Eine harte Grenze (rot) oder internationales Gewässer (gelb): Die Schweiz, Österreich und Deutschland sind sich nicht einig. Staatsarchiv des Kantons Bern/P 10513, Grafik: Bodara

Schmuggler, Seeschlachten und «Sauschwaben»

Der Bodensee ist einer von nur zwei Orten in Europa, wo nie völker­rechtlich gültige Grenzen festgelegt wurden – mit absurden und zuweilen tragischen Konsequenzen. Episoden über ein Kuriosum im Dreiländereck. Serie «Grenz­erfahrungen», Folge 6.

Von Dennis Bühler, 29.09.2020

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1. Dort Krieg, hier Gleichgültigkeit

Quizfrage: Welche Gemeinsamkeit haben die Ems­mündung zwischen dem nieder­ländischen Groningen und Ostfriesland – und der Bodensee? Antwort: Es sind die einzigen beiden Orte in Europa, an denen nie völker­rechtlich gültige Grenzen festgelegt wurden.

Dennoch ist es im Dreiländer­eck Schweiz–Österreich–Deutschland nie zu einem Grenz­krieg gekommen, geschweige denn zu einer Annexion. Anders als bei den Konflikten zwischen China und Indien, zwischen Armenien und Aserbaidschan sowie zwischen der Türkei und Griechenland, die in diesem Sommer wieder aufflammten, herrscht hier seit Jahr­hunderten Ruhe.

Vollkommen friedlich aber war das Auskommen der drei Bodensee-Anrainer nicht immer. Und deshalb kann, wer vom ungeklärten Grenz­verlauf berichtet, auch von einem nur knapp vor der Sprengung bewahrten Passagier­schiff erzählen, von einem lukrativen Duty-free-Boot und rechtlich umstrittenen Corona-Bussen für Sportfischer.

2. Seeschlachten

Lange ists her, da kommt es auf dem Bodensee tatsächlich zu einer militärischen Konfrontation: Im Jahr 15 vor Christus liefern sich Römer und Kelten eine kurze See­schlacht. Länger dauert der Dreissig­jährige Krieg, der von 1632 bis 1648 auch auf dem Bodensee wütet. In Friedrichshafen konstruieren die Schweden erst die «Drottning Kristina», ein Kriegs­schiff mit 22 Kanonen; später bauen sie von dort ihre see­beherrschende Stellung derart aus, dass sie nicht nur Lindau und Konstanz blockieren, sondern auch Zoll- und Steuer­einnahmen auf das wichtige Salz erheben können. Populärer, als sich See­schlachten zu liefern, ist es zu jener Zeit aber, reich beladene Schiffe des Feindes zu kapern.

3. Kriegsgurgeln

1499 kommt es in der Bodensee­region zum Schwaben­krieg (an den in Deutschland bis heute als «Schweizer­krieg» erinnert wird): Die Schweizerische Eidgenossenschaft kämpft gegen das Haus Habsburg und den Schwäbischen Bund um die Vorherrschaft im Grenz­gebiet. Die am Seeufer ausgetragenen Schlachten sind derart blutig, dass der elsässische Humanist Jakob Wimpfeling kritisiert, selbst Türken und Böhmen kämpften anständiger als «diese Wald­bewohner, Rohlinge, Hitzköpfe, Prahler und Kriegs­gurgeln, die von der Wiege an zum Kämpfen erzogen werden».

4. «Kuhschweizer» und «Sauschwaben»

Trotz Zehntausender Toten verändert sich durch den Schwaben­krieg territorial wenig. Immerhin: Seit damals ist klar, dass der Rhein und der Bodensee die Eidgenossenschaft im Norden begrenzen – auch wenn der genaue Grenz­verlauf im See offenbleibt. Zudem überleben zwei Schimpfwörter jener Zeit die Jahrhunderte: Die Soldaten des Schwäbischen Bundes provozieren die Eidgenossen, indem sie laut muhen und ihnen «Kuhschweizer» zurufen: Damit implizieren sie, der Feind vergreife sich auf der Alp und in den Ställen an Kühen. Die der Sodomie bezichtigten Eidgenossen kontern mit Waffen und dem Schimpf­wort «Sauschwaben».

5. Butterknappheit

Nach dem Krieg rücken die Streit­hähne rund um den Bodensee schnell wieder zusammen. 1548 bittet der Bürger­meister von Überlingen den Rat der Stadt St. Gallen in einem Brief, sein deutsches Städtchen zu «beschmalzen». Sprich: mit Butter zu versorgen.

Wirtschaftlich kooperieren die Nationen im Mittelalter eng. St. Gallen exportiert Lein­wand und Stickereien über den See, im Gegen­zug erhält es Korn geliefert – die Staats­grenzen trennen genauso wenig wie die konfessionellen Unter­schiede zwischen dem katholischen Süddeutschland und der reformierten Ostschweiz.

6. Weinselige Schiffsleute

Im 16. Jahrhundert beraten die Bodensee­städte bei regel­mässigen Treffen, wie sie mit betrunkenen Schiffs­leuten umgehen sollen. Ein altes Recht erlaubt diesen, beim Wein­transport aus den mitgeführten Fässern zu trinken – ein Recht, dass sie mit ihren «Stich­näpperli» oft über Gebühr beanspruchen. Dabei handelt es sich um ein Instrument, das sowohl als Bohrer wie auch als Trink­halm dient. Die halb geleerten Fässer füllen die Matrosen mit Seewasser auf.

Zunächst begrenzt die «Konstanzer Ordnung» die Tages­ration pro Schiffs­mann auf 8 (!) Liter pro Tag. Schliesslich wird das Trinken aus den Fässern grenz­überschreitend untersagt. Nicht wegen der Qualitäts­minderung des Weins – den Bodensee­anliegern ist es herzlich egal, wenn die an Bier gewöhnten Allgäuerinnen und Bayern gepanschten Wein trinken –, sondern wegen der Gefährdung der Sicherheit. Immer wieder ist es zu Kollisionen und Schiffs­havarien gekommen.

7. Sehnsuchtsort Konstanz

Der Wiener Kongress ordnet Europa im Jahr 1815 neu. Die Schweizer Gesandtschaft verfehlt ihr Ziel, die Stadt Konstanz hinzuzugewinnen. Dafür erreicht sie die Anerkennung der immer­währenden bewaffneten Neutralität und der Unabhängigkeit von jedem Einfluss durch die europäischen Gross­mächte. Zwei Jahr­hunderte später wird Konstanz erneut zum Sehnsuchts­ort der Schweizerinnen: Nach der Aufhebung des Euro-Franken-Mindest­kurses floriert der Einkaufs­tourismus. Für rund 11 Milliarden Franken kaufen Schweizer 2015 im grenznahen Ausland ein.

8. Deutsche Währung

Der Trend, auf der anderen Seite der Grenze einzukaufen, ist allerdings viel älter: Ab den 1870er-Jahren strömen Woche für Woche Hunderte Schweizerinnen an die Märkte und Messen in Konstanz – der Einfachheit halber erhalten die Kreuzlinger Gemeinde­angestellten damals einen Teil ihres Gehalts gleich in deutscher Währung ausbezahlt.

9. Feurige Blicke

Und auch die Offiziere kennen keine Berührungs­ängste – von 1875 bis 1914 treffen sie sich alljährlich zu «Reunionen», die sich mit der Zeit von rein militärischen Treffen zu regelrechten Volks­festen entwickeln.

Die Schriftstellerin Lilly Braumann-Honsell erinnert sich:

An einem Sommer­tag kamen die Offiziers­korps aus den Garnisonen der fünf Ufer­staaten freund­nachbarlich zusammen. Auf der Mitte des Sees trafen sich die fünf reich mit den Fahnen der fünf Länder Baden, Bayern, Österreich, Schweiz und Württemberg geschmückten Dampf­schiffe unter den Klängen der Regiments­märsche und National­hymnen. Dann zogen die Schiffe hinter­einander jeweils jener Stadt zu, die in diesem Jahr die Gast­geberin war. Dort beteiligte sich die ganze Bevölkerung an dem Empfang, besonders auch die Jugend. Die jungen Mädchen machten sich schön und warfen Blumen in den Festzug, und die Offiziere warfen feurige Blicke und Kuss­hände. Aber damit war die Rolle der Weiblichkeit beendet; denn es war ein Männer­fest mit Männer­reden und Männer­trunk und Verbrüderung. Arm in Arm, oft in vertauschten Uniformen, zogen die Offiziere durch die festlich geschmückten Strassen ins Kasino. (…) In freiem Gedanken­austausch bei allerhand Aufführungen verging der Tag, und in der Sommer­nacht fuhren die Schiffe wieder über den See – der nicht trennte, sondern verband.

Aus: Lilly Braumann-Honsell: «Kleine Welt – Grosse Welt. Frauen erleben ein Jahr­hundert am Bodensee».

10. Saccharin-Schmuggel

In den Jahren vor dem Ersten Welt­krieg wird die Bodensee­region zur Schmuggler­zone. Auf dem Land­weg und übers Wasser wird Saccharin im grossen Stil illegal nach Deutschland und Österreich gebracht. Mit Ausnahme des Schokoladen­landes Schweiz haben alle europäischen Staaten den künstlichen Süssstoff kurz zuvor verboten, um die eigene rüben­verarbeitende Zucker­industrie zu schützen. Die Zeitschrift «Schweizerisches Archiv für Volkskunde» hält 1993 fest:

So wie heute Medellín das Zentrum des internationalen Kokain­handels ist, so war Zürich vor dem Ersten Welt­krieg das Zentrum des illegalen Handels mit Saccharin: Hier, in der Nähe der deutschen und österreichischen Grenze, hatte die Hermes AG, die Verkaufs­stelle des Syndikats, ihren Sitz, hier, in der grössten Schweizer Stadt, war eine gewisse Anonymität gewähr­leistet, hier gab es auch viele Deklassierte, die sich für den Schmuggel rekrutieren liessen. Die Zahl der in Zürich wohnhaften Personen, die ausschliesslich vom Saccharin­schmuggel lebten, wurde 1912 von amtlicher Seite auf über tausend geschätzt.

Aus: «Schweizerisches Archiv für Volkskunde», Christoph Maria Merki, «Die Zürich Connection: Saccharinschmuggel vor dem Ersten Weltkrieg».

11. Geweihte Kerzen

Die Schmuggler sind kreativ: Sie füllen flüssiges Saccharin in Champagner­flaschen oder verstecken es als Pulver in Fahrrad­reifen. Und eine besonders findige Bande giesst den Süss­stoff jahrelang in Wachs und lässt die Kerzen im Wallfahrts­ort Einsiedeln weihen, bevor sie sie via Deutschland nach Österreich schickt, wo am meisten Geld mit Saccharin zu verdienen ist. Geweihte Kerzen inspizieren? Davor schrecken die frommen Zöllner zurück.

12. Der Leichenzug

Schneller fliegt der Trick mit den Leichen auf. Am 13. September 1913 berichtet die NZZ über einen Vorgang an der badisch-schweizerischen Grenze:

Ein düsterer Leichen­zug bewegte sich an einem der letzten Tage über die schweizerische Grenze. Den deutschen Zoll­wächtern war es wiederholt aufgefallen, dass seit einiger Zeit merkwürdig viele tote Schweizer auf deutschem Boden begraben wurden. Diesmal nahmen sie sich nun die Freiheit, den Zug anzuhalten und den Sarg zu öffnen; aber welche Überraschung, als sie den Deckel in die Höhe hoben: Statt des Toten fanden sie mehrere Zentner wohl­verpackten Saccharins darin. Nun mussten wohl oder übel auch die «trauernden Hinter­bliebenen» eine Durchsuchung ihrer Taschen und Kleider über sich ergehen lassen und da jeder von ihnen zoll­pflichtige Waren mit sich trug, wurde der ganze Schmuggler-Leichenzug festgenommen und hinter Schloss und Riegel gesetzt.

Aus: NZZ, 13. September 1913.

13. Der Bursche im Bordell

Als ein 15-jähriger Gymnasiast 1922 im Konstanzer Bordell «Rote Laterne» erwischt wird, ist die öffentliche Aufregung gross. Gegenüber der Polizei versichert eine der Prostituierten, der Kunde habe wie ein 20-Jähriger ausgesehen, da er «lange Hosen und einen Hut getragen» habe. Der Fall illustriert die Doppel­moral der damaligen Zeit: Einerseits wird der Verfall der Sitten beklagt, andererseits die «Rote Laterne» nach den Vorschriften der kommunalen «Dirnen­ordnung» betrieben.

Bis heute bleibt Konstanz das Rotlicht-Mekka der Bodensee­region und lockt vor allem Kunden aus dem nahen Ausland an, auch wenn Bordelle in der Schweiz seit 1992 nicht mehr verboten sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg berichten Boulevard­blätter regel­mässig über das Konstanzer «Bums-Bonanza», verruchte Lokale wie das «Klein Venedig», das «Täuble» und das «Arabella-Haus» sind in Deutschland und in der Schweiz bestens bekannt.

14. Bundesfeier im internationalen Gewässer

1923 kaufen die Rorschacherinnen günstiges Holz aus Deutschland, das sie zu einem riesigen Scheiter­haufen aufrichten, um es an der Bundes­feier am 1. August zu verbrennen. Ihre Lust, den dafür fälligen Zoll­betrag zu entrichten, hält sich jedoch in Grenzen. Und so lassen sie das Schiff mit der Holz­ladung nicht entladen, sondern stationieren es in einiger Entfernung zum Ufer und entziehen es so den Zoll­behörden. Im inter­nationalen Gewässer lassen sie das Holz abbrennen.

15. Die Sache mit der Seemitte

Internationales Gewässer? In der Tat. Zwar sind sich die Anrainer­staaten gewohnheits­rechtlich einig, dass jeder von ihnen den Ufer­bereich bis zu einer Seetiefe von 25 Metern – dort verläuft die sogenannte Halden­grenze – für sich beanspruchen darf. Doch wem die Dutzende Quadrat­kilometer dahinter gehören, ist umstritten.

Die Schweiz vertritt die Auffassung, dass das See­gebiet entsprechend der jeweiligen Ufer­länge aufgeteilt wird und die Grenze durch die Seemitte verläuft. Damit entfielen 32 Prozent der See­fläche auf sie, 10 Prozent auf Österreich und 58 Prozent auf Deutschland. Wien hingegen stellt sich auf den Stand­punkt, dass sämtliches Gebiet, das weiter als 25 Meter vom Ufer entfernt ist, allen Anrainern gemeinsam gehört. Deutschland hat im vergangenen Jahr­hundert verschiedene Positionen vertreten, neigt aber eher zur österreichischen Auffassung.

16. Zerstritten bis heute

Der Bodensee ist der weltweit einzige See, in dem der Grenz­verlauf bis heute ungeklärt ist. Über den Grenz­verlauf im Kaspischen Meer, dem grössten See der Erde, stritten sich Russland, Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und der Iran lange: Von 1991 bis 2017 standen nicht weniger als fünfzig Verhandlungs­runden an. Vor zwei Jahren erzielten die fünf Anrainerstaaten eine grundsätzliche Einigung. Am Bodensee ist dies noch nicht gelungen.

17. 7750 Liter Wasser pro Sekunde

Der ungeklärte Grenz­verlauf im Obersee – dem grösseren der beiden Seen – betrifft 90 Prozent des Boden­sees. In der Praxis wirkt er sich aber nur selten negativ aus. Dies garantieren verschiedene grenz­überschreitende Gremien und Vereinbarungen. So verpflichteten sich die drei Anrainer beispiels­weise 1966 in einem Abkommen, die Interessen der anderen Anlieger­staaten nicht übermässig zu beeinträchtigen, wenn sie Wasser entnehmen. Heute dürfen pro Tag insgesamt 670’000 Kubikmeter Wasser entnommen werden, im Mittel sind das 7750 Liter pro Sekunde.

18. Rettung der «MS Ostmark»

In den letzten Tagen des Zweiten Welt­kriegs will die national­sozialistische SS das damals grösste Bodensee-Passagier­schiff «MS Ostmark» versenken, damit es nicht den rasch vorrückenden Franzosen in die Hände fällt. Doch der für die Schiff­fahrt zuständige Sach­bearbeiter bei der Reichs­bahn­direktion verweigert den Befehl. Klammheimlich hat er schon seit Monaten mit den Schweizer Behörden verhandelt. Mit Erfolg: In der Nacht auf den 26. April 1945 ziehen Schweizer Dampf­schiffe die «MS Ostmark» und zehn weitere deutsche Motor­schiffe nach Romanshorn, Rorschach und Arbon. Gemäss Vereinbarung fahren sie «im deutschen Hoheits­gebiet» verdunkelt, anschliessend sind sie mit der «nötigen üblichen Beleuchtung wie im Frieden» und mit weisser Beflaggung statt der National­farben unterwegs.

In der neutralen Schweiz angekommen, sind die Schiffe vor Zerstörung geschützt. Bis heute sticht die fast 60 Meter lange und 12 Meter breite, 350 Tonnen schwere «MS Ostmark» täglich in den See – seit dem Kriegsende wieder unter ihrem ursprünglichen Namen «MS Austria».

19. «Seegfrörni»

Immer, wenn der Obersee zufriert, tragen Gläubige eine Holz­büste des Apostels Johannes vom einen zum anderen Ufer. 1573 wechselt die Büste erstmals von Münsterlingen nach Hagnau, am 12. Februar 1963 gehts zum wiederholten Male in die andere Richtung. Zum letzten Mal? Klima­forscherinnen gehen davon aus, dass die Erd­erwärmung der letzten Jahr­zehnte eine weitere «Seegfrörni» verunmöglicht.

20. Das «Butterschiff»

In den Siebzigern sorgt das sogenannte «Butter­schiff» europa­weit für Schlag­zeilen und bereitet Juristen Kopf­zerbrechen: Der schwedische Geschäfts­mann Björn Sunne reklamiert den Hohen See als Zoll­freigebiet und veranstaltet dort mit einem gecharterten Schiff dreistündige Duty-free-Einkaufsfahrten. Unter anderem bietet er Alkohol, Tabak, Käse und Butter feil.

Als das Schiff im August 1974 kurz in Rorschach anlegt, schreiten die Behörden ein: Zwei Polizisten in Zivil teilen Sunne mit, er sei mit einem zehn­jährigen Einreise­verbot für die Schweiz belegt worden, und wollen ihn verhaften. Doch der Schwede weigert sich, und tatsächlich geben die Beamten schliesslich auf. «Unter Spott- und Hohn­rufen der Fahr­gäste verliess die Polizei das Schiff», erinnert sich ein Augenzeuge später. Österreich protestiert, weil Schweizer Polizisten das unter ihrer Fahne fahrende Schiff enterten; Deutschland ärgert sich, dass Passagierinnen bis tief in die Nacht aufgehalten wurden. Doch einige Monate später verbieten die drei Anrainer­staaten dem «Butter­schiff» dann doch das Anlegen. Das Geschäfts­modell ist damit am Ende – der findige Sunne aber hat da bereits mehrere Millionen Franken verdient.

21. Hochverrat?

1984 schafft der Vorarlberger Landtag Tatsachen: Er verankert die in Österreich vorherrschende Haltung, dass die See­mitte allen Anrainern gemeinsam gehört, kurzerhand in der Verfassung. Dies bringt dem Bundes­land einige Vorteile – und einen Nachteil: In der Bregenzer Bucht fällt ein kleines Stück in den gemeinschaftlichen Herrschafts­bereich, auf den sonst Österreich Anspruch gehabt hätte. Ein Rechts­anwalt erstattet daraufhin Anzeige gegen die Schöpfer der neuen Landes­verfassung – wegen angeblichen Hochverrats. Zu einer Anklage kommt es jedoch nicht, die Sache versandet.

22. Militärische Verstärkung wird hartnäckig gefordert

Aus welcher Zeit stammt wohl das folgende Zitat?

Die moderne militärische Bedrohung gibt dem Grenz­raum von Kreuzlingen erhöhte Bedeutung. Für unsere Landes­verteidigung ist nämlich in der besonders gefährdeten Nordost­ecke der Schweiz die wichtigste Einfalls­pforte zu finden, die sich allerdings nicht mehr auf die Rhein­brücke von Konstanz beschränkt, sondern den ganzen Bodensee­raum umfasst. Eine spezielle militärische Verstärkung dieses Abschnittes ist deshalb angezeigt und muss weiterhin hartnäckig gefordert werden. In der grenz­nahen Lage am Bodensee wohnt eine militär­freundliche Bevölkerung, die einen sicheren Pfeiler der schweizerischen Wehr­bereitschaft bildet. Der thurgauische Wehrmann darf daher erwarten, dass er mit zeitgemässen Waffen ausgerüstet wird, die ihm die Erfüllung seiner Aufgaben im Ernstfall ermöglichen.

Aus: «Das Grenztor Kreuzlingen in Geschichte und Gegenwart. 100 Jahre Offiziers­gesellschaft Kreuzlingen 1887–1987».

Ein Zitat aus den Jahren 1914 oder 1939? Nein, in einem Buch zum 100-Jahr-Jubiläum der Offiziers­gesellschaft Kreuzlingen schätzt FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann die Bedrohungs­lage noch 1987 so ein.

23. Flugzeugabsturz

1989 stürzt eine Rheintalflug-Maschine mit elf Personen an Bord im Nebel vor Rorschach in den Bodensee, alle Passagiere und Besatzungs­mitglieder sterben. Unter den Toten ist der damalige österreichische Sozial­minister Alfred Dallinger. Bei der Bergung liegt das Einsatz­kommando in schweizerischer Hand, Baden-Württemberg trägt Hightech und Know-how zur Bergung bei – im Katastrophen­fall arbeiten die drei Anrainer­staaten gut zusammen. Zu Diskussionen führt aber die Frage, wer von den drei Ländern sich wie stark an den Kosten beteiligen muss.

24. Pumpgun mit Wildschweinschrot

Am 25. Februar 1991 kommt es in der Nähe von Lindau zu dramatischen Szenen. Was als Fischereikriege bekannt wird, beginnt mit dem 76-jährigen österreichischen Fischer Martin Bilgeri, der immer wieder Netze deutscher Fischer konfisziert, da diese seiner Meinung nach illegal in seinem Revier fischten – er bezieht sich dabei auf Grenzen, über die sich einer seiner Vorfahren 1825 mit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie geeinigt habe. Als ein Lindauer Fischer und sein Neffe Bilgeri auf frischer Tat ertappen, kommt es zur Verfolgungs­jagd, in die sich auch die Wasser­schutz­polizei einmischt. Plötzlich hält Bilgeri eine Pumpgun in der Hand – geladen mit Wildschwein­schrot. Das Polizei­boot rammt den Kutter, dieser sinkt, und Bilgeri und sein Sohn schwimmen in Gummi­stiefeln und Winter­kleidern ums Überleben. Gerettet werden sie von den Lindauer Fischern.

Bilgeri erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutschen Polizisten, diese aber sprechen von einem Unfall und werden später freigesprochen. Ohne Verurteilung enden sieben Jahre später auch die Klagen Bilgeris gegen die Lindauer Fischer. Die Begründung des Obersten Gerichts­hofs in Wien: Die drei Ufer­staaten Deutschland, Österreich und Schweiz hätten unterschiedliche und wechselnde Vorstellungen von den Grenzen auf dem See. Bilgeri könne keine überzeugenden Beweise für seine Sicht der Dinge darlegen.

25. Techno, Lack und Leder

Im Juni 1997 ist Techno auf dem Höhe­punkt: Auch auf dem Bodensee wummern Wochen­ende für Wochen­ende die Bässe – und rauben den Anwohnerinnen den Schlaf. «Normaler­weise fahren wir nicht in der Nacht», sagt ein Angehöriger der Wasser­schutz­polizei von Friedrichshafen zur Nachrichten­agentur SDA. «Aber wir haben uns abgesprochen, dass wir jetzt abwechselnd die Musik­schiffe begleiten wollen.» An den Einsätzen beteiligt sind Polizisten aus allen drei Anrainer­staaten. Das Problem: Überall gelten unterschiedliche Lärm­schutz­vorschriften. Dass die Staats­grenzen auf dem Bodensee ungeklärt sind, macht es nicht einfacher.

2014 sorgen Party­schiffe noch einmal für Aufregung: Nun geht es um Lack und Leder, Alkohol zu Flatrate-Preisen und die Vermietung von Kurs­schiffen für vermeintliche Sexpartys. Nach wochenlangen Diskussionen legt die zum «Torture Ship» umfunktionierte «MS Schwaben» ab. Hunderte Schau­lustige freuen sich über Stachel­halsbänder und Hand­schellen, Pferde­masken und eine Frau, die in einen Käfig eingesperrt ist.

26. Tarot statt Maschendraht

2005 wird die Grenz­problematik im Bodensee­raum weiter entschärft: 54,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung stimmen für den Beitritt zum Schengen-Raum – ab 2008 gibt es zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich keine systematischen Personen­kontrollen mehr. Bereits 2006 wird der Grossteil des Maschendraht­zauns abgerissen, der im Zweiten Weltkrieg erbaut worden war. Die Schweiz wollte damals die Über­tritte der Flüchtlinge kontrollieren, Deutschland verhindern, dass geheime Informationen über die Schweiz nach Frankreich gelangen. Ersetzt wird der Grenzzaun durch 22 Tarot-Skulpturen.

Weil die Schweiz mit der EU keine Zoll­union eingeht, bleiben Waren­kontrollen zum Leid­wesen der Einkaufs­touristinnen zulässig. Wer auffliegt, muss nicht nur den Zoll­betrag nachzahlen, sondern auch eine bis zu fünfmal so teure Busse.

27. Zwei Dutzend Klaviere

Nach wie vor versuchen auch hoch­professionelle Banden im Bodensee­raum, Waren am Fiskus vorbei­zuschleusen: Mal geht es um zwei Dutzend Klaviere, mal um eine Segeljacht, mal um in Windeln versteckte Drogen, mal um 400’000 Euro in bar. Und sehr häufig um Geschlachtetes, Geräuchertes und Verwurstetes.

28. Corona-Grenzzaun

Ende März 2020 kehrt der Grenz­zaun zurück: Die deutsche Bundes­polizei lässt ihn zur Eindämmung der Corona-Pandemie zwischen Konstanz und Kreuzlingen aufbauen, die Schweizer Grenz­schützer verstärken ihn einige Tage später mit einem zweiten Zaun. Nun sind Berührungen und Küsse endgültig verunmöglicht – Hunderte Liebes­paare sind auf einmal voneinander getrennt. Manch einer fühlt sich an die Berliner Mauer erinnert, viele kritisieren die Abriegelung als Vertrauens­bruch gegenüber der Bevölkerung.

Nach acht Wochen wird der Zaun wieder abgebaut. Ein Teil von ihm wird künftig im Haus der Geschichte Baden-Württembergs zu sehen sein, als Erinnerung an diese ausser­gewöhnliche Zeit. Er betone «die Verbundenheit der Bevölkerung beider Seiten der Absperrung über die zwischen­zeitliche Barriere hinweg», lässt sich die Museumsdirektorin zitieren.

29. Drei sauteure, aber leckere Felchen

Am 3. April 2020 angeln zwei Schweizer Sport­fischer aus Arbon in der Bregenzer Bucht. Zwar befinden sie sich nach österreichischer Lesart in internationalen Gewässern, doch ist das auf dem Höhe­punkt der Corona-Krise offenbar auch den Bregenzer Beamten nicht ganz klar. Sie sehen nur, dass sich da zwei Männer, die nicht im gleichen Haushalt wohnen, gemeinsam an einem öffentlichen Ort aufhalten. Wegen Verstosses gegen die österreichische Covid-19-Verordnung erlassen sie einen Strafbefehl gegen die Männer: Entweder sie bezahlen je 450 Euro, oder sie wandern für 42 Stunden ins Gefängnis.

Die beiden Sportfischer wollen sich das nicht bieten lassen. «Wir hatten immer genügend Abstand voneinander», sagt Peter Künzi, schliesslich sei ihr Motor­boot 6,6 Meter lang und 1,75 Meter breit. Zudem hätten sie die Geräte nach dem Gebrauch stets mit Desinfektions­mittel abgewischt. Wie die Sache ausgeht, ist zurzeit offen – ein Anwalt hat im Namen der beiden Fischer Rekurs eingelegt. «Bevor ich diese skurrile und ungerechtfertigte Busse in derart exorbitanter Höhe bezahle, gehe ich in Bregenz ins Gefängnis und sitze diese knapp zwei Tage ab», sagt Fischer Peter Künzi zur Republik. Immerhin: Die drei Felchen, die sie an jenem Tag geangelt haben, seien lecker gewesen.

30. Sie haben sich lieb

Gross ist die Wiedersehens­freude, als Bundesrat Ignazio Cassis am 18. Juni 2020 erstmals seit Beginn der Pandemie hohe Politiker aus dem Bodensee­raum trifft. «Die Freundschaft der Nachbar­länder ist gestärkt aus dieser Krise hervor­gegangen», sagt der stellvertretende Minister­präsident von Baden-Württemberg, und der österreichische Aussen­minister pflichtet bei: «Wenn es hart auf hart kommt, können wir uns auf unsere Nachbarn verlassen

Es sind Worte, die das vergangene und aktuelle Leben am Bodensee gut zusammen­fassen: Auch wenn die Landes­grenzen im 473 Quadrat­kilometer grossen Obersee bis heute ungeklärt sind, wird darüber selten gestritten. Denn das Wasser trennt weniger, als es verbindet.

Zu den Quellen für diesen Beitrag

Neben den verlinkten Zeitungs­artikeln, wissenschaftlichen Aufsätzen und Fernseh­beiträgen waren die folgenden drei Bücher von grossem Nutzen:

  • Harald Derschka/Jürgen Klöckler (Hrsg.): «Der Bodensee. Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven». Jan-Thorbecke-Verlag, 2019. 320 Seiten, ca. 40 Franken.

  • Arnulf Moser: «Der Zaun im Kopf. Zur Geschichte der deutsch-schweizerischen Grenze um Konstanz». Hartung-Gorre-Verlag, 2014. 200 Seiten, ca. 22 Franken.

  • Karl-Heinz Burmeister: «Vom Lastschiff zum Lustschiff. Zur Geschichte der Schifffahrt auf dem Bodensee». UVK, 1992. 192 Seiten, ca. 12 Franken.

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