Aus der Redaktion

Ein Jahr Corona in der Republik – wo irrten wir, wo lagen wir richtig?

Krisen wie eine Pandemie sind eine Heraus­forderung für den Journalismus. Wir ziehen Bilanz (I/IV): Wie alles begann.

Von Ihrem Expeditionsteam, 28.01.2021

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Vor genau einem Jahr tauchte Sars-CoV-2 erstmals in der Republik auf: Das Nachrichtenbriefing berichtete über ein neuartiges Coronavirus in China.

Bald darauf wurde uns in der Redaktion klar: Am Umgang mit dieser Krise der öffentlichen Gesundheit wird der Journalismus der Republik wie auch der aller anderen Medien­titel zumindest im Jahr 2020 gemessen werden.

(Dass dies auch noch mindestens 2021 so sein wird, ahnten wir noch nicht.)

Also überlegten wir uns, was wir in dieser Krise leisten können und wollen. Und legten zwei Grund­sätze für unsere Publizistik fest, die bis heute gelten:

  • Was unterscheidet die Republik von kursierendem Unfug im Internet und klickgetriebenem Journalismus? Recherchen, die nicht auf schnelle Aufregung und Empörung aus sind, sondern grund­sätzliche Probleme, Entwicklungen und mögliche Lösungen aufzeigen. Die Orientierung am wissenschaftlichen Konsens ohne unnötige Kontroversen. Präzision bis in Details, die Erwähnung von Unsicherheiten. Also gaben wir uns Leitlinien.

Nun, nach genau einem Jahr Corona in der Republik ist ein guter Zeitpunkt, um selbst­kritisch zu fragen: Haben wir die Grundsätze eingehalten? Waren dies die richtigen Leitplanken? Und wo irrten wir uns, wo lagen wir richtig?

Woran wir uns messen

Der Blick zurück gibt auch einen guten Überblick über den Verlauf dieser Pandemie: Vor welchen Fragen und Heraus­forderungen standen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu welchem Zeitpunkt? Wann wurden welche Entscheidungen getroffen? Wie sind wir dahin geraten, wo wir jetzt sind?

Und ja: Der Blick zurück ist auch eine Antwort auf die Aussage von Politik und Behörden, man habe ja alles nicht wissen können, man sei überrascht worden. Auch deshalb ist die Über­prüfung der Publizistik am Beispiel der Corona-Pandemie wichtig. Denn Journalismus hat im Kern zwei Aufgaben:

  1. Ihnen möglichst brauchbare Informationen und eine Übersicht zu liefern, damit Sie die richtigen Entscheidungen für Ihr persönliches Leben und für Sie als Bürgerin treffen können.

  2. Entscheidungsträger accountable zu halten, also rechenschafts­pflichtig. Und jenen besonders gut zuzuhören, die keine Macht haben.

Ist uns das gelungen? Daran, und nur daran, wollen wir uns messen lassen.

Bei einem leserfinanzierten, einzig auf Leserinnen ausgerichteten Medium ohne Werbung wie der Republik kommt dabei allerdings noch eine weitere entscheidende Ebene ins Spiel: Sie.

Wir wollen Ihnen zuhören, Ihre Kritik und Ihre Inputs ernst nehmen und Ihnen trotzdem keinesfalls nach dem Mund schreiben, auch wenn wir einzig von Ihnen, unserer Verlegerschaft, abhängig sind. Das ist ein Spagat.

Und eine zusätzliche Messlatte.


Hier gelangen Sie zu den einzelnen Kapiteln:


März 2020: Das neuartige Virus ist da, das Wissen darüber noch klein. Und die allgemeine Notlage wird ausgerufen

Das Virus überrumpelte uns, aber wir waren gerade noch rechtzeitig bereit. Unsere Daten- und Wissenschafts­journalistinnen hatten sich einen ersten Überblick verschafft, um die wichtigsten Fragen zu klären: Wie gefährlich ist das Ding? Was tun gegen Panik? Wie geht die Wissenschaft damit um, dass Politik und Gesellschaft schnelle Antworten wollen, die es noch nicht gibt?

Wie gefährlich ist das Ding? Martin Fengel
Wie Fast Science funktioniert – und die Schattenseiten. Offshore Studio

Den Ton in dieser Phase setzt der Newsletter. Seine Grussformel wird auch redaktionelle Leitlinie: «Bleiben wir umsichtig, freundlich und gesund.» Mit dem Timing haben wir Glück: Der Newsletter startet ab dem Shutdown.

«Wir wissen auch nicht mehr als alle anderen. Aber wir versprechen, dass wir alles daransetzen, mehr über das Virus und die Pandemie zu lernen.»
Erster Covid-19-Uhr-Newsletter, 16.03.2020: «Gemeinsam einsam»

Als Redaktion folgten wir in dieser Notlage der Verantwortungsethik: Was muss vermittelt werden, damit der Ernst der Lage erkannt wird und keine Panik ausbricht? Das ist ungewöhnlich, weil Journalismus sonst eher der Pflichtethik folgt: Was muss aufgedeckt, kritisiert, heraus­gefordert werden?

Unser Ziel: Die grosse Unsicherheit mit dem besten Gegen­mittel bekämpfen – nüchterne Fakten und Antworten auf die wichtigsten Fragen. Das klappte so gut, dass die Fluggesellschaft Swiss den wichtigsten Republik-Beitrag in dieser ersten Phase an ihre verunsicherten Crews verteilte: «Das Coronavirus geht um. Sollten Sie Angst haben? Und wenn ja: Was dann?»

Wir kommen darin zur Einschätzung: ja, das Ding ist gefährlich.

Darauf baut erste Kritik auf. Im «Briefing aus Bern» bereits Ende Februar an der Einschätzung der Schweizer Behörden, das Risiko für die Bevölkerung sei «moderat» und «die Gefährlichkeit etwa so hoch wie bei einer saisonalen Grippe». Entsprechend kommentieren wir den Shutdown: «Die Regierung hat sich Zeit gelassen – jetzt hat sie die nötigen Massnahmen angeordnet.»

Die wichtigste Kritik nimmt Risiken und Neben­wirkungen einer Krise der öffentlichen Gesundheit in den Blick, wenn politisches Handeln nur noch im Dienst des nackten biologischen Lebens steht: «Wir müssen einer liberalen Auffassung verpflichtet bleiben, was es bedeutet, Leben zu schützen.»

«Wir sind erwacht in einer Welt der Zwangs­massnahmen und der Ausgangs­sperren. Wie werden wir die Notwendigkeit rechtfertigen, die Gesundheit der Bevölkerung als höchstes Gut zu verteidigen?»
«Die Biomacht», 21.03.2020

Im Dialog mit Ihnen machten wir mit der Recherche zum überforderten Bundesamt für Gesundheit die interessante Erfahrung, dass – zumindest in dieser ersten Phase – Kritik an den Behörden bei vielen nicht gut ankam. Wir kritisierten, dass verkrustete Strukturen, fehlende digitale Infra­struktur und bürokratische Hürden eine effektive Eindämmung der Pandemie erschweren. Ein Problem, das sich bis heute wie ein endloser Faden durch die Krise zieht.

Sie waren zahlreich anderer Meinung. Ein Beispiel für den Tenor im Dialog: «Der Artikel kommt zum falschen Zeitpunkt. Jeder, der schon mal eine Krise zu bewältigen hatte, weiss, eine ‹generelle› Kritik (…) gehört ins Debriefing.»

Fazit: Wir würden auch rückblickend so handeln. Alles, nur nicht verwirren. Grundlage erarbeiten, Haltung entwickeln, kritische Perspektive einnehmen.

April 2020: Nach dem ersten Schreck kommen Fragen: War das nötig? Darf unsere Freiheit so eingeschränkt werden?

Auch erfahrene Journalistinnen in der Redaktion hatten so etwas noch nie erlebt: Während der ersten Wochen des Shutdowns ruhte der politische und gesellschaftliche Schlag­abtausch. Die Notlage ist weitherum unbestritten.

Eher muss jetzt gegengesteuert werden: Der allgemeine Ruf nach Härte führt zu Othering und Denunziantentum. Doch kaum ist die gröbste Notlage vorbei, wird Kritik an den angeblich überzogenen Massnahmen laut. Auch geht die Furcht vor einem Schaden für Demokratie und Rechtsstaat um.

«Die Krankheit der anderen». bpk/DeA Picture Library/Biblioteca Ambrosiana
Wie verhältnismässig ist der Shutdown? Antoine d’Agata/Magnum Photos/Keystone

Den Ton setzt in dieser Phase auch wieder der Covid-19-Uhr-Newsletter: «Wir wissen noch kaum etwas über dieses Coronavirus mit absoluter Sicherheit. Seien Sie also vorsichtig.»

Die Redaktion richtet sich wieder stärker nach der Pflichtethik: Wir hinter­fragen die Selbstentmachtung des Parlaments und die damit verbundene Macht­fülle der Regierungen, die sich im allgemeinen Ruf nach Härte in «Anti-Parlamentarismus» auswachsen kann, beleuchten die Verhältnis­mässigkeit des Shutdowns und einzelner Massnahmen.

Und wir positionieren uns in der (falsch gestellten) Frage, die im Shutdown die öffentliche Debatte dominiert:

Wirtschaft versus Gesundheit?

Unsere Antwort: Politik!

«Das Fundament ist ein Staat, der seine Bürgerinnen ernst nimmt und ernst nehmen muss – erst dann kommt der wirtschaftliche Erfolg.»
«Gesellschaft mit verschränkter Haftung», 01.04.2020

Es ist der wichtigste Republik-Beitrag in dieser Phase der Pandemie. Damit justieren wir unsere weitere Publizistik: grund­sätzlicher Optimismus, dass die Schweiz die Krise mit Gemein­sinn schaffen kann; Fokus auf politische accountability: «Die Aufgabe hat gerade erst begonnen. Die Corona-Krise wird zeigen, wo die Bürger möglicher­weise noch viel, viel stärker bocken sollten.»

Unser Ziel: Genauer hinschauen. «Waren Sie auch überrascht, wie schnell in der Schweiz von fehlenden Reserven und mangelnden Kapazitäten die Rede war?», fragen wir im «Briefing aus Bern» über schwere Versäumnisse bei der Pandemie-Vorsorge. Auch an prekäre Ränder der Gesellschaft blicken: «Diese Einschränkungen treffen alle. Aber manche mehr als alle». Erklären, wie sich exponentielles Wachstum in einer Pandemie auf die Intensivpflege auswirkt.

Fragen stellen: Wer darf leben, wenn nicht alle leben können? Wie ist es, wenn Ärztinnen aus Kapazitäts­gründen über Leben und Tod entscheiden?

Und nicht zuletzt: Ihnen sinnvolle Zerstreuung und gute Ablenkung bieten. Dazu laden wir Schriftsteller ein, die ausserordentliche Lage zu reflektieren.

Auch die Kritik setzt in dieser Phase bei den politischen Versäumnissen an: Wieso ist dieser Shutdown nötig geworden? «Die Schweiz, gewappnet gegen alles – aber nicht gegen Pandemien.» (Warum Corona die helvetische Identität bis ins Mark trifft, vertiefen wir später in einer Analyse: «Die falsche Katastrophe».)

Im Dialog fragen wir erstmals konkret: Wie zufrieden sind Sie mit uns? In der Debatte kann es einigen in der Leserschaft jetzt gar nicht mehr genug Kritik geben an den Behörden und dem als unnötig erachteten Shutdown.

Andererseits: Der Watchblog zu den eingeschränkten Grund­rechten wird als zu kritisch und den Behörden gegenüber als unnötig misstrauisch kritisiert.

Ein Beispiel für den allgemeinen Tenor im Dialog: «Kaum jemand geht davon aus, dass diese Massnahmen nicht wieder aufgehoben werden, wenn die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist. Also wo zum Teufel ist das Problem?»

Fazit: Die Polarisierung erfasst auch die Republik-Leserschaft. Wir geraten ins Kreuzfeuer. Und halten Kurs: Wir stellen die pandemische Ausbreitung von Sars-CoV-2 nicht infrage und beurteilen es als richtig, dass im Zweifel Massnahmen gewählt werden, die das Risiko überlasteter Gesundheits­systeme minimieren. Gleichzeitig verteidigen wir die Kritik an der pausierten Demokratie und den Watchblog: «Wir sind der festen Überzeugung, dass es auch (wenn nicht gar speziell) in Krisen­zeiten zu den Kernaufgaben der Vierten Gewalt gehört, der Regierung genau auf die Finger zu schauen.»

Zur Maskenfrage: Wie brauchbar waren wir?

Die heftigste Debatte entzündet sich in dieser Phase an der Frage: Masken – ja oder nein? Auch bei uns in der Redaktion. Selbst­kritisch müssen wir festhalten: Wir unter­schätzten zuerst den generellen Nutzen von Masken und – wie die Wissenschaft auch – die Übertragung via Aerosole. «Bei einer Analyse von mehr als 75’000 Covid-19-Fällen in China liess sich keine Übertragung über sogenannte Aerosole nachweisen», schrieben wir Ende März. Auch deshalb ringen wir uns (trotz Hinweisen auf Unstimmigkeiten bei den Behörden) nur zu vorsichtiger Kritik an der fehlenden Maskenpflicht in der Schweiz durch. Und empfahlen Ihnen – nicht zuletzt, um die Maskenknappheit nicht zu verschärfen – einen pragmatischen Umgang. Wir geben Basteltipps für Selfmade-Masken und teilen den Tipp einer Forscherin mit Ihnen: «Stellen Sie sich vor, dass alle Menschen, die Sie beim Spazieren oder Einkaufen treffen, rauchen würden. Und bewegen Sie sich so, dass Sie dem Rauch ausweichen.» Mitte Mai stellen wir uns in einem Wochen­kommentar erstmals klar auf die Seite der Masken­pflicht: «Wir werden zu den Schweden Zentraleuropas. Auch bei den skandinavischen Durchseuchungs­pionieren werden Masken nicht getragen.» Was gleich die nächste grosse Debatte eröffnet: Macht Schweden ohne Shutdown alles besser? (Dazu mehr im zweiten Teil dieser Bilanz.) Es sollte bis Anfang Juni dauern, bis sich die WHO klar für das Maskentragen aussprach. Da hatten sie viele Länder längst empfohlen und andere sogar schon befohlen. Später wird sich zeigen, dass sich die Schweizer Behörden in der Masken­frage tatsächlich davon leiten liessen, dass zunächst nicht genügend Masken zur Verfügung standen. Als im Juli die Maskenpflicht eingeführt wird, spiegeln wir mit Expertinnen, warum sich eine Gesellschaft erst auf Druck ändert und wieso die Eigenverantwortung nicht funktioniert. Damit war zwar die Diskussion geklärt, ob die Masken gegen grosse Husten­tropfen nützen. Aber bis auch die Gefahr von Aerosolen – also den Tröpfchen, die so klein sind, dass sie in der Luft schweben bleiben – richtig erkannt war, sollten nochmals Monate vergehen. Erst tief im Herbst – nach deutlicher Kritik von Forscherinnen – begannen die Behörden, diesen Übertragungsweg wirklich ernst zu nehmen und das Lüften von Räumen ausdrücklich zu empfehlen. Wir waren nicht schneller: Der erste Covid-Newsletter, der sich allein mit Aerosolen beschäftigte, erschien im November.

Welches Fazit ziehen Sie? Wie gut oder schlecht fühlten Sie sich in der ersten Phase der Pandemie während des Shutdowns bei der Republik aufgehoben? Was hätten wir besser machen können? Hier gehts zur Debatte.

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