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Schweres Geschutz

18.01.2021

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Liebe Leserinnen und Leser

Wissen Sie noch, wie einfach es war, als man sich nur entscheiden musste zwischen «Maske ja oder Maske nein» und die Frage rauf und runter diskutierte, ob die Maske überhaupt «etwas bringt»?

Die beiden Fragen dürften hinreichend geklärt sein – heute sind wir pandemietechnisch nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren. Immerhin haben wir alle langsam etwas Routine mit diesem Virus. Wir wissen mit Gewissheit, dass nichts sicher ist – und das ist angesichts ständig neuer Entwicklungen (wie der Erkenntnisse, dass das Virus zu einem grossen Teil über die Luft übertragen wird und dass es zu unberechenbaren Mutationen kommt) doch eigentlich auch etwas. So setzte sich die Einsicht im vergangenen Jahr durch, dass Masken am besten nützen, wenn sie richtig getragen werden (hier haben wir bereits einmal festgehalten, was man mit den Mund-Nasen-Schutzen am besten nicht anstellt).

Die öffentlichen Debatten um das Ob sind schon fast vergessen, jetzt geht es vor allem um das Welche denn?

Das deutsche Bundesland Bayern hat mittlerweile die sogenannte FFP2-Maske im öffentlichen Verkehr ab heute für obligatorisch erklärt. Österreich wird am 25. Februar nachziehen, und auch der Rest von Deutschland diskutiert dies.

Derzeit stellt sich nun also neu die Frage: Welche Art Maske ist denn nun – auch im Hinblick auf den leichter übertragbaren Mutanten – wirklich sinnvoll?

Kurz: Reichen einfache Stoffmasken oder muss was Professionelleres her?

Eine Wissenschaftlerin, die sich früh mit dem Thema Masken auseinandergesetzt hat und stets auch den Blick für die alltagstaugliche Umsetzung hat, ist Trisha Greenhalgh. Die Professorin für Primary Care (medizinische Grundversorgung) an der Universität Oxford forscht viel im Bereich der evidenzbasierten Medizin und ist bekannt dafür, ohne Dünkel an Herausforderungen heranzugehen. Bei Ausbruch der Pandemie hat sie rasch darauf verwiesen, dass bei einfachen und günstigen Möglichkeiten (wie einer Stoffmaske) die rasche und breite Umsetzung eine perfekte Beweislage aussticht.

Während Studien zu beweisen versuchten, dass – und Gesetzgeberinnen debattierten, ob – Masken etwas nützen, schlug sie vor: keine chirurgische Maske zur Hand? Nimm T-Shirt-Stoff. Ganz nach dem Motto: Nützts nüt, so schadets nüt. Arbeiten nach dem Vorbeugeprinzip also. Und: nicht die perfekteste Lösung, aber die für alle im Moment machbarste.

Die T-Shirt-Stoff-Zeiten sind vorbei. Mit der ansteckenderen Version des Virus, die sich auch in der Schweiz rasch verbreitet, stellt sich die Frage: Welche Maske ist denn nun ausreichend?

  • So viel ist klar: Gar keinen Schutz vor Aerosolen in ausgeatmeter Luft, sondern nur vor Spritzern direkt ins Gesicht bieten Gesichtsvisiere aus Plastik. Sie sind also nicht zu empfehlen.

  • Auch geringen Schutz bieten (selbst gemachte) simple Stoffmasken. Sie schützen vor grossen Tropfen, jedoch wenig vor feinen Aerosolen.

  • Chirurgische Masken (die leichten blauen) sind angenehm zu tragen und schützen in Wechselwirkung – also nicht vor allem die Trägerin, sondern die Mitmenschen. Ihr Schutz vor Aerosolen ist gering.

  • FFP2- und FFP3-Masken bieten den besten Schutz vor Aerosolen.

Der Vorteil von Stoffmasken ist ihre Wiederverwendbarkeit. FFP-Masken sind Einwegmasken und teuer, bieten aber den besten Eigenschutz. Was tun? Wir schlagen in Anlehnung an Professorin Greenhalgh das Folgende vor: sich den Kontext durchdeklinieren. Wie viele Menschen sind da? Stossen sie viel Luft aus? Wie lange bin ich mit anderen in einem geschlossenen Raum?

Also: Wenn viel Atemluft ausgestossen wird – also beispielsweise beim langen Reden in Innenräumen –, wenn möglich eine FFP2-Maske tragen (aber nach einem Arbeitstag wegwerfen). Beim Vorbeigehen oder beim raschen Durchflitzen im Supermarkt ist allenfalls eine chirurgische Maske ausreichend (wenn alle anderen auch eine tragen). Bei Stoffmasken ist die Qualität sehr unterschiedlich, und das Problem ist: Es gibt keine geprüfte, standardisierte Norm. (Zur Info: Die Empa hat minimale Standards für Community-Masken festgelegt.)

Die Zeit geht ins Land und auch unser Wissen über das Virus und seine Verbreitung. Schlug Professorin Greenhalgh im Frühjahr «eine Stoffmaske ist besser als nichts» vor, appelliert sie unterdessen wieder im Sinne der Vorbeugung: auch beim Joggen eine Maske tragen. Vor allem dort, wo der eigene Atemausstoss von jemandem eingeatmet werden kann und vice versa. Sprich: auf dem Trottoir in der Stadt mit Maske, auf dem engen Waldweg auch, auf dem freien Feld ohne.

Was ist also mit der hübsch gestalteten, einlagigen Stoffmaske, die der beste Freund genäht hat? Oder mit der Republik-Maske, die Sie beim unabhängigen Medium Ihres Vertrauens unlängst erworben haben? Wie gesagt: In manchem Kontext reicht die wohl noch aus, in anderem lohnt sich das Upgrade.

Allermindestens können Sie diese Masken als Andenken an 2020 behalten. Und daran, dass wir zwar nicht immer gleich alles wissen, aber mit der Zeit immer mehr.

Und damit zu:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Zwei Luxushotels in St. Moritz sind unter Quarantäne. Es handelt sich um die Fünfsternehäuser «Kempinski» und «Badrutt’s Palace». Die Ausbrüche seien trotz strenger Vorsichtsmassnahmen passiert: Beide Hotels hatten gemäss eigenen Angaben ihre Mitarbeitenden zuvor getestet. In St. Moritz bleiben die Schulen sowie die Skischulen bis auf weiteres geschlossen. Auf dem ganzen Gemeindegebiet gilt neu eine Maskenpflicht. Die Behörden zeigten sich besorgt. Gemäss Kanton Graubünden ist die festgestellte Mutation die südafrikanische Variante.

In Bremgarten bei Bern befinden sich 120 Schulkinder in Quarantäne. Zwei Schulkinder waren nach der Rückkehr aus den Skiferien im Hotspot Wengen positiv auf die britische Variante des mutierten Virus getestet worden. Auch ihre Familien sind nun in Quarantäne. Die positiv getesteten Kinder gehen in die zweite und die dritte Klasse.

Der Kanton Tessin will kleinere Grenzübergänge schliessen. Die Kantonsregierung hat den Bundesrat gebeten, an der Südgrenze zu Italien systematische Kontrollen durchzuführen. Der Grenzverkehr sei derzeit stärker als der übliche Berufsverkehr, so die Regierung in ihrem Communiqué. Sie befürchtet, dass die Wirkung der Massnahmen und der gestarteten Impfkampagne abgeschwächt werden könnte.

Der australische Bundesstaat Queensland hat seinen dreitägigen Lockdown wieder aufgehoben. Diesen hatte er nach einer Ansteckung, die in einem Hotel geschehen war, verhängt. Nach 5173 Tests innerhalb von 24 Stunden seien 25 aktive Fälle festgestellt worden, das sei eine gute Nachricht, sagte die Premierministerin des Bundesstaates, Annastacia Palaszczuk. Auch die temporäre Maskenpflicht wird am Freitag wieder aufgehoben.

Und zum Schluss: Was heisst eigentlich «FFP»?

Da wir es gerade von den FFP2-Masken hatten, wollten wir eigentlich nur mal noch kurz googeln, was die Abkürzung genau bedeutet. Dann sind wir in ein Kaninchenloch aus DIN-Nummern, EU-Konformitätsbewertungsempfehlungen und chinesischer Medizingüternomenklatur gefallen.

Hier, ohne speziellen Zusammenhang, fünf interessante Fakten:

  1. FFP ist eine englische Abkürzung. Sie steht für filtering face piece, also in etwa «filtrierende Gesichtsbestückung». Es gibt drei Kategorien: von 1 (schwach) bis 3 (sehr stark) – je nachdem, wie viele Partikel in der Maske hängen bleiben, statt eingeatmet zu werden.

  2. Was genau eine Maske können muss, ist europaweit normiert. Die Norm für die FFP2-Masken hat die Nummer EN 149. In anderen Teilen der Welt heissen die Normen und Nummern natürlich anders. In China heisst die Norm zum Beispiel GB 2626-2006 und das Gegenstück von FFP2 ist KN95. Bei Masken, die speziell für im Spital gedacht sind, lauten die Nummern noch mal anders.

  3. Wenn eine Maske nur die Trägerin schützen soll, dann gilt sie als persönliche Schutzausrüstung. Wenn sie auch andere schützt (zum Beispiel eine Chirurgenmaske), dann gilt sie als Medizinprodukt. Bis 2007 konnte eine Maske in der EU nur eins von beidem sein – dann wurde das angepasst. Sie möchten selber ins Maskengeschäft einsteigen? Dann sollten Sie unbedingt das hier durchlesen, bevor Sie loslegen.

  4. Weil im März 2020 überall die Masken knapp waren, hat die EU-Kommission die Empfehlung 2020/403 ausgegeben. Sie regelt und klärt alle möglichen Dinge für den Import und den Verkauf von Masken. Zum Beispiel, ob jede Maske einzeln verpackt werden sollte – und ob es reicht, die Benutzeranleitung einmal aussen auf den Zwanzigerkarton zu drucken.

  5. Im Frühling und im Sommer überschwemmten gefälschte Masken den Markt. Also solche, die nicht oder nicht richtig darauf geprüft wurden, ob sie die europäischen Normen einhalten. Ganz dreiste Anbieter schickten der Schweizer Zulassungsbehörde sogar gefälschte Zertifikate: Eine Auswahl davon hat die Swissmedic selber auf die Website gestellt.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Oliver Fuchs und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Vor dem Wochenende stand hier der Hinweis auf das fast 200-jährige sea shanty «Wellerman», das derzeit gerade auf der Plattform Tiktok in allen möglichen Variationen und Remixes durch die Decke geht (hier in ein PS verpackt). Während das Internetphänomen musikalisch bei den Schreiberinnen dieses Newsletters auf unterschiedliche Geschmäcker trifft (Oliver Fuchs wird nicht warm damit, Marguerite Meyer feierts ab), kommt jetzt die Variante des Seemannslieds, die erklärt, warum dieses alte Lied über das unbestimmte Warten auf das Proviantschiff so sehr Anklang findet: Es entspricht dem unbestimmten Warten auf die Impfung und das Ende der Pandemie. Doch hören Sie selbst, es macht ein bisschen Spass!

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