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Ausmalen nach Zahlen

14.01.2021

Liebe Leserinnen und Leser

«Mutant» – das Wort weckt ungute Gefühle. Googelt man nach Bildern dazu, erscheinen Figuren aus Albträumen und düsteren Comic-Verfilmungen. Ein mutierendes Virus – vor einem Jahr klang das erst einmal nach einem Plot für einen Thriller, in den man vielleicht lieber mal bei Tageslicht reinschauen würde.

Und jetzt würgt ein solcher Mutant zum zweiten Mal innert Jahresfrist das öffentliche Leben ab. Zeit, den Schurken etwas genauer kennenzulernen.

Republik-Journalistin Marie-José Kolly ist dem nachgegangen:

Wir haben gelernt: Der Mutant, die Mutantin – von Lateinisch mutans «(sich) ändernd» – ist erst einmal noch keinen Thriller wert, sondern einfach ein Ding, das sich verändert. Das genetische Material von Viren tut das rasend schnell, das gehört zu ihrem Wesen. Die meisten Mutationen sind ziemlich langweilig, nicht mehr als «Brotkrumen, die es uns erlauben, etwas über die Natur des Virus zu lernen», sagt die Molekular-Epidemiologin Emma Hodcroft.

Im Dezember aber ist aufgetreten, was man erwarten konnte (aber nicht musste, denn auch der Zufall schreibt die Geschichte dieser Pandemie mit): Mutationen, die ganz und gar nicht langweilig sind.

Wenn Sie den Plot zu besagtem Thriller schreiben würden, was würden Sie wählen? Ein ansteckenderes Virus oder ein tödlicheres? Was wäre schlimmer?

Intuitiv klingt «tödlicher» ganz und gar nicht gut. Rechnet man aber die Optionen gegeneinander auf, klingt plötzlich «ansteckender» noch weniger gut. Der Mathematiker und Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene and Tropical Medicine hat genau das Ende Dezember getan und damit viele Reaktionen ausgelöst. Hier sind seine Gleichungen.

Nehmen wir an,

  • der R-Wert liege bei 1,1: 10 Personen stecken im Schnitt 11 weitere an;

  • die Sterberate liege bei 0,8 Prozent: Etwas weniger als 1 Prozent der Infizierten sterben an Covid-19;

  • die Inkubationszeit liege bei 6 Tagen: So viel Zeit vergeht zwischen der Ansteckung und den ersten Symptomen.

Vor uns stehen 10’000 Infizierte. Wir schicken sie zurück in ihren Corona-Alltag und bieten nach einem Monat alle neu Infizierten auf, die auf diese 10’000 zurückgehen. Dann ziehen wir Bilanz.

  • Mit dem sogenannten Wildtyp des Virus – Sars-CoV-2, wie wir es kennen und nicht lieben – passiert Folgendes: Nach 6 Tagen gibt es 10’000 × 1,1 = 11’000 neu Infizierte. Nach wieder 6 Tagen 11’000 × 1,1 = 12’100. Und nach 30 Tagen (5-mal 6 Tage) stehen vor uns 10’000 × (1,1 × 1,1 × 1,1 × 1,1 × 1,1) = 10’000 × 1,1= 16’105 neu angesteckte Personen, die auf die initialen 10’000 zurückgehen. Davon sterben 0,8 Prozent, also 16’105 × 0,008 = 129 Personen.

  • Grassiert jetzt nur noch die neue Virusvariante und ist sie um 50 Prozent tödlicher, so sterben neu 0,8 × 1,5 = 1,2 Prozent der Infizierten. Da das mutierte Virus nicht ansteckender ist, stehen nach einem Monat ebenfalls 16’105 neu infizierte Personen vor uns. Davon sterben aber 16’105 × 0,012 = 193 Personen.

  • Ist die neue Virusvariante aber um 50 Prozent ansteckender, so liegt der R-Wert neu bei 1,1 × 1,5 = 1,65. Nach einem Monat stehen vor uns also schon 10’000 × 1,65= 122’298 neu angesteckte Personen. Davon sterben 122’298 × 0,008 = 978 Personen.

Ein ansteckenderes Virus ist ein tödlicheres Virus – nicht weil es Sie kränker macht, sondern weil es mehr Menschen erreicht. Denn: «Eine Zunahme in etwas, was exponentiell wächst (Infektionen), kann weit mehr auswirken als dieselbe proportionale Zunahme in etwas, was lediglich einen Ausgang (Todesfälle) skaliert», schreibt Adam Kucharski dazu.

Wächst die Zahl der Infizierten exponentiell, so führt ein ansteckenderes Virus also zu bedeutend mehr Todesfällen als ein tödlicheres. Und dabei natürlich auch zu mehr Menschen, die ins Spital müssen, mehr Menschen, die Intensivpflege benötigen, mehr Menschen, die langfristige Folgen der Infektion davontragen. Zu noch grösseren Einschränkungen all unserer Freiheiten.

Was wir dagegen tun können: unsere Kontakte für den Moment noch stärker einschränken «und die Fallzahlen niedrig halten», sagt die Epidemiologin Emma Hodcroft. Das hat gleich drei positive Effekte: Es vermindert erstens die schnelle Verbreitung der ansteckenderen Virusvarianten. Es schaffe zweitens Ressourcen, sagt Hodcroft, in Spitälern, beim Testen, beim Contact-Tracing und bei weiteren Systemen, die wir brauchen werden, falls wir wegen einer neuen Virusvariante einen erneuten starken Anstieg der Fallzahlen erleben. Drittens entzieht es Sars-CoV-2 unsere Körper, in denen das Virus mutiert.

Denn jeder zusätzliche Wirt, jede zusätzliche Wirtin bietet für das Virus Chancen, weiter zu mutieren, und erhöht so das Risiko, dass irgendwann wieder eine ansteckendere oder tödlichere Mutation auftritt und sich verbreitet.

Und ehrlich gesagt: Nach diesem Thriller wäre eine romantische Komödie eine willkommene Abwechslung.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Doppelt so hohes Risiko für Primarschul-Lehrerinnen im Kanton Basel-Land. Eine Recherche von Radio SRF im Kanton Basel-Landschaft zeigt, dass sich Lehrpersonen deutlich häufiger anstecken als der Durchschnitt der Bevölkerung. Bei den Primarschul-Lehrpersonen seien die Ansteckungszahlen fast doppelt so hoch. «Es ist Zeit, dass die Schutzmassnahmen an den Schulen verbessert werden», so Roger von Wartburg vom kantonalen Lehrerverein. In den Primarschulen im Kanton gilt keine Maskenpflicht. Ein grosser Teil der Ansteckungen geschieht über die Luft.

In England sind die ersten Impfungen in Apotheken angelaufen. Bisher sind es nur sechs grosse Apotheken im Land, in den nächsten Wochen sollen 200 Apotheken dazukommen. Die Termine wurden via briefliche Einladung vergeben. In ganz Grossbritannien haben bisher 2,6 Millionen Menschen ihre erste Impfdosis erhalten, das entspricht 4 Prozent der Bevölkerung. Für die Schweiz und viele andere Länder liegen noch keine Daten vor.

Das Expertinnenteam der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in Wuhan angekommen. Es soll in China den Ursprung der Pandemie erforschen. China hatte sich lange dagegen gesträubt. Dennoch können die Forscher nicht gleich loslegen. Zwei Teammitglieder wurden auf Antikörper getestet, ihnen wird von China die Einreise verweigert – obschon gemäss WHO die PCR-Tests im Vorfeld negativ ausfielen. Der Rest des Teams befindet sich in China in obligatorischer Quarantäne.

Und zum Schluss: Geisterspiele

Save the date! Denn: So viele Schweizer Acts auf einem Haufen gabs noch nie. Das Line-up des Ghost Festival, das derzeit auf Baustellenwänden und an Fassaden beworben wird, umfasst Hunderte von Songwritern, Rapperinnen und Bands aus dem ganzen Land. Hauptpartner des Events sind ein Grossverteiler und eine Versicherung, dazu Bierbrauereien und der Club-Dachverband Petzi, der auch den Vorverkauf für den 27. und den 28. Februar organisiert: Es gibt Tageseintritte, 2-Tages-Pässe und sogar ein VIP-Ticket.

Alles wie gehabt – nur dass Ende Februar 2021 natürlich niemand auf der Bühne stehen wird. «Das Festival, das nicht stattfindet» heisst es auf der Website, denn das Ghost Festival ist eine Selbsthilfeaktion der Schweizer Musikszene. Wer ein Ticket kauft, beschert damit den beteiligten Musikerinnen ein paar Franken Einkünfte: Was das Ghost Festival einnimmt, kommt vollumfänglich den Bands und ihrer Entourage zugute. Es soll ein Danke sein an «Menschen, die uns mit Musik beschenken». Und es ist aus Publikumssicht ein Investment, damit es überhaupt noch Musikerinnen gibt, wenn irgendwann wieder wirklich Konzerte stattfinden.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Bleiben Sie gesund. (Und tanzen Sie eine Runde in der Stube zu Ihrer Lieblingsmusik herum.)

Reto Aschwanden, Marie-José Kolly und Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: «Haben Sie Lust?» Das ist das Motto des diesjährigen Zürcher Philosophie-Festivals, das heute Abend startet. Finden normalerweise allerlei Gespräche rund um philosophische Themen auf verschiedenen Bühnen des Kulturhauses Kosmos statt, wurden diese kurzerhand ins Internet verlegt. Praktisch, denn da muss man für schlaue Gedanken (beispielsweise von Carolin Emcke, Güzin Kar oder Leif Randt) immerhin nicht durch den Schnee stapfen.

PPPPS: Falls Sie noch nach stubenkonformen Dancemoves suchen: Voilà. (Das ist das Herzerwärmendste, das Sie heute sehen werden.)

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