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Quod erat nichtverstandum

30.10.2020

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Liebe Leserinnen und Leser

Wir bekommen immer wieder Youtube-Videos, Artikel oder Studien zugeschickt, die radikale und überraschende Thesen zum Virus und zur Pandemie vertreten. Und manchmal sind Autoren tatsächlich mehr oder weniger vom Fach: Ärztinnen, Epidemiologen oder Professorinnen. Wir sind Laien – die einfach etwas mehr Zeit haben als andere. Manchmal fällt es uns nicht einfach, konstruktive Gegenentwürfe zum wissenschaftlichen Konsens von Effekthascherei oder pseudowissenschaftlichem Unsinn zu unterscheiden.

Einer, der reichlich Erfahrung genau damit hat, ist Florian Aigner. Er ist ausgebildeter Physiker, Autor und Wissenschaftsredakteur. Also haben wir ihn gebeten, den Unterschied zwischen echter Wissenschaft und solcher, die nur danach aussieht, zu erklären. Hier ist sein Text.

Ist die Covid-Pandemie in Wirklichkeit schon vorbei? Herdenimmunität längst erreicht? Steigen die offiziellen Covid-Infektionszahlen nur deshalb, weil wir so viel testen? Nein. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Die Pandemie ist real, gefährlich real.

Trotzdem gibt es Leute, die solche Aussenseitermeinungen vertreten, darunter etwa der Arzt Sucharit Bhakdi, der mit seinen «Corona-ist übertrieben»-Thesen bekannt wurde. Ist das nicht grundsätzlich etwas Begrüssenswertes? Lebt die Wissenschaft nicht genau von solchen gewagten Thesen, vom Aufbrechen der bisher gültigen Lehrmeinung?

Manchmal schon – aber sicher nicht so.

Dass Wissenschafter wie Bhakdi dem breiten Konsens der Wissenschaft widersprechen, das ist natürlich ihr gutes Recht. Schliesslich kann es vorkommen, dass die Mehrheitsmeinung falsch ist. Man muss auch einer Minderheitsmeinung immer die Chance geben, sich durchzusetzen. Aber wie funktioniert das?

Eben nicht so, wie zum Beispiel Bhakdi das macht – er setzt im Grunde nur den anerkannten Fakten seine eigenen Fakten entgegen. «Ihr behauptet das, ich aber behaupte jenes.» Das genügt in der Wissenschaft aber nicht.

Man muss die Behauptungen, die man widerlegen will, genau verstehen und erklären können, warum die bisher anerkannte These zwar korrekt ausgesehen hat, aber trotzdem durch eine bessere These ersetzt werden sollte.

Lange dachte man, dass man die Bewegung aller Himmelskörper mit perfekten Kreisbewegungen beschreiben kann. Doch Johannes Kepler zeigte: Es sind Ellipsen. Es sind keine besonders langgezogenen Ellipsen, sie sind ziemlich kreisähnlich. Daher ist es kein Wunder, wurden sie eben lange für Kreise gehalten. Aber nur wenn man die Formel für Ellipsen verwendet, findet man die Planeten wirklich ganz genau an der Stelle, die man ausgerechnet hat. Das ist gute Wissenschaft: Nicht einfach nur trotzig dagegenreden, sondern zeigen, dass man verstanden hat, warum die alte These als wahr galt und warum man trotzdem einen Schritt weitergehen muss.

Genau das leisten «Corona-kritische» Herren wie Bhakdi nicht. Sie werfen Behauptungen in die Gegend, die angeblich der «gängigen Lehrmeinung» widersprechen, und erklären diese Lehrmeinung damit für widerlegt. So funktioniert das nicht.

Angenommen, das Coronavirus wäre wirklich schon vor Monaten verschwunden – dann müsste man für die bisher bekannten Beobachtungen Erklärungen liefern: für die hohe Anzahl positiver Tests, für die steigende Belegung der Krankenhäuser und Intensivstationen. Wer die bisher akzeptierten Rechenmodelle für falsch hält, müsste dann erklären, warum die Zahlen trotzdem so überzeugend zu den bestehenden Modellen passen. Je reichhaltiger die Beweislage für die bestehende Theorie, umso reichhaltiger müssen auch die Widerlegungen ausfallen. Unser Wissen über Corona ist mittlerweile sehr reichhaltig – die Gegenargumente sind vergleichsweise schwach.

Und da drängt sich der Verdacht auf, dass es manchen Leuten gar nicht um neue wissenschaftliche Thesen geht – denn dann würden sie sich dabei an die üblichen, wohlerprobten Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens halten. Manchen scheint es aber wichtiger zu sein, im Rampenlicht zu stehen und Bücher zu verkaufen. Und das ist moralisch verwerflich. Gerade als Wissenschaftler hat man auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Meinungsfreiheit ist wichtig. Es soll nicht verboten sein, Unsinn zu verbreiten.

Aber nur weil etwas erlaubt ist, ist es noch lange nicht in Ordnung.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Kantone verschärfen die Regeln weiter: Der Kanton Jura hat heute den Ausnahmezustand verhängt, vorerst bis Mitte November. Ab Montag müssen alle Bars und Restaurants schliessen – und auch öffentliche Gebäude wie Sportzentren. Mit ganz wenigen Ausnahmen dürfen sich nirgendwo mehr als fünf Menschen treffen. Der Kanton Neuenburg führt ab Montag dieselbe Obergrenze ein. Der Kanton St. Gallen verschärft die Maskenpflicht an Schulen – und Spitalbesuche sind ab morgen Samstag nur noch in Ausnahmesituationen erlaubt. Und in Obwalden sind ab Montag nur noch Veranstaltungen mit höchstens 30 Personen zugelassen.

Bald sollen vermehrt auch Arztpraxen und Spitäler Codes für die «SwissCovid»-App ausstellen. Die kantonsärztlichen Dienste sind mit dem Rückverfolgen von Kontakten überfordert – und entsprechend auch mit dem Ausstellen von Codes. Diese können Infizierte eingeben, um anonym alle App-Nutzerinnen zu alarmieren, denen Sie zu lange zu nahe kamen. Das beschränkt den Nutzen der App massiv. Jetzt will das Bundesamt für Gesundheit den Prozess ändern, wie «Watson» berichtet.

Basel-Landschaft will seine Testzentren entlasten. Die Alters- und Pflegeheime im Kanton dürfen nun selber Tests durchführen – eine schweizweite Premiere. Mit dieser Massnahme könne die Testdauer erheblich verkürzt werden, sagt Gabriele Marty vom Baselbieter Gesundheitsamt.

Der Fernreise-Anbieter Flixbus fährt vorerst nicht mehr. Ab dem 3. November 2020 stellt das Unternehmen den Betrieb ein, vorerst bis Ende Monat. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Deutschland. Dort sind die Bürgerinnen angehalten, auf private Reisen, Tagesausflüge und Verwandtenbesuche zu verzichten – auch im Inland. Hotels und Pensionen dürfen keine Touristen mehr aufnehmen.

Österreich verschärft morgen Samstag die Regeln. Auch in unserem östlichen Nachbarland steigen die Spitaleintritte stark an. In Wien seien nun «mehr als die Hälfte» der für Covid-19-Erkrankte vorgesehenen Betten in Intensivstationen belegt, sagte ein Sprecher der Gesundheitsbehörde. Geplant ist gemäss «Der Standard» unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr.

Und zum Schluss: Der Lagebericht zur Woche

Diese Woche war Mist. Der Schnitt der positiven Testresultate über die vergangenen 7 Tage: 27 Prozent. Wir sind nun bei rund neu positiv Getesteten 9207 pro Tag (ohne die Dunkelziffer). Beides ist viel.

Sie erinnern sich: Am Sonntag vor zwei Wochen beschloss der Bundesrat eine strengere Maskenpflicht und neue Regeln für Restaurants und Bars. Dann folgten viele Kantone mit eigenen Regeln. Unterdessen zeigt sich an den Zahlen, dass damit das Infektionsgeschehen noch nicht genug gebremst wurde. Das war zwar bei so milden Massnahmen zu erwarten – und doch macht uns die Kurve der neuen Spitaleinweisungen im 7-Tage-Schnitt nervös:

Neue Spitaleinweisungen; gleitender Mittelwert über 7 Tage. Die Daten nach dem 27. Oktober sind vermutlich noch unvollständig, deshalb haben wir sie nicht berück­sichtigt. Stand: 30.10.2020. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

«Die Spitäler werden vermutlich überlastet sein», sagt Martin Ackermann, der die wissenschaftliche Taskforce leitet. Die Situation habe sich leider so entwickelt, wie vorhergesagt. Die Hospitalisierungen und die Fälle auf den Intensivstationen verdoppelten sich noch immer innerhalb rund einer Woche. Mit den Massnahmen von vor zwei Wochen hätten wir also fast nichts gewonnen. Immerhin: Man beobachte, dass die Mobilität der Bevölkerung sinke.

Das alles ist, gelinde ausgedrückt, ziemlich deprimierend. Der Hoffnungsschimmer: Seit dem vergangenen Donnerstag gelten neue Massnahmen, deren Auswirkungen auf die Spitaleinweisungen wir in rund 10 Tagen sehen werden. «Sie werden wirken», sagt Ackermann. (Aber um die Überlastung der Spitäler zu vermeiden, sei es dann zu spät.)

Im Auge behalten wir die Zahlen aus dem Wallis. Dort wurden diese neuen Massnahmen früher eingeleitet, wir erwarten also auch, dass sie sich früher in den Zahlen niederschlagen werden.

Mittelfristig bleiben die Aussichten noch düster. Vielleicht können wir am kommenden Freitag dafür aus dem Wallis eine gute Nachricht vermelden.

Bleiben Sie bis dahin umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Florian Aigner, Oliver Fuchs und Marie-José Kolly

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Zum Schluss ein wilder Gedanke. Es ist recht wahrscheinlich, dass Sars-CoV-2 vor einem Jahr noch nicht einmal existiert hat. Zumindest nicht in uns Menschen. Der früheste bekannte Fall datiert von Mitte November 2019. Wenn Ihnen dieses Wochenende also die Decke auf den Kopf fallen sollte: Stellen Sie sich einfach vor, was heute in einem Jahr alles an Gutem passiert sein wird. Bis Montag, wenn Sie mögen.

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