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Schneebann

15.01.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Jetzt ist er also da: der Schnee im Flachland – der Winter, der seinem Namen gerecht wird, der … Flockdown! (Den Begriff hat – gemäss unseren Recherchen – die Satirikerin Patti Basler in die Welt gesetzt.)

Seit gestern schneit es in weiten Teilen der Schweiz massiv, von Basel bis St. Gallen wird alles in weiches Weiss getaucht (ausser Sie befinden sich in der Stadt Bern, die macht ausnahmsweise einen auf Winterwiderstand und bleibt praktisch schneefrei.)

Schnee macht etwas mit uns Menschen: Immer wieder sind wir irgendwie überrumpelt davon. Sind vielleicht genervt oder verzückt. Staunen ob dieser Naturgewalt, die unsere Busse in den Stillstand zwingt, alles vom Gartenzwerg bis zum Auto verschüttet – und unser Zeitmanagement auf den Kopf stellt.

Vielleicht nötigt uns Frau Holle mit einem sanften Gestöber-Stups dazu, das mit einem Achselzucken zu akzeptieren, was wir im Grundsatz nicht ändern können. Insofern ist die Analogie zwischen der Schneeflocke und dem Virus gar nicht so verkehrt: Wir und unser Leben sind Teil der Natur.

Wir Menschen sind anpassungsfähig in unserem Verhalten. Manchmal können wir die Dinge nicht gross ändern – aber wie wir damit umgehen, das können wir bestimmen. Wenn es regnet, nehmen wir einen Schirm mit, damit wir nicht nass werden. Wenn der Schnee die Haustür blockiert, holen wir die Schaufel. Wir tragen dann älteren Mitmenschen die Einkäufe über die Strasse. Wir helfen der Nachbarin, das Auto freizukriegen. Wir gehen spazieren und versinken ein bisschen und lächeln einander zu (was trotz Masken und dicken Schals funktioniert – es ist wirklich erstaunlich, was man allein mit Augen, Stirn und Brauen so alles kommunizieren kann). Gleichzeitig legt dieser Schnee aber auch offen, wie ungleich die Spiesse verteilt sind: Vielleicht sind wir Paketverteilerinnen oder Ambulanzfahrer oder Velokurierinnen – und sind froh, wenn andere nicht vergessen, dass unser Job durch die weisse Pracht gerade nochmals eine Stufe schwieriger geworden ist.

Am kommenden Montag geht die Schweiz zum zweiten Mal in den Shutdown. Vielleicht erinnert uns dieser Schnee kurz vorher daran, wie das war, im vergangenen März. Als wir uns auch gemeinsam an eine Naturgewalt anpassen mussten. Und dann, inmitten von viel Traurigem, Beängstigendem und Unbekanntem, durchaus auch Verzückendes erlebten – zwischendrin.

Und nun:

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Im Kanton Uri haben bis Ende dieser Woche alle impfwilligen Pflegeheim-Bewohnerinnen die erste Dosis des Vakzins erhalten. Insgesamt hätten rund 700 Personen die erste Biontech/Pfizer-Dosis erhalten, so die Urner Behörden. Nun sind über 75-Jährige sowie Erwachsene mit sehr schweren chronischen Krankheiten an der Reihe. Diese können sich unter der Nummer 041 875 50 70 im Kantonsspital anmelden.

Im Kanton Bern gelten neue Quarantäneregeln. Neu müssen nicht nur Direktkontakte von positiv getesteten Menschen in Quarantäne, sondern auch die Kontakte dieser Direktkontakte, berichtet SRF. Im Kanton verbreitet sich die mutierte Variante des Virus. Liegt ein Verdacht vor, muss die Person mit positivem Corona-Test zusätzlich auf die Mutation getestet werden. Erst bei einem negativen Entscheid dürfen die Kontakte der Kontakte die Quarantäne verlassen.

EU-Länder erhalten temporär weniger Impfdosen von Pfizer. Wie der Konzern mitteilt, wolle man die Produktionsstätten umrüsten, damit danach deutlich mehr hergestellt werden könne. «Das wird die Lieferungen Ende Januar und Anfang Februar beeinflussen», sagte eine Sprecherin, dafür stünden dann im März deutlich mehr Dosen zur Verfügung als geplant. Es ist aktuell unklar, ob auch die Schweiz länger auf Lieferungen warten muss.

Frankreich verschärft seine Einreisebestimmungen. Zurzeit braucht es einen negativen Schnelltest, um die Grenze passieren zu dürfen – ab dem kommenden Montag muss es zwingend der genauere PCR-Test sein. Für Schweizerinnen ändert sich nichts, sie waren schon jetzt von dieser Regel ausgenommen. Sehr wohl aber für Reisende aus Grossbritannien. Was genau das für den Warenverkehr zwischen den beiden Ländern bedeutet, ist noch nicht klar – Lastwagenfahrer haben bisher vor allem auf Schnelltests gesetzt.

In der brasilianischen Stadt Manaus ist das Gesundheitssystem zusammengebrochen. Brasilien ist eines der von Covid-19 am härtesten getroffenen Länder. Zu Beginn der Pandemie hatte sich der rechtsnationale Präsident Jair Bolsonaro gegen Massnahmen ausgesprochen. In Manaus wurden beinahe zwei Drittel der Bevölkerung infiziert – was teilweise Hoffnungen auf sogenannte Herdenimmunität geschürt hatte. Die aktuelle Situation in der Millionenmetropole im Bundesstaat Amazonas zeigt, dass trotzdem immer noch ein grosser Teil der Bevölkerung infiziert wird und das Gesundheitssystem bei unkontrolliertem Infektionsgeschehen kollabiert.

Und zum Schluss: Der Lagebericht zur Woche

Vor einer Woche hatten wir an dieser Stelle geschrieben, dass die Zahlen leicht rückläufig, aber noch auf viel zu hohem Niveau seien. Daran hat sich nicht viel geändert – und es war ein Grund, wieso der Bundesrat am Mittwoch den weitgehenden Shutdown beschlossen hat.

Trotzdem versteckt sich in diesem Befund eine gute Nachricht: Die befürchtete Silvesterexplosion an neuen Ansteckungen (die auf rund zwei Wochen nach dem Jahreswechsel erwartet worden war) hat sich noch nicht in den Zahlen gezeigt. Sowohl die Todes- als auch die Hospitalisationszahlen sind leicht rückläufig. Das zeigt, dass sich viele Menschen über die Festtage wohl durchaus vorsichtig verhalten haben.

Neue Spitaleinweisungen; gleitender Mittelwert über 7 Tage. Die Daten nach dem 8. Januar sind vermutlich noch unvollständig, deshalb haben wir sie nicht berücksichtigt. Stand: 15.01.2021. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

Ausserdem zeigt sich jetzt, dass die am 22. Dezember beschlossenen Schliessungen durchaus gewirkt hatten – einfach nicht genug. Warum offenbar nicht? Ein Indikator ist die Positivitätsrate (also die Prozentzahl «erwischter» Ansteckungen bei allen gemachten Tests). Die ist gesamtschweizerisch ein wenig zurückgegangen, liegt aber je nach Kanton immer noch zwischen 10 und 20 Prozent. Eine zweistellige Positivitätsrate heisst in jedem Fall: Wir wissen zu wenig genau, wie sich die Pandemie im Land gerade entwickelt.

Sprich: Wir fahren also noch nicht auf Sicht, sondern im Nebel.

Er lichtet sich aber ein bisschen. Denn wir wissen, dass die Einschränkung der Mobilität und die Reduzierung der Kontakte etwas nützen. Nur wirds jetzt wieder komplizierter, denn wir können noch nicht einschätzen, ob die neuen Virusmutationen schon Auswirkungen auf die Zahlen haben – und wie fest sie die kommenden Wochen beeinflussen werden. (Zum Nachlesen: Gestern gingen wir der Frage nach, ob eine ansteckendere oder eine tödlichere Virusmutation schlimmer ist. Die Antwort ist – gemäss Rechenbeispiel – klar.)

Die neuen einheitlichen Massnahmen wirken hoffentlich. Sie gehen zwar weit, aber nicht so weit wie im März – auch wenn die Situation jetzt deutlich heikler ist als im Frühjahr. So bleiben die Schulen vorerst geöffnet. Im Moment sterben pro Woche in der Schweiz rund 350 Personen an Covid-19. Dass wir beginnen, dem entgegenzuwirken, noch bevor die dritte Welle ansetzt, ist momentan ein guter Grund zur Hoffnung.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Oliver Fuchs, Marie-José Kolly und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Wir haben sehr aufmerksame Leserinnen. Denn Sie haben uns mehrfach geschrieben, dass da was nicht stimmen kann: Gestern schrieben wir in den Kurznews, dass in England 2,6 Millionen Menschen ihre erste Impfdosis erhalten hätten, was 1 Prozent der Bevölkerung entspreche. Das stimmt natürlich nicht, denn Grossbritannien hat etwas mehr als 66 Millionen Einwohner. Die 1 Prozent beziehen sich auf die vollständig geimpften Briten (also diejenigen, die bereits ihre zweite Dosis erhalten haben). Die erste Dosis erhalten haben rund 4 Prozent der Bevölkerung. In der Online-Version dieses Newsletters haben wir dies selbstverständlich korrigiert.

PPPPS: Wir kommen nochmals auf den Schnee zu sprechen: Winterlich einmummeln lässt es sich unter anderem hervorragend mit einem guten Buch. Passend zum flockigen Weiss erinnern wir nochmals an die Buchtipps vom vergangenen Jahr – da war Norwegen Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Vielleicht entdecken Sie hier etwas Passendes aus dem Land klirrkalter Sprache und lauschender Stille.

PPPPPS: Kennen Sie sea shanties? Die eingängigen Seemannslieder entstammen der Matrosentradition – in vergangenen Jahrhunderten oft gesungen, um die Arbeit zu erleichtern. Es sind einfache, ehrliche Lieder: Es geht um das harte Leben, die Kameradschaft, das Heimweh und das Fernweh, um die Liebe und um den Tod. Ein solches Lied ist nun auf der Plattform Tiktok viral gegangen – und wird von Jugendlichen auf der ganzen Welt gefeiert. Das Shanty «Wellerman» ist fast 200 Jahre alt. Doch offenbar trifft sein Inhalt einen Nerv in der heutigen Zeit: Wehmut und Schwermut und die Erinnerung an ausgelassene Tafelrunden mit Schnaps und Freunden.

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