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25.01.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Wo ist es denn bloss?! Manche Menschen mussten erst mal eine Runde in Kommodenschubladen und Dokumentenablagen nach dem Impfbüchlein wühlen, als die Kampagne für die Covid-19-Impfung in der Schweiz vor einigen Wochen startete. Für all jene, die gerne mal Papierkram verlegen, könnte der sogenannte digitale Impfausweis bald grosse Bedeutung erhalten. Leider ist jedoch das Portal des Bundes, Meineimpfungen.ch, veraltet und enthält einige heikle Schwachstellen, wenn es um den Datenschutz geht. Dies zeigt eine Recherche von Republik-Kollegin und Tech-Journalistin Adrienne Fichter zusammen mit IT-Experte Patrick Seemann auf.

Bisher fristete die Plattform ein eher kümmerliches Dasein. Gross beworben wurde der freiwillige Impfausweis, abgesehen von Broschüren in Arztpraxen, nicht. Vor vier Jahren waren gerade mal etwas mehr als 100’000 Nutzerinnen verzeichnet. Doch seit dem vergangenen Sommer haben sich immer mehr Menschen angemeldet. Kein Wunder, ein digitaler Impfpass kann praktisch sein: beispielsweise beim Reisen in andere Länder.

Doch leider ist das Websitedesign ein bisschen veraltet. Auch die Benutzerführung ist kompliziert und vor allem auf Fachpersonen aus dem Gesundheitsbereich ausgerichtet. Wer als normaler Bürger nur mal schnell den Impfausweis digitalisieren will, wird mit den medizinischen Fachbegriffen schnell überfordert sein.

Kritischer verhält es sich mit der Betreiberin der Plattform. Dies ist zwar seit 2015 keine Firma mehr, sondern eine Stiftung. Einsitz darin haben Vertreter des Ärzteverbands FMH, des Verbands Pharmasuisse und auch des IT-Unternehmens Arpage, das die Plattform nicht nur entwickelt hat, sondern auch die Datenbank dazu betreibt. Der CEO der IT-Firma ist auch gleich Stiftungsrats. Die Impfdatenbank liegt also in den Händen von Privaten.

Auch beim Datenschutz haperts. Die Kolleginnen Fichter und Seemann haben einige Schwachstellen identifiziert, die nach Publikation des Artikels von Meineimpfungen.ch verbessert wurden. Die Software selber ist nicht quelloffen, sie lässt sich also nicht einsehen und auf Schwachstellen prüfen. Da es weder eine Offenlegungspflicht noch eine Meldepflicht für allfällige Hacker­angriffe gibt, muss man sich in Sachen IT-Security auf die Aussagen der Stiftung verlassen. Immerhin: Seit der Anfrage der Republik wurde die Datenschutzerklärung um einige Punkte angepasst.

Beim digitalen Impfausweis gibt es also in der Schweiz aus verschiedenen Gründen noch Luft nach oben. (Mehr dazu lesen Sie im ganzen Beitrag.)

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die intensivmedizinische Lage in der Schweiz ist etwas besser geworden. Das schreibt die Gesellschaft für Intensivmedizin SGI. Zwar bleibe die Lage angespannt, aber es gebe aktuell eine leichte Entlastung der schweizweit verfügbaren intensivmedizinischen Kapazitäten festzustellen. Auf den Intensivstationen würden derzeit mehr Patientinnen ohne als mit Covid-19 behandelt. Es sei wichtig, die Schutzmassnahmen weiter strikt einzuhalten, die Kontakte einzuschränken und sich testen zu lassen, so die SIG.

Das Parlament wird für die Frühjahrssession strengere Schutzmassnahmen haben. Die Verwaltungsdelegation der Bundesversammlung traf sich zu einer Besprechung mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Berner Kantonsärztin. Parlamentarierinnen können keine Gäste mehr mit ins Bundeshaus nehmen. Zudem sollen Räte, die zu Risikogruppen gehören, die Impfung erhalten. Die Videoteilnahme soll ebenfalls ermöglicht werden.

Merck stellt die Entwicklung seiner zwei Covid-19-Impfstoffe ein. Die experimentellen Impfstoffe seien zwar sicher gewesen, aber nicht sehr wirksam, so die Pharmafirma. Der Grund dafür ist noch unklar. Merck werde die Studienergebnisse bei einer medizinischen Fachzeitschrift einreichen und sich auf die Entwicklung von Covid-19-Medikamenten fokussieren.

Auffrischungsimpfung von Moderna für mutiertes Virus. Der Impfstoff scheine auch gegen die beiden ansteckenderen Varianten aus Grossbritannien und Südafrika zu wirken, teilte der Hersteller mit. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass der Impfstoff gegen die südafrikanische Variante weniger effektiv sein könnte. Moderna arbeite deshalb an einer Auffrischungsimpfung.

Und zum Schluss: Der Ungleichmacher

Jedes Jahr pünktlich zum World Economic Form (WEF) legt die internationale Hilfsorganisation Oxfam ihren Bericht zur sozialen Ungleichheit vor – sozusagen als Kontrapunkt zum grossen Stelldichein der globalen Wirtschaftselite. Die trifft sich zwar dieses Mal pandemiebedingt erst im Mai (und zwar in Singapur, wo das Pandemiemanagement erfolgreicher war als in der Schweiz). Oxfam aber hat pünktlich zum heutigen Start des virtuellen WEF wieder geliefert.

Diese Nachrichten lesen Sie am besten, wenn Sie Milliardär sind – dann sind sie nämlich am erbaulichsten.

«Als Folge der Corona-Pandemie», schreibt Oxfam in der deutschen Zusammenfassung seiner Studie, «droht die Ungleichheit erstmals in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig anzusteigen.» War die Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und dem Süden, aber auch innerhalb der einzelnen Gesellschaften, schon vor der Pandemie dramatisch, habe die Krise die Unterschiede noch einmal in Rekordzeit verschärft: Unterschiede zwischen Arm und Reich, aber auch in puncto race und gender: Arme, Frauen und People of Colour sind laut der Studie von den negativen Folgen der Pandemie deutlich stärker betroffen.

Ein paar Zahlen aus dem Bericht:

  • Unter den Ärmsten habe die Corona-Krise im globalen Süden eine Hungerkrise ausgelöst, die bis Ende 2020 täglich 6000 Menschen das Leben kostete.

  • Das Vermögen der zehn reichsten Männer der Welt sei seit Februar 2019 trotz Pandemie um rund eine halbe Billion (eine Zahl mit 12 Nullen) US-Dollar gestiegen. Dieser Gewinn, schreiben die Autorinnen, wäre ausreichend, um a) die komplette Weltbevölkerung gegen Covid-19 zu impfen und b) pandemiebedingte Armut zu verhindern.

  • Weltweit leisteten Frauen und Mädchen drei Viertel der unbezahlten Care-Arbeit: mehr als 12 Milliarden Stunden pro Tag.

  • Mussten in den ersten Wochen der Pandemie auch die Vermögendsten hohe Einbussen am Aktienmarkt hinnehmen, hätten die tausend reichsten Milliardäre schon nach neun Monaten das verlorene Vermögen wiedererlangt. Für die weltweit Ärmsten könne es dagegen über ein Jahrzehnt dauern, bis sie auf den alten Stand kämen.

  • Hätte Jeff Bezos, Gründer und CEO von Amazon, im September 2020 jeder und jedem seiner fast 900’000 Angestellten aus eigener Tasche eine sechsstellige US-Dollar-Summe als Bonus ausbezahlt – er hätte, so die Studie, noch genauso viel Privatvermögen gehabt wie vor der Pandemie.

Die Methoden des Oxfam-Berichts gelten unter Ökonominnen als umstritten, doch warnt auch das WEF selbst vor den Ungleichheitseffekten der Pandemie. Auch die Weltbank rechnet damit, dass die Pandemie den Kampf gegen die Armut um Jahre zurückwirft.

Dass die Rede vom Virus als grossem Gleichmacher immer schon eine Augenwischerei war – das wurde bereits während der ersten Pandemiewelle deutlich. Nun hat der Oxfam-Bericht dem Ungleichheitstreiber namens Corona-Krise einen Namen verpasst: «The Inequality Virus», das Virus der Ungleichheit.

Dabei sollte allerdings nicht aus dem Blick geraten: Es sind die derzeit herrschenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die der Ungleichheit zugrunde liegen. Und das ist womöglich doch noch eine gute Nachricht: Es liesse sich ändern. Wenn der politische Wille da wäre.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Adrienne Fichter, Daniel Graf und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Für Filmliebhaberinnen ist das audiovisuelle und internationale Norient-Filmfestival ein jährliches Highlight. Dieses Jahr findet das Festival nicht in Bern statt – sondern (ja ja, wie so vieles!) in der guten Stube. Aber dafür machen ab übermorgen unter dem Motto The Now in Sound Filme aus Ghana, Mexiko, Argentinien, Griechenland, Indien und vielen anderen Ländern ihre Aufwartung. (Der Livestream kostet 5 Franken pro Film und lässt sich vorreservieren.)

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