Ibsen, du alter Frauenversteher

Im Lockdown verliebt sich unsere Autorin in Henrik Ibsen: einen alten weissen Mann. Überrascht, wie feministisch so ein Exemplar doch sein kann. Anfangs.

Von Solmaz Khorsand, 21.01.2021

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Endlich ein Mann, der es kapiert zu haben scheint: Henrik Ibsen. Gustav Borgen

Ich habe mich in einen alten weissen Mann verliebt. Und er ist toll. Verzeihen Sie mir diese Schwärmerei, aber es kommt nicht oft vor, dass ich alten weissen Männern Liebes­erklärungen mache. Zu meiner Verteidigung: Corona ist schuld. Wie an so vielem dieser Tage. Auch für diese fragwürdige Vernarrtheit ist die Pandemie zur Verantwortung zu ziehen.

Das Objekt meiner Begierde: Henrik Ibsen, ein knorriger Norweger mit Backenbart, gefeierter Skandal­autor und seit 1906 – tot. Mein Corona-Eskapismus hat mich in seine Arme getrieben. Nach der hundertsten gebingten Netflix-Serie war es an der Zeit für echte Realitäts­flucht, weniger laut, weniger reizüberflutend, weniger hashtagbeladen. Für eine natur­resistente Städterin wie mich kamen da nur Theater­stücke aus dem 19. Jahr­hundert infrage. Früher war ja bekanntlich alles besser.

Und siehe da. Endlich ein Mann, der es kapiert zu haben scheint. Dem es in seiner Arbeit aufzuzeigen gelingt, mit welchem Schwachsinn seine Geschlechts­genossen Frauen permanent konfrontieren. Der es genauso ätzend findet, wenn schwafelnden Typen das Feld überlassen wird. Und dem es offenbar ebenso hochkommt, wenn die Selbst­gerechten allen anderen ungefragt ihre Ansprüche hinein­würgen, ohne diesen selbst gerecht zu werden. Ibsen lässt in seinen Werken weder die Fassaden­bauer aus der Verantwortung noch jene, die es sich zur Lebens­aufgabe gemacht haben, die Fassaden der anderen zum Einsturz zu bringen. Dabei sind seine Dramen keine donnernden Anklagen, sondern nur Beobachtungen eines falschen Lebens im Falschen, in dem es von kleinen Don Quichottes wimmelt, die sich in ihrer Wichtigkeit überschätzen. Zeitlos.

Ibsens Stücke – und hier liegt der Ursprung meiner dubiosen Verknalltheit – strotzen nur so von Sätzen, die man nebenbei in Gesprächen fallen lassen möchte. Als belesener Mensch, vielleicht ja mit Theaterabo, wissen Sie natürlich, wovon ich spreche. Zum Beispiel: «Nimm einem Durch­schnitts­menschen seine Lebenslüge, so nimmst du ihm zugleich sein Glück.» Ein Satz, der auf jede Person zutrifft, ausnahmslos jede. Zum Niederknien.

Falls Sie schon genervt sind: Es tut mir leid, das wird jetzt nicht einfach für Sie. Das hier ist der Text einer Person, die ihr Urteil über alte weisse Männer um ein paar Grauzonen erweitern konnte. Weil sie das Einhorn entdeckt hat, das – obgleich längst tot – heraussticht aus der Masse der lahmenden Pferde mit ihren Scheu­klappen. Eine Liebes­erklärung in drei Akten.

Akt 1: «Nimm einem Durchschnitts­menschen seine Lebenslüge, so nimmst du ihm zugleich sein Glück»

Fast möchte man eine Petition starten, um Glücks­keks­fabrikanten und Bauern­kalender­virtuosinnen zu motivieren, diesen Satz in ihr Sortiment an Lebens­weisheiten aufzunehmen. Er stammt aus der «Wildente», einem von Henrik Ibsens berühmtesten Stücken. Darin konfrontiert Gregers, der Sohn eines reichen Gross­kaufmanns, seinen ehemaligen Jugend­freund Hjalmar, einen verpeilten Fotografen, mit dessen «Lebenslüge». Die Augen wolle er ihm öffnen, erklärt Gregers seinem Vater, der Hjalmars Familie finanziell unterstützt, nachdem er Gina, Hjalmars Frau, geschwängert hat. Sein Jugend­freund soll wissen, auf welchem Sumpf seine Ehe fusst und wer der tatsächliche Vater seiner kleinen Hedvig ist, die sich auf dem Dach­boden so liebevoll um ihre Wildente kümmert.

Gregers überrumpelt Hjalmar mit seinen «Idealen» und Wahrhaftigkeits­ansprüchen, deren Predigt und Pflege sich nur leisten kann, wer sonst keine Sorgen hat. Gregers’ Privilegien erlauben es ihm, seine Dogmen mit einer Absolutheit zu verteidigen, die jenen vorbehalten ist, deren Leben nicht beim geringsten Fehltritt im Treibsand zu versinken droht. Er hat es nicht nötig, sich die Realität schönzureden, um über den nächsten Tag zu kommen. Hjalmar schon. Statt seinen Freund als das anzusehen, was er ist, taumelt Gregers in ein «Vergötterungs­delirium» und will in Hjalmar den Ideal­typus eines Menschen erblicken, der sich nach Wahrhaftigkeit sehnt. Ist diese erst einmal erreicht, so ist Gregers überzeugt, kann bereut, vergeben und ein neues Fundament für eine echte Ehe, ein echtes Leben gelegt werden.

Dass der Mensch nicht nach seinem Skript funktioniert, hat er dabei nicht bedacht. Am Ende treibt Gregers’ «Rechtschaffenheits­fieber» Hjalmars Familie in den Abgrund und die kleine Hedvig in den Tod. Diesen «Kollateral­schaden» gilt es – um ihn aushalten zu können – letztlich zu romantisieren. So wie es Gregers gegenüber Hjalmars Arzt Relling tut.

Gregers: «Sie ist nicht vergebens gestorben. Haben Sie gesehen, wie der Schmerz das Erhabene in ihm frei machte?»

Relling: «Erhaben werden die meisten, wenn sie in Trauer an einer Leiche stehen. Aber wie lange, glauben Sie, wird die Herrlichkeit bei ihm währen?»

Gregers: «Sollte sie nicht währen und wachsen mit seinem Leben?»

Relling: «Keine dreiviertel Jahr, und klein Hedwig ist für ihn nichts anderes als ein schönes Deklamationsthema.»

Gregers: «Und das unterstehen Sie sich von Hjalmar Ekdal zu sagen!»

Relling: «Wir wollen uns wieder sprechen, wenn das erste Gras auf ihrem Grabe verdorrt ist. Dann können Sie ihn geschwollen reden hören ‹von dem Kinde, das dem Vater­herzen zu früh entrissen ist›; dann sollen Sie einmal sehen, wie er sich einwickelt in Rührung und in Selbst­bewunderung und in Mitleid mit sich selbst. Passen Sie nur auf!»

Gregers: «Wenn Sie recht haben, und ich habe unrecht, dann ist das Leben nicht wert gelebt zu werden.»

Relling: «Ach, das Leben könnte doch noch ganz schön sein, wenn wir nur Frieden hätten vor diesen famosen Gläubigern, die uns armen Leuten das Haus einlaufen mit der idealen Forderung.»

Aus «Die Wildente» (1884).

So einen Hjalmar kennen Sie doch bestimmt auch? Oder sind Sie vielleicht selbst so ein erhaben Untröstlicher? So ein empfindsames Geschöpf, dessen Empfindsamkeit in Wirklichkeit ausschliesslich sich selbst im Fokus hat und das andere höchstens als Publikum adressiert, das es mit der perfekten Inszenierung des eigenen Schmerzes abzuholen gilt?

Gelegentlich sind wir doch alle mal zu einer solchen Performance angehalten, ganz besonders, wenn sie uns von jenen abverlangt wird, die uns mit ihren moralischen Erwartungen heimsuchen. Dann ist es vorbei mit dem Gesülze um Wahrhaftigkeit oder, wie wir es 2021 nennen, mit der Authentizität. Fassade vor Gerüst, Form vor Inhalt. Das war so. Und das ist so.

Akt 2: «Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen?»

Das Freilegen der menschlichen Natur mit all ihren Abgründen machte Ibsen, den Eigen­brötler, zum Menschen­kenner. Ausgerechnet einen wie ihn, den Sonderling, der sich hinter Bart und voluminösen Mänteln versteckte und dem es privat so schwerfiel, Menschen nahezukommen. Ibsen wurde zum Tabu­brecher seiner Zeit – und zum Liebling der Jugend und der Frauen. Sie trafen sich in «Ibsenclubs» zu Diskussions­zirkeln, um von einer freieren Gesellschaft zu träumen, in der ideelle Werte vor materiellen standen, in der jedes Gefühl auf seine Echtheit geprüft werden sollte, jeder Status quo, auch der eigene, ständig hinterfragt werden musste.

In Europas konservativen Kreisen waren Ibsens Werke deswegen gefürchtet. Revolutionär war es, was dieser menschen­scheue Norweger da aufschrieb, gegen Gross­industrielle mit einem Hang zur Inzucht, gegen dogmatische Pfaffen, die ihnen den Rücken freihielten, gegen ein Bürgertum, das sich mit seinen Konventionen und seinem vermeintlichen Anstand bloss selber geisselte.

Ehrenwerte Männer knüpfte sich Ibsen besonders gerne vor. Er entblättert jede Feigheit, jeden Manipulations­versuch und jede egoistische Intention, fast so, als wolle er mit seinen Stücken die Tür zum boys club einen Spalt weit öffnen: Seht her, so ticken sie, so funktionieren sie, nehmt euch in Acht!

In «Die Stützen der Gesellschaft» präsentiert er uns mit Karsten Bernick eine regelrechte Fallstudie des privilegierten Mistkerls. Bernick, ein angesehener Geschäfts­mann, ist klug, sympathisch, eloquent. Und er ist vor allem dermassen begabt in der Selbst- wie Fremd­täuschung, dass man zu verstehen beginnt, auf welches mentale Gerüst Mafiapaten, Ponzi-Scheme-Architekten und Diktatoren sich stützen, wenn sie ihre Gaunereien rechtfertigen. Beseelt von einer göttlichen Mission, stets im Sinne des Guten zu handeln und der Einzige zu sein, der dazu befähigt ist, gelingt es Bernick mühelos, auch jede Untat zu verteidigen. Wären die anderen auch nur ansatzweise so schlau wie er selbst, würden sie das Genie und die eigene Opfer­bereitschaft doch erkennen.

Lona: «O, diese Stützen der Gesellschaft!»

Bernick: «Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen? Was wäre hier geschehen, wenn ich nicht in der Stille gehandelt hätte? Alle würden sich auf das Unternehmen gestürzt haben, würden die ganze Geschichte geteilt, zersplittert und verdorben und verpfuscht haben. Hier in der Stadt ist ausser mir nicht ein Mann, der ein so grosses Geschäft zu leiten verstünde, wie dies zu werden verspricht. Hier zu Lande haben überhaupt nur die eingewanderten Familien Geist für Unternehmungen grösseren Stils. Darum spricht mein Gewissen mich in diesem Punkte frei. Nur in meinen Händen kann dieser ganze Besitz den Vielen zum dauernden Segen reichen, denen er Brot schaffen wird.»

Aus: «Stützen der Gesellschaft» (1877).

Selbst im Moment der Reue gelingt es Bernick nicht, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, höhere Kräfte werden beschuldigt, einen gezwungen zu haben, «krumme Wege» zu beschreiten:

Bernick: «Meinen Mitbürgern gegenüber mache ich mir deswegen keine Vorwürfe; denn ich glaube noch immer, dass ich mich unter den Tüchtigen hier bei uns in die erste Reihe stellen darf.»

Viele Stimmen: «Ja! Ja! Ja!»

Bernick: «Aber woraus ich mir selbst ein Gewissen mache, das ist der Umstand, dass ich so oft schwach genug war, krumme Wege zu gehen, weil ich den Hang unserer Gesellschaft kannte und fürchtete, hinter allem, was ein Mann unternimmt, unreine Beweg­gründe zu suchen.»

Aus: «Stützen der Gesellschaft».

Bernicks guter Ruf beruht – wie so oft bei Ibsen – auf einer Lüge. Als junger Mann hat er eine verheiratete Schauspielerin geschwängert, wofür sein Freund Johann freiwillig die Schuld auf sich nahm und daraufhin nach Amerika emigrierte. In der Gesellschaft war Johann damit Persona non grata. Ihm wurde jede Schandtat zugetraut, etwa auch, die Kasse von Bernicks Mutter geplündert zu haben. Ein Gerücht, das Bernick nie bestritt, im Gegenteil, so liess sich das strauchelnde Familien­unternehmen vor Gläubigern retten und der spätere Erfolg als Geschäfts­mann aufbauen. Bernick selbst heiratete Johanns Schwester Betty, die Halbschwester seiner ehemaligen Geliebten Lona, die Johann nach Amerika folgte. Als die beiden zurück­kehren und sich Johann in Dina, seine vermeintlich leibliche Tochter aus der Affäre mit der Schau­spielerin, verliebt, beginnt Bernicks Kartenhaus einzustürzen.

Versöhnlich ist Ibsen mit diesem Karsten Bernick. Sein Schicksal nimmt ein gutes Ende, weil er reinen Tisch macht. Aber nicht aus eigener Motivation, sondern aufgrund des stetigen Zuredens der Frauen, die nicht müde werden, ihm den Spiegel vorzuhalten.

Sie sind die eigentlichen Stars des Stücks. Wie so oft in Ibsens Dramen.

Akt 3: «Ihr Frauen, Ihr seid die Stützen der Gesellschaft»

Henrik Ibsen sei der erste Autor gewesen, der in seinen Werken Frauen als Menschen behandelt habe und nicht als minderwertige Wesen, zieht die Ibsen-Kennerin Joan Templeton in ihrer Studie «Ibsen’s Women» Bilanz. Ibsens Frauen sind keine flachen Charaktere, Karikaturen oder Unschulds­lämmer, die sich als die «Guten» glorifizieren lassen. Es sind komplexe Figuren, manchmal verstörend, dekadent und rachsüchtig. Anti-Heldinnen, egal ob als Haupt- oder als Nebenfiguren.

Lona Hessel (Judi Dench) scheitert fast an Karsten Bernicks (Ian McKellen) Analyse­fähigkeit eines Kleinkinds: «Stützen der Gesellschaft», 1977 im Aldwych Theatre in London. Donald Cooper/Alamy Stock Foto

Zu den schillerndsten zählen Nora, Hedda Gabler und Helene Alving. Nora, die trällernde Kindfrau, die Mann und Kinder verlässt, Hedda Gabler, die stolze Generals­tochter, die aus einem eigenwilligen Ästhetik­verständnis ihren ehemaligen Geliebten in den Selbst­mord treibt und später auch sich selbst das Leben nimmt, und Helene Alving aus «Gespenster», die ihrem syphilis­kranken Sohn Sterbehilfe leistet. Für das Europa des 19. Jahr­hunderts alles Skandal­stücke, die mitunter mit Aufführungs­verboten belegt wurden.

Das weibliche Martyrium macht Ibsen vor allem durch die Verbal­belagerungen mediokrer Männer schmerzhaft spürbar. Etwa will man Nora aus «Nora oder ein Puppenheim» weniger für die Flucht aus der Familie beglückwünschen als vielmehr dafür, dass sie nicht handgreiflich geworden ist gegenüber einem Ehemann, der sie mit seinem Mist dauerbeschallt:

«Für den Mann liegt etwas unbeschreiblich Holdes und Befriedigendes in dem Bewusstsein, seiner Frau vergeben zu haben, – ihr aus vollem, aufrichtigem Herzen vergeben zu haben. Ist sie doch gewissermassen in doppeltem Sinne dadurch sein Eigen geworden; als hätte er sie zum zweiten Male in die Welt gesetzt. Sie ist sozusagen sein Weib und sein Kind zugleich geworden. Das sollst Du mir fortan sein, Du ratloses, hilfloses Persönchen.»

Aus: «Nora oder ein Puppenheim» (1879).

Doch nicht nur Ibsens Protagonistinnen eignen sich zu feministischer Ikonisierung, sondern auch seine Neben­figuren. So etwa Gina aus der «Wildente», die Ehefrau des armen, gehörnten Hjalmar, die 2021 vermutlich ein Shirt mit der Aufschrift «Boss Bitch» tragen würde. Sie, die Geschäft, Haushalt und Familie in Eigenregie führt, macht vor, wie man pathetische Ehemänner am besten kontert, wenn sie sich wieder einmal in ihrem eigenen Mitleid suhlen:

Hjalmar: «Sag’ mal: hat nicht jeden Tag, jede Stunde Dir das Gewissen geschlagen, dass Du, wie eine Spinne, mich in ein Netz von Heimlichkeiten eingesponnen, hast? Antworte mir! Hast Du nicht geächzt in Reue und Qual?»

Gina: «Ach, bester Ekdal, ich habe mehr wie genug an den Haushalt zu denken gehabt und ans tägliche Geschäft.»

Hjalmar: «Du wirfst also niemals einen prüfenden Blick auf Deine Vergangenheit!»

Gina: «Nee, Du, ich hatte weiss Gott diese alten Intriguen schon beinahe vergessen.»

Hjalmar: «O, diese träge, gefühllose Ruhe! Sie hat für mich etwas so Empörendes. Man denke nur, – nicht einmal Reue!»

Aus: «Die Wildente».

Oder Bolette aus dem Stück «Die Frau vom Meer», die Stieftochter der Protagonistin, die von einem Verehrer, einem erfolglosen Künstler, mit der berühmten «Hinter jedem grossen Mann steht immer eine liebende Frau»-These umworben wird:

Lyngstrand: «Ja, Fräulein, das können Sie glauben. Nicht allein die Ehre und das Ansehen ist es, das sie durch ihn geniesst –. Denn ich finde, darauf ist schliesslich der geringste Wert zu legen. Vielmehr der Umstand, dass sie ihm beim Schaffen helfen kann, – dass sie ihm die Arbeit leichter machen kann, indem sie um ihn ist und ihn hegt und pflegt und ihm das Leben so recht heiter macht. Das, meine ich, müsste geradezu himmlisch für eine Frau sein.»

Bolette: «Ach, Sie wissen selbst nicht, wie egoistisch Sie sind!»

Aus: «Die Frau vom Meer» (1888).

Die Parade dieser Frauen führt zweifellos Lona Hessel an, die ehemalige Geliebte von Karsten Bernick aus «Die Stützen der Gesellschaft». Weniger lakonisch, weniger melodramatisch, dafür umso ironischer und direkter. In Amerika hat sich Lona als Sängerin in Kneipen durch­geschlagen, Vorträge gehalten und ein vollkommen «verrücktes» Buch geschrieben. Sie ist es, die Bernick als schlechtes Gewissen im Nacken sitzt. Und nicht nur ihm, auch seinen Lemmingen, die ihm nach dem Mund reden, und den Klatsch­weibern, die es so unerhört finden, dass sie im Regen mit «Männer­stiefeln» herumrennt.

Am Ende ist sie es, die Bernick zu seiner Lebens­beichte anstiftet. Und selbst als er das tut, weist sie ihn zurecht. In einem fulminanten Finale demonstriert sie, dass seine Analyse­fähigkeit trotz langer Reflexion und intellektueller Assistenz von ihrer Seite immer noch auf dem Niveau eines Kleinkinds ist, das die Welt in Gut und Böse einteilen muss:

Bernick: «(…) Schliesst Ihr Euch nur dicht um mich, Ihr wahrhaftigen, treuen Frauen! Das habe ich auch in diesen Tagen gelernt: Ihr Frauen, Ihr seid die Stützen der Gesellschaft.»

Lona: «Dann, Schwager, hast Du eine wacklige Weisheit gelernt.» Legt wuchtig die Hand auf seine Schulter. «Nein, Du! Der Geist der Wahrheit und der Geist der Freiheit, – das sind die Stützen der Gesellschaft.»

Aus: «Die Stützen der Gesellschaft» (1877).

Für Ibsen war die moderne Gesellschaft keine menschliche, sondern eine «Männer­gesellschaft», zitiert die Autorin Gunna Wendt in ihrem Buch «Henrik Ibsen und die Frauen» aus seinen Notizen zur «Wildente». Wer die soziale Stellung der Frauen verbessern wolle, dürfe nicht die Männer fragen: «Das ist dasselbe, als wolle man die Wölfe fragen, ob sie neue Schutz­massnahmen für die Schafe billigen.»

Dennoch, auch wenn Ibsen für die Männer wenig übrig zu haben schien und sie in seinen Dramen nicht gut wegkommen, die Frauen macht das deswegen noch lange nicht zu den besseren Menschen. Feminist war Ibsen keiner. Darauf bestand er.

Ibsens ultimative Antiheldin: Die Generals­tochter Hedda Gabler, verkörpert von Cate Blanchett. Fairfax Media/Getty Images

Als ein norwegischer Frauenverein ihn zu seinem 70. Geburts­tag einmal fragte, warum er sich denn etwa in «Nora» für die Sache der Frau eingesetzt habe und er sich so gut in die weibliche Perspektive einleben könne, korrigierte er diese Interpretation vehement, wie Kathrin Bragagna in ihrer Diplomarbeit zitiert: «Ich bin mir nicht einmal klar darüber, was die Sache der Frau eigentlich ist. Mir hat sie sich als eine Sache der Menschen dargestellt. Und wenn man meine Bücher aufmerksam liest, wird man das verstehen. Es ist wohl wünschenswert, die Frauen­frage zu lösen, so nebenher. Aber das war nicht der hauptsächliche Zweck. Meine Aufgabe ist die Menschen­schilderung gewesen.»

Epilog: Die Ernüchterung

Geboren 1828, in Skien, einem Ort im Süden Norwegens, als Ältester von fünf Kindern einer reichen Kaufmanns­familie, die später verarmen sollte, hatte Ibsen ein kniffliges Verhältnis zu Frauen. Mit 18 Jahren schwängerte er während seiner Apotheker­lehre ein 10 Jahre älteres Dienst­mädchen. Den Sohn aus dieser Verbindung anerkannte er nie. Er leistete lediglich die Unterhalts­zahlungen bis zu dessen 15. Lebens­jahr. So, wie es das Gericht von ihm verlangte. Offiziell sollte er nur einen Sohn haben, Sigurd, aus seiner Ehe mit Suzannah Thoresen. Sie gilt als entscheidender Pfeiler in seinem Leben. Eine selbstbewusste Frau, zu der sie ihre Stiefmutter Margarethe erzogen hatte.

Diese beiden Frauen hatten auf Ibsens Schaffen grossen Einfluss, sie machten ihn mit den Theorien und Akteurinnen der Frauen­frage vertraut, darunter ihrer Freundin, der Schrift­stellerin Camilla Collett, der Begründerin der norwegischen Frauen­bewegung. Sie alle sollten zu Vorbildern für Figuren in Ibsens Dramen werden. Doch auch die «sanften» Frauen, mit denen er sich so gern umgab, fanden Eingang in seine Werke, seine Mutter, seine Schwester Hedvig, seine Schwägerin Marie. So zart, zurückhaltend und liebenswert. Im persönlichen Umgang schien er letzteren Typus zu bevorzugen, insbesondere im hohen Alter. Während Suzannah um die Welt reiste, umgab sich ihr Mann gerne mit seinen um Jahrzehnte jüngeren «Prinzessinnen», die er schreibend herbei­gesehnt hatte, wie Gunna Wendt in ihrem Buch erzählt.

Künstler und Werk. Wie so oft zwei unterschiedliche Dinge. Ibsen biografisch näherzukommen, ist eher nicht ratsam, um eine Schwärmerei langfristig aufrechtzuerhalten. Jede kindliche Begeisterung weicht da schnell der Ernüchterung. Warum auch soll es Ibsen besser gehen als seinen Bühnen­figuren? Denn so reflektiert er sich in seinen Theater­stücken artikulierte, so unreflektiert schien er es im echten Leben zu sein, umso mehr, wenn es um die «Sache der Frauen» ging. «Wenn er die Wahl hatte, ob er mit einer obendrein hochbegabten Dame oder einem Durchschnitts­mann reden wollte, so zog er stets die Gesellschaft des letzteren vor», schreibt der Schriftsteller und Ibsen-Freund John Paulsen in seinen Erinnerungen.

Ja, Traummänner klingen anders.

Und wie seine Protagonisten litt auch Henrik Ibsen an seinem ganz persönlichen Märtyrer­komplex. Zeit seines Lebens inszenierte er sich als in seiner Heimat verkannter Autor. Erst im freiwilligen Exil in Italien und Deutschland widerfuhren ihm der Ruhm und die Anerkennung, die ihm in Norwegen verweigert wurden, so die Legende. Falsch, schreibt Gunna Wendt. Schon mit knapp 30 Jahren streuten ihm seine Landsleute Rosen, etwa sein ehemaliger Vorgesetzter im Theater Bergen, dem Ibsen einige Jahre als künstlerischer Leiter vorstand, bevor er zum National­theater nach Oslo abgeworben wurde. Als «zweifellos bedeutendster norwegischer Dramatiker» wurde Ibsen schon früh in seiner Karriere angekündigt. Missbilligung sieht anders aus. Doch klar, das in der Heimat missverstandene Genie ist die bessere Geschichte als die des dauer­umjubelten Künstlers, dem schon zu Lebzeiten Statuen errichtet wurden.

Aber ja, jedem seine Lebenslüge. Das wusste keiner so gut wie Henrik Ibsen selbst. Er hat uns gewarnt. Kein Mensch verdient ein Podest, auch wenn er noch so tolle Sätze zu schreiben vermag. Denn am Ende ist auch er nur eins: ein Durchschnittsmensch.

1919

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