Gibt sich im Gespräch gerne ein bisschen widerborstig: Charles Lewinsky. Daniel Winkler/13 Photo

«Eine gut erzählte Geschichte regt mehr zum Denken an als ein noch so brillantes Argument»

In seinem neuen Roman schildert Charles Lewinsky den Werdegang eines Geschichten­erzählers im Mittelalter. Und beschreibt, wie Populismus, Fake News und rechte Hetze schon damals machtvolle Instrumente waren.

Von Anne-Sophie Scholl, 22.10.2020

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Er wolle nicht wissen, woher die Ideen kommen, solange sie kommen, sagt Charles Lewinsky gerne, wenn man ihn auf seine Bücher anspricht: «Es ist wie beim Tausend­füssler: Wenn der anfängt zu überlegen, in welcher Reihen­folge er die Beine abstellt, fliegt er nur noch auf den Sack

Im nächsten Frühling wird der Autor 75 Jahre alt. Die Ideen kommen noch immer. Und: Mit fort­schreitendem Alter werden sie immer besser. Erzähl­technisch ist Charles Lewinsky ein ausgefuchster Virtuose. Früher schrieb er fürs Theater, war Dramaturg und Regisseur, später wurde er Drehbuchautor für TV-Sitcoms sowie Schlagertexter – und gewann als solcher 1987 beim Grand Prix der Volksmusik den ersten Preis.

Der Unterschied zwischen Unterhaltung und ernster Literatur, das betont er gerne, sei bloss eine Frage der Rahmen­bedingungen, ansonsten «Chabis». Dennoch haftet dem Schrift­steller bei manchen Leuten noch immer der Ruf des Unterhaltungs­autors an.

Doch seit seinem Roman «Melnitz» von 2006 gehört Lewinsky zur ersten Liga der Schweizer Literatur. Mit den Romanen «Gerron» und «Andersen» war er bereits zweimal für den Schweizer Buch­preis nominiert, dieses Jahr steht sein jüngster Roman wieder auf der Shortlist. «Der Halbbart» ist ein grosser Roman über das Erzählen und über den Morgarten-Mythos. Aber wer das für eine adäquate Zusammen­fassung hält, hat nur das halbe Buch gelesen: Der Roman verhandelt die drängenden Themen unserer Zeit.

Beim Teufels-Anneli in der Lehre

Lewinskys Haupt­figur im neuen Roman ist der junge Eusebius, Bauern­sohn, aber ein «Finöggel», der als Bauer nichts taugt, ebenso wenig wie als Mönch oder als Schmied, zuletzt aber doch noch seine Bestimmung findet: als Geschichten­erzähler. In dieser Funktion erzählt er auch gleich den Roman. Dieser spielt in der Urschweiz des frühen 14. Jahr­hunderts und beginnt in einem namenlosen Dorf zwischen Ägeri und Sattel, in der Nähe des Klosters Einsiedeln und unweit des Morgarten­bergs, auf dem es eine Lichtung gibt namens Mattligütsch.

Sein Handwerk lernt Sebi beim Teufels-Anneli. Von ihr, die mit ihren Geschichten über die Dörfer reist, erfährt Sebi, dass man eine Lüge an den Löchern in der Geschichte erkennt, dass Ortschaften und Protagonisten einen Namen haben müssen. Und dass keine Geschichte aus dem Nichts kommt: «Wenn man einmal den Anfang des Fadens hat, kann man damit nähen, und jeder näht etwas anderes.»

Der Sebi ist glücklich, doch durch unglückliche Umstände gerät er in Geiselhaft einer Horde ehemaliger Söldner und Rauf­bolde, die den habsburgischen Herzog Leopold aus dem Hinterhalt überfallen. Nieder­trächtig lassen sie vom Mattligütsch am Morgarten Baum­stämme und Fels­brocken auf die friedens­bringende Delegation nieder­prasseln und erledigen den Rest mit einer neu erfundenen Waffe, der Hellebarde. Der Anführer der Meute zwingt schliesslich Sebi, die Ereignisse als Chronist zu erzählen. In seiner Not übertreibt dieser masslos, überzeugt davon, dadurch würden alle merken, dass es so nicht gewesen sein kann.

Doch so läuft es nicht: Die Menschen glauben die Geschichten, die sie hören wollen. «Das war eine sehr schöne Geschichte», beglückwünscht ihn das Teufels-Anneli. «Man wird sie bestimmt noch lang erzählen, und irgendwann wird sie die Wahrheit sein.»

So viel zu Morgarten.

Sebis Ausbildung zum Geschichten­erzähler erfolgt erst im letzten Drittel des knapp 700-seitigen Romans. Im voran­gehenden Teil des Buches erzählt der Sebi von seinen Lehr­jahren im richtigen Leben – in gotthelfscher Art, mit bildstarker Sprache, vielen Helvetismen und spürbarer Freude am Fabulieren. Der Roman ist als Erzähl­kette aufgebaut, bei der sich Geschichte um Geschichte aneinander­reihen, wie bei Scheherazade. Und wie bei einer Babuschka sind innerhalb der einzelnen Erzählungen nochmals eine Vielzahl von Mikro­erzählungen enthalten. So entsteht ein dichter Erzählteppich.

Sebi, der spätere Profi, erkennt die Ausflüchte und die diplomatischen Winkel­züge seiner Brüder. Er durchschaut auch die zusammen­geschusterte Anklage zweier Kuh­schmöcker, weil sie seinen erfundenen Geschichten ähnelt und denselben Regeln unterliegt. Ja, selbst in den sprich­wörtlichen Rede­wendungen seiner Mutter, den kirchlichen Glaubens­sätzen, den sprechenden Namen und Übernamen und besonders in den vermeintlichen Wunder­ereignissen entdeckt er Geschichten. Der Sebi überprüft sie auf ihre Glaub­würdigkeit, auf die Löcher in der Geschichte, auf seine eigene Wahrheit.

Wenn Erzählen gefährlich ist

Vor allem aber erzählt der Sebi in den ersten beiden Dritteln des Buches vom Halbbart.

Mit ihm fängt alles an: «Wie der Halbbart zu uns gekommen ist, weiss keiner zu sagen, von einem Tag auf den anderen war er einfach da», lässt Lewinsky den Sebi beginnen. Der Halbbart ist ein Flüchtling. Seinen richtigen Namen kennt niemand. Seinen Übernamen bekommt er, weil ihm der Bart nur auf einer Gesichts­hälfte wächst – die andere Seite ist von Brand­narben und schwarzen Krusten entstellt, wie auch die Hälfte seines Körpers.

Was mit ihm passiert ist, will er zunächst nicht sagen. Erst als er Vertrauen fasst zu Sebis Bruder Geni – ein Versehrter auch er mit seinem amputierten Bein –, beginnt der Halbbart zu erzählen. In Bruch­stücken. Bis es schliesslich aus ihm heraus­spritzt «wie Eiter, immer ein Sprutz und noch ein Sprutz», so Sebis Schilderung: «In tausend Stücken hat der Halbbart seine Geschichte vor uns hingeworfen, und wir haben uns die Scherben selber zusammen­setzen müssen.» Am Ende wird klar: Im Dorf seiner Herkunft hatte der Vikar ein Wunder gebraucht, damit seine Kirche an Bedeutung gewinnt. Deshalb hängte er dem Halbbart eine Freveltat an und liess ihn zusammen mit der Tochter und einem Nachbarn auf den Scheiter­haufen bringen.

Die Geschichte des Halbbarts ist keine gute Geschichte: Sie besteht fast nur aus Löchern. Ausserdem haben die Protagonisten keine Namen, und die Geschichte hat keinen Anfang. Sie ist eine eigentliche Anti-Geschichte, aus der niemals Wahrheit werden wird. Selbst wenn bei Lewinsky der Halbbart die «Halparte», die Hellebarde erfindet, die neue Wunder­waffe der Eidgenossen.

Oder genauer: Einen Anfang, Namen und Substanz hätte die Geschichte schon. Aber sie dürfen nicht sein, der Halbbart darf sie nicht aussprechen – genauso wenig wie das Kätterli die Vergewaltigung durch einen Mönch. Denn der Halbbart ist Jude, und das Kätterli, Sebis Freundin, ist eine Frau.

Wie das Böse auf die Welt kam

Es steckt viel drin in dem Roman. Viel auch, was Charles Lewinsky, selbst Jude, in seinen früheren Romanen bereits aufgegriffen hat. Der versteckte Anti­semitismus in der Schweiz zum Beispiel ist Thema in «Melnitz», Lewinskys Epos über eine jüdische Grossfamilie und das jüdische Leben in der Schweiz. Ein anderes wieder­kehrendes Thema ist das Böse, wie im Roman «Andersen», in dem ein ehemaliger Nazi-Scherge wiedergeboren wird und bereits aus dem Mutter­bauch heraus die Geschicke nach seinem Geschmack dirigiert. Schliesslich auch immer wieder die Auseinander­setzung mit Manipulation, Sprache und Macht: alles Themen, die sich durch Lewinskys Werk ziehen.

Er selbst würde diese Aussage so nicht stehen lassen: «Ich hoffe, dass ich nie im Leben zweimal das gleiche Buch schreibe. Oder auch nur ähnlich. Oder mit der gleichen Sprache», sagte er in unserem Gespräch zu seinem letzten Roman «Der Stotterer». «Aber in all meinen Büchern geht es immer darum, wie sich die Leute darstellen. Wie sehen sich Leute selber und wie werden sie gesehen. Was für Strategien wenden sie an, um so gesehen zu werden, wie sie gerne möchten. Welche Rollen können sie damit in der Gesellschaft spielen.»

«Der Stotterer», letztes Jahr erschienen, war eine Reflexion über das Schreiben. Der Roman handelt von einem Mann, der sich mündlich kaum ausdrücken kann, dafür schriftlich umso besser. Als Stotterer gedemütigt, wird er als Schreibender zum Hochstapler und stellt «Wahrheit» her, wie sie ihm dient.

Lewinsky sagte damals, eine beschreibbare Wirklichkeit gebe es eigentlich nicht, es gebe nur die Wirklichkeit eines jeden Einzelnen. Aber auch innerhalb der Sprache gebe es keine absolute Wahrheit, wir würden diese herstellen, indem wir sie beschreiben. Und: «Wir sind nicht in der Lage, uns selber daran zu erinnern, wie etwas wirklich gewesen war. Wir können uns nur daran erinnern, wie wir etwas das letzte Mal erzählt haben.»

Das passt auch zum neuen Buch. «Eine gute Geschichte ist besser als eine schlechte Wirklichkeit», erkennt der Sebi. Doch ebenso gilt: Bei Bedarf ist der Biber ein Fisch. Das erklärt dem Sebi ein schlauer Klosterbub – denn wie der Fisch lebt der Biber im Wasser, deshalb darf der Biber zur Fasten­zeit gegessen werden.

Welche Erzählungen neue Wirklichkeit schaffen, ist nicht nur eine Frage der Verführungs­kraft von Sprache. Es ist auch eine Frage der Macht.

Nicht von ungefähr beginnt Sebi seine Erzähler­karriere mit einer neuen Version der allerersten Geschichte, der Paradies­geschichte: Mit seinem Gesellen­stück befreit Sebi die Schlange und Eva von der Verleumdung. Sie geht so: Als der Teufel noch jung war, gelangte er ins Paradies und traf dort auf Adam und Eva. Der kleine Teufel biss Eva in die Brust und kratzte Adam mit der Kralle, damit war das Teufels­gift in den Menschen drin. Adam und Eva begannen böse Dinge zu tun, von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Der Teufel aber begann zu wachsen, denn jede Sünde eines Menschen macht ihn gross und stark. Die Zeit, als der Teufel noch klein war, haben die Menschen nicht vergessen, «aber es macht sie nicht traurig, weil sie meinen, es sei nur ein Märchen». Ein Irrtum, lässt Lewinsky seinen Erzähler Sebi sagen.

Letztlich gehts um Menschliches

Lewinskys Texte sind süffig erzählt, dramaturgisch versiert, bildstark und prägnant – und bildstark und prägnant sind auch seine Antworten in Gesprächen, wobei er sich gerne ein bisschen widerborstig gibt. Denn Geschichten, sagte Lewinsky einmal, sollen kein bestimmtes Denk­ergebnis, keine symbolisch verschlüsselte Botschaft anstreben: «Wenn ich eine Botschaft verschicken will, gehe ich auf die Post.»

Ein einziges Mal habe er das Gegenteil versucht und sei grandios gescheitert, schreibt er per Mail aus dem französischen Vereux, wo er jeweils im Sommer­halbjahr lebt. Der Hintergrund: Im Jahr 2009 publizierte Lewinsky in der «Weltwoche» den Roman «Doppel­pass». Das Angebot habe er angenommen, weil er die Chance gesehen habe, im «‹Zentral­organ› des politischen Gegners» eine Botschaft zu platzieren. Lewinsky bilanziert: «Das Buch wurde ein scharfer Thesen­roman gegen die Migrations­politik der SVP, er erschien in fünfzig Folgen – und er war absolut wirkungslos.» Seither beschränke er sich darauf, möglichst «unlangweilige Geschichten verschiedenster Art» zu erzählen.

Stoff zum Nachdenken bieten seine «unlangweiligen Geschichten» allerdings genug. Flüchtlings­thematik, Sexismus­debatte, Populismus, Fake News und rechte Hetze – das alles klingt im neuen Roman an. Aber auch der Unterschied zwischen Journalismus und Literatur, der Hang zum Story­telling in den Medien und die Ausrichtung der Medien nach Klickzahlen.

Vor allem aber ist Lewinsky ein unermüdlicher Erzähler. «Ich bin der Meinung, dass eine gut erzählte Geschichte manchmal mehr zum Denken anregen kann als ein noch so brillant formuliertes Argument», schreibt er dazu per Mail.

Die Schlacht von Morgarten ist nicht der einzige Mythos der Schweizer Geschichte, der Eingang in seinen jüngsten Roman gefunden hat. Vielleicht wichtiger ist darin der Sturm der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln. Dabei verwarfen die Menschen ihre tiefsten Überzeugungen und liessen sich dazu hinreissen, ein Kloster zu schänden, obwohl die Hölle drohte.

In der Masse werden die Menschen zum fauchenden Tier, beobachtet im Buch der Sebi. Und der Halbbart erklärt:

Die Schwachen möchten stark sein, und manchmal erreichen sie es auch, indem sie sich zusammentun. Damit sie sich zusammentun, brauchen sie aber einen Feind, und wenn es sie sehr zum Starksein drängt und gerade kein Feind zur Hand ist, dann erfinden sie sich einen.

Aus: «Der Halbbart».

Charles Lewinsky hat einen furiosen Roman, aber auch ein politisches Buch geschrieben. Es geht darin um Gut und Böse, um Glauben und Wahrheit, um Geist und Gewalt und um das wechselvolle Rad der Geschichte. Einen Roman, in dem sich ein eiterndes Bein einfach wegschneiden lässt – anders als das Teufels­gift in der Seele.

Aber auch das ist nur eine Geschichte.

Zum Buch

Charles Lewinsky: Der Halbbart. Roman. Diogenes, Zürich 2020. 688 Seiten, ca. 36 Franken.

Zur Autorin

Die freie Kultur­journalistin Anne-Sophie Scholl schreibt unter anderem für die WOZ und den Schweiz-Teil der «Zeit». Für die Republik stellte sie zuletzt Johny Pitts und sein Buch «Afropäisch» vor.

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