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Die Sonne geht im Osten auf

02.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Erinnern Sie sich an den Begriff «China-Virus», damals, am Anfang der Pandemie? Als wir dachten, das passiere – wie so vieles – ganz weit weg? Wir wurden eines Besseren belehrt: Den Viren sind Landes­grenzen egal. Die Zuschreibung von Krankheiten und Stereotypen auf die Herkunft aber ist kein neues Phänomen.

Wie der einseitige Blick auf Asien uns hierzulande dazu bringt, in der Pandemie­bekämpfung gute Vorbilder zu übersehen, darüber schreibt Journalistin Sylke Gruhnwald:

«Die gelbe Gefahr» – «Die gelben Spione» – «China – Geburt einer Weltmacht» – «Der Siegeszug des Drachen. Wie überlegen ist uns China wirklich?». Mitte der 2000er-Jahre blätterte ich durch Jahrzehnte von Titelbildern des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel». Ich war Praktikantin in der Abteilung für Kultur und Bildung im deutschen Generalkonsulat in Shanghai. Mein Chef wollte die «Spiegel»-Cover in der Ohel-Moshe-Synagoge im ehemaligen jüdischen Ghetto im Stadtteil Hongkou ausstellen.

Aus dem typisch roten «Spiegel»-Rahmen stierten mich wahlweise der Drache Lóng aus der chinesischen Mythologie, Mao Zedong oder gelbe Gesichter mit dunklen Augen und schwarzen Haaren an, die ich um jeden Preis als asiatisch lesen sollte.

Solche Stereotype in Sprache und Bildern reproduzieren und verstärken das Problem. Weil sie nie neutral sind, aber rassistisch sein können. Und Rassismen schaffen Realität.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. sprach von China als «gelber Gefahr», die angeblich Europa bedroht. Seine Haltung düngte den Boden für den europäischen Kolonialismus.

Apple führte 2015 Emojis mit gelben Gesichtern und Fingern auf iPhones und iPads ein und löste heftige Diskussionen in sozialen Netzwerken in China aus. Ausgerechnet in dem Land, das Apple zu einem seiner wichtigsten Märkte erklärt hatte. Niemand ist gelb im Gesicht (höchstens, wenn Galle und Leber aus dem Takt geraten – und die Simpsons). Nur: Den gelben Daumen können wir immer noch hochstrecken.

Als letztes Jahr die Pandemie ausbrach, titelte der Spiegel: «Corona-Virus. Made in China. Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird». Das Cover zeigt einen Mann in rotem Plastikcape, er trägt eine Schutzbrille, Kopfhörer und eine Atemmaske, das iPhone in der Hand. Der gelbe (sic!) Schriftzug Made in China suggeriert Ramschware aus stinkendem Plastik, billigst produziert von Arbeitsrobotern an der Werkbank der Welt.

Es ist ein Markierungsschema, das über die Farbe Gelb funktioniert und zu einer Stereotypisierung von allen als asiatisch gelesenen Personen führt. Im Netz wird auf den antiasiatischen Rassismus mit dem Hashtag reagiert: 我不是病毒 – ich bin kein Virus.

China ist nicht gleich Asien – genauso wenig, wie die Schweiz eine Blaupause für Europa ist. Asien ist: Millionenmetropolen auf Inseln und Fischerdörfer auf dem Festland, heisse Sommer und kalte Winter, Hot Pot und Sushi, autokratisches Einparteiensystem und liberale Demokratie. Die Unterschiede klaffen viel weiter auseinander als in Europa.

Und allen Kontrasten zum Trotz sind asiatische Länder bis dato besser durch die Corona-Krise gekommen als der Westen. Mit einem Potpourri aus staatlichen Massnahmen – auch ohne Totalüberwachung, Repressionen und Menschenrechtsverletzungen: ein funktionierendes Contact-Tracing, systematischer Einsatz von Handys und zugleich Schutz der Nutzerdaten wie in Taiwan. Japan kontrolliert bei Einreisen ins Land und legt vernünftige Regeln für die Quarantäne fest. Lokale Massentests in Vietnam, Koordination von Ministerien, Behörden und anderen Institutionen; Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Oder wie die Digitalministerin Audrey Tang Taiwans Prinzip der Virus-Bekämpfung zusammenfasst: «Fast, fair and fun» – schnell, fair und mit Humor.

Wie also können westliche Regierungen die Signale aus dem Osten ignorieren? Nun: Die «gelbe Gefahr» macht wohl manche auf beiden Augen blind. Einfacher ist es, sonntags im beigen Ledersessel bei Anne Will jegliche Argumente ignorant abzuwehren mit: China ist eben ein autoritäres Regime, das seine Bürgerinnen totalüberwacht. Doch Asien ist eben nicht nur China.

Die Ausstellung der «Spiegel»-Titelbilder in Shanghai wurde übrigens nie eröffnet.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die Kantone unterstützen sich neu mit den Impfungen gegenseitig. Einige Kantone hatten die Sorge, wegen der Lieferengpässe von Pfizer/Biontech das vom Bundesamt für Gesundheit empfohlene Impfschema nicht einhalten zu können. Die Dosen für die zweite Impfung waren knapp. Nun haben die Kantone einen Abtausch vereinbart. So soll garantiert werden können, dass bereits einmal Geimpfte in der nötigen Zeit ihre zweite Dosis erhalten, teilte die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen (GDK) mit. Die Planung der Impfungen liegt grundsätzlich in der Verantwortung der Kantone.

Wer in die Schweiz einreist, muss ein elektronisches Formular ausfüllen. Dies gilt ab dem kommenden Montag, 8. Februar – und zwar egal, aus welchem Land und auf welchem Weg (Flug, Schiff, Bahn, Auto etc.) die Einreise geschieht. Auf dem Landweg können Stichproben an der Grenze durchgeführt werden, so der Bund. Pendelnde Grenzgängerinnen sind von der Regelung ausgenommen. Mit der Erhebung soll das Contact-Tracing erleichtert werden.

Der Kanton Basel-Landschaft will ab nächster Woche Massentests für 50’000 Personen beginnen. Diese sollen im Rahmen des sogenannten «Case-Finding»-Programms bis Ende Juli wiederholt freiwillig auf das Virus getestet werden. Mit den systematischen Tests will der Kanton Infizierte ohne Symptome vor allem in Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Institutionen und Unternehmen ausfindig machen. In der Aufbauphase zeichnet der kantonale Krisenstab verantwortlich, der von einem wissenschaftlichen Beirat aus Mitgliedern der Hochschulen und der Teststation in Muttenz unterstützt wird. Kosten wird das Programm voraussichtlich rund 14 Millionen Franken.

Der russische Impfstoff Sputnik V hat eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Dies zeigten die in der Fachzeitschrift «The Lancet» publizierten Ergebnisse aus der Phase III der klinischen Studien. Der Impfstoff wird bereits in mehr als 15 Ländern eingesetzt, Russland will nun auch eine Zulassung in Europa anstreben. Die Zulassung in Russland erfolgte vor rund einem halben Jahr. Dies sorgte für internationale Kritik, da nicht alle Tests abgeschlossen waren. Die jetzigen Studienergebnisse geben diesbezüglich Entwarnung.

Und zum Schluss: Tu felix Austria?

Blicken wir mal nach Osten, zum ähnlichsten Nachbarn, den wir haben: Österreich. Das Land hat ungefähr gleich viele Bewohnerinnen wie wir, einen vergleichbaren Wohlstand – und eine ähnliche touristische und kulturelle Bedeutung der Alpenregion (so blieben in beiden Ländern diesen Winter die Skipisten offen). In den globalen Rankings der Städte mit der höchsten Lebensqualität wechseln sich Zürich und Wien regelmässig ab. Sogar die Farben der Landesflaggen sind mit Rot und Weiss gleich.

Nun hat Österreich die Aufhebung seines Lockdowns per 8. Februar angekündigt. Hierzulande bleiben die Massnahmen des Shutdowns vorläufig bis 28. Februar bestehen. (Die SVP fordert eine sofortige Aufhebung desselben – inklusive Öffnung der Restaurants.)

In der Schweiz haben sich bisher rund eine halbe Million Menschen mit dem Corona-Virus infiziert, in Österreich etwas weniger. Auch bei den Todesopfern hat der Nachbar rund 1000 Tote weniger zu beklagen.

Im Vergleich zur Schweiz hatte Österreich in den vergangenen Wochen einen härteren Lockdown. Nun öffnet das Land in einer Woche wieder – allerdings mit angezogener Handbremse. Wer zum Coiffeur will, braucht dafür einen frischen negativen Test. Und wo bisher die normale Maskenpflicht galt, gilt nun eine FFP2-Pflicht. Die Schulen öffnen mit einem strengen Konzept: Für Primarschülerinnen gibt es Präsenzunterricht, sie müssen jedoch zweimal die Woche in der Schule getestet werden. An den Mittelschulen gibt es Schicht- und Hybridbetrieb in aufgeteilten Klassen.

Zurück in die Schweiz: Morgen Mittwoch trifft sich der Bundesrat wieder für seine wöchentliche Sitzung. Ob er eine Öffnung oder weitergehende Massnahmen in Betracht zieht? Heute Dienstag gaben die Fachbereiche des Bundes eine Pressekonferenz. Bei den Fallzahlen sei ein eher schleppender Rückgang zu sehen, so Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Der Rückgang sei Anlass zu Optimismus – aber in neun Kantonen sei der Reproduktionswert wieder über 1 gestiegen. Auch nähmen die Fälle des mutierten Virus «immer noch rasant zu». Der Bund sei mit der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) in Kontakt, um ausloten zu können, «was in Schulen an Massnahmen möglich ist». Die Frage sei generell, ob die derzeitigen Massnahmen genügen würden, um die Entwicklung einzudämmen, so Mathys. Die Antwort darauf sei eine politische Entscheidung.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Sylke Gruhnwald und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Kennen Sie die Geschichte vom Neinhorn? Das ist ein kleines, herziges Einhorn – das einfach immer Nein sagt. Die Geschichte lässt sich im Bilderbuch des deutschen Autors Marc-Uwe Kling nachlesen. Und weil offenbar im Moment manche Kundschaft Gewerbetreibenden das Leben schwer macht und sich nicht an die Regeln halten will, hat ein unbekannter Tankstellenbesitzer kurzerhand das Neinhorn adoptiert – es hilft ihm nun bei der Beantwortung mühsamer Kundenfragen.

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