Aus der Redaktion

Neues Jahr, neuer Versuch. Was jetzt?

Der Winter – bald geschafft. Worauf sollen wir im weiteren Verlauf dieser Pandemie den Fokus legen? Ein Jahr Corona in der Republik. Wir ziehen Bilanz (IV/IV) und blicken nach vorn.

Von Ihrem Expeditionsteam, 01.02.2021

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Woran wir uns messen in dieser Bilanz, erfahren Sie in Teil 1: Der Beginn. In aller Kürze zusammen­gefasst: Haben wir Sie mit Brauchbarem zur Pandemie versorgt? Stellten wir die richtigen Fragen, um die Politik verantwortlich zu halten? Wie spielte die Wechsel­wirkung zwischen Ihnen und der Redaktion?

In Teil 2 haben wir auf einen entspannten Sommer zurückgeblickt und uns gefragt: Hat sich die Republik von der allgemeinen Lockerungs­euphorie mitreissen lassen? Haben wir früh genug erkannt, was da auf uns zurollt?

Und in Teil 3 erfahren Sie, warum wir auch nach dem ersten Covid-Fall im Team noch nicht sofort zurück in den Krisen­modus schalteten. Was uns dazu bewogen hat, den Covid-Newsletter wieder aufzustarten. Und wie sich das teilweise eklatante Versagen der Behörden in der Republik niederschlug.

Genau vor einem Jahr erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das neue Coronavirus zur «gesundheitlichen Notlage internationaler Tragweite» – die höchste offizielle Alarmstufe in der Nomen­klatur der WHO. Kurz zuvor, im Januar 2020, war die chinesische Stadt Wuhan in den Lockdown gegangen.

Damit befinden wir uns nun also hochoffiziell im Jahr zwei der Pandemie.

Hier, wie wir das erste abgeschlossen haben:

Januar 2021: Die Impfung ist da! (Mutationen auch.)

«Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels. Aber es wird immer klarer, dass der Tunnel noch verdammt lang ist», sagt der Epidemiologe Marcel Salathé. Das neue Jahr bringt Licht und Schatten. Einerseits wird im Verlauf des Monats immer klarer, dass die befürchtete Explosion der Fallzahlen über die Feiertage ausgeblieben ist. Andererseits wird immer deutlicher, dass nun ein Wettrennen mit ungewissem Ausgang beginnt: Können Shutdown und Impfkampagne verhindern, dass mutierte und deutlich ansteckendere Viren das Gesundheits­system erneut an den Rand des Zusammen­bruchs bringen?

Wieso ist Verschwörungs­glaube in der Covid-Pandemie plötzlich allgegenwärtig? Matthieu Bourel
«Die Impfung ist da! Sie haben noch Fragen?» Golden Cosmos

Den Ton setzt unsere Serie «Eyes Wide Shut» über Verschwörungsglauben:

«Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – und gleichzeitig alles ungeprüft aufsaugen, was Youtube serviert: ‹flat earth›, Chemtrails, Hohlerde, Kinderblut trinkende Eliten und Bill Gates, der uns Chips implantieren will.»
«Eyes Wide Shut – die Augen weit geschlossen», 05.01.2021

Unser Ziel: Weiter daran arbeiten, zu differenzieren. Gefährlichen Unfug von brauchbarer Information zu trennen. Und wieder genauer hinschauen, als dies zwischen den Jahren möglich war. Auch beim nächsten grossen Ding, über das viel Falsches herum­geistert und zu dem viele berechtigte Fragen offen sind:

«Umso wichtiger ist es, dass Sie und wir all unsere Fragen und Unsicherheiten zu den Impfungen klären können. Ohne Vertrauen wird das nämlich nichts.»
«Die Impfung ist da. Sie haben noch Fragen? Die hatten wir auch», 26.01.2021

Zum vierten Mal in dieser Pandemie vergraben wir uns in Fachartikeln und reden mit den einschlägigen Expertinnen. Von den Fragen zur Impfung wollen wir so viele wie möglich beantworten – und dies so ausführlich und so differenziert wie nötig. Verändern diese Impfungen meine DNA? (Nein.) Sollten sich Schwangere impfen lassen? (Kompliziert.) Gibt es schwere Neben­wirkungen? (Ja, aber selten. Langfristig wissen wirs noch nicht.)

Das Echo ist mehrheitlich positiv. Manche stören sich an der Expertenwahl:

«Wenn Sie sieben Metzger­meistern Fragen über eine eventuelle Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit durch Fleisch­konsum stellen, werden die Antworten in einen relativ eng gefächerten Konsens münden.»
Aus dem Dialog

Wir halten uns bei Expertinnen weiter an unsere Leitlinie. Und entgegnen: «Wenn Sie von uns erwarten, dass wir ein Panorama von möglichen Haltungen zu einem Thema darstellen – nein, das machen wir nicht. Die journalistische Methode hinter diesem Beitrag (bzw. dieser Redaktion) ist es nicht, kritische und andere Stimmen zum Zuge kommen zu lassen, es geht uns um eine möglichst genaue Annäherung an das, was wahr ist.»

Seit dem Herbst ist unser redaktions­internes Mantra: Der Winter wird hart, aber im Frühling ist das Schlimmste hoffentlich vorbei. Wichtigster Beitrag im neuen Jahr: Wir beginnen psychische Folgen stärker in den Blick zu nehmen und ein Thema aufzugreifen, das viele von uns spüren: Einsamkeit.

Kritik äussern wir mit Blick auf weitere komplexe und langfristige Probleme wie die Klimakrise an der Lernfähigkeit der westlichen Gesellschaften. Doch wir erinnern gleichzeitig daran: Es ist einfach, in diesen Tagen auf «die Politik» zu schimpfen – und leider gut begründet. Trotzdem: Den Kampf gegen die Pandemie gewinnen oder verlieren in einer Demokratie nicht einzelne Teile der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft als ganze.

Fazit: Wir korrigieren, dass wir die psychischen Pandemie­folgen bisher zu wenig berücksichtigt haben. Zu den Gefahren von Verschwörungs­glauben – ein schwieriges Thema mit viel Gegenwind und Kritik von Ihnen – konnten wir einen Schwerpunkt setzen und konkrete Tipps im Umgang mit diesem Verschwörungs­glauben im persönlichen Umfeld weitergeben. Beim Thema «Schulen schliessen – ja oder nein?» haben wir nie die nötigen Grund­lagen erarbeitet, das rächte sich jetzt. Doch wir sind lernfähig und erarbeiten uns diese Grundlagen nach dem Impf-Erklärstück.

Zum Schluss: Was, wenn wir falsch liegen? Im Rückblick ziehen sich einige fundamentale Annahmen durch unsere Bericht­erstattung. Die zentralste ist die: Sars-CoV-2 lässt sich mit der Impfung schlagen. Und sobald genügend Menschen geimpft sind, kehren wir schrittweise zurück zur Normalität. In diesen Tagen und Wochen häufen sich allerdings schlechte Nachrichten.

  • Alle drei Herstellerinnen der Impfungen, welche die Schweiz bestellt hat, kämpfen mit Lieferproblemen.

  • Das Virus ist grundsätzlich in der Lage, sich an die Impfstoffe anzupassen.

  • Reiche Länder horten die Impfstoffe, ein Grossteil der Welt­bevölkerung wird 2021 keine Impfung bekommen.

Was, wenn das Virus weitere böse Überraschungen für uns bereithält? Was, wenn Nationalismus, Egoismus, Frust und Skepsis überhand­nehmen? Sars-CoV-2 hat bis jetzt jede menschliche Schwäche schonungslos ausgenutzt.

Was also, wenn das alles noch viel länger gehen wird als gedacht?


Welches Fazit ziehen Sie? Was müssen wir tun, damit die Republik auch im zweiten Jahr der Pandemie eine brauchbare Begleiterin ist für Sie? Wie lange sollten wir den Covid-19-Uhr-Newsletter weiterführen? In welche Fallen nicht tappen? Woran werden Sie uns messen? Hier gehts zur Debatte.

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