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Ich weiss, was du letzten Sommer vertan hast

04.01.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Der Amtsantritt einer Bundespräsidentin ist für Journalisten in der Schweiz unter normalen Umständen eher unspektakulär. Jedes Jahr ist jemand anderes aus dem Siebnergremium dran; alles ein bisschen Formsache, es gibt meist eine etwas steife Rede zum neuen Jahr und ein Interview, alli zäme, Mehrsprachigkeit, la Suisse existe, humanitäres Engagement, Erfolg und Bildung, souveräne Bürgerinnen, frohes neues Jahr, und so weiter und so fort.

Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders. Wirtschafts-, Bildungs- und Forschungsminister Guy Parmelin bekleidet seit einigen Tagen das Amt als Bundespräsident. Der SVP-Bundesrat erbt das Amt von einer SP-Kollegin, und es wird auch 2021 eine Herausforderung – vor allem in Bezug auf die Pandemie. Er habe auf die Krankheit eine andere Sicht, seit sein eigener Vater an Covid-19 erkrankt sei, sagte Parmelin im ersten Interview als Bundespräsident, das er gestern dem «SonntagsBlick» gab.

Es liest sich teilweise ungewohnt offen (Bundespräsident Parmelin gesteht Fehler des Bundesrats ein), und andererseits seltsam hölzern. Als Auftakt in ein neues Politjahr, in dem Corona präsent bleibt, schauen wir uns ein zentrales Zitat aus dem Interview an.

«Zwischen Juli und September haben wir die Lage unterschätzt. Wir dachten, wir könnten das Virus meistern. Gedanklich war es weit weg. Das gilt aber nicht nur für die Politiker! Auch viele Spezialisten waren überrascht, als die Fälle plötzlich wieder derart schnell anstiegen.» (Guy Parmelin, 3. Januar 2021, «SonntagsBlick»)

Insbesondere dieses Zitat aus dem Interview liess Wissenschaftlerinnen rasch widersprechen. Zum Beispiel Isabella Eckerle, Virologin und Professorin der Universität Genf, auf Twitter: «Keiner der Experten war überrascht! Wir Virologen und alle Epidemiologen, Public-Health-Experten etc. haben sich den Sommer über den Mund fusslig geredet.» Es habe nur niemand zuhören wollen, weil es unangenehme Tatsachen seien.

Die wissenschaftliche Taskforce warnte tatsächlich bereits wieder am 3. Juli in ihren Empfehlungen an die Politik: «Sars-CoV-2-Infektionen nehmen derzeit in der Schweiz mit alarmierender Geschwindigkeit zu.» Und ferner schrieb sie: «Wir empfehlen dringend, Situationen mit hohem Übertragungsrisiko zu vermeiden. Dies sind insbesondere Ereignisse in Innenräumen, die keine physische Distanzierung [erlauben] und bei denen keine Masken getragen werden.»

Auch im Ausland sah die wissenschaftliche Quellenlage zwar nicht bis ins Detail, aber in der Trendrichtung recht eindeutig aus. So publizierte das deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut IZA am 19. Mai eine Studie, in der sie die Wirkung von Lockdown-Strategien und betreffend die Mobilitätsmuster der Bevölkerung mehrerer Länder verglich. Die Studie stellte fest, dass unter anderem der Verzicht auf Grossanlässe äusserst wirkungsvoll sei. (Die Schweiz erlaubte Grossanlässe mit mehr als 1000 Personen und Schutzkonzepten ab dem 1. Oktober 2020 wieder.)

Dass eine zweite Welle kommen würde, war von einer Mehrheit der Wissenschaft immer wieder betont worden. Bereits im Mai warnte der Europa-Direktor der Weltgesundheitsorganisation, Hans Kluge, im Gespräch mit der britischen Zeitung «The Telegraph», dass sich die Länder auf eine zweite Welle vorbereiten müssten. «Die Lockerungen müssen von Public-Health-Daten getrieben sein», argumentierte er. «Hoffen wir auf das Gute – und bereiten wir uns auf das Schlimmste vor.»

Fazit: Bundespräsident Parmelin hat wohl recht: Der Bundesrat hat die Lage unterschätzt. Was hingegen nicht stimmt: dass die Wissenschaft nicht davor gewarnt hätte.

Wir schauen auch weiterhin kritisch nach Bern.

Und nun zu heute.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Zum offiziellen Start der Schweizer Impfkampagne mangelt es an Dosen. Heute haben mehrere Kantone offiziell damit begonnen, Menschen mit besonderem Risiko zu impfen. Aktuell ist in der Schweiz ein Mittel zugelassen, jenes von Pfizer und Biontech. Doch das ist derzeit knapp – aktuell können damit landesweit etwa 50’000 Personen geimpft werden. Eine weitere Lieferung ist für Januar versprochen. Es zeichnet sich ausserdem ab, dass auch die Impfung der US-Firma Moderna bald zugelassen werden könnte.

Der Impfstoff Moderna steht kurz vor der Zulassung in der EU. Der Expertenausschuss der europäischen Arzneimittelbehörde EMA sei heute zusammengetroffen und berate über die Empfehlung. In den USA ist der Moderna-Impfstoff bereits zugelassen.

Österreich verlängert seinen Lockdown um eine Woche bis zum 24. Januar. So bleiben Handel, viele Dienstleister und die Gastronomie geschlossen. Ursprünglich hatte die Regierung die «Frei testen»-Methode benutzen wollen: Wer sich bis zu einem Stichtag testen lassen würde, könnte früher in die Geschäfte gehen. Das Vorhaben platzte wegen des Widerstands der Opposition.

Deutschland behält seine Schulen wohl länger als geplant geschlossen. Das beschlossen die Kultusminister der Länder heute in einer Schaltkonferenz. Aufgrund des Infektionsgeschehens müssten die im Dezember beschlossenen Massnahmen im ganzen Land oder in einzelnen Bundesländern fortgeführt werden. Sollte sich die Situation bessern, sei die Wiederaufnahme des Schulbetriebs in Stufen möglich. Der gesamte Lockdown soll bis Ende Januar aufrechterhalten bleiben, hiess es aus Verhandlungskreisen.

Schottland verhängt erneut einen Lockdown. Regierungschefin Nicola Sturgeon sagte, damit wolle man die neue, ansteckendere Virusmutation in Schach halten. Die Bevölkerung muss wenn möglich von zu Hause aus arbeiten – nach draussen soll sie nur für das Einkaufen von Nahrungsmitteln und Medizin, zur sportlichen Ertüchtigung sowie zur Pflege von Angehörigen. Bildung wird bis Februar via Fernunterricht organisiert.

Und zum Schluss: Ein Denkanstoss

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die eigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht

Was meinen Sie? Zumindest Stoff für ein paar Gedanken gibt der Artikel auf jeden Fall her.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Wer dem Ende des Jahres 2020 noch nicht ganz traut (oder sich einfach schon nostalgisch fühlt), kann der Frage nachgehen, welcher Monat des Jahres 2020 man sei. Das nicht ganz ernst gemeinte Quiz von Tausendsassa und Komiker Patrick «Karpi» Karpiczenko (bekannt aus SRF-«Deville») gibt auch noch bekannt, welches das eigene spirit animal ist. Meins ist das Erdmännchen. Nun gut. Sie sehen: Das Ganze ist ein bisschen doof, aber irgendwie auch ein bisschen witzig. Schönen Montag!

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