Covid-19-Uhr-Newsletter

Lauter Leise

11.11.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Wir waren für Sie an der heutigen Pressekonferenz des Bundesrats. Hauptthema: Geld für Impfung. Mehr dazu finden Sie weiter unten bei den wichtigsten News des Tages. Gesundheitsminister Alain Berset sagte: «Die Situation bleibt besorgniserregend.» Die Hospitalisierungen und die Anzahl Patienten auf den Intensivstationen nehmen weiter zu. Es wurden zwar keine neuen Massnahmen beschlossen. Klar sei aber: «Die Zahlen müssen heruntergehen.»

Was heisst das für uns? Wir müssen uns wohl oder übel üben: in Abstand, gegenseitiger Sorge und etwas Verzicht. Und in Geduld, bis die Impfung da ist, irgendwann.

Zum Beispiel so:

Sie sitzen mit Ihrer Familie bei einem Geburtstagsessen zusammen, als plötzlich Ihr Onkel, An- und Verkäufer von bequemstem Schuhwerk, zur Aufklärung über diese PCR-Tests ansetzt. Deren Wertlosigkeit sei doch eigentlich längst bekannt. Ihre Schwester hält mit einer Heftigkeit dagegen, dass es der fortlaufenden Unterstützung mit Informationsfetzen vom Natel bedarf.

Sie aber nippen an Ihrem Gin Sour und üben für die nächste Weltmeisterschaft der stoischen Diskussionsteilnehmerinnen.

Längst nicht alle haben zu diesem und jenem eine klare Meinung oder ereifern sich über das Zuwenig oder das Zuviel. Es gibt in dieser Krise auch die Stillen, schreibt Republik-IT-Entwickler Patrick Venetz – und windet jenen ein Kränzchen, die ohne Aufhebens erlassene Massnahmen umsetzen.

Jenen, die über die Fehltritte von Behörden und Regierungen hinwegsehen, zwischen Fakt und Spekulation abwägen und den Schwierigkeiten anderer mit Unterstützung begegnen. Aber sie sind ihrer Natur nach nicht laut. Sie drängeln sich niemals ins Rampenlicht. Und sie sind nicht wenige.

Nennen wir sie die Leisen.

Insgeheim sind sie es, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Die Leisen ziehen Masken an. Sie reduzieren Kontakte. Sie blicken mit Milde auf falsch oder überhaupt nicht getragene Masken. Sie urteilen nicht, wenn Bekannte davon erzählen, sich mit zu vielen Freunden getroffen zu haben, die eine Woche später in Quarantäne festsitzen.

Die Leisen sehen über Fehler hinweg. Die des Bundesamts für Gesundheit, des Bundesrats und der Kantonsregierungen, da wenig Zeit einem nötigen Effort gegenüberstand. Und die Abwägung von Interessen wohl beherzte Entscheide lahmlegte.

Die Leisen interpretieren keine unverständlichen Daten. Sie verschicken keine halb garen Meldungen in Whatsapp-Gruppen und kolportieren im Freundeskreis nicht das grosse Versagen. Sie verbringen keine Zeit mit zweifelhaften Quellen.

Die Leisen helfen. Wann immer möglich, unterstützen sie Nachbarinnen, Freunde und Geschäfte. Sie wissen, dass ihre eigene Lage wohl besser ist als die von Krankenpflegern und Schauspielerinnen, Köchen und Unternehmerinnen. Sie verstehen, dass deren Lebensgrundlage in der Krise mit jedem Tag kleiner wird und mehr als ein paar freundliche Worte braucht.

Die Nächte werden dunkler und länger. Die Leisen sind optimistisch, vorsichtig und fürsorglich. Sie müssen die Gesellschaft zusammenhalten. Nicht zuletzt damit die, die um ihre Existenz bangen oder denen das Gewicht dieser Krise besonders schwer auf den Schultern lastet, laut sein können.

So viel zum Ausblick auf die nächsten Monate.

Doch kommen wir zurück zu heute.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Der Bundesrat erhöht den Kredit für die Beschaffung eines künftigen Covid-19-Impfstoffs um 100 Millionen Franken auf 400 Millionen Franken. Bisher hat der Bund mit zwei Herstellern einen Vertrag abgeschlossen und ist gemäss Aussage an der Pressekonferenz in Bern heute mit mehreren anderen Anbietern im Gespräch, darunter auch mit Biontech/Pfizer. «Das Tempo bei den Verhandlungen ist sehr hoch. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten», so Nora Kronig Romero, Leiterin Abteilung Internationales beim Bundesamt für Gesundheit.

Im Kloster Ingenbohl im Kanton Schwyz waren 50 Schwestern an Covid-19 erkrankt. Eine Schwester ist verstorben. In den vergangenen Wochen hat das Virus mehrere Klöster erreicht. So starben auch bei den Kapuzinern in Schwyz zwei Klosterbrüder, im bündnerischen Dominikanerinnen-Kloster Cazis hatte sich rund die Hälfte der Schwestern angesteckt.

Hongkong und Singapur schaffen mitten in der Pandemie eine gegenseitige «Reiseblase», um den Tourismus wieder anzukurbeln. Ab dem 22. November sollen Passagierinnen zwischen den beiden Orten hin- und herfliegen können, ohne für 14 Tage in Quarantäne zu gehen – wenn sie einen negativen Test vorweisen können. Die beiden Orte haben aufgrund massiver Sicherheitsmassnahmen täglich nur noch einstellige und tiefe zweistellige Infektionsraten zu verzeichnen.

Der Bundesrat stockt die Importkontingente für Butter und Eier im laufenden Jahr um je 2000 Tonnen auf. Die Nachfrage ist in der Schweiz aufgrund der Pandemie gewachsen. Und die Aussicht auf die Vorweihnachtszeit mit viel Guetzle zu Hause kommt hinzu. Wir können also beruhigt in die Backsaison starten.

Und zum Schluss: Kinn-Haken

Haben Sie es sich angewöhnt, Ihre Maske zum Essen, zum Sprechen oder um klare Herbstluft zu schnappen kurz unter den Mund zu ziehen – sie aber anzubehalten? Hier sind vier Gründe, warum das keine gute Idee ist:

  1. Damit verteilen Sie Bakterien und Viren auf der Innenseite Ihrer Maske. Oder anders: Sie verschmieren alles, was sich zuvor auf Ihrem Hals getummelt hat, auf genau der Oberfläche, die sich danach wieder über Ihren Mund schmiegt. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC warnt darum explizit vor dieser Technik.

  2. Wenn Sie die Maske ganz ausziehen, dann kommt sie stattdessen mit Luft in Kontakt. Die meisten Krankheitserregerchen überleben länger auf Ihrer Haut als frei schwebend in der Luft.

  3. Sie missgönnen so Ihren Ohren eine verdiente Pause. Je länger Sie die Maske anbehalten, desto länger spannen sich Trageriemen über die empfindliche Naht zwischen Ihrem Ohr und Ihrem Schädel. Die Folge: Juckreiz.

  4. Unterdessen gibt es für diese Tragetechnik einen ziemlich unvorteilhaften Spitznamen: die Kinnwindel.

Kurz: Ziehen Sie das Ding zwischendurch aus. Aber stecken Sie es dann nicht in die Jackentasche. Das bringt nämlich eine ganze Reihe neuer Probleme mit sich. Mehr dazu ein anderes Mal.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Oliver Fuchs, Marguerite Meyer und Patrick Venetz

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Der Blick aus dem Fenster war heute besonders grau. Und kalt ists auch. Die Netflix-Saison startet definitiv wieder. Wer es nebst saisonal auch gerne regional hat, der wird beim neuen Projekt der SRG jubilieren: Auf Play Suisse sind Hunderte von Schweizer Filmen und Serien aus allen Sprachregionen inklusive Untertiteln zu sehen. Zu empfehlen sind beispielsweise die bejubelte Serie «Frieden» über das Ende des Zweiten Weltkriegs hierzulande, der Film «Der Kreis» sowie unzählige Krimis und Dokumentarfilme. Auf in die Kuschel(d)ecke!

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