Strassberg

Politische Pubertätskrise

Worum geht es eigentlich beim Widerstand gegen Masken und Impfung? Der Philosoph John Locke würde sagen: Corona-Skeptiker sind enttäuschte Monarchisten.

Von Daniel Strassberg, 22.09.2020

Eigentlich hatte ich von Corona die Nase voll, auch von Verschwörungstheorien. Ich freute mich, endlich wieder über etwas anderes schreiben zu können. Bis ich eines Tages in der Migros an der Kasse anstand und von einem jungen Mann mit sächsischem Akzent freundlich aufgefordert wurde, aufzuschliessen. Ebenso freundlich antwortete ich, dass ich lieber Abstand halte. Er, schon merklich aggressiver: Trotz Mund­schutz? Das beweise ja wohl, dass der Mund­schutz nichts nütze. Nein, das beweise es nicht, erwiderte ich unglücklicher­weise, worauf er mich aufs Wüsteste beschimpfte, und es fehlte nicht viel, dass er hand­greiflich geworden wäre.

Am selben Wochenende versammelten sich in Berlin Tausende von Menschen, um gegen die Corona-Politik der Regierung zu protestieren. In der Schweiz demonstrierten zwar weniger, und die, die auf die Strasse gingen, waren wahrscheinlich auch weniger rechts­lastig, aber dafür haben wir Marco Rima. Seither lässt mich die Frage nicht mehr los – und offenbar nicht nur mich –, was diese bunte Mischung aus Neonazis, Reichs­bürgerinnen, Impf­gegnern, Esoterikerinnen, Natur­verehrern, Grundrechts­bewahrerinnen, Staats­rechts­professoren, Haus­ärztinnen und Verschwörungs­theoretikern verbindet.

Bei allen Unterschieden in Stil, politischer Ausrichtung und Reflexions­niveau taucht in ihren Reden und Schriften ein Argument, oder besser eine Klage, mit schöner Regel­mässigkeit auf: Die Obrigkeit handle ohne fundiertes Wissen, und sie verlasse sich dabei auf den Rat von Expertinnen, die auch nichts verstünden und unterschiedliche, ja widersprüchliche Meinungen hätten. Der ultimative Beweis: Im April behauptete Daniel Koch noch, dass Masken kaum etwas nützen würden, und nun führen die Behörden die Masken­pflicht ein. Nicht nur eingefleischte Corona-Skeptiker haben in den Chor jener eingestimmt, die darin den Beweis behördlicher Inkompetenz sehen. Andere vermuten gar Lüge, Verschwörung, Macht­gier oder was der sinistren Motive mehr sind.

Offenbar verbindet die Corona-Gegnerinnen ein bestimmtes Verständnis von Obrigkeit, ein Verständnis, das während und nach dem Englischen Bürger­krieg (1642–1649) von den Monarchisten vertreten wurde. Meine Vermutung ist also, dass die Corona-Skeptiker enttäuschte Monarchisten sind, so wie Zynikerinnen nach Oscar Wilde enttäuschte Romantikerinnen sind.

Anfang des 17. Jahr­hunderts deckten die feudalen Strukturen den rasant steigenden Bedarf an Nahrungs­mitteln im englischen König­reich nicht mehr. Ein Teil des Adels verbündete sich deshalb mit dem Londoner Bürgertum, um die alteingesessenen Bauern von ihrem Boden zu vertreiben und sich ihren Grund­besitz einzuverleiben. Der König und der grössere Teil des Adels, die um ihre Privilegien und um ihr Einkommen bangten, hielten hingegen an den alten feudalen Strukturen fest. Solange sie die fälligen Abgaben und Dienste leisteten, konnten die Bäuerinnen ihren Boden nach Gutdünken bewirtschaften.

Beide Parteien hatten ihre Ideologen, die die wirtschaftlichen Interessen in philosophische Systeme zu verpacken hatten. Zweifellos verfügten das Bürgertum und die Gross­grund­besitzer über den klügeren Kopf: John Locke (1632–1704), ein Arzt und Philosoph, gilt heute als Begründer des Empirismus, der Auffassung also, dass alle Erkenntnis der Erfahrung entspringen muss. Den Namen von Lockes Haupt­widersacher hingegen kennt heute kaum noch jemand, und hätte sich Locke nicht masslos über ihn geärgert und sich genötigt gesehen, ein ganzes Buch der Erwiderung zu schreiben, wäre der Name Sir Robert Filmer wohl ganz in Vergessenheit geraten.

Macht und Besitz seien von Gott verliehen, argumentiert Filmer in seinem Buch «Patriarcha, or the Natural Power of Kings» (1680), seit der Allmächtige Adam als uneingeschränkten Herrscher über seinen Haus­stand eingesetzt habe. Adam sei nicht nur das Recht über den ganzen Besitz verliehen worden, sondern auch das Recht über Leben und Tod der Familie. Er habe demgemäss die absolute Herrschaft an die Könige weiter­gegeben, diese gaben sie an den Adel und dieser wiederum an die Familien­väter. Eine direkte Linie verbindet deshalb Gott mit den Familien­vätern: Der Vater ist König in seiner Familie, der König ist der Vater aller Väter.

Gott/König/Vater üben Gewalt aber nicht um ihrer selbst willen aus, auch nicht, um ihre eigenen Interessen durch­zusetzen, sondern um für ihre Untertanen zu sorgen, sie zu schützen und sie zu ernähren. Gott/König/Vater sind die guten Hirten von Welt/Volk/Familie, und so wie der Hirte die Bedürfnisse seiner Herde weit besser kennt als die Schafe selbst, so kennen König und Vater die Bedürfnisse ihrer (Landes-)Kinder besser als sie selbst. Filmers Konzept der Souveränität gründet letztlich in überlegenem Wissen: Souverän ist, wer die Bedürfnisse der Menschen kennt.

Locke entgegnet Filmer in den «Zwei Abhandlungen über die Regierung», die er 1689 anonym veröffentlichte. Den meisten Raum nehmen Bibel­lektüren und Argumente gegen die Natürlichkeit der absoluten Monarchie ein. Das zentrale Anliegen Lockes ist aber die Widerlegung des Familien­modells des Staates – dem, wie mir scheint, noch heute in der Schweiz gewisse Familien nachhängen. Nein, argumentiert Locke leidenschaftlich, weder sei die Familie ein kleiner Staat, noch ist der Staat eine grosse Familie.

Adam wurde als vollkommener Mensch geschaffen, Körper und Geist in vollem Besitz von Kraft und Vernunft. Somit war er vom ersten Augenblick seines Daseins an fähig, für seinen eigenen Unterhalt und seine Erhaltung zu sorgen und seine Handlungen nach der Vorschrift des Vernunft­gesetzes zu lenken, das Gott ihm eingeimpft hatte. Später bevölkerten seine Nach­kommen die Welt, die alle als unmündige Kinder geboren wurden, schwach und hilflos ohne Wissen und Verstand. Um jedoch diesen Mängeln ihres unvollkommenen Zustands abzuhelfen, bis sie durch fortschreitendes Wachstum und Alter von selbst behoben wurden, hat das natürliche Gesetz Adam und Eva und nach ihnen alle Eltern dazu verpflichtet, ihre Kinder, die sie gezeugt haben, zu erhalten, zu nähren und zu erziehen, und zwar nicht als ihr eigenes Werk, sondern als das Werk ihres eigenen Schöpfers, des Allmächtigen, dem sie für sie verantwortlich waren.

Das Gesetz, das Adam als Richt­schnur dienen sollte, ist dasselbe, nach dem sich auch alle seine Nachkommen zu richten hatten: das Gesetz der Vernunft. Da aber seine Nachkommen, als sie auf die Welt kamen, nämlich durch natürliche Geburt, und daher unwissend und unfähig waren, die Vernunft zu gebrauchen, unterstanden sie nicht sofort jenem Gesetz. Adams Kinder standen unmittelbar nach ihrer Geburt nicht unter diesem Gesetz der Vernunft und waren daher auch nicht sofort frei. Denn in seinem eigentlichen Sinn bedeutet das Gesetz nicht so sehr die Beschränkung, sondern vielmehr die Leitung eines frei und einsichtig Handelnden in seinem eigenen Interesse, und seine Vorschriften reichen nicht weiter, als es dem allgemeinen Wohl derer dient, die unter diesem Gesetz stehen. Könnten sie ohne das Gesetz glücklich sein, so würde es, wie eine nutzlose Sache, von allein verschwinden, und eine Sache verdient doch wohl kaum den Namen «Beschränkung», die uns vor Abgründen und Sümpfen schützt. Auch wenn es noch so oft missverstanden werden mag, es ist nicht das Ziel des Gesetzes, die Freiheit abzuschaffen oder einzuschränken, sondern sie zu erhalten und zu erweitern.

Aus: John Locke, «Zwei Abhandlungen über die Regierung», 2. Abhandlung.

Lockes Modell des Staates war nicht die Familie, sondern der Organismus oder, was damals fast dasselbe war, die Maschine: Jedes Individuum erfüllt im Staat seine Aufgabe und trägt dazu bei, dass er gut funktioniert. Die Funktion der Eltern (nicht der Väter, wie bei Filmer!) ist es, die Freiheit und Individualität des Kindes eine gewisse Zeit lang zu verwalten, weil Kinder leider ohne Vernunft zur Welt kommen. Diese Funktion erhalten sie nicht deshalb übertragen, weil sie allwissend, sondern weil sie zufällig die Erzeuger sind. Und die Regierung hat im Organismus Staat die Aufgabe, unter der Bedingung von Unwissenheit möglichst kluge Entscheidungen zu treffen.

Natürlich hatten weder Regierung noch Expertinnen eine Ahnung vom Virus, als die Pandemie ausbrach. Wie sollten sie auch? Zu Beginn der Pandemie glaubte man zum Beispiel, es handle sich um eine Lungen­krankheit, dann stellte sich heraus, dass es eine Gefäss­krankheit ist. Noch immer weiss man wenig, und genau an dieser Stelle kommt die Regierung ins Spiel, nicht weil sie allwissend ist, sondern weil sie zufällig gerade den Job hat, zu entscheiden. Die Grundlage der liberalen Regierung ist somit die Ungewissheit, nicht – wie die der monarchistischen – die Allwissenheit.

Das filmersche Familien­modell des Staates hat durchaus etwas Attraktives. Im Glauben an die Allwissenheit der Eltern und der Regierung kann man sich geborgen und sicher fühlen. Doch die grosse Schwäche des Modells ist, dass es nicht mit der Pubertät rechnet. Irgendwann kommt für alle Eltern der schmerzhafte Moment, an dem die Kinder merken, dass Mama und Papa nicht allwissend, sondern voller Wider­sprüche sind. Wahrscheinlich ahnen sie es schon mit sieben, acht Jahren, aber zur Gewissheit wird es erst während der Pubertät.

Oft, sehr oft sogar, ist dies mit einer riesigen Enttäuschung verbunden und mit einer entsprechenden Wut. Die Jugendlichen haben das Gefühl, betrogen worden zu sein, und lehnen nun alles ab, was sie von den Eltern gelernt haben. Jetzt wissen die Eltern in ihren Augen plötzlich gar nichts mehr, während sie selbst alles wissen. Im Wesentlichen ist es das genaue Gegenteil dessen, was die Eltern vertreten haben. Daraus erwächst der typische adoleszente, aus der Enttäuschung erwachsene Freiheits­begriff, der sich auf den einfachen Nenner bringen lässt: «Ich lasse mir gar nichts mehr sagen, ich mache, was mir passt!»

Glücklicherweise überwinden die meisten Menschen diese Phase und versöhnen sich damit, dass ihre Eltern ganz gewöhnliche Menschen sind und die Regierung fehlbar. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen wandeln sich irgend­wann in ihrem Leben von enttäuschten Monarchistinnen zu versöhnten Liberalen.

Die meisten, aber nicht alle. Es gibt solche, die verharren ein Leben lang in der Enttäuschung, dass sich niemand um sie kümmert, dass sie nicht von der Regierung versorgt werden und dass diese nicht allwissend und manchmal sogar wider­sprüchlich ist. Sie verharren in der Adoleszenz und tragen ein Leben lang einen archaischen Groll in sich, dass ihnen kein allwissender Gott/König/Vater sagt, wo es langgeht.

Dies erklärt auch den scheinbaren Wider­spruch, dass der pubertäre Freiheits­drang sie nicht daran hindert, den magischen Glauben an die elterliche Allwissenheit auf totalitäre Ideologien zu übertragen. Einerseits halten sie die persönliche Freiheit hoch, andererseits werfen sie sich Diktatoren und Tyrannen wie Putin an die Brust. Offenbar ist der Gedanke des liberalen Staates bei vielen Menschen noch nicht angekommen. Sie hoffen immer noch auf royale Allwissenheit.

Illustration: Alex Solman

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