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Im Heuhaufen der Nadel

26.01.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Fast 200’000 Menschen in der Schweiz haben inzwischen eine Impfdosis gegen das Virus erhalten, das uns in diese Pandemie gestürzt hat. Deutlich höher als die nationale Rate der Impfungen ist die der Fragen: Täglich erreichen uns Mails von Leserinnen, die mehr Informationen wünschen. Wir alle kennen Menschen, die den Impfungen kritisch begegnen. Manchmal aus Überzeugung. Viel häufiger aus Unsicherheit. Auch für uns ist es ein komplexes Thema, und die Übersicht fällt nicht immer leicht.

Die Republik-Reporterinnen Ronja Beck und Marie-José Kolly sind die vergangenen Wochen in die Vollen gegangen. Das Ziel: ein Gegenmittel gegen die drängendsten Fragen entwickeln. Sie haben verschiedene Experten zu ihren Fachgebieten ausgefragt, sie haben wissenschaftliche Publikationen analysiert, Dokumente durchsucht und Artikel gewälzt. Entstanden ist ein erklärender Beitrag, der den derzeitigen Wissensstand aufzeigt.

Sie sind unsicher, weil die Impfstoffe so schnell entwickelt wurden? Der Beitrag zeigt auf, wie die Forscherinnen so schnell sein konnten. Und warum Sie das nachts nicht wach halten muss.

Sie fragen sich, ob die Schweiz genügend Impfstoff bestellt hat? In der Theorie schon. Doch in dieser Theorie wird der Impfstoff von Astra Zeneca zugelassen. Aber was, wenn das nicht passiert? Wir haben die Antworten gesucht.

Sie fürchten, dass die Mutationen die Impfstoffe wirkungslos machen? Wir auch. Die mutierten Viren können zu einem massiven Problem werden. Unser Stück zeigt Ihnen, wieso Sie trotzdem hoffnungsvoll sein dürfen.

Die Kolleginnen Beck und Kolly haben dafür mit dem Immunologen Daniel Speiser, der Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft, dem Epidemiologen Marcel Salathé, dem Medizinhistoriker Flurin Condrau, dem Public-Health-Experten Marcel Tanner, mit Christoph Berger von der Eidgenössischen Kommission für Impffragen und mit Claus Bolte von der Heilmittelbehörde Swissmedic gesprochen. So nähern wir uns möglichst umfassend und aus verschiedenen Perspektiven dem grossen Thema Impfungen an.

Sie wollen es genauer, und Sie wollen mehr? Hier gehts zum Explainer. Wir hoffen, dieser liefert Ihnen etwas mehr Licht ins Dunkel.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die britische Virusmutation breitet sich rasch in der Schweiz aus. Die Taskforce kann die aktuelle Lage schwer beurteilen. Dies sagte der Chef der wissenschaftlichen Taskforce, Martin Ackermann, heute Dienstag an einer Medienkonferenz in Bern. Es sei erfreulich, dass die Fallzahlen über die Feiertage gesunken seien. Dennoch dürfte im März die britische Variante des Virus in der Schweiz etwa die Hälfte aller Infektionen ausmachen, so Ackermann. Es lasse sich kaum mehr verhindern, dass B117 die dominierende Virusvariante in der Schweiz werde.

90 Personen in Berner Asylzentrum in Quarantäne. Im kantonalen Rückkehrzentrum in Aarwangen wurden Mitte Januar mehrere Ansteckungen nachgewiesen, in den Folgetagen habe die Anzahl weiter zugenommen, so die Behörden des Kantons Bern. Nun wurde die gesamte Unterkunft unter Quarantäne gestellt. Untergebrachte Personen dürfen die Unterkunft nicht mehr verlassen. Auch der interne Kindergarten und die interne Schule seien geschlossen, teilen die Behörden mit.

Lieferschwierigkeiten in Europa. Nachdem die Impfstoff-Hersteller Astra Zeneca und Pfizer/Biontech von Lieferschwierigkeiten aufgrund von Produktionsproblemen berichtet hatten, hat die Europäische Union die Firmen verwarnt. Die EU könne aussereuropäische Exporte von Impfstoffen, die in der EU produziert werden, einschränken. Was das für die Schweiz bedeute, könne sie noch nicht sagen, so Nora Kronig, Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Die Schweiz hat den Impfstoff von Pfizer/Biontech bereits zugelassen, denjenigen von Astra Zeneca noch nicht, jedoch bereits vorbestellt.

In den Niederlanden kam es in der dritten Nacht in Folge zu schweren Ausschreitungen. In mehr als 20 niederländischen Städten ist es bei Protesten gegen die Corona-Ausgangssperre zu Krawallen gekommen. Es wurden Feuer gelegt, Geschäfte geplündert und Autos angezündet. Ebenfalls versuchten Randaliererinnen, in Krankenhäuser einzubrechen. Ein Testzentrum wurde in Brand gesetzt. Bei den Krawallen sollen auch Corona-Leugner, Fussball-Hooligans und Neonazis beteiligt sein. Rund 150 Personen wurden festgenommen.

Und zum Schluss: Maybe Baby?

Sie sind schwanger und möchten sich impfen lassen? Für Schwangere ist die Covid-19-Impfung in der Schweiz bisher weder zugelassen, noch wird sie generell empfohlen (eine neue Ausnahme betrifft schwangere Frauen mit Vorerkrankungen, zu denen wir gleich kommen werden). Der Grund hierfür ist einfach: Schwangere Frauen wurden, wie bei Untersuchungen zu vielen anderen Arzneimitteln, nicht in die klinischen Studien zu Impfstoffen mit eingeschlossen. Künftige Studien mit schwangeren Probandinnen sind geplant.

Während einer Schwangerschaft sind Sie anfälliger für schwere Coronavirus-Infektionen als gleich alte nicht schwangere Personen, was sich auch in den (spärlichen) Daten zu Krankheitsverläufen bei Schwangeren widerspiegelt. Denn Ihr Immunsystem verändert sich durch die Schwangerschaft (sonst würde es den Embryo als körperfremd wahrnehmen und loswerden wollen). Und zudem belastet die Schwangerschaft Ihre Lunge und Ihr Herz-Kreislauf-System. Obwohl Sie das Coronavirus also stärker gefährdet als gleichaltrige, nicht schwangere Personen, empfiehlt die Kommission für Impffragen eine Impfung für Schwangere aufgrund fehlender Daten «generell (noch) nicht».

Sind Sie schwanger und haben eine chronische Erkrankung? In diesem Fall empfahlen die Schweizer Behörden bisher eine «sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung durch die betreuende Fachärztin», neu aber explizit eine Impfung – ebenfalls nach Besprechung der Vor- und Nachteile mit Ihrer Gynäkologin. Damit gehören Sie auch zu den besonders gefährdeten Personen, die prioritär geimpft werden können, wenn sie das möchten.

Verschiedene Länder gehen mit der Frage unterschiedlich um: In Grossbritannien empfiehlt man die Impfung Schwangeren noch nicht. Die amerikanischen Behörden empfehlen zwar eine ärztliche Beratung, überlassen die Entscheidung aber der schwangeren Frau. Und in Israel stehen Schwangere sogar auf der Liste der Personen, die prioritären Zugang zur Impfung erhalten – unabhängig von der Frage nach Vorerkrankungen.

Bisherige Daten aus Tierversuchen zeigten keine Auswirkungen der Impfung auf Fruchtbarkeit, Schwangerschaft oder Embryo. Und auch die Expertise und Erfahrung von Spezialisten gibt keinen Anlass zur Sorge, was Impfungen während der Schwangerschaft angeht. Dennoch müssen wir für sichere Aussagen die Daten aus klinischen Studien abwarten.

Während der Stillzeit sind die Impfstoffe zugelassen: Es sei unwahrscheinlich, dass die Impfung einer stillenden Mutter ein Risiko für ihr Kind darstelle, schreibt die Eidgenössische Kommission für Impffragen in ihrer «Impfempfehlung für mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19». Auch hierzu gibt es aber noch keine klinischen Daten. Wenden Sie sich bei Unsicherheiten an Ihre Gynäkologin oder Ihren Hausarzt.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Ronja Beck, Marie-José Kolly und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Kennen Sie The Flaming Lips? Unser Republik-Kollege Philipp Albrecht findet die Formation «eine der grossartigsten Bands der Welt». Die Rockband, die für ihre Experimentierfreudigkeit und musikalische Vielfalt bekannt ist, spielte im US-Bundesstaat Oklahoma – wo sie auch herkommt – jüngst eine Reihe von Konzerten: ganz coronafreundlich. Und zwar befanden sich sowohl die Band als auch ihr Publikum in jeweils eigenen Blasen. Bis zu drei Personen durften sich in einer Blase aufhalten – und ein Lautsprecher, Wasser, ein Handtuch, ein Ventilator und ein «Muss Pipi»-Schild. So bouncy war ein Stagedive noch selten – und eine gute Erinnerung daran, dass seltsame Zeiten manchmal etwas Improvisation brauchen. Hier sehen Sie das ganze lustige Video.

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