Demonstrieren ist gut, aber ist es gut genug für den entscheidenden Fortschritt? Earth Strike im September 2019 in Zürich. Manuel Lopez

Wie weit werden sie gehen?

Die Pandemie hat den Klimastreik lahmgelegt. Nun haben die Aktivistinnen die Zeit genutzt, um sich neu auszurichten. Das Programm im bisher unveröffentlichten Strategiepapier: Systemumbruch, Widerstand, mehr ziviler Ungehorsam.

Von Elia Blülle, 30.12.2020

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Es hätte knallen sollen – radikaler, schneller. Mehr Druck. Der Klimastreik hatte sich für das nun bald vergangene Jahr viel vorgenommen und sich ein ambitioniertes Motto gegeben: «2020 eskalieren wir.»

Doch statt zu eskalieren, implodierte das Ganze.

Das neue Jahr war erst zwei Monate alt, als die Pandemie den jungen Aktivistinnen ihre ganze Wucht klaute: die Aufmerksamkeit, die Strasse, die Gemeinschaft. Es wurde so still um die Bewegung, dass der «Blick» im Frühherbst auf seiner Titelseite lakonisch fragte, ob Corona «die Klima-Teenies» weggehustet habe.

Aber das hatte die Pandemie nicht vermocht: Im Morgengrauen des 21. Septembers besetzten Hunderte von ihnen gemeinsam mit Verbündeten den Bundesplatz. Für 47 Stunden dominierten sie wieder die landesweite Debatte – mitten in einer Jahrhundert­pandemie und kurz vor dem wichtigsten Abstimmungs­wochenende des Jahres.

Der Coup von Bern rettete den Klimastreik über ein schwieriges Jahr. Doch wie soll es nun weitergehen?

Der alten Forderung Inhalt geben

Lena Bühler sitzt im Bus auf dem Nachhauseweg von der Kantonsschule. «Mit der Bewegung haben wir einiges erreicht», erzählt sie am Telefon, während im Hintergrund eine blecherne Stimme die Haltestellen verkündet. «Aber stolz bin ich darauf nicht. Wir haben bislang keine einzige Tonne CO2 verhindert.»

Vor zwei Jahren protestierte Bühler als 15-jähriges Mädchen erstmals auf der Strasse. Heute steckt sie ihre ganze Freizeit in den Streik. 20 Stunden und mehr pro Woche arbeitet sie ehrenamtlich für die Bewegung. Ihre Eltern lassen sie gewähren, solange die Schulnoten stimmen.

«System Change, not Climate Change!» – mit diesem Slogan hat die internationale Fridays-for-Future-Bewegung von Anfang an Kontroversen ausgelöst. Rechtsbürgerliche Kreise vermuteten hinter den Protesten linksextreme Netzwerke. Ein Basler Medium beklagte die «hässliche Fratze» der Klimajugend, eine NZZ-Kommentatorin schrieb, die Klimajugend gebe sich cool, pflege aber den Sozialismus.

In Wahrheit jedoch hat sich die Bewegung von Anfang an schwergetan, zu artikulieren, wie der Systemwandel genau aussehen soll. Es war bisher eine Forderung ohne Inhalt. Deshalb, sagt Bühler, sei es Zeit, nun konkret aufzuzeigen, wie eine andere und klimagerechte Welt aussehen könne.

Die Klimaaktivistinnen verlangen, dass die Schweiz als wohlhabendes Land bis 2030 klimaneutral wird – also ihre Emissionen so stark reduziert, bis sie nicht mehr davon ausstösst, als Wälder, Gewässer und Böden gleichzeitig zu speichern vermögen. Der Weltklimarat rechnet vor, dass global netto null bis 2050 nötig wäre, um die Erderwärmung im weltweiten Schnitt auf 1,5 Grad zu begrenzen. Nur so wären die schlimmsten Folgen der Klimakrise noch zu verhindern. Mit jedem Zehntelgrad mehr wächst den Prognosen zufolge das globale Risiko von Extrem­ereignissen, die Mensch und Natur in Gefahr bringen.

Doch dieses Ziel zu erreichen, wird schwierig. Das zeigt auch die Studie eines unabhängigen Forschungs­unternehmens, das kürzlich im Auftrag der Stadt Zürich die Machbarkeit von netto null bis 2030, 2040 sowie 2050 untersuchte. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Wissenschaftler halten fest, dass Klimaneutralität selbst für die bereits sehr ökologische Stadt Zürich unter Einhaltung demokratischer und rechtsstaatlicher Grundsätze bis 2030 nicht realisierbar sei. Ungeachtet dessen hat Bühler zuletzt mit mehr als 60 Expertinnen und anderen Klimastreikenden einen «Aktionsplan» ausgearbeitet.

Jede Stimme zählt. Impressionen aus Bern. Goran Basic

Der Bericht, der übernächste Woche publiziert wird, soll auf 382 Seiten aufzeigen, wie die Schweiz trotz allem bis 2030 Klimaneutralität erreichen könnte. Dafür müsste sie unter anderem alle Passagier- und Transportflüge verbieten, die mit einem alternativen Transportmittel innerhalb von 8 Stunden erreicht werden können, den motorisierten Individualverkehr aus den Städten verbannen und sämtliche Häuser innert zehn Jahren mit Solarpanels ausstatten. Alle Werbung muss durch Kunst und Bildungs­kampagnen ersetzt werden, und fossile und elektrische Heizsysteme sollen verboten werden. So der Vorschlag.

Grosse Hoffnung, dass die Politik auf ihre Empfehlungen eingehen, macht sich Bühler nicht. Die Schweiz strebt, anders als vom Klimastreik verlangt, netto null bis 2050 an – mit viel Kompensation im Ausland. «Der Parlamentarismus ist gescheitert», schrieb Bühler deshalb unlängst gemeinsam mit zwei anderen Klimastreikenden in einem Blogbeitrag. Und auf ihrer Website schreibt die Bewegung: «Dieses System hat es nicht geschafft, eine Antwort auf die Klimakrise zu liefern. Demonstrationen alleine reichen nicht mehr.»

Es ist ein Satz, der in Gesprächen mit den jungen Aktivisten immer wieder fällt. In einer neuen internen, noch unveröffentlichten Strategie hat die Bewegung nun ausformuliert, was sie damit genau meint: Der Klimastreik will Teil einer Massenbewegung werden, die ein ganz grundsätzliches Umdenken propagiert – und mit der Idee bricht, dass sich die Klimakrise alleine mit mehr Solarpanels beheben lässt. «Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen», heisst es in der Einleitung, «müssen wir das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem überwinden.»

Die Bewegung knüpft an eine Idee an, die vor allem in Amerika in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der linken Klimadebatten gerückt ist. Die kanadische Autorin und Klimaaktivistin Naomi Klein etwa stellt sich in ihrem neuesten Buch auf den Standpunkt, dass nur noch ein radikaler Systemwandel die Klimakrise entschärfen könne.

Klein selber verficht einen globalen Green New Deal, angelehnt an die Sozial- und Wirtschaftsreformen von Franklin D. Roosevelt. Der amerikanische Präsident befreite die US-Bevölkerung in den 1930er-Jahren mit einem bis heute beispiellosen Rettungsprogramm aus den Klauen der Weltwirtschafts­krise. Um die desaströsen Folgen der Klimaerwärmung noch zu verhindern, schreibt Klein, brauche es wie vor 90 Jahren einen ganzheitlichen Plan, der das Feuer tatsächlich löschen könne – und keine Wasserpistolen.

Die Menschheit habe nun eine Jahrhundert­chance, sich mit der Überwindung der Klimakrise von einem Wirtschaftsmodell zu verabschieden, das die allermeisten Menschen benachteilige, so Klein. «Die marktliberale Ideologie muss geschreddert werden.»

Mit ihren Büchern hat sich Naomi Klein zu einer der intellektuellen Vordenkerinnen der globalen Klimastreik-Bewegung gemausert. Kaum ein Gespräch vergeht, ohne dass ihr Name fällt. In einem neuen Webinar, das Greta Thunberg während der Pandemie ins Leben gerufen hat, war sie unter den ersten Gästen. Klein sagte, es brauche nun politische Forderungen, die das Zeug hätten, eine Massenbewegung hinter sich zu versammeln – nicht trotz ihrer umwälzenden Zielsetzungen, sondern gerade ihretwegen.

Eine Botschaft, die tief ins Selbstverständnis des Klimastreiks vorgedrungen ist.

Keine Rebellion gegen die Erwachsenen

Jonas Kampus macht auf die Frage, wie es nach zehn Monaten Pandemie um die Klimajugend stehe, eines gleich klar: «Hört endlich auf mit dieser Klimajugend!»

Der 19-jährige Student aus Wetzikon ist in den vergangenen zwei Jahren zu einem der prominentesten Schweizer Klimaaktivisten geworden. In der Bewegung hat er von Anfang an die Pressearbeit koordiniert und früh verstanden, worauf es ankommt im politischen Aufmerksamkeits­geschäft: Botschaften müssen knallen, damit sie gehört werden.

«Der Klimawandel ist bereits in vollem Gang», schrieb er in seinem ersten Tamedia-Gastkommentar. «Menschen sind gestorben, sterben und werden sterben wegen ihm, aber wir können und werden diesen Wahnsinn aufhalten.»

Kampagnenprofi: Jonas Kampus macht Lärm am Earth Strike in Zürich. Manuel Lopez
Rise Up for Change! September 2020 in Bern. Manuel Lopez

Seit Dezember leitet Kampus auch die Geschäftsstelle bei der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee. In linken Kreisen gilt er längst als Kampagnen­profi. Ein beträchtlicher Teil seiner Zeit fliesst aber immer noch in den Klimastreik, hinter dem heute eine Organisation steckt, die sich weit vom anfänglichen Durcheinander entfernt hat.

Der Klimastreik hat sich kantonale Sektionen und eine föderale Struktur gegeben. Ungefähr 15 Personen übernehmen die Strukturarbeit – ohne als Führung in Erscheinung zu treten. Über den Nachrichtendienst Telegram kommunizieren sie auf Englisch, damit die Informationen nicht an den Sprachgrenzen hängen bleiben. Alleine den internen Chat des Klimastreiks Zürich lesen unterdessen über 1400 Personen. Keine andere politische Bewegung in der Schweiz ist so gut und flexibel vernetzt.

Viele seien erstaunt, wie viel professioneller und breiter der Klimastreik mittlerweile aufgestellt sei, als das jeweils dargestellt würde, sagt Kampus. «Die Presse und die Politik verniedlichen uns immer noch als Klimajugend – so haben wir uns aber nie genannt», sagt er. «Der Klimastreik ist und war nie eine Jugendbewegung.»

In den Demonstrationen stehen die Schülerinnen zwar zuvorderst, doch auch ältere Menschen marschieren mit – Eltern und sogar Grosseltern. «In den 1980ern ging die Jugend auf die Strasse, um Freiräume zu erkämpfen», sagt Kampus. «Wir streiken aber für ein gesamt­gesellschaftliches Interesse – und das ist keine Rebellion gegen die Erwachsenen, sondern im besten Falle eine Rebellion mit ihnen.»

Der Bewegung sei es in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit dem Frauenstreik gelungen, dem National­konservativismus die Deutungshoheit zu entreissen und die patriotische Revolution zu entzaubern, schreibt der Historiker und ehemalige Nationalrat Jo Lang in seinem neusten Buch über die Geschichte der Schweizer Demokratie.

Alles Erfolge, die für Kampus und den Klimastreik von geringer Bedeutung sind, solange die Schweiz weiterhin pro Jahr 114 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente an Treibhausgasen in die Luft bläst. Die Schulstreiks, Strassenproteste und Platzbesetzungen alleine hätten nicht gereicht, um den grossen Wandel herbeizuführen. «Um eine Atmosphäre der Veränderung zu fördern», heisst es in der neuen Strategie des Klimastreiks, «braucht es nun massenhaften kollektiven Ungehorsam.»

In Bewegung: Nationale Klimademo im Februar 2019 in Basel. Samuel Bosshard
Wieder in den Schlagzeilen: Besetzung des Bundesplatzes in Bern im September 2020 (in der Mitte Aktivist Dominik Waser). Goran Basic

Was das im Detail heissen soll, wird offengelassen. Klar ist, dass die Aktivistinnen vor allem auf Aktionen gegen den Finanzplatz setzen wollen, um künftige globale Emissionen zu verhindern. «Konkret wollen wir über mehrere Jahre geplante, immer massivere Aktionswellen gegen drei spezifische Akteure organisieren», schreiben sie: die Schweizerische Nationalbank, die Credit Suisse und die UBS.

Ein neuer Bericht des Bundes zeigt, dass die Schweizer Banken, Versicherer und Pensionskassen nicht annähernd genug unternehmen, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen: 80 Prozent der Firmen, die an der Studie teilgenommen haben, investieren nach wie vor in den Kohleabbau. Deshalb will die Klimabewegung dem Finanzplatz nicht nur mit politischen Forderungen entgegentreten, sondern auch gezielt mit zivilem Ungehorsam. Die Forderung: Finanzflüsse sollen offengelegt und Investitionen in fossile Energieträger sofort eingestellt werden.

Tatsächlich ist angesichts der Tatsache, dass man in der Schweiz mit 100’000 gesammelten Unterschriften über jede nur erdenkliche Frage abstimmen lassen kann, die Frage berechtigt: Wieso setzt der Klimastreik auf zivilen Ungehorsam in einem Land, das ihm so viele politische Rechte gewährt wie nirgendwo anders? Hat die Bewegung Angst vor der Demokratie?

Widerstand, Ungehorsam, Systemumbruch: Die neue Rhetorik der Klimastreikenden löst auch Unbehagen aus. Nachdem die Aktivistinnen im September auf dem Bundesplatz verkündet hatten, dass «unsere scheinbare Demokratie» ungeeignet sei, um die Klimakrise zu lösen, schrieb etwa der Inlandjournalist Philipp Loser in seiner «Magazin»-Kolumne, die Aktivisten würden ihre Ziele höher gewichten als die Mitbestimmung der Bürgerinnen: «Es braucht nicht viel Fantasie, um dies als Absage an unsere direkte Demokratie zu lesen.»

Zu wenig, zu moderat, zu spät

Die Schweiz war einst eine globale Pionierin in Sachen Umweltschutz. 1971 beschloss das Stimmvolk mit 93 Prozent Ja-Stimmen, in die Verfassung zu schreiben, dass die Natur und die Menschen vor schädlichen Einwirkungen bewahrt werden müssen. Kaum eine andere Volksabstimmung erfuhr zuvor und danach so viel Zustimmung – was auch an den Frauen gelegen hat, die damals das allererste Mal an die Urne durften.

Seither sind 50 Jahre vergangen, in denen der Verfassungsartikel schlecht gealtert ist. Trotzdem hat die Vergangenheit auch immer wieder gezeigt, dass die ansonsten konservative Schweiz in keinem Bereich so gerne Ja sagt wie beim Umweltschutz. So findet aktuell beispielsweise die bei ihrer Lancierung als «utopisch» und «radikal» verschriene Gletscherinitiative, die ein Verbot von fossilen Brenn- und Treibstoffen ab 2050 fordert, mittlerweile Zustimmung bis tief ins bürgerliche Lager.

Der Klimastreikenden Lena Bühler bedeutet das jedoch wenig. Solche Initiativen würden erstens viel zu moderat ausfallen, sagt sie, und zweitens sei es viel zu spät, um auf Abstimmungen zu setzen: «Bis ein mögliches Klimagesetz nach unseren Vorstellungen in der Verfassung stünde, würden Jahre vergehen. Zeit, die wir nicht mehr haben. Das hätte man vor 30 Jahren angehen müssen.»

Trotzdem wollen sich die Klimaaktivisten den Vorwurf nicht gefallen lassen, eine antidemokratische Haltung zu haben. In einem Gastbeitrag bei Tamedia schreiben Elaine Bauer und Jonas Kampus: «Wir denken nicht über das Ende der Demokratie nach, sondern ganz im Gegenteil über eine Ausweitung demokratischer Entscheidungsprozesse.»

Konkret fordert der Klimastreik, dass Personen ohne Schweizer Pass und Jugendliche ein Mitspracherecht bekommen sollen und dass die Wirtschaft und der Boden demokratisiert werden. Das sind Positionen, die so auch die linken Jungparteien vertreten – mit dem Unterschied, dass diese sich dabei in der Regel an die vorgegebenen demokratischen Prozesse halten.

Inwieweit der Gesetzesbruch als Protestmittel in einem demokratischen Rechtsstaat legitim ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Während der antirassistischen Bürgerrechtsbewegungen und Vietnam-Proteste führten in den 1960er-Jahren wichtige Theoretikerinnen wie John Rawls und Hannah Arendt intensive Debatten über deren Grenzen und Zulässigkeit. Einig waren sie sich fast alle in einem Punkt: Der zivile Widerstand stellt ein legitimes politischen Mittel dar, solange er moralisch begründet und friedlich ist.

Aber wie weit ist der Klimastreik bereit zu gehen? Wo liegen seine Grenzen?

Er könnte sich gut vorstellen, dass der Klimastreik bald versuchen werde, Strassen und Städte lahmzulegen, wie das die Gruppe Extinction Rebellion 2019 in London getan hätte, sagte der Klimaaktivist Dominik Waser vor einem Jahr gegenüber der Republik. Er wisse, dass es in der Bewegung auch Leute gäbe, die zu Krawallen bereit wären – um den Konzernen zu schaden, die alles kaputt machen würden.

2019 reisten Dutzende der Schweizer Klimastreikenden in den Hambacher Forst. Seit Jahren wehren sich zwischen Aachen und Köln Hunderte Vollzeit­aktivistinnen erfolgreich gegen die Rodung des kleinen Waldstückes, an dessen Stelle ein Energiekonzern Braunkohle abbauen will. Bei linken Klimaaktivisten weltweit ist die Aktion «Ende Gelände» zum Symbol für den zivilen Widerstand gegen die Kohlewirtschaft geworden.

Kein Platz für Klimaaktivistinnen: Die Polizei räumt den Bundesplatz.Goran Basic

Die Proteste im Forst bleiben aber nicht immer friedlich. Diesen Sommer warfen einige Besetzerinnen Steine, Pyrotechnik und Molotowcocktails gegen die Polizei. Diese sah dies als Hinweis darauf, dass sich in dem Wald «zunehmend extreme, gewaltbereite, der linksautonomen Szene zugehörige Straftäter» aufhielten. Und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet die Kampagne als linksextremistisch beeinflusst.

Solche Szenen werde es in der Schweiz nicht geben, wird heute beim Klimastreik versichert. Seit dem Sommer organisiert die Bewegung sogenannte «Aktionstrainings», in denen sie ihre Aktivisten auf den zivilen Ungehorsam vorbereitet. Vor Kurzem hat der Klimastreik einen solchen Kurs auf Youtube hochgeladen. In einem rund 40-minütigen Video erklären zwei junge Aktivisten, wie man sich bei einer Klimastreik-Aktion verhalten soll und welche juristischen Konsequenzen zu befürchten sind. «Es dürfen keine Menschen gefährdet werden», betont die junge Frau im Video immer wieder. «Das gilt immer bei unseren Aktionen.»

In den vergangenen Monaten hat die Bewegung in allen grösseren Schweizer Städten Dutzende Aktionstrainings veranstaltet. Sofern es die Pandemie zulässt, will der Klimastreik am 21. Mai gemeinsam mit den Gewerkschaften und mehreren NGOs einen «Strike for Future» organisieren. Auch Arbeitnehmerinnen werden aufgefordert, für mehr Klimaschutz zu streiken. Bisher haben sich laut eigenen Angaben bereits über 100 Gruppen gebildet, die sich in ihren Dörfern, Städten und am Arbeitsplatz am Streik beteiligen möchten.

Der Klimastreik hat seine Bewegung ausserdem auf eine direkte Aktion gegen Lafarge-Holcim eingeschworen, den grössten Zementkonzern der Schweiz – die Zementproduktion verantwortet 5 Prozent der inländischen Emissionen. Obwohl sich die Firma verpflichtet hat, in 30 Jahren «netto null» zu produzieren, haben seit Oktober mehrere Aktivisten eine Hügelkuppe bei La Sarraz besetzt. Sollte die Besetzung geräumt werden, wollen sich auch die Klimastreikenden daran beteiligen.

Dass die Klimaaktivistinnen mittlerweile radikalere Aktionen in Betracht ziehen, hat auch damit zu tun, dass Klimaaktivismus ein Marathon ist, bei dem das Ziel nicht näher kommt, sondern sich mit jeder verstreichenden Minute entfernt. Doch in den letzten Monaten der Pandemie hat der Klimastreik seine künftige Rolle gefunden: Er will als Stachel im Fleisch unabhängig von Institutionen die Agenda bestimmen – und Systemfragen in den Mittelpunkt der Debatten rücken.

Genau so, wie es auch die noch junge und revoltierende Umweltbewegung vor 50 Jahren tat, als sich die Schweiz dem Umweltschutz verschrieb. Das System haben die Aktivisten damals nicht zerstört, dafür aber der Schweiz ihre sauberen Flüsse gerettet.

Auch der Klimastreik hat im auslaufenden Jahr das System nicht zerstört. Gebrochen hat das den Optimismus der jungen Aktivisten nicht. Sie sind überzeugt, dass die Menschen nach der Pandemie ihren Anliegen noch offener gegenüberstehen werden. «2021 wird ein grosses Jahr für die Schweizer Klimabewegung», hiess es letzte Woche in einem Infocall der Bewegung. «Plant doch bitte keine Sommerferien.»

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