London: Welches neue Europa ist gesucht? Das Aufmacherbild aus dem Buch von Johny Pitts.

Die bunten Staaten von Afropa

Die Wurzeln des Rassismus in Europa sind tiefer, als fast allen bewusst ist. Mit seinem Buch «Afropäisch» gibt der Brite Johny Pitts die europäische Antwort auf die amerikanische «Black Lives Matter»-Bewegung.

Von Anne-Sophie Scholl (Text) und Johny Pitts (Bilder), 10.09.2020

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Von der Rue de Rivoli zieht er weiter zu den Champs-Élysées und stösst dort auf eine Gruppe gut angezogener schwarzer Männer und Frauen. Die rund 500 Demonstrierenden stehen vor dem Parfüm­geschäft von Guerlain und rufen zum Boykott auf. Zuvor hatte der berühmte französische Parfümeur Jean-Paul Guerlain in einem Radio-Interview gesagt, er habe für sein neues Parfüm geschuftet «comme un nègre», und angefügt, er wisse nicht, «ob die jemals so hart geschuftet haben». Später versuchte er sich zu rechtfertigen: «Den Satz habe ich in meiner Kindheit immer gehört. Ich gehöre zu einer anderen Generation.»

Die guten alten Zeiten, als man rassistisch sein durfte, sind vorbei: Das zeigen die Demonstrantinnen, indem sie sich gegen den Repräsentanten der alten Ordnung zusammentun und auf die Strasse stellen. An diesem Pariser Oktober­tag im Jahr 2010 sieht Johny Pitts in den Demonstranten zum ersten Mal das aufscheinen, was er zu finden gehofft hat: Menschen, die europäisch und «schwarz» sind, dem Mittel­stand angehören und für ein positives Zusammen­spiel der Kulturen stehen. Er sieht seine Utopie von «Afropa» aufblitzen, eine «neue Konfiguration von Ideen, mit Afrika und Europa verknüpft, aber beide transzendierend».

Zehn Jahre lang hatte der frühere britische Musik­journalist und Fernseh­moderator Pitts gespart, um seine Reise machen zu können: eine fünf­monatige Recherche per Interrail durch die europäischen Städte auf der Suche nach der schwarzen Diaspora im europäischen Alltag. Daraus ist sein Buch «Afropean» entstanden, das im englischen Original 2019 herauskam und nun in deutscher Über­setzung erscheint.

Zum Buch

Johny Pitts: «Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa». Suhrkamp, 461 Seiten, ca. 36 Franken. Das Buch erscheint am 14. September. Im Original: «Afropean. Notes from Black Europe».

Das Buch kommt genau zum richtigen Zeit­punkt auf den Markt. Durch den gewaltsamen Tod von George Floyd und die Verbreitung des Tatvideos auf Social Media haben die Anliegen der «Black Lives Matter»-Bewegung weit über die USA hinaus über­wältigende Resonanz erfahren. Auch in Europa ist in der Folge die Diskussion über Rassismus und das koloniale Erbe neu entbrannt. Pitts’ Buch versammelt und vertieft viele dieser Themen.

Auf der Suche nach der schwarzen Diaspora

An Universitäten fand mit der Etablierung von Global­geschichte ein Umdenken vor rund zwanzig Jahren statt. Zeitgemässe Kolonial­geschichte, sagt der Historiker Bernhard Schär, habe erkannt: Nicht nur Afrika, sondern auch Europa ist zutiefst von der kolonialen Vergangenheit geprägt. Global­geschichte legt den Fokus auf wechsel­seitige Beziehungen. Bis anhin war die Geschichte Europas von Weissen geschrieben worden.

Doch nicht nur die Geschichts­schreibung, unsere ganze Kultur in all ihren Facetten bringt mehrheitlich die Perspektive der Macht­habenden zum Ausdruck. Die Kultur der anderen – vor allem Menschen in und aus den kolonisierten Gebieten, Angehörige der Unter­schicht, Frauen –, ihre Perspektive und ihr Beitrag wurden in eine Art kollektiver Amnesie versenkt. Moderne Wissenschaft benennt diese Mechanismen als zutiefst undemokratisch: Demokratie ist nicht die Diktatur von europäischen Männern an den Schalt­stellen von Geld und Macht. Sie formuliert den Anspruch, alle Teile der Bevölkerung an der Gemeinschaft teilhaben zu lassen.

Stockholm: Von den Kindern lernen.
Paris: Dieses ungute Gefühl, allein in einer weissen Welt zu sein.

Johny Pitts’ Buch ist so etwas wie der Grund­stein zu einem europäischen schwarzen Narrativ, das sich nicht am Vorbild der Afro­amerikanerinnen orientiert und deren Identität übernimmt. Er will eine Verbindung schaffen zwischen den spezifisch europäischen schwarzen Erfahrungen und Kulturen. Damit ragt das Buch heraus aus der Vielzahl wichtiger Bücher, die von strukturellem Rassismus im Alltag erzählen, von der Rassismus­erfahrung in einem bestimmten Land oder einer bestimmten Community.

Pitts’ Suche nach der schwarzen Diaspora in Europa ist persönlich motiviert. Seine Mutter ist weiss und entstammt der britischen Arbeiter­klasse, sein Vater ein schwarzer Musiker. Johny Pitts wuchs in einem Arbeiter­viertel von Sheffield im Norden Englands auf, trotz hoher Kriminalität in diesem Umfeld hat er in seiner Kindheit das Zusammen­leben verschiedener Kulturen positiv erlebt. Später jedoch fühlte er sich zunehmend zerrissen: «Ich bekam das Gefühl, für meine alten schwarzen Freunde nicht schwarz genug, für meine alten weissen Freunde nicht weiss genug und für mein altes Viertel in Sheffield nicht proletarisch genug zu sein, aber auch nicht mittel­ständisch genug, um im snobistischen London zu überleben.» Er schreibt: «Ich vermute, dass ich wirklich loszog, um einen Stamm zu finden, bei dem ich mich zu Hause fühlen könnte.»

Der Begriff «afropäisch», von dem er sich dabei leiten lässt, passt, wie er sagt, gut zu seinen eigenen Erfahrungen. Übernommen hat er ihn von der belgisch-kongolesischen Musikerin Marie Daulne mit ihrer Band Zap Mama und dem ehemaligen Frontmann der Talking Heads, David Byrne: Beide haben den Begriff in den frühen Neunziger­jahren geprägt. «Afropäisch» steht für eine Identität ohne Binde­strich: «Afrika und Europa oder, in einem weiteren Sinne, der globale Süden und der Westen, ohne gemischt-dies, halb-jenes oder schwarz-anders.»

Pitts dokumentiert seine Suche. Mit der Reise­reportage wählt er eine Form, bei der er den Menschen auf der Strasse auf Augen­höhe begegnet und einen autoritativen Zugriff auf sein Thema vermeidet. Sein Text soll kein «Big Picture»-Buch über Racial Politics werden. Im Gegenteil: Es geht ihm um eine subjektive Annäherung, exemplarische Einblicke und verschiedene Perspektiven von verschiedenen Orten. Eine Erzählung, die Raum lässt für Widersprüche, Vorläufiges, Fehlschläge und Lücken. Es soll ein Text sein, der unterschiedlichste Erfahrungen aufnehmen, verbinden und zusammen­führen kann. Denn Verbindung und Zusammen­arbeit, schreibt Pitts, sei das, was die schwarze Diaspora Europas brauche, um ein Klima zu schaffen, in dem Vielfalt gedeihen kann und Rassismus schärfer angeprangert wird. Im Zusammen­stehen der Demonstrierenden gegen Guerlain hat er diese Kraft gespürt.

Gegen die Kultur der Spaltung

Auf seiner Reise begegnet Pitts immer wieder Menschen oder Initiativen, die seine Idee einer «afropäischen» Identität verkörpern. Häufiger jedoch sind Erfahrungen und Beobachtungen, bei denen er ein positives Zusammen­spiel der Kulturen vermisst, Spaltungen feststellt oder Lücken in der Geschichts­schreibung erkennt. In essayistischen und historischen Exkursen holt er ins Bewusstsein, was Geschichts­schreibung, hohe Kultur und Alltags­kultur unsichtbar machen.

In Paris zum Beispiel, nach London die Stadt mit der grössten schwarzen Diaspora Europas. Auf einer Führung durch die Geschichte schwarzer Menschen in der Stadt hört er fast nur Geschichten von Afro­amerikanern. Schwarze aus den USA, schreibt Pitts, würden wegen der kulturellen Distanz die Muster des subtilen Rassismus in Europa weniger klar erkennen als Europäerinnen mit dunkler Haut. So schwärmte in den 1940er-Jahren US-Schriftsteller Richard Wright, Förderer und späterer Rivale von James Baldwin, es gebe in Paris keine Spannungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Die afro­französischen Vertreter der Négritude wie Aimé Césaire und später Frantz Fanon hingegen sprachen sehr wohl von Rassismus, sie drehten den Diskurs um und erklärten angesichts der Barbareien des Westens die afrikanische Kultur als überlegen.

Pitts, der Europäer auf der Suche nach seinem Erbe, sieht in Paris überall eine gespaltene Kultur und Zeichen von subtilem Rassismus: in den Menschen mit dunkler Haut, die hinter den weissen Pendlerinnen die Züge putzen; in der Neugestaltung des Stadt­zentrums im späten 19. Jahr­hundert unter dem Architekten Georges-Eugène Haussmann, die Arbeiter und Menschen mit dunkler Haut in die Peripherie verbannte; in Haussmanns ethnisch und klassen­spezifisch gesäubertem Zentrum, das unser romantisches Bild der Stadt begründet; in den Afro­französinnen, die sich als Jamaikanerinnen ausgeben und die vom weissen Blick diktierten Hierarchien des Schwarz­seins genau kennen; in den französischen Streit­kräften aus den Kolonien, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sieger­paraden ausgeschlossen wurden; in der jugendlichen Community der Banlieue Clichy-sous-Bois, die 2010 nur Zaungast ist, wenn bei einer Gedenk­feier an zwei schwarze Jugendliche erinnert wird, die staatlicher Polizei­gewalt zum Opfer fielen.

Berlin: Polizeigewalt ist keine amerikanische Angelegenheit.
Calais: Abgeschottet, ausgegrenzt und gegen den Strom.

Die Reise führt Johny Pitts weiter nach Brüssel, Amsterdam, Berlin, Stockholm, Moskau, Marseille und Lissabon. Seine Reportagen aus Belgien und Holland kommen der Art, wie die Geschichte in den «Gespenstern des Kolonialismus» bei uns in der Schweiz weiterlebt, am nächsten. Die Schweiz war im Gegensatz zu Belgien und den Niederlanden keine Kolonial­macht, mischte jedoch im Wind­schatten der anderen Länder politisch, wirtschaftlich und kulturell eifrig mit, sie hat eine koloniale Vergangenheit ohne Kolonien.

Schokoküsse, der «Zwarte Piet» und «Tim und Struppi»

Die hiesige Diskussion um die Bezeichnung der Schoko­küsse findet eine Entsprechung in der nieder­ländischen Debatte um die Tradition des «Zwarte Piet», des schwarzen Helfers des Nikolaus; wie auch bei Rassismus in Kinder­büchern in der Debatte um den Comic-Band «Tim im Kongo» des Belgiers Hergé.

In seiner Reportage zeichnet Pitts nach, wie Hergé, der belgische Autor der «Tim und Struppi»-Reihe, sich bei der Arbeit an seinem Buch an Exponaten des Königlichen Museums für Zentral­afrika in Tervuren bei Brüssel orientiert hat. Auch in der Schweiz haben wir ein Landes­museum, Völkerkunde­museen oder ein Museum der Kulturen. Die Heroisierung des Eigenen und die Exotisierung des Fremden, die Konstruktion von kultureller Differenz und damit einher­gehender Wertung ist auch in der Struktur der Schweizer Museums­kultur und anderen Institutionen der Wissens­vermittlung eingeschrieben. Pitts zeigt: Der «M_kopf» und die Denkmäler sind nur die Spitze des Eis­bergs. Zugrunde liegt ein kultureller Macht­diskurs, dessen Wirk­mächtigkeit über die politische und wirtschaftliche Ausbeutung von Kolonialismus und Postkolonialismus hinausgeht.

Was tun? Die Antwort eines Sozial­arbeiters in der Pariser Banlieue, eine wirtschaftliche Lobby aufzubauen und sich an den Afro­amerikanern in den USA zu orientieren, überzeugt Johny Pitts nicht. Ein solcher Ansatz, schreibt er, ziele auf die Teilhabe an einem neoliberalen System, das von Kritikern als per se rassistisch bezeichnet wird. Afro­amerikanerinnen und ihre Kultur werden auf den Status einer Ware reduziert, «Blackness» wird als Teil der US-amerikanischen Markenwelt exportiert.

Pitts dagegen setzt auf den Aufbau einer europäischen schwarzen Kultur.

Sein Buch hat er als offene, heterogene und zugängliche Sammlung von Wissen angelegt. Auf der Website afropean.com lädt er Mitglieder der Community ein, eigene Erfahrungen zu publizieren, das Wissen kontinuierlich auszubauen und gemeinsam an einem neuen Narrativ europäischen Schwarz­seins weiter­zuschreiben, das auch geflüchteten Neuankömmlingen eine Brücke sein soll.

Letzte Station von Johny Pitts’ Reise ist Gibraltar, wo er sich am südlichen Ende Europas auf britischem Territorium wiederfindet. Wie so oft in diesem Buch schieben sich politische Realität und kulturelle Metapher übereinander. Dichte Wolken hängen am Himmel, der Blick nach Afrika bleibt ihm verwehrt. Doch die Reise hat ihn bestärkt: Sein Afrika liegt nicht jenseits des Kontinents, sein Afrika liegt innerhalb Europas.

Zur Autorin

Anne-Sophie Scholl ist freie Kultur­journalistin und seit 15 Jahren in der Buch­branche unterwegs. Sie war in einem Schweizer Literatur- und Sachbuch­verlag tätig, später als Literatur­redaktorin für verschiedene Schweizer Redaktionen. Heute schreibt sie unter anderem für die WOZ und den Schweiz-Teil der «Zeit».

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