Kiyaks Exil

Lauter deutsche Heldengeschichten

Wenn im Oktober alljährlich die deutsche Erinnerungs­maschine anläuft, werden bequemerweise ein paar Menschen vergessen. Unsere Kolumnistin hat die immer gleichen Feigheiten satt.

Von Mely Kiyak, 13.10.2020

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Oktober. Der härteste aller deutschen Monate. Immer beginnt man ihn verfröstelt. Immer geht man in den Herbst mit erfrorenem Herzen.

Die Deutschland­regel besagt, dass die Heiz­saison niemals vor Mitte Oktober zu beginnen habe, auch wenn es im September bereits eiskalte Tage hat. Und es greift die andere Regel: nämlich den 3. Oktober, die Wieder­vereinigung, als Tag der Freude zu feiern. Wieder­vereinigung ist der offizielle Begriff für den Fall der Mauer und das Ende der DDR. Es meint mitnichten etwas Romantisches, wie wenn Liebende sich am Ende einer schmerzlichen Trennung endlich wieder in den Armen liegen.

Wie in jedem Jahr der vergangenen drei Jahrzehnte erkennen die West­deutschen an so einem Tag, «dass noch viel zu tun» sei, und verweisen auf das unter­schiedliche Renten­niveau. Die Ost­deutschen beklagen, dass die BRD sie ausgeplündert hätte, und verweisen auf die Treuhand. Und wie jedes Jahr in den vergangenen dreissig Jahren sitze ich da und friere, friere, friere. Weil es ein kalter, in Beton­rhetorik gegossener Tag der Umdeutungen ist.

Die publizistische Etikette besagt, dass die Ost­deutschen die Liste ihrer Vorwürfe in aller Ausführlichkeit schildern dürfen, derweil die West­deutschen Reue und Einsicht zu zeigen haben; alle Menschen, die sich irgendwo dazwischen bewegen, existieren nicht. Die Gast­arbeiterinnen im Westen und jene im Osten, die bleiben an so einem Tag unerwähnt. Ihre Erinnerungen zählen nicht, denn die Wende war eine Zäsur auch in ihren Leben. Nach dem Fall der Mauer begannen die Häuser der Gast­arbeiter und Flüchtlinge zu brennen.

Es waren die Gastarbeiterinnen auf beiden Seiten der Mauer, die beide Deutschland mitbauten. Eine Stadt wie Westberlin wäre ohne die türkischen Gastarbeiter nicht denkbar gewesen. Kein BRD-Deutscher wollte in Westberlin leben, trotz 3000 Mark Familien­gründungs­prämie, trotz 5000 Mark Umzugs­prämie. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum es eine solche Kränkung war, als die Ost­berlinerinnen nach der Wende die West­bezirke besichtigten und angeekelt bemerkten: Das ist ja gar nicht mehr Deutschland, hier sind ja nur Türken. Ja klar, wollte man ihnen antworten, ihr wart ja alle auf der anderen Seite, denn mit dem Bau der Mauer fehlten über Nacht Arbeits­kräfte, aber so weit kam man meistens nicht, denn sie hatten einem schon angewidert den Rücken zugedreht.

Krieg und Teilung führten in beiden deutschen Staaten zu einem Arbeits­kräfte­mangel, weshalb man im Ausland um Arbeiterinnen warb. In der BRD nannte man sie Gast­arbeiter, in der DDR Vertrags­arbeiterinnen. Die deutsch-deutsche Geschichte bleibt ohne ihre Erwähnung unvollständig. Sie sollen aber schweigen. Sie dürfen erst wieder zu den Jahres­tagen von Solingen, Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Hoyers­werda, NSU, Halle, Hanau sprechen.

Wer bei den offiziellen Feierlichkeiten am 3. Oktober auch nicht sprechen darf, sind die Opfer des SED-Regimes. Das ist doch seltsam, oder? Dass an so einem Tag kein Platz ist, um an die Bedingungen der Haft der Regime­gegner zu erinnern, niemand darf seine Folter­erfahrungen (in der DDR gab es «Weisse Folter») mitteilen. Keine Bühne, auf der sie im Rahmen­programm noch einmal erzählen dürfen, wie ihr Staat sie mürbe machte. Davon, wie es war, von Ehe­partnern, Nachbarinnen oder Arbeits­kollegen bespitzelt zu werden.

Wenn man es aber ernst meint mit der viel beschworenen Ehrlichkeit, dann muss es doch in irgend­einer Rede, in irgend­einem Absatz eines Leit­artikels irgendwo eine winzige Nische geben, wo das wenigstens gestreift wird. Es kann doch nicht sein, dass stattdessen seit dreissig Jahren die immer gleichen Leute die immer gleichen Geschichten vortragen.

Die Abwesenheit der Opfer­geschichten macht diesen Tag zu einem Monstrum der Umdeutung. Deshalb wird von Jahr zu Jahr vergessen gemacht, was für ein Unrechts­staat dieses Land war. Und jedes Jahr denke ich: Wie kann man sich so wenig für die Lebens­bedingungen aller DDR-Bürgerinnen interessieren, einschliesslich jener, die inhaftiert waren?

Bis heute wurde 80’000 Anträgen von Opfern der DDR auf Wieder­gut­machung stattgegeben.

Wo sind die Stimmen der 80’000?

Und ja klar, kein Wunder, dass die Rechts­extremen schamlos die Politiker und Parteien der BRD mit der DDR vergleichen können. Wenn das Unrecht der DDR mehr und mehr verschwiegen wird, dann bleibt im Gedächtnis der Öffentlichkeit irgendwann auch kein Unrecht mehr übrig.

Und dann hörte ich im Radio eine Diskussion, wo der Ost-Schriftsteller – seine Bezeichnung, nicht meine! –, wo also der Ost-Schrift­steller Ingo Schulze derart aus der Haut fuhr, als es um den Begriff «Unrechts­staat» ging. Denn, so seine Meinung, «es gab in der DDR ein Recht auf Wohnen und Arbeit», und deshalb könne man nicht von «Unrechts­staat» sprechen.

Da habe ich dann fast geweint, weil ich dachte: Muss eigentlich diese Scheiss­welt immer und zu allen Zeiten überall gleich schrecklich funktionieren? Diese Diskussionen kenne ich haargenau so aus der alten Heimat meiner kurdischen Eltern. Da redeten wir uns auch die Münder fusselig und sagten den türkischen Mitbürgerinnen: «Euer von euch so geliebter, geschätzter und respektierter Staat foltert und tötet. Er sperrt ein, sobald jemand für Freiheit, Bürger­rechte und Gleichheit kämpft.» Und jedes Mal stand einer auf und erwiderte: «Ja, aber sieh es doch auch mal so. Dieser ach so schlimme Staat hat euch immerhin Auto­bahnen und Flug­häfen gebaut. So schlimm kann es also nicht sein.»

Und so frage ich mich, wenn ich dem Kollegen Schulze zuhöre, ob ich nicht einem Trug­schluss aufsitze, wenn ich glaube, dass wir Schrift­stellerinnen, egal wo unsere biografischen, politischen und kulturellen Wurzeln liegen, alle miteinander über die Literatur verwandt seien. Weil es doch zu unserem Beruf gehört, gründlich hinter die Fassaden zu schauen und die Wörter sorgsam auf ihre Bedeutungs­nuancen hin abzuhören. Aber wenn ein Dach über dem Kopf schon in den Rang von Freiheit erhoben wird und man sogar den in meinen Augen die Diktatur geradezu verharm­losenden Begriff «Unrechts­staat» verweigert, da weiss ich dann auch nicht mehr weiter.

Und Recht auf Arbeit? Soll das ein Witz sein?

Die DDR war, wie man so schön volkstümlich sagt, ein Pleite­staat, in dem man Arbeit sagte, aber Beschäftigungs­massnahme meinte. Von Ulrike Herrmann, der Wirtschafts­korrespondentin der Genossenschafts­zeitung TAZ, einer linken Stimme also, erfuhr ich in einer «kurzen Geschichte der Wiedervereinigung» vom Diplom­chemiker Hubert Biebl. Der hatte im branden­burgischen Premnitz zwischen 1982 und 1984 ein geheimes Tage­buch geführt, laut Herrmann «eine einzig­artige Quelle über das Alltags­leben in der DDR». Darin schildert er die Qual, wenn man zur Untätigkeit verdammt war.

Am 17. Januar 1983, einem stink­normalen Tag wie jedem anderen, notiert Biebl: «Eine neue Arbeits­woche beginnt. Vier Tage des Termin­kalenders sind ohne jeden Vermerk. Nur für Dienstag ist eingetragen: 14.30 Uhr, Schule der sozialistischen Arbeit. Es scheint mir das typische Wochen­programm eines bezahlten Arbeits­losen zu sein.»

In den Fabriken herrschte weitgehend Stillstand, der Verschleiss­grad der zum Teil noch aus der NS-Zeit übrig gebliebenen Maschinen war extrem hoch. Die DDR war eine Art Industrie­denkmal ohne funktionierendes Wirtschafts­system, was Herrmann zu der Aussage führt, die Wieder­vereinigung sei für die SED eine praktische Lösung für ein ökonomisches Problem gewesen, weshalb sie zum Schluss klein beigaben. Das hätte der Bundes­präsident in seiner viel gelobten Jubiläums­rede doch auch mal erwähnen können, in dieser einen Passage über die DDR-Bürger, die nach der Wende ihre Arbeits­plätze verloren, dass sie nämlich keineswegs aus einem florierenden und produktiven Staat kamen.

Wieso lässt man diese Dinge aus? Hat man Angst, die ehemaligen DDR-Bürgerinnen vor den Kopf zu stossen? Als politisch Verantwortlicher muss man hier doch auch mal eine Beziehung herstellen zum reaktionären Betreiben ganzer Bevölkerungs­teile, die sich wieder nach den guten alten Zeiten sehnen. Das muss man doch geradezu stören.

Und das Wort «friedliche Revolution» will ich auch nicht mehr hören. Aus Sicht der Gast­arbeiter aus der Türkei geht diese Geschichte so: Die Mauer fiel, und die Ausländerinnen wurden reihenweise erschossen, verbrannt und verprügelt. Die Türken­feindlichkeit war vor der Wende in der BRD ein Phänomen der politischen Ränder. Nach der Wende wurde sie zu einem gesamt­deutschen Ressentiment der bürgerlichen Mitte. Und wehe, wenn irgendwer hinterher behauptet, meine Rede hier sei wütend. Ich bin nicht wütend.

Wisst ihr, was Wut ist? Wut ist, wenn die Mauer aufgeht und drei ost­deutsche Terroristen nichts Besseres zu tun haben, als ihrer Wut freien (Pistolen-)Lauf zu lassen. Wenn rechte Terror­zellen gegründet werden und die Bürgerinnen nicht vor ihnen geschützt werden. Weil Teile von Polizei und Verfassungs­schutz das Gegenteil ihrer Arbeit tun.

Als auf dem Alexander­platz 1990 die Reichskriegs­flagge gehisst wurde, da haben wir schon gewusst, dass es uns an den Kragen gehen wird. Die Spiegel-TV-Reportage von 1990 (hier und hier), die die ostdeutsche Neonazi­szene begleitete, nahm die kommenden dreissig Jahre vorweg, und das ist wichtig, dass wir daran erinnern, dass mit dem Fall der Mauer die rechts­extremen Anschläge in die Höhe schossen.

In der Reportage nennen die Ostnazis ihr Motiv frappierend ehrlich: «Vierzig Jahre wurde uns der Anti­faschismus aufgezwungen. Jetzt können wir endlich wieder Deutsche sein.» Die rechts­extremen Bewegungen der Strasse wie auch die AfD möchten uns heute weismachen, dass ihr Demokratie­ekel und ihr Menschen­hass eine Folge irgend­welcher Migrationen vom Balkan, aus Syrien oder woher auch immer waren. Es ist kein Zufall, dass die rechts­extremen Anschläge nach 1990 gezählt werden, denn dann wurden sie vom radikalen Einzelfall zum bürgerlichen Massenphänomen.

Die Stimmen der Gastarbeiter und ihrer Kinder werden an einem 3. Oktober ebenfalls nicht gehört. Sie hätten viel zu sagen.

Sie könnten sagen: Die Nachwende­zeit war ein Desaster – denn Ost und West taten sich zusammen und machten Gast­arbeiterinnen zu Feinden. Auch das erwähnt der Bundes­präsident am 3. Oktober nicht. Es ist alles so ein Wahnsinn.

Ich habe zwanzig Jahre im Osten gelebt. Kurz nach dem Mauer­fall bin ich hingezogen, blieb über ein Jahr­zehnt und siedelte weiter nach Ost­berlin. Ich liebte ost­deutsche Männer, zog ost­deutsche Kinder auf, hatte ost­deutsche Freundinnen, wir alle wurden eine grosse Familie, und einmal, es war auf dem Höhe­punkt der Pegida-Demonstrationen, sagte meine ost­deutsche Liebe zu mir: «Ich schäme mich für mein Land und für meine Leute.» Am Ende waren es nicht die politischen Reden und offiziellen Jahres­tage, die Trost spendeten, sondern Einzelne, die zusammen­rücken und sich gegenseitig beschwören, sich nicht auseinander­dividieren zu lassen.

Es geht nicht um «Respektieren», «Anerkennen» und diesen ganzen Quatsch. Es muss immer um das Maximum gehen. Darum, den anderen fest in die Arme zu schliessen und zu sagen: Willkommen in der Freiheit und gut, dass dieser Diktatur­mist vorbei ist, und alles, was ich habe, will ich mit dir und deinen Leuten teilen. Was es aufzubauen gilt, bauen wir auf. Was es zu bezahlen gibt, zahlen wir mit.

Wie jedes Jahr, wenn ich bis Ende des Monats diesen 3.-Oktober-Feierlichkeiten-Schock überwunden habe, winkt auch schon der 9. November mit seiner Deutschland­fahne am Horizont, und die nächste Katastrophe beginnt.

Dann nämlich gilt es, all die Stimmen zu ertragen, die fordern, der 9. November solle als «Tag der Wieder­vereinigung» gelten, denn die Mauer sei doch an jenem November­tag gefallen und nicht am 3. Oktober.

Und man will aufstehen und sagen: Nein, nein, jetzt ist endlich Schluss mit dem Überlagern von Geschichte! Denn der 9. November ist der Tag, an dem wir an die anti­semitischen Pogrome von 1938 erinnern. Und wenn dieses Datum jetzt auch noch «fällt», dann gibt es über Deutschland bald nur noch Heldengeschichten.

Selam
Ihre Kiyak

Illustration: Alex Solman

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Vor kurzem erschien das autobiografisch inspirierte Buch «Frausein». Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

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