Ein Jahresend-Gespräch aus dem Jenseits

Die brillantesten Autorinnen sind fast alle tot. Zeit, die Schranken des Totenreichs einzureissen, um sie zu neuen Äusserungen zu bewegen. Für den Pilotversuch zum Jahreswechsel wählten wir den vielleicht champagner­haftesten aller Kaffeehaus­literaten: Egon Friedell.

Von Elia Blülle und Constantin Seibt, 31.12.2020

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Das kindliche Medium schloss die Augen.

Wir sassen im Dunkel und starrten auf die Flamme der einsamen Kerze. Nichts passierte, bis jemand dreimal klopfte.

«Wir, die Lebenden, bitten euch, die Toten, um Öffnung der Pforte in das Reich der Schatten», flüsterte unsere Gastgeberin, eine Dame mit falschen Juwelen.

Die Antwort war zu erwarten: eine geradezu unendliche Stille. Während sich in unseren Köpfen, ebenso erwartbar, ebenso still, die Frage stellte: Was tun wir hier?

Nun, die einfachste Antwort darauf war: unseren Job.

Es gibt vielleicht keine harmlosere Tradition im Journalismus als das Jahresend-Interview. Zwischen Heiligabend und Silvester passiert meist nichts. Also befragt man zuvor möglichst bedeutende Persönlichkeiten, möglichst lang, bis genügend Füllstoff zusammen ist. Und fährt in die Ferien.

Andererseits war dieses Interview alles andere als harmlos. Es war eine klassische Pioniertat – zwischen Blamage und weltweitem Umsturz war alles möglich. Klappte es, würde es die internationale Presse vielleicht auf immer verändern.

Denn das zentrale Problem im Journalismus ist überall das gleiche – intellektuell wie finanziell: Es braucht möglichst viele brillante Köpfe. Doch diese sind erstens teuer. Und zweitens selten.

Ausser an einem Ort – in den Regalen. Denn die unbestritten brillantesten Autorinnen und Autoren haben fast alle eines gemeinsam: Sie sind tot. Deshalb liegt die Idee nahe, dass die Zukunft des Journalismus vielleicht in der Vergangenheit liegt. Man muss nur die Barriere ins Jenseits einreissen.

Wenn uns das gelänge, würde Journalismus endlich wieder ein glänzendes Geschäfts­modell: mit frischen Artikeln von Albert Camus, Charles Dickens, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Susan Sontag, Truman Capote, Jane Austen … Und das erst noch günstig: Statt mehreren Dutzend Journalisten bräuchte man nur noch ein, zwei Spiritisten. (Ausserdem praktisch: Das Gegenlesen und Genehmigen der Antworten entfiele, denn im Jenseits gibt es keine Medienstellen.)

Allerdings müssten diese ihr Handwerk beherrschen.

Wir machten uns also auf die Suche nach einem vertrauens­würdigen Medium. Es zu finden, kostete uns Monate, sein Vertrauen zu gewinnen, mehr als ein Jahr – und ja, günstig war es auch nicht. Alle weiteren Einzelheiten sind Betriebsgeheimnis.

Die Gastgeberin zog an einer Kordel und lüftete den Vorhang. Dahinter versteckt kauerte das Medium.

Er oder sie hatte die Haut eines Kindes, aber die Augen eines Greises. Kein Wunder, zitterten unsere Hände: Entweder würden wir noch in dieser Nacht unser Gesicht verlieren – oder vielleicht im neuen Jahr unseren Job.

Dann zitterte plötzlich auch der Rest der Runde. Ein eiskalter Hauch fuhr durch den Raum, als hätte jemand ein Fenster geöffnet. Nur konnte das nicht stimmen, denn die Kerze in der Mitte des Tisches brannte vollkommen ruhig. Es roch, als hätte jemand einen Feuerwerks­körper angezündet.

«Die Pforte ist nun geöffnet», flüsterte die Gastgeberin. «Wir rufen den Schatten von Doktor Friedell!»

Wir hatten lange darüber verhandelt, welchen Schatten wir zu unserem Experiment rufen sollten. Unsere Wahl fiel auf einen Experten der Seele wie der Vergangenheit – auf Egon Friedell, den Verfasser der «Kulturgeschichte der Neuzeit», eines 1600-Seiten-Schinkens über die «Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg».

Nicht zuletzt war der Wiener Schrift­steller und Journalist Friedell auch ein Experte der Zukunft, war er doch Autor der «Rückkehr der Zeitmaschine». Und für das Gelingen des Gesprächs nicht unwichtig: einer der unver­schämtesten, amüsantesten Literaten, die je ein Kaffee­haus betreten hatten.

Zur Person

Egon Friedmann wurde am 21. Januar 1878 als Sohn eines Seiden­fabrikanten geboren. Seine Mutter verliess die Familie, als er ein Jahr alt war. (Und trat erst 49 Jahre später wieder in sein Leben, als sie vor Gericht gegen ihn auf Alimente klagte – mit Erfolg.) Sein Vater starb, als er 13 war – er wuchs bei einer Tante in Frankfurt auf, wurde aus zahlreichen Schulen geworfen, trat viermal zum Abitur an, das er «im vierten Anlauf glänzend bestand».

Die verlorene Zeit holte er schnell auf. Mit 26 war er Stammgast im Wiener Café Central, Alkoholiker und Doktor (der Philosophie). Die Ausbildung nutzte er, um Leiter des Kabaretts Fledermaus zu werden. Dort gelang ihm mit einer Premiere in der Silvesternacht 1907/08 sein grösster Theatererfolg: der Einakter «Goethe im Examen», geschrieben mit Alfred Polgar, bei dem Goethe von den Toten wiederaufersteht, in der Schule zum Thema Goethe geprüft wird – und durchfällt.

Friedell spielte Goethe als Versager sein Leben lang in Hunderten von Aufführungen. Die Rolle passte: Friedell war eine raumgreifende Gestalt – er trank, ass, lachte mehr als irgend­jemand sonst in Wien. Der Impresario Max Reinhard entdeckte ihn für das ernsthafte Theater, wo Friedell als Regisseur, Stück­bearbeiter und Schau­spieler arbeitete. Schon mit 19 Jahren konvertierte er vom Judentum zum evangelischen Glauben – und änderte wenig später seinen Namen in Friedell. Er war entschiedener Christ, Konservativer und Nationalist, obwohl seine freiwillige Teilnahme am Ersten Weltkrieg am Gewicht scheiterte, angeblich mit den Worten: «Eine Körper­erscheinung, wie Sie sie besitzen, ist bestenfalls einem Major gestattet.»

Eine Anekdote, die – wie viele Ereignisse in seinem Leben – die zweifelhafteste aller Quellen hatte: ihn selbst. Für seine im Republik-Gespräch beschriebene Ägypten­reise gibt es zum Beispiel keine Belege.

Wenn Friedell auf etwas stolz war, dann auf seine Faulheit und seinen Dilettantismus. Was ihm auf die Nerven ging, waren Fachgelehrte und wenn etwas in Arbeit ausartete. In Wahrheit jedoch lebte er ein Doppelleben. Friedell besass eine enorme Bibliothek von Zehntausenden von Büchern, füllte diszipliniert Zehntausende von Zettelkästen und schrieb mit 50 das Werk, das ihn berühmt machte: die «Kulturgeschichte der Neuzeit» – eine höchst amüsante, ungerechte, jederzeit inspirierte Tour durch die europäische Geistesgeschichte.

«Es gibt dramatische Denker, so wie es dramatische Dichter gibt», schrieb er einmal. Und tatsächlich war Friedell für alles zu haben: Er war ein konservativer Dandy, ein frommer Bilder­stürmer, ein Pedant mit regelmässigen Exzessen, ein menschen­scheuer Allein­unterhalter, ein Mann der These und der Antithese und – im Zweifel – der Anekdote, ein Sucher der Wahrheit und Verehrer der Lüge, ein glühender Christ, der als Jude starb.

Von Politik hielt er nicht viel. Aber wenn, hatte er wenig Sympathien für die Demokratie, und auch Antisemitismus war ihm nicht fremd. Obwohl er das Dritte Reich schnell durchschaut hatte («Das Reich des Antichrist. Jede Regung von Noblesse, Frömmigkeit, Bildung, Vernunft wird von einer Rotte verkommener Hausknechte auf die gehässigste und ordinärste Weise verfolgt»), versuchte er, sich mit den National­sozialisten zu arrangieren. Der Erfolg war: Sie verbrannten seine Bücher, und er verlor viele seiner Freunde.

Nach dem Anschluss Österreichs bat er sie auf Knien um Gift oder eine Pistole.

Was von ihm blieb, war ein Universum aus Klugheit, Widersprüchen und Vergnügen. Die erwähnte «Kulturgeschichte der Neuzeit», die Science-Fiction-Novelle «Die Rückkehr der Zeitmaschine» und (zusammen mit seinem Kaffeehaus-Freund Alfred Polgar) der Band «Goethe und die Journalisten», in dem nicht nur der Goethe-Einakter zu finden ist, sondern auch die brillantesten Presse-Parodien, die je geschrieben wurden. (Hier nur die Schlagzeile der zweiten Ausgabe: «Sensationeller Mangel an Neuigkeiten! – Aus allen Haupt­städten Depeschen von ungeahnter Nichtigkeit eingetroffen!»)

Die Gastgeberin wiederholte, nun mit festerer Stimme: «Wir rufen den Doktor Friedell!»

Das kindliche Medium stöhnte. Die Kerze fing an zu flackern.

«Den Doktor Friedell!», brüllte die Gastgeberin.

Das Medium vergoss eine Träne, die Kerze stiess zunehmend heftigen Russ zur Decke. Der Russ ballte sich zu einer langsam wachsenden Wolke und dann – erst fühl-, dann sichtbar – zu einer massigen, beinahe raumfüllenden Gestalt. Die mit einem Mal so etwas wie ein Husten erklingen liess.

«Doktor Friedell?»

«Schreien Sie doch nicht so, bitte!»

Wir erschauerten. Falls das wirklich Doktor Friedells Stimme war, so waren dies die ersten Worte, die auf dieser Erde von ihm zu hören waren, seit dem 16. März 1938, etwa um 10 Uhr abends, als kurz nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland zwei SA-Männer an der Tür seiner Wiener Wohnung geklingelt und die Haushälterin gefragt hatten: «Wohnt hier der Jud Friedell?» Worauf die Haushälterin sagte: «Falls Sie den Herrn Doktor Friedell meinen, dann ja» – und Friedell vom Fenster seiner Bibliothek im dritten Stock die Passanten mit dem höflichen Satz «Treten Sie zur Seite» warnte, bevor er in den Tod sprang.

Einen Augenblick zögerten wir. Doch dann rissen wir uns zusammen. Man hatte uns gewarnt, dass die Kraft des kindlichen Mediums begrenzt war und damit auch die Zeit des Schattens im Diesseits. Wollten wir ein halbwegs erschöpfendes Interview, waren wir gut beraten, ohne grosse Umstände damit zu beginnen.

Die Worte unseres wolkigen Besuchers waren übrigens erstaunlich klar vernehmbar. Dies vielleicht eines glücklichen Umstands wegen: Der Verstorbene war neben seinen geistigen Aktivitäten auch Schau­spieler und Conférencier gewesen.

Man gönnt sich ja sonst nichts – Egon Friedell beim Philosophieren. C.H. Beck Verlag

Doktor Friedell, danke, dass Sie gekommen sind. Es war ja eine lange Reise …
Der Hauptinhalt des Reisens ist Russ, Staub, Wanzen, freche Kellner, grobe Mitpassagiere, unverschämte Hotel­rechnungen und Magenkatarrh.

Gehen wir recht in der Annahme, dass Sie ungern reisen?
Die meisten Menschen reisen, weil es so Mode ist und weil sie ein neues ergiebiges Gesprächs­thema wollen; denn aus sich selber können sie keines holen. Ja, unsere Fantasie leistet sogar viel mehr, als unser Auge leisten könnte.

Sprechen Sie aus Erfahrung?
Ich liess mich einmal überreden, eine Reise nach Kairo zu machen. Das hat mich nicht nur 14 Tage Bequemlichkeit, sondern auch meine Illusionen von der Schönheit des Orients gekostet. Die Kamele waren abgearbeitet und schäbig. Die Haupt­impression, die ich von dem Lande hatte, war: heisser Schmutz.

Für einen Besuch aus dem Jenseits klingen Sie aber ziemlich unaufgeregt …
Das Paradox ist nur in der Langsamkeit unseres Auffassungs­vermögens begründet.

Welcher Langsamkeit?
Für ein blitzschnelles Auffassungs­vermögen würde es keine fallenden Steine geben, sondern nur schwebende. Wir glauben irrtümlich, unsere Schranke sei der Raum, aber gerade der ist für uns nach allen Seiten offen. Unsere grosse Schranke ist die Zeit, an der wir sozusagen festgewachsen sind.

In welchen Dimensionen abseits des Raums bewegen wir uns denn ansonsten noch?
Wären wir Flächenwesen, die sich nur in den zwei Dimensionen des Rechts und Links, des Vorne und Hinten zu bewegen vermöchten, so wäre die dritte Dimension der Höhe für uns das grosse Geheimnis, das Reich der Geister. Und in der Tat empfinden auch wir bis heute diese Dimension als die geistigere. Man ersieht hieraus, dass Personen, die noch immer die Tatsache der sogenannten Spuk­phänomene in Abrede stellen, dies nur ihrer mangelhaften mathematischen Schulung verdanken. Der Glaube, dass es nur drei Dimensionen gebe, ist ein Aberglaube, und der Zweifel an der vierten Dimension ist die Skepsis eines Abc-Schülers.

Also ist Spiritismus kein Humbug?
Lange Zeit hielt man die Fernwirkung für eine unwissenschaftliche Vorstellung, sogar noch Newton. Heute weiss jeder Bauer, der einen Radio­apparat besitzt, dass es sie gibt. Ebenso hat Kant, die grösste Denkkraft, die die Welt jemals erblickt hat, in seiner berühmten Satire «Träume eines Geistersehers» Swedenborg, obgleich dessen telepathische Leistungen urkundlich bezeugt waren, als Schwärmer und Erzfantasten hingestellt. Alle diese Dinge, physikalische Fernwirkung, Hypnose, Telepathie, Spiritismus, sind als «höherer Blödsinn» angesehen worden. Aber in solchem «höheren Blödsinn» und in nichts anderem besteht der Fortschritt der menschlichen Erkenntnis.

Trotz Kant …
Hier passt die feine Bemerkung, die Paulsen über das kantische Lehrgebäude gemacht hat: «Manche stattlich und vornehm auftretenden Teile des Systems gleichen einiger­massen den künstlich eingesetzten Zweigen der Tannen­bäume auf dem Weihnachtsmarkt.»

Nun, da Sie schon einmal da sind, ergibt sich die Gelegenheit für ein Silvester-Interview zu den Fragen unserer Zeit. Etwa zum Thema, mit dem Sie Ihre Kulturgeschichte beginnen: einer weltweiten Seuche.
Die Pest. 1348. Sie war auf einmal da, zuerst in Italien; dann schlich sie über den ganzen Erdteil. Sie ergriff Deutschland, Frankreich, England, Spanien, zuletzt die nördlichen Länder bis nach Island. Sie äusserte sich in einer Anschwellung der Lymph­drüsen, den sogenannten Pestbeulen, heftigem Kopfschmerz, grosser Schwäche, bisweilen aber auch in Delirien und führte nach zeitgenössischen Berichten spätestens am siebenten Tage zum Tode.

Dagegen ist das Corona­virus beinahe eine Luxuspandemie.
Die Sterblichkeit war überall entsetzlich. Während ihrer Hochzeit starben zum Beispiel in Bern täglich sechzig Menschen, in Köln und in Mainz täglich hundert, in Elbing im Ganzen dreizehntausend. Der Gesamt­verlust Europas betrug nach neueren Berechnungen fünfundzwanzig Millionen: Die damalige Menschheit aber meinte, es sei leichter, die Übrig­gebliebenen zu zählen als die Umgekommenen.

Wir haben darüber in einem unserer Covid-19-Uhr-Newsletter geschrieben. Mit der These, dass die Pest die Renaissance ausgelöst hat. Und damit am Beginn der Moderne stand.
Sie irren, dass die Pest die Ursache der Neuzeit war. Sondern es verhielt sich gerade umgekehrt: Erst war die «Neuzeit» da – und durch sie entstand die Pest.

Das müssen Sie uns genauer erklären.
In seinem Werk «Gesundheit und Krankheit in der Anschauung alter Zeiten» sagt Troels-Lund: «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Krankheiten ihre Geschichte haben, sodass jedes Zeitalter seine bestimmten Krankheiten hat, die so nicht früher aufgetreten sind und ganz so auch nicht wiederkehren werden.» Dies lässt sich offenbar nur so erklären, dass jedes Zeitalter sich seine Krankheiten macht, die ebenso zu seiner Physiognomie gehören wie alles andere, was es hervorbringt: seine Kunst, seine Strategie, seine Religion, seine Physik, seine Wirtschaft, seine Erotik.

Sie sagen also, erst kommt die Idee von etwas Neuem, dann folgen die Gründe dafür. Und sei es eine weltweite Seuche.
Dass Krankheit etwas Produktives ist – diese scheinbar paradoxe Erklärung müssen wir an die Spitze unserer Untersuchungen stellen.

Wirklich?
Die hohe Wertschätzung, die dem Leiden in so vielen Religionen eingeräumt wird, hat ihre Wurzel in der Überzeugung, dass es die Lebens­funktionen nicht herabsetzt, sondern steigert – und zu einem Wissen führt, das dem Gesunden verschlossen bleibt. Die Askese ist ein Versuch, durch alle erdenklichen «schwächenden» Mittel – Unter­ernährung, Schlaf­entziehung, Flagellation, Einsamkeit, sexuelle Abstinenz – den Organismus künstlich morbid zu machen und dadurch in einen höheren Zustand zu transponieren.

Ist das Ihr Ernst, Herr Friedell?
Das schlimmste Vorurteil, das wir aus unserer Jugendzeit mitnehmen, ist die Idee vom Ernst des Lebens. Daran ist nur die Schule schuld …

Die Schule?
Die Kinder haben den richtigen Instinkt: Sie wissen, dass das Leben nicht ernst ist, und behandeln es als Spiel und einen lustigen Zeitvertreib. Aber dann kommt der Lehrer und sagt: «Ihr müsst ernst sein, das Leben ist es auch.» Lehrer sind Spielverderber. Anderseits heisst es aber immer: Nimm dir die Natur als Vorbild deiner Lebensführung!

Aber irgendwann fängt der Ernst doch an, oder?
Nun, in der Natur wird nichts als Unsinn getrieben. Die Schmetterlinge tanzen, die Käfer musizieren, der Pfau schlägt sein Rad, der Hahn benimmt sich grässlich albern und unser nächster Verwandter, der Affe, hat nichts als Schabernack im Kopf.

Doch zurück zum Thema …
Alles wirklich Wertvolle ist aus der Spielerei hervor­gegangen. Ich glaube nicht, dass Shakespeare ein sogenannter «ernster Mensch» war. Jedenfalls sind seine Narren immer die gescheiteren Personen in seinen Stücken, während der bleierne Ernst eines Lear oder Othello mit dem Leben nicht fertig wird und lauter Missgriffe begeht. Die Idee der Dampf­maschine entstand in einem Kind, das mit dem Teekessel spielte. Das naturwissenschaftliche Experiment war anfangs eine Spielerei. Ja, man kann so weit gehen zu sagen: Ein Mensch, der nicht weiss, dass er ein Narr ist, ist nicht nur kein Künstler, sondern versteht überhaupt nichts vom Leben …

Herr Doktor, aber wir sprachen gerade von der Seuche.
Jede Krankheit ist eine Betriebs­störung im Organismus. Aber nur eine sehr äusserliche Betrachtungs­weise wird den Begriff der Betriebs­störung ohne weiteres unter den der Schädigung subsumieren. Auch in der Geschichte des politischen Lebens, der Kunst, der Wissenschaft, des Glaubens sehen wir ja, dass Erschütterungen des bisherigen Gleich­gewichts durchaus nicht immer unter die verderblichen Erscheinungen gerechnet werden dürfen. Vielmehr ist klar, dass jede fruchtbare Neuerung sich nur auf dem Wege eines Umsturzes zu vollziehen vermag.

Sie meinen: Fortschritt tritt für den Beobachter zuerst als Verfall auf.
Überall, wo sich Neues bildet, ist Schwäche, Krankheit, «Dekadenz». Alles, was neue Keime entwickelt, befindet sich in einem scheinbaren Zustand reduzierten Lebens: die schwangere Frau, das zahnende Kind, der mausernde Kanarien­vogel. Der kranke Organismus ist unruhiger – und darum lernbegieriger; empfindlicher – und darum lernfähiger; ungarantierter – und darum wachsamer, scharfsinniger, hellhöriger; in dauernder Nachbarschaft der Gefahr lebend – und darum kühner, unbedenklicher, unternehmender … Alles Höhere ist naturgemäss immer das Kränkere.

Immer?
Genialität ist nichts anderes als eine organisierte Neurose, eine intelligente Form des Irrsinns. Am gesündesten ist zweifellos die Amöbe.

Wir vertraten im erwähnten Newsletter die These, dass die Pest – durch das Massensterben – erst in Italien, dann auch in England den Überlebenden so etwas wie ein Vermögen ermöglichte. Und dadurch Investitionen, Handel – kurz: Kapitalismus. Und damit das Entkommen aus der Falle der Armut.
Es war die erste grosse Glanzperiode Englands. London war unter Elisabeth I. eine Stadt von 300’000 Einwohnern mit zahllosen Kaufläden, einer gebietenden Börse, einer dauernden Messe und fast 20 stehenden Theatern. Die Strassen­pflasterung war sorgfältig, die Wasser­versorgung durch hölzerne Leitungen reguliert, die Beleuchtung und die Feuerpolizei erheblich verbessert. Es gab zahlreiche wohleingerichtete Schulen, Apotheken und Druckereien und sogar schon so etwas wie Zeitungen. Die Themse wimmelte von Booten, die Vornehmen benutzten Kutschen, und ihre Landhäuser im Tudorstil waren sachlich, praktisch, einladend und – im Unterschied zu den kontinentalen Villen – in erster Linie für den Wohnzweck angelegt. Schon damals äusserte sich der Sinn des Engländers für behagliche Häuslichkeit.

Das klingt tatsächlich wie der Beginn der Zivilisation.
Der Mensch der «englischen Renaissance» war noch eine Mischung aus ungezügeltem Urmenschentum und modernem Engländertum, eine Kreuzung aus einem zähen Sachlichkeits­menschen und einem tollkühnen Abenteurer. Der präzise Ausdruck dieser Geisteslage sind die merchants adventurers, raubritternde Kaufleute und Seefahrer, die zuerst auf eigene Faust, später mit königlichem Privileg die Küsten des fernen Ostens und des Westens plünderten, aber auch Geschäfts­niederlassungen gründeten und Handels­beziehungen einleiteten. Es war, mit einem Wort, Piraterie mit staatlicher Profit­beteiligung. Schmuggel, Seeraub und Sklaven­handel stehen an der Wiege des modernen Kapitalismus.

Kein sehr niedliches Baby …
Dies hatte zwei Gründe. Zunächst ist ja aller Handel nichts als eine Art zivilisierter und in geordnete Bahnen geleiteter Betrug. Sodann wird aber überhaupt jede neue Wirklichkeit zu ihrer Entstehungs­zeit von der Verfemung getroffen, da sie das «gute Gewissen» der bisherigen Wirklichkeit gegen sich hat. Und ist daher gezwungen, in asozialen Formen aufzutreten: Sie beginnt fast immer als Paralogismus, als «Romantik», als Verbrechertum.

Das Neue beginnt immer als Krankheit – wie Sie sagten.
Jene Zeiten waren die Flegeljahre des Kapitalismus. Der Erwerbstrieb trat damals noch in ekstatischen und tumultuarischen Formen auf: Er hatte den Charakter eines Fiebers, eines Rausches, einer Kinderkrankheit.

Sie bezeichneten die Zeit der Pest als Übergangs­zeit. Sogar als «Inkubationszeit».
Damit kann der Eindruck erweckt werden, dass das Neue, das in die Welt trat, ein Giftstoff gewesen sei. Es war auch einer. Jedoch nur zum Teil, denn auf unserem Erdball pflegt sich Heilsames und Verderbliches zumeist in gemischtem Zustand auszuwirken. Und ausserdem ist ja Vergiftung sehr oft die Form, hinter der sich eine Erneuerung des Daseins zu verbergen liebt.

Was zeichnet eine Übergangszeit aus?
Eine Begleiterscheinung der Pest waren die Flagellanten. Sie zogen in grossen Scharen von Ort zu Ort, fahnen­schwingend, düstere Lieder singend, mit schwarzen Mänteln und absonderlichen Mützen. Bei ihrem Erscheinen läuteten alle Glocken, und alles strömte zur Kirche: Dort warfen sie sich nieder und geisselten sich und verlasen vom Himmel gefallene Briefe, die das sündhafte Treiben verdammten. Ihre Doktrin war zweifellos häretisch: Sie lehrten, dass die Geisselung das wahre Abend­mahl sei, da sich dabei ihr Blut mit dem des Heilands vermische, erklärten die Priester für unwürdig und überflüssig und duldeten bei ihrer Andacht keinen Geistlichen.

Wie reagierte die Bevölkerung, als diese Horden plötzlich in ihren Ortschaften auftauchten?
Ihre Wirkung auf die verängstigte Menschheit war ungeheuer. Allmählich erhielten sie Verstärkung durch allerlei unreine Elemente: Abenteurer, Deklassierte, Bettelvolk, Maniker, Pervertierte … Es muss ein beispiellos aufwühlender Eindruck für die Zeitgenossen gewesen sein, aus Furcht und Hoffnung, Ekel und Gottes­schauer gemischt, wenn diese grauenhafte Lawine von Fanatikern, Irrsinnigen und Verbrechern sich heranwälzte, schon von fern durch ihren Gesang angekündigt: «Nun hebet auf eure Hände, dass Gott dies grosse Sterben wende! Nun hebet auf eure Arme, dass Gott sich über uns erbarme!»

Das erinnert an aktuelle Demonstrationen, nicht?
Die Menschen, durch so viel Schlimmes und Widerspruchs­volles an Gegenwart und Zukunft irre geworden, taumelten erschreckt umher und spähten nach etwas Festem. Die Ernsten zogen sich gänzlich auf ihren Gott oder ihre Kirche zurück, fasteten, beteten und taten Busse. Die Leichtfertigen stürzten sich in ein zügelloses Welt­treiben, öffneten der Gier und dem Laster alle Ventile und machten sich aus dem Leben eine möglichst fette Henkersmahlzeit.

Die Alternativen waren also: Busse oder Völlerei.
Viele erwarteten das Jüngste Gericht. In Askese wie in der ungesund aufgedunsenen «Lebensfreude», die bloss eine Art Tuberkulosen­sinnlichkeit war, zitterte eine allgemeine Weltuntergangs­stimmung. Und der Instinkt der Menschen hatte vollkommen recht: Die Welt ging auch wirklich unter.

Auf welche Art?
Das Fundament, auf dem die Weltanschauung des Mittel­alters ruhte, war der Grundsatz: Das Reale sind die Universalien. Wirklich ist nicht das Individuum, sondern der Stand, dem es angehört. Wirklich ist nicht der einzelne Priester, sondern die katholische Kirche: Wer er ist, bleibt ganz gleichgültig, er kann ein Prasser, ein Lügner, ein Wüstling sein, das beeinträchtigt nicht die Heiligkeit seines Amtes, denn er ist ja nicht wirklich. Alle diese Vorstellungen begannen sich aber am Ende des Mittelalters zu lockern und zu verflüssigen, um sich schliesslich in ihr völliges Gegenteil umzukehren.

Aus heutiger Sicht also alles andere als ein Weltuntergang?
Zur Renaissance sagt Burdach: «Grenzenlose Erwartung der Seelen – das ist der Grundzug des vierzehnten Jahrhunderts.» Es ist dasselbe, was wir zuvor als Weltuntergangs­stimmung bezeichnet haben. Die Welt geht nicht unter, sooft es der Mensch auch geglaubt hat, und solche Stimmungen pflegen zumeist das gerade Gegenteil anzukündigen: einen Weltaufgang, das Empor­steigen einer neuen Art, die Welt zu begreifen und zu sehen.

Damit noch zu etwas ganz anderem. Sie waren im gleichen Gewerbe wie wir tätig – als Theater­kritiker. Ein Tipp für Ihre fernen Nachfahren bei der Republik?
Ein hervorragender Kritiker muss vor allem drei Eigenschaften besitzen: Er muss erstens unfehlbar, zweitens originell und drittens gediegen sein.

Unfehlbarkeit ist bei uns die Sache von Korrektorat, Fakten­check und unseres Chef­redaktors Christof Moser. Wie war das bei Ihnen?
Was die Beurteilung schauspielerischer Leistungen anlangt, so mache man es sich zur Richt­schnur, dass man alles über alles sagen kann. Jedes Prädikat ist anwendbar – man muss es nur mit der nötigen Selbst­verständlichkeit bringen. Denn es gibt da doch nur zwei Fälle: Entweder das Prädikat stimmt, oder es stimmt nicht. Stimmt es, so ist es gut, stimmt es aber nicht, so ist es noch viel besser, denn dann wirft es ein ganz neuartiges Licht auf den Gegenstand.

Genügt behaupten? Sollte man nicht recherchieren?
Man schlage eine beliebige Seite irgendeines Spezialwerks auf, zitiere daraus und sage dazu «bekanntlich». Also zum Beispiel: «Karl Moor, der seinen Namen bekanntlich dem Mitschüler Schillers Hans Friedrich Christoph von Mohr verdankt» oder «Das Stück hat etwas von der subtilen Primitivität der japanischen Nogaku­spiele, die bekanntlich in der Ära des ersten Shogun Yoshimasa ihre Blüte erreichten».

Bleibt noch das letzte, vielleicht schwierigste Problem im Journalismus – die Originalität.
Originalität zu erzielen, ist am allereinfachsten: Sie besteht nämlich ausschliesslich in den Adjektiven. Zu diesem Zwecke ist es empfehlens­wert, sich eine Liste seltener Beiwörter anzulegen. Da ich entschlossen bin, keine Kritiken mehr zu schreiben, so bin ich gern bereit, meinen eigenen Fundus an einen strebsamen Anfänger billig abzugeben; es befinden sich einige prächtige, noch sehr gut erhaltene Exemplare darunter, zum Beispiel «etoiliert», «hypnoid», «satiniert», «luguber», «endimanchiert». Man wird vielleicht glauben, das seien Äusserlichkeiten; aber man bedenke doch einmal, welchen Unter­schied es macht, ob ich sage, die Kunst der Duse hat etwas Welkes oder: Sie hat etwas Etoiliertes, Herr Basserman spielt den Philipp in verschwimmenden Umrissen oder: Er spielt ihn ganz sfumato; auf einmal sieht es wie ein Gedanke aus.

Herr Friedell …
Es gibt eine doppelte Originalität: eine gute und eine schlechte. Originell ist jeder neue Organismus: Diese Originalität ist wertvoll und fruchtbar. Daneben existiert aber auch noch eine pathologische Originalität, und die hat keine Lebens­fähigkeit, obgleich sie vielfach als die einzige und echte Originalität gilt. Es ist die Originalität des Riesen­fettkinds und des Kalbs mit zwei Köpfen.

Herr Friedell …
Pascal sagt einmal: «Gewisse Schriftsteller sagen von ihren Werken immer: ‹Mein Buch, mein Kommentar, meine Geschichte.› Das erinnert an jene braven Spiesser, die bei jeder Gelegenheit ‹mein Haus› sagen. Es wäre besser, wenn sie sagten: unser Buch, unser Kommentar, unsere Geschichte; wenn man bedenkt, dass das Gute darin mehr von andern ist als von ihnen.» Wir sind schliesslich alle nur Plagiatoren des Weltgeists, Sekretäre, die sein Diktat nieder­schreiben; die einen passen besser auf, die anderen schlechter: Das ist vielleicht der ganze Unterschied.

Doktor Friedell, wir wollten gerne noch über Ihre Meinung zu aktuellen Themen plaudern: Trump, Brexit, Konjunkturpakete …
Aktuell ist, was die Menschen nur heute, den soundso­vielten, interessiert und dann nie mehr wieder, also zum Beispiel der Kronekurs in Zürich oder die Lebensmittel­lieferung in der Grossmarkt­halle. Nun gibt es aber nicht leicht etwas Schwierigeres, als dazu längere Betrachtungen anzustellen. Denn von der Lebensmittel­lieferung und der Grossmarkt­halle kann man doch im Grunde nicht viel mehr feststellen, als dass es sie leider nicht gibt, und vom Kronekurs in Zürich lässt sich nicht viel mehr aussagen, als dass es ihn leider gibt: Alles weitere ist offenbar Sache eines besonderen Talents, das mir unglücklicher­weise fehlt.

Übertrieben aktuell sind Sie tatsächlich nicht … Die österreichische Krone wurde nach der Inflation bereits 1925 vom Schilling abgelöst.
Wenn schon ich mir so oft widerspreche, so ist es wirklich gänzlich überflüssig, dass auch noch Sie mir widersprechen.

Herr Friedell, was auffällt: Kein Wort, das Sie in diesem Interview geäussert haben, ist im Geringsten neu!
Um erneut Pascal zu zitieren: «Manche Leser wollen, dass ein Autor niemals über Dinge spreche, von denen schon andere gesprochen haben. Tut er es, so werfen sie ihm vor, er sage nichts Neues. Beim Ballspielen benutzt der eine genau denselben Ball wie der andere; aber der eine wirft ihn besser. Man könnte einem Autor gerade so gut vorwerfen, dass er sich der alten Worte bediene: als ob nicht die Worte in veränderter Anordnung andere Gedanken bilden.»

Das ist schön gesagt. Aber Sie haben alles, was Sie jetzt sagen, bereits wörtlich geschrieben! Das meiste in Ihrer «Kulturgeschichte der Neuzeit»!
Die Bemerkung: «Das ist mir nichts Neues, das habe ich schon irgendwo gehört» wird man am häufigsten im Munde untalentierter, unkünstlerischer, unproduktiver Menschen hören. Der begabte Mensch hingegen weiss, dass er nichts «schon irgendwo gehört hat» und dass alles neu ist.

Herr Doktor, wir schätzen es wirklich sehr, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, aus dem Toten­reich herzukommen. Aber kein einziges neues Wort …
Materiell neu ist im Grunde nichts. Man kann den letzten Schritt tun und sagen: Jeder bei Verstand ist ununterbrochen gezwungen, zu plagiieren. Das wohlgeordnete, wohlabgegrenzte Reich der Wahrheit ist klein. Unermesslich und bodenlos ist nur die Wildnis der Torheiten und Irrtümer, der Schrullen und Idiotismen …

Hier flackerte das Licht hell auf, die Kerze erlosch, die Stimme Friedells brach ab. Kein Abschied, kein Dank war mehr möglich. Die Dunkelheit hatte ihren Schatten bereits verschlungen.

Als das elektrische Licht wieder brannte, fanden wir das kindliche Medium in erschöpftem Schlaf und unsere Gastgeberin höchst aufgeregt.

Wir tranken ernüchtert Champagner. Wieder einmal hatte uns das Schicksal unseres Berufs ereilt: Wir waren von der Wirklichkeit überrumpelt worden. Zuvor hatten wir uns nur vorstellen können, dass der Abend entweder als Fehlschlag oder in einem Triumph enden würde.

Nun war beides nicht der Fall: Einerseits war Friedell erschienen, andererseits hatte er in der ganzen Zeit kein einziges neues Wort geäussert.

Ganz offensichtlich waren die Toten nicht zu neuen Gedanken fähig – oder schlicht nicht daran interessiert. Und legten damit die Welt – und den Journalismus – in die wahrscheinlich am wenigsten kompetenten Hände, die sich denken liessen: in Ihre, in unsere, in die der Lebenden.

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