Dürrenmatts Überraschungen

Man glaubt, den Weltautor längst zu kennen, doch sollte man ihn heute neu und wieder lesen. Eine Einladung, sich von Friedrich Dürrenmatt überrumpeln zu lassen.

Von Peter Utz, 04.01.2021

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Entwurf für ein Denkmal? Friedrich Dürrenmatt im Jahr 1977. Ruedi Bliggenstorfer/RDB by Dukas

Wenn er zu uns zurück­blickt, ist er uns immer schon einen Schritt voraus: Friedrich Dürrenmatt überrascht auch noch an seinem hundertsten Geburtstag. Und das, obwohl er längst zum Monument erstarrt scheint und sich die Würdigungen zum Jubiläum in angemessener Höhe türmen: eine neu aufgelegte Gesamt­ausgabe; der erste Band einer kommentierten Übersicht über sein bildnerisches Schaffen; ein wissenschaftliches Handbuch; und, aus der Hand des kompetentesten Kenners, Ulrich Weber, die erste umfassende Biografie. Fehlt nur noch ein Dürrenmatt-Denkmal vor dem Bundeshaus.

Doch dem wird Dürrenmatt auch an seinem hundertsten Geburtstag am 5. Januar entgehen.

Eher wird ein Meteor auf die polierten Gneisplatten vor dem Bundeshaus nieder­donnern, als dass dort der Dichter in Granit aufgerichtet würde. Die Provokation von Dürrenmatts letztem Streich, der grossen Rede auf Václav Havel vom 22. November 1990, kurz vor seinem Tod, hallt immer noch nach: die Schweiz als ein «Gefängnis», in dem man in paradoxer Weise «frei» ist, weil dort die Gefangenen selbst zu ihren eigenen «Wärtern» geworden sind.

Die anwesenden Bundesräte reagierten mit betretenem Schweigen. Dürrenmatt, in dessen Licht man sich sonnen wollte, hatte sie mit seinem sezierenden Blick auf die Schweiz überrascht.

Dabei wäre man eigentlich gewarnt gewesen: Seit seinen Anfängen hatte sich der spätere Weltautor immer wieder kritisch der Schweiz zugewandt. Bereits 1949 schrieb er ins Programm­heft der Basler Uraufführung zu «Romulus der Grosse»:

§1 Der Verfasser ist kein Kommunist, sondern Berner.

Der Kommunismus zerschellt ebenso wie der verbissene Antikommunismus, den der Kalte Krieg eben erst anzuheizen beginnt, an einem Berner Schädel. Die Welt­ideologien treffen auf das lokale Erfahrungswissen – daran hielt Dürrenmatt zeitlebens fest. Er blieb sesshaft in der Schweiz, ja versessen auf die Schweiz, auch wenn er seinen Welterfolgen bald weitherum nachreisen konnte.

1952 bezog er die Neuenburger Terrasse, bewahrte jedoch immer eine Distanz zu dem, was zu seinen Füssen lag: Auch zu Hause hatte er den fremden Blick eines Heim­kehrenden. Dies ist ein altes Muster der Literatur aus der Schweiz, spätestens seit Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» und dem «Martin Salander». Max Frisch hatte diesem helvetischen Grund­thema mit «Stiller» 1954 ein neues Gesicht gegeben. 1956 zog Dürrenmatt mit dem «Besuch der alten Dame» in seiner Weise nach.

Die «tragische Komödie» beginnt gleich mit einem Theater­coup: Weil die Schnellzüge im herunter­gekommenen Güllen längst nicht mehr halten, greift Claire Zachanassian zur Notbremse. Damit beginnt ihre rächende Probe auf das Exempel einer käuflich gewordenen klein­städtischen Moral, die schliesslich zu einem kollektiven Mord führt.

Die Geschichte ist bekannt; als universelles Gleichnis ist sie anschliessbar an alle möglichen Situationen und Kontexte. Güllen kann überall sein; die alte Dame ist eine Frau Welt.

Noch universeller und ebenso erfolgreich: «Die Physiker» von 1962. Trotz einiger Hinweise auf einen schweizerischen Kontext soll das «Örtliche» hier eigentlich «keine Rolle» spielen, wie schon die erste Regie­anweisung vermerkt. Mit mutwilligen Überraschungs­effekten treibt Dürrenmatt die Handlung in immer neue komische Konstellationen hinein, bis einem das Lachen im Halse stecken bleibt: Die Welt ist in die Hände einer verrückten Psychiaterin geraten. Das ist jene «schlimmst­mögliche Wendung», die Dürrenmatt in den begleitenden «21 Punkten zu den Physikern» begrifflich so prägnant fixiert hat, dass sie nun ihrerseits auf Dauer an seinem Werk klebt und zur zitierbaren Allerwelts­formel geworden ist.

Hinter dem Mond

Dürrenmatt ist jedoch schon sehr viel früher vom helvetischen Boden aus ins Universelle abgebogen. In der Novelle «Der Tunnel» von 1952 rast ein Zug in sich beschleunigender Fahrt dem Abgrund zu. Anders als bei der «Alten Dame» bleibt der Griff zur Notbremse wirkungslos. An diesem Höllen­sturz konnte man existenziell Allgemein­gültiges ablesen. Nicht umsonst ist «Der Tunnel» zu Dürrenmatts bekanntestem und meist­übersetztem Prosastück geworden.

Trotzdem: Die konkrete helvetische Fahrplan­topografie zwischen Bern und Zürich ist sein Ausgangspunkt. In Dürrenmatts unpublizierten «Finger­übungen zur Gegenwart» aus demselben Jahr heisst es dementsprechend, die «Provinz» müsse der notwendige Ausgangs­punkt aller Welt­beobachtung sein:

Man wird mir vorwerfen, die Schweiz sei eine Provinz und wer sich an eine Provinz wende, sei ein provinzieller Schriftsteller. Gesetzt, dass es noch Provinzen gibt, haben jene unrecht, die so sprechen. Man kann heute die Welt nur noch von Punkten aus beobachten, die hinter dem Mond liegen, zum Sehen gehört Distanz, und wie wollen die Leute denn sehen, wenn ihnen die Bilder, die sie beschreiben wollen, die Augen verkleben?

«Hinter dem Mond» – die Formel ist bewusst doppeldeutig: Sie rückt die Entfernung der Provinz von den Zentren gleich auf astronomische Distanz. Erst von dorther lassen sich die Bilder durchstossen, die unsere Augen verkleben. Wer hinter dem Mond lebt, ist nicht unbedingt ein Hinter­wäldler. Er hat die Chance eines fremden Blicks, den er imaginieren kann, auch wenn er zu Hause bleibt.

Gleichzeitig schafft die Mond-Distanz die Fallhöhe für Dürrenmatts Humor, mit dem er sich seinen Schöpfungen zuwendet. Am Ende der «Nachgedanken» von 1980 finden wir uns auf dem Olymp: Die Götter­mutter Hera strickt Strampel­höschen für die neueste illegitime Zeugung ihres Gatten, und die Götter zappen beim Nachmittags­nektar vor dem olympischen Fernseher in das Programm «Erde 1». Dort erscheint ihnen der schweizerische Bestseller­autor Erich von Däniken, der seit den Sechziger­jahren seine Thesen von der Präsenz der Ausser­irdischen auf der Erde vermarktet – und den Göttern dämmert es: «Donnerwetter, wir sind unsterblich.»

Mit den Göttern sitzt auch Dürrenmatt auf dem Olymp, als gottähnlicher Autor, der auch über sich selbst zu lachen versteht. Wie der «Grosse Alte mit Bart» in seinem letzten Roman «Durcheinandertal» (1989) dreht er an der Kaffee­mühle seiner grenzenlosen Fantasie und lässt damit die Erde, das Planeten­system und schliesslich den ganzen Kosmos kreisen.

Von dieser kosmischen Warte kommt auch die Fragilität der Erde in den Blick: Im «Porträt eines Planeten» von 1970 entwirft Dürrenmatt bereits eine ökologische Perspektive der Erde. Auch hier aber zoomt er wieder auf die Schweiz zurück: Adam, der erste und letzte Mensch, stammt aus dem «Alpenlande», und er steigt «ins Gebirge», als sei er ein Wilhelm Tell.

Der letzte Mensch, der mit dem ganzen Sonnen­system am Schluss «hopsgeht», ist ein Schweizer.

Mondfinsternis

Im Hinterwäldlerischen steckt das Weltall, damit aber auch seine Kälte.

Nirgends wird sie spürbarer als in der Erzählung «Mondfinsternis», einem Teil seiner «Stoffe». Mit diesem monumentalen Projekt einer Autobiografie, die eine des Werks und nicht des Autors sein will, überraschte Dürrenmatt bei der ersten Teilpublikation 1981 jene Leser, die ihn nur noch als abgespielten Theater­klassiker wahrnahmen.

Dabei machte er das Emmentaler Dorf, in dem er 1921 zur Welt gekommen war, zum Nullpunkt seines Koordinaten­systems – nicht als narzisstischer Egotrip des alternden Autors, sondern als Verortung seines Schreibens im ständig expandierenden Werkkosmos seiner «Stoffe». Dieser wird erst in der für den Frühling angekündigten fünfbändigen Ausgabe von Ulrich Weber und Rudolf Probst in seinem ganzen Umfang zugänglich werden, begleitet durch eine Online-Edition der rund 30’000 erhaltenen Seiten im Nachlass. Soeben rückte eine Ausstellung im Zürcher Strauhof diesen Teil des «Kosmos Dürrenmatt» ins Licht.

Die «Mondfinsternis» hätte eigentlich bei der Erstpublikation die Leser provozieren sollen. Doch wie fast das gesamte Spätwerk Dürrenmatts wurde diese männlich deklinierte Prosa­variante des «Besuchs der alten Dame» bis heute vom breiteren Publikum weitgehend ignoriert.

Liegt es daran, dass Dürrenmatt das Heimkehrer­motiv mit der rächenden Rückkehr des Kanada-Schweizers Wout Laatscher, ehemals Walti Locher, in sein Heimat­dorf nochmals strapaziert? Liegt es an der grotesken Kopulation von Geld und Sex, mit welcher der grossmäulige Cadillac­fahrer seine einstigen Dorfgenossen zum Mord an seinem früheren Rivalen verführt? Oder an der entlarvenden Genauigkeit, mit der auch hier die Korrumpierbarkeit eines Kollektivs aufgezeigt wird?

In die Schulbücher hat es Dürrenmatts «Mondfinsternis», anders als «Der Tunnel», jedenfalls nicht geschafft.

Im Ausland konnte man diese Fabel samt ihren ausgreifenden Exkursionen bis nach Oberlottikofen gelassen für eine sehr «schweizerische» halten. In der Schweiz hingegen fühlte man sich in ihr vielleicht nur allzu gut erkannt. Denn die Geschichte ist in einem abgeschiedenen Alpental angesiedelt, in das Dürrenmatt auch mit allen sprachlichen Registern abtaucht. Dabei kommt jedoch das Kosmische neu ins Spiel: Als die Bauern ihr Opfer durch das nächtliche Fällen einer Buche hinrichten wollen, verfinstert sich der Mond. Er verwandelt sich zu einem «glühenden zerfressenen Auge», «das bösartig auf den dunkelrot verfärbten Schnee und die Bauern glotzt». Einige glauben schon an den Weltuntergang.

Erst wenn der Mond wieder voll aufleuchtet, führen die Bauern ihr Mordgeschäft zu Ende.

So rückt die Mondfinsternis den kollektiven Mord auf kosmische Distanz und beleuchtet ihn kritisch. Man kann die Erzählung trotz dieser gegenüber der «Alten Dame» neuen astronomischen Dimension nicht mehr als universelle Parabel entschärfen. Sie betrifft zuallererst die Schweiz.

Späte Justiz

So kehrt Dürrenmatt in seinem Spätwerk immer wieder in die konkrete schweizerische Realität zurück – fast wie die alte Dame, die ihren Heimatort mit dessen eigenen Widersprüchen konfrontiert. Das gilt für den «Winterkrieg in Tibet»: ein entlarvendes Zerrbild der Schweiz im Kalten Krieg samt Bunker-Bundeshaus unter der Blümlisalp.

Und das gilt für den letzten Kriminal­roman «Justiz» von 1985. Wie die ersten Kriminal­romane ist auch dieser an konkreten schweizerischen Schau­plätzen verortet: ein «Lokalkrimi», wie sie heute die Buch­handlungen füllen und ihrerseits zu einem fast globalen Phänomen geworden sind. Die Lokal­termine von «Justiz» bis hin zur Katzenschwanz-Strasse lassen sich alle konkret auf dem Zürcher Stadtplan verorten.

Dies reflektiert der Roman auch selbst. Ein längerer schweizer­geschichtlicher Exkurs wird mit der Bemerkung eingeleitet:

Land und Leute: Einige Bemerkungen sind unumgänglich. Zu einem Mord gehören auch nähere und weitere Umgebung, die mittlere Jahres­temperatur, die durchschnittliche Häufigkeit von Erdbeben und menschliches Klima. Alles ist miteinander verflochten […].

Entsprechend durchsetzt Dürrenmatt den Roman reichlich mit kritischen Anspielungen auf Lokales und mit Helvetismen. Solche Passagen wurden beim Vorabdruck im deutschen Magazin «Stern» 1985 gestrichen – was Dürrenmatt so irritierte, dass er juristisch gegen die Zeitschrift vorging und diese zwang, ab der vierten Folge den Roman ungekürzt abzudrucken.

Das ist Dürrenmatts «Justiz» im Namen seiner möglichst genauen Kritik an der Schweiz. Das Lokale ist nun nicht mehr Kolorit wie in «Die Physiker». Es ist selbst der Gegen­stand seiner literarischen Analyse. Die Schweiz ist der Tatort, die «Justiz» gilt zunächst ihr. Macht und gesellschaftlicher Einfluss modellieren hier die Rechts­findung: Wenn ein Kantonsrat in aller Öffentlichkeit einen Mord begeht, kann er nach einem verwirrenden und verblüffenden Indizien­spiel trotzdem freigesprochen werden.

Er blickt zu uns zurück und ist uns doch einen Schritt voraus: Friedrich Dürrenmatt signiert 1981 bei Orell Füssli in Zürich. Jules Vogt/Comet Photo AG/Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich

Am Ende tritt Dürrenmatt als Heraus­geber vor den Vorhang der Roman­handlung. Diese Intervention ist auf den 22. 9. 1985 datiert und mit dem Namen des Autors signiert. Auf der Terrasse seines Hauses in Neuenburg sinniert er unter dem bestirnten Himmel über die eigene Lebens­zeit und die Erdzeit, bis hin zum künftigen Verglühen der Sonne als Supernova. Und aus dieser kosmischen Perspektive fällt im Roman auch fast beiläufig das Urteil: «Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.»

So verklammert Dürrenmatt das Lokale mit dem Universellen. Er rückt seine helvetisch grundierten Stoffe ins Kosmische, um sie aus dieser Perspektive beurteilbar zu machen. Dabei geht es zunächst um die Dominanz des Geschäfts über die Moral, wie dies in «Justiz» die Schweizer Firma Steinmann vorführt, die weltweit gleichzeitig Waffen und Prothesen für Kriegs­verletzte verkauft. «Verschweizerung» würde insofern heute «Globalisierung» heissen. Die drohende «Verschweizerung» der Welt ist aber vor allem ein Urteil über die Schweiz: Sie wird sich nicht mehr als selbst definierter «Sonderfall» aus der Welt und ihren Katastrophen ausklammern können, wenn es ihr gerade ins Geschäft passt.

Die Pandemie und die Klima­erwärmung, die uns jetzt auf den Leib rücken, geben ihm recht. Wenn die Schweiz heute «ihren» Dürrenmatt als Weltautor feiert, dann handelt sie sich auch dessen kritischen Blick auf die Schweiz mit ein. Wenn sie den Blick in seine Bücher wagt, riskiert sie, auf das eigene Bild zu treffen.

Zum Autor

Peter Utz lehrte von 1987 bis 2019 als Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Er forscht zur Schweizer Literatur, besonders zu Robert Walser, zum literarischen Übersetzen, zum Feuilleton und zu Katastrophen­darstellungen in der Literatur. Für die Republik schrieb er zuletzt über Corona im historischen Kontext der Schweizer Katastrophenkultur.

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