach eine gute Heldengeschichte, an der man sich wärmt wie an einem Lagerfeuer – während man sich Gedanken darüber macht, welche Taten von heute sich andere wohl morgen erzählen.

Doch jetzt zurück zur Gegenwart.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die Schweiz hat drei weitere Impfstoff-Verträge unterzeichnet. Diese umfassen 5 Millionen Dosen des deutschen Pharmaunternehmens Curevac sowie 6 Millionen Dosen der amerikanischen Firma Novavax. Sie werden geliefert, sofern die klinischen Testphasen und die Zulassung durch die Arzneimittelbehörde Swissmedic erfolgreich verlaufen, so der Bund. Zusätzlich wurden 6 Millionen weitere Dosen von Moderna gesichert. Dieses Vakzin wird in der Schweiz bereits verimpft.

Auch Ende Februar ist nicht mit grossen Lockerungen zu rechnen. Dies sagte Gesundheitsminister Alain Berset an der Medienkonferenz heute Mittwoch in Bern. Er sprach von einem Dilemma: Die Zahlen würden sich erfreulich entwickeln, andererseits breiteten sich die Mutationen rasch aus. Berset sprach von einer «Pandemie in der Pandemie». In 10 Kantonen sei der R-Wert wieder über 1. Der Bundesrat will in zwei Wochen entscheiden, wie es ab März weitergeht.

Der Impfstoff von Astra Zeneca wird vorläufig nicht in der Schweiz zugelassen. Für die Arzneimittelbehörde Swissmedic reichen die vorliegenden Daten noch nicht für die Zulassung aus. Das Unternehmen muss unter anderem noch Wirksamkeitsdaten aus einer in Süd- und Nordamerika laufenden Phase III liefern. Sobald die Ergebnisse vorlägen, könnte eine befristete Zulassung rasch erfolgen, so Swissmedic.

Jeder vierte Infizierte leidet in der Schweiz an Long Covid. Dies sind die ersten Ergebnisse einer Schweizer Studie, berichtet SRF. Es wurden 437 Patientinnen befragt. 26 Prozent gaben an, sechs Monate nach der Infektion immer noch Beschwerden zu haben. Am häufigsten waren starke Müdigkeit und Husten. In der Studie des Teams um den Epidemiologen Milo Puhan von der Universität Zürich waren auch Patienten mit leichtem oder gar symptomfreien Verlauf vertreten. Er rechnet mit bisher 1,3 bis 1,5 Millionen infizierten Menschen in der Schweiz – davon dürften 250’000 bis 300’000 von Long Covid betroffen sein.

Österreich führt strengere Einreisebestimmungen ein. Künftig müssen beim Grenzübertritt alle Einreisenden einen negativen Test vorweisen, zudem wird die Quarantäne auf 10 Tage verlängert. Auch Pendlerinnen müssen sich online registrieren und einmal in der Woche einen negativen Test vorweisen. Das Land öffnet per 8. Februar seinen Lockdown, jedoch mit strengen Bestimmungen für Schulen und Geschäfte. (Darüber hatten wir im gestrigen Newsletter berichtet.)

Und zum Schluss: Masken! Hier gibts Maasken! Schöööne, nicht­mehr­ganz­ideale­aber­immer­noch­brauchbare Maaaa­aaasken!

Wir schreiben jetzt bald die 150. Ausgabe dieses Newsletters. (Der heutige ist die Nummer 147.) Da könnte man meinen, wir hätten unterdessen etwas mehr pandemischen Weitblick entwickelt als nur voraus auf die nächsten zwei, drei Wochen. Tja.

Folgendes …

Wie Sie vielleicht mitbekommen haben, haben wir im Dezember Republik-Masken verteilt. Wer eine Mitgliedschaft abschloss, konnte sich gratis eine Maske nach Hause liefern lassen. Sie gingen weg wie die warmen Brötchen jenes Bäckers, der Mitte Dezember schelmischerweise seinen Laden heimlich auch am Sonntag offen hatte. Sprich: viel schneller als geplant. Also bestellten wir Masken nach. Lieferfrist, Sie ahnen es schon, ein paar Wochen.

Unterdessen machen sich ganz und gar nicht sympathische Mutationen im Land breit. Und zumindest bei der britischen Variante sieht es danach aus, als würden sie die Stoffmasken – wie die Republik-Maske eine ist – nur mässig beeindrucken. Wir haben darum auch in diesem Newsletter bereits zweimal dazu geraten, in brenzligen Situationen nun besser eine FFP2-Maske zu tragen. (Und hier lesen Sie, wie Sie diese wiederverwenden können.)

Jetzt haben wir hier also 300 Masken, die a) verdammt gut aussehen und erwiesenermassen funktionieren, b) viele von Ihnen gemäss Covid-19-Uhr-Postfach auch gerne hätten und c) wir Ihnen ehrlicherweise nicht mehr uneingeschränkt als Virenschutz empfehlen können.

Unsere Lösung: Wir appellieren an Ihre Eigenverantwortung:

  • Sie finden, es wäre an der Zeit, eine Republik-Mitgliedschaft abzuschliessen und obendrauf eine Republik-Maske zu bekommen? Toll, danke! Hier entlang bitte! (Im schlimmsten Fall haben Sie soeben ein limitiertes Souvenir erworben. Im besten eine Maske, die Sie im Freien und beim Turboshopping ausserhalb der Stosszeiten noch guten Gewissens tragen können.)

  • Sie finden, es wäre jetzt an der Zeit, eine Republik-Mitgliedschaft abzuschliessen, aber Sie möchten keine Maske? Toll, danke! Das erspart Ihnen die Risikoabwägung und uns die Portokosten.

  • Sie möchten gerne eine Maske, aber ein Republik-Abo interessiert Sie nicht? Weniger toll, denn diese Dinger waren nicht ganz günstig. Im Moment bieten wir diese Option darum nicht an. Dümmstenfalls bleiben wir dann halt auf einer Packung Masken sitzen. Die werden wir dann auf einen Haufen werfen und bei einem Glas Sekt genüsslich verbrennen, wenn diese Pandemie irgendwann hochoffiziell vorbei ist.

  • Sie möchten weder eine Maske noch eine Mitgliedschaft? Dann entschuldigen wir uns für den soeben überstandenen Werbeblock. Morgen wirds an dieser Stelle wieder informativ. Versprochen.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Anja Conzett, Oliver Fuchs und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Kennen Sie Tom Moore? Der britische Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg wurde im vergangenen Jahr zum Helden in Grossbritannien. Mit einem Spendenlauf hatte er rund 32,8 Millionen britische Pfund gesammelt – für den nationalen Gesundheitsdienst NHS in der Pandemie. Es war nicht einfach irgendein Spendenlauf: Er spazierte dafür 100 Runden mit seinem Rollator durch seinen Hinterhof. Jetzt ist Tom Moore verstorben – er hatte sich mit dem Virus infiziert. Weil er Medikamente einnehmen musste, konnte er zuvor nicht geimpft werden. Kommenden April wäre er 101 Jahre alt geworden. Wir ziehen den Hut.

PPPPS: Der Grundstein für die Kathedrale in der englischen Stadt Salisbury wurde vor rund 800 Jahren gelegt. Und nun ist sie gleich noch einmal in die Geschichte eingegangen – und zwar als wohl schönstes Impfzentrum der Welt. Am ersten Tag ihrer Funktion als solches, Mitte Januar, wurden rund 1000 Menschen geimpft. Der musikalische Direktor der Kathedrale beschloss, den mehrheitlich über 80-jährigen Patientinnen diesen Prozess so entspannt wie möglich zu machen – und liess auf der imposanten Orgel Stücke von Bach, Händel und Pachelbel spielen. Hier gibts das Video: etwas fürs Ohr und fürs Herz heute Abend.

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