In die Fotofalle getappt: Nächtliche Aufnahmen von Wölfen im Wallis. Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere Wallis

Im Wolfspelz

In der Surselva verbreiten sich in den Wochen vor der Abstimmung über das neue Jagdgesetz die Wölfe. Sie bilden Rudel, reissen Schafe und wagen sich an die Dörfer. Wie sollen die Menschen mit ihnen zusammenleben?

Von Pascal Sigg, 05.09.2020

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Es war am Morgen des 3. Juli, als der Hirt bemerkte, dass ein Schaf fehlte. Obwohl die Tiere nahe beieinander grasten, hatten die beiden Herden­schutzhunde in der Nacht nichts bemerkt. Vermutlich war der Wolf über den Bach gesprungen, hatte das Lamm gepackt, zurück auf die andere Seite geschleift und einen ersten Teil gefressen. Am Nachmittag kam er nochmals zurück und ass den Rest. So erzählte es einen Monat später der Betreiber der Alp am Panixerpass, der das Glarner Sernftal mit dem Bündner Vorder­rheintal verbindet.

Fünf Tage später erschien auf der Website des Bündner Kantonalen Amts für Jagd und Fischerei eine Kurzmeldung: «Am 3. Juli 2020 hat ein Wolf auf der Alp Mer bei Pigniu 1 Schaf gerissen. Die Nutztiere waren geschützt.»

Geschützt, das heisst für den Kanton Graubünden: von einem Herden­schutzhund bewacht, von einem Zaun geschützt, oder beides.

Der Vorfall ist einer von vielen in der Surselva dieses Jahr. Die Wölfe fressen Nachgeburten von Rindern, jagen Rehe nahe an Dörfern, trotten quer durch Kuhherden, besuchen Skischulen am helllichten Tag oder wagen sich mittlerweile auch an von Hunden und Zäunen beschützte Schafe und Ziegen. Zuletzt riss einer gar ein Kalb. Letztes Jahr verzeichnete der Kanton Graubünden 127 Nutztier­risse, dieses Jahr waren es bereits Ende Juli über 140, etwa die Hälfte davon aus Herden, die offiziell als geschützt gelten.

Die vielen gerissenen Schafe sind ein wichtiger Grund, warum das Parlament das Jagdgesetz revidiert hat. Damit sollen die Kantone selber entscheiden können, ob ein Wolf erlegt werden darf. Heute muss der Kanton beim Bund zuerst eine Bewilligung einholen, wenn ein einzelnes Tier abgeschossen werden soll.

Ein Wolf kann mit dem neuen Jagdgesetz von einem Kanton zum Abschuss freigegeben werden, wenn er vorher keine Nutztiere gerissen hat. Bloss, um den Bestand zu regulieren. Für die Naturschutz­organisation Pro Natura ist das «Abschiessen à la carte».

Gemeinsam mit Pro Natura ergriffen Tierschutz­organisationen wie die Gruppe Wolf Ende des letzten Jahres erfolgreich das Referendum. Am 27. September wird abgestimmt. Für die Tierschützer sind nicht die Wölfe schuld an den toten Schafen im Bündner­land, sondern die Bauern selbst.

Das Problem in der Surselva seien die vielen ungeschützten Schaf­herden, die den Wölfen als Lernobjekte dienten, argumentiert David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf, im Abstimmungs­kampf: «Wer jetzt noch keinen Herden­schutz betreibt, gefährdet nicht nur seine eigenen Tiere und den Wolf, sondern auch alle anderen Schafe und Ziegen.»

Auf der anderen Seite: die Schafzüchter. Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Sie hadern mit dem Herden­schutz und wollen, dass Wölfe schneller und einfacher geschossen werden können.

Schiessen oder schützen? So einfach ist es leider nicht.

Es gibt etwas, was mehr Mühe macht als der Wolf

An einem warmen Sommermorgen Anfang August. Jakob Niedermann ruckelt in seinem Armee-Puch aus den Achtziger­jahren über die Bergstrasse. Unter ihm der Panixersee, irgendwo weiter oben der Panixerpass, wo General Suworows Russen auf dem Rückzug vor Napoleons Franzosen arg geschwächt wurden. Jakob Niedermann will erklären, wie die Alp Mer funktioniert, wo der Wolf das Schaf geholt hatte. Wo er mit der Schafzucht­genossenschaft Domat/Ems rund 600 Tiere hält.

Wie schwierig ist es, Schafe vor dem Wolf zu schützen?

Niedermann, das sagen alle – auch David Gerke von der Gruppe Wolf –, lässt seine Herde so gut schützen, wie es eben geht. Seine Hirten zäunen hoch genug. Sie pferchen die Schafe über Nacht ein, obwohl das nicht optimal ist, weil ihre Klauen auf dicht gedrängtem Raum den Boden zertreten und weil sich die Tiere im steinigen Gelände verletzen können. Ausserdem wachen zwei Pyrenäen-Berghunde.

Und trotzdem verliert er Sommer für Sommer Schafe an den Wolf.

Niedermann trägt einen weissen Kranzbart und Brille, ist Anfang 70 und, wie er selbst sagt, ein «fanatischer Sänger», aktiv in – vier! – Männerchören. Als gelernter Maschinen­schlosser wechselte er in den Siebziger­jahren in die Land­wirtschaft. Den Betrieb hat er zwar seinem Sohn übergeben, doch es braucht ihn noch immer – als «Alpmeister und Knecht», wie er sagt.

Seit 14 Jahren hält er hier oben Schafe, und in dieser ganzen Zeit hat sich immer der gleiche Hirt um die Schafe gekümmert. Und seit 14 Jahren ist auch der Wolf immer wieder hier oben.

Der Hirt heisst Florian Lutz. Er kommt jeden Sommer aus dem bayrischen Allgäu auf die Alp. «Es ist so, wie es ist mit dem Wolf», sagt er. «Ich versuche, mich immer wieder so gut wie möglich auf ihn einzustellen.»

Mehr Mühe als der Wolf machen dem Hirten ohnehin die Wanderer und Biker, die den Panixerpass überqueren und nicht verstehen, warum die Hunde so wild sind, wenn sie sich der Herde nähern: «Früher wollte ich das den Leuten erklären, heute gehe ich der Konfrontation eher aus dem Weg.»

Über die Gegenwart will Landwirt Jakob Niedermann nicht klagen, das ist nicht seine Art. «Unter den aktuellen Umständen kann ich mit dem Wolf leben. Er hat ja früher auch schon mal hier gelebt.» Wenn er pro Sommer drei, vier Schafe an den Wolf verliere, halte er das aus. «Wer auf die Alp geht, muss mit Verlusten rechnen. Es kann auch mal ein Blitz eine Herde treffen.»

Die Zukunft ist eine andere Geschichte. Immer so weitergehen kann es auch nicht. Auch wegen des Wolfs hat Niedermann immer mehr Arbeit. Er muss mit Schildern vor den Herden­schutz­hunden warnen. Diese sind zwar den Sommer über auf der Alp, im Winter aber bei ihm zu Hause und geben ihm viel zu tun, weil sie bewegt werden wollen. Und sie sind unberechenbar: Im Frühling, kaum oben auf der Weide, griff der eine den anderen an; es war schlimm, man musste nähen.

Das Leben eines Schafbauern ist heute anders als früher. Er hat mehr administrative Arbeit, muss jede Veränderung in seiner Herde im Computer erfassen. Und es fehlt der Nachwuchs in der Genossenschaft. Wenn es so weitergeht, werden immer mehr Alpen eingehen. Und falls es hier, auf der Alp Mer, bald noch mehr Wölfe geben sollte, wäre ohnehin Schluss.

Niedermann zeigt aufs obere Ende der mächtigen Felswand, die vom See aus 600 Meter in die Höhe ragt, dorthin, wo die Alp beginnt. «Wenn hier ein Wolfsrudel kommt, dann ist es aus.»

Die ganze Herde würde panisch zum Abgrund flüchten und in die Tiefe stürzen. Und dass Wölfe schuld wären, müsste Niedermann dann erst noch beweisen können.

Verhaltensauffällige Tiere

Auch wenn unsicher ist, ob ein ganzes Rudel eine geschützte Herde angreifen würde, ganz unbegründet sind Jakob Niedermanns Sorgen nicht. Allein in den letzten beiden Jahren haben sich in seiner Nachbarschaft drei Wolfsrudel gebildet. Da ist das Ringelspitz-Rudel in der Nähe von Flims, das Valgronda-Rudel bei Obersaxen und seit kurzem das Stagias-Rudel bei Medels am Lukmanier­pass. Auf dem ganzen Kantons­gebiet meldet die Bündner Jagd­verwaltung mittlerweile sieben Wolfsrudel – mehr als im Wallis.

Der Bündner Jagdvorsteher Adrian Arquint glaubt, dass es sich beim Wolf auf der Alp Mer um ein Tier aus dem Ringelspitz-Rudel handelt, wie er sagt. Noch fehlt ihm aber das Ergebnis der DNA-Probe.

«Es war zu erwarten, dass sich die Wolfs­population nach den verschiedenen Rudel­bildungen exponentiell ausbreiten würde», sagt Arquint. «Es erstaunt aber trotzdem, wenn man die steil ansteigende Kurve in dieser stark genutzten Landschaft sieht.»

Wolfsrudel im Calandagebiet. Amt für Jagd und Fischerei Graubünden und KORA
Einzelgänger sind häufig die grössten Problemfälle. Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere Wallis

Allerdings sind es nicht die Rudel, die dem Jagdvorsteher Sorge bereiten, sondern die jungen, umherziehenden Einzeltiere, die ihre Rudel verlassen und dann allein überleben müssen. Einige davon legen ihre Scheu ab und spezialisieren ihre Jagd auf geschützte Schaf­herden. Er nennt die Tiere «verhaltens­auffällig» und findet: «Diese müssen wir erlegen können.»

Arquint kann nur vermuten, welche Wölfe mit ihrem Verhalten den Bauern und der Kultur­landschaft schaden. Zwar beschäftigt er erfahrene Wildhüter, die mit technischen Hilfsmitteln wie Fotofallen arbeiten. Trotzdem ist es oft nicht einfach, die einzelnen Wölfe an ihren Merkmalen zu erkennen. Klarer wird es mit den DNA-Proben, die nach jedem Riss genommen werden: «Damit können wir den Verursacher identifizieren.»

Das Problem dabei: Gemäss aktuellem Jagdgesetz muss ein Wolf innerhalb eines Monats 25 Nutztiere oder innerhalb von vier Monaten 35 Nutztiere gerissen haben, damit er geschossen werden kann. Doch in der Regel hat ein Jagdvorsteher via DNA-Probe erst nach eineinhalb Monaten Gewissheit über die Identität eines Wolfs. Das heisst: Es dauert viel zu lange, bis Arquint etwas unternehmen kann.

Schutz ist nicht gleich Schutz

David Gerke von der Gruppe Wolf versteht den Bündner Jagdvorsteher. Gerke hat selber drei Sommer lang in der Surselva als Schafhirt gearbeitet und wäre nicht kategorisch gegen eine Lockerung des gegenwärtigen Schutzes. «Wölfe sind intelligent und anpassungsfähig. Wenn sie trotz anerkanntem Schutz Herden angreifen, muss man reagieren können.» Auch Gerke, einer der Referendums­führer gegen das Jagdgesetz, findet also: Ein Wolf, der wiederholt gut geschützte Schafe reisst, muss schnell geschossen werden können.

Wenn von Abschüssen die Rede ist, spricht Gerke aber immer auch vom Herdenschutz – der wichtigsten Massnahme, um ein Zusammen­leben mit dem Wolf zu ermöglichen. «Abschüsse machen den Herden­schutz nicht überflüssig. Er wird auch künftig absolut notwendig sein.»

Gerke stört die Forderung, dass der Wolf abgeschossen werden darf, ohne dass gleichzeitig auch ein funktionierender Herden­schutz gefordert wird. Immer wieder würden auf Facebook Meldungen verbreitet, in denen von Rissen in geschützten Herden die Rede sei, obwohl der Schutz in vielen Fällen nicht ausreichend gewesen sei. Gerke spricht von Fake News.

Womit David Gerke recht hat: Es fehlt an Transparenz, an gesicherten, zuverlässigen Informationen, auch von offizieller Seite.

So wie zum Beispiel beim Riss am 3. Juli auf der Alp Mer bei Pigniu, bei dem das Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden einen Schutz suggerierte, der so nicht existierte. Zwar war die Herde geschützt, aber die gerissenen Schafe befanden sich ausserhalb der Zäune. Was für die einen eine Spitzfindigkeit ist – für die anderen ist es der Kern des Problems.

Rudimentäre Zahlen gibt es zwar: Das Bündner Amt für Landwirtschaft schreibt, dass es 2019 in der Surselva 29 Sömmerungs­betriebe gab. Und laut dem Herdenschutz­berater des Kantons, Jan Boner, schützen 14 davon ihre Herden mit Hunden, während einzelne Betriebe mit Elektro­zäunen arbeiten.

Boner ist stark beschäftigt in diesen Tagen. Er beantwortet E-Mails auch noch abends um halb elf und schreibt, er «werde geflutet von Anrufen». «Wir sind schon etwas am Hadern, weil uns die Wölfe voraus sind.» In der Surselva seien einige Betriebe bereits gut vorbereitet auf den Wolf, viele rieben sich aber noch am Zusatz­aufwand, den der Herden­schutz verursache.

Doch er betont: «Das Wichtigste ist der Wille, und darüber sagen Zahlen nichts. Nur der Landwirt und der Hirt können beurteilen, wie viel Schutz sie vor Ort umzusetzen vermögen.» Jede Alp sei anders, nur wer das Gelände von der täglichen Arbeit kenne, könne beurteilen, welcher Schutz wo möglich sei: «Meine Erfahrung ist: Wenn einer will, kann er sehr viel. Aber man muss ihn einfach machen lassen und fördern.»

Ein grosses Problem sei, dass die Herdenschutz­massnahmen auf enorme Widerstände bei der Bevölkerung stossen. Nachbarn wollen nicht, dass die Hunde bellen, Wanderer können mit dem Pudel nicht mehr direkt den See entlang­laufen. Beisst der Herden­schutz­hund, ist der Bauer schuld.

«Der Strukturwandel in der Land­wirtschaft ist fordernd, und nun kommt noch diese massive Mehr­belastung», sagt Boner. «Die Hirten müssen mehr können als kranke Schafe erkennen und behandeln, sie müssen Weide­grund beurteilen, Hunde und Herde führen, Schafe sattkriegen. Denn wenn der Hirt die Herde nicht in Zaum hält, bringt auch der Hund wenig.» Zudem störten sich viele Betriebe am Mehr­aufwand mit den Hunden.

Plötzlich war klar: Es braucht Hunde

Am 24. Juli postete jemand in die öffentliche Facebook-Gruppe «Surselva Wolf» mit fast 1500 Mitgliedern die Medien­mitteilung des Kantons: «Neues Wolfsrudel in der Surselva». Der Gruppe geht es vor allem darum, über den Wolf in der Surselva zu informieren.

Die Mitglieder bemühen sich um Sachlichkeit. Doch sie zeigen auch, was sie von den Wölfen in der Surselva halten. Jemand postet Herz-Emojis. «Sie vermehren sich wie Meer­schweinchen», schreibt jemand anderes.

Claudia Berther, als Profilbild das Porträt eines Schafs, kommentierte die Meldung zum neuen Rudel nicht. Sie fragte bloss: «Weiss jemand, ob es in der Schweiz Kangal-Züchter gibt? Oder hat jemand einen Tipp für gute Herdenschutzhunde?»

Wenig später schrieb sie: «Unser Hof befindet sich mitten im Dorf, deshalb haben wir die Entscheidung, Hunde zuzutun, immer hinausgezögert, da Konflikte und Beschwerden von Nachbarn sicher sind.» Aber der Druck der Wölfe werde immer schlimmer, jetzt müsse sie etwas unternehmen.

Claudia Berther möchte zuerst nicht reden. Es gebe andere, die das besser könnten. Dann erzählt sie trotzdem – in Baseldeutsch: Ihre Eltern stammen aus der Surselva, sie wuchs in Basel auf, zog mit 20 weg, machte die Bauern­schule, schwor sich, keinen Bauern zu heiraten, und heiratete dann doch einen. Seit 34 Jahren führt sie mit ihrem Mann Augustin einen Kleinbetrieb in Camischolas, gleich an der Kantons­strasse, die auf den Oberalppass führt.

Zuerst hielten sie Grossvieh, doch dann galt ihr Stall plötzlich als zu klein dafür und sie wechselten auf Schafe. Heute haben sie 100 Mutterschafe und jeweils über 80 Lämmer, die sie über die Bündner Vieh­vermittlung verkaufen. Im Winter verarbeitet Claudia Berther Wolle zu Kissen und Bettdecken. Sie liebe dieses Leben, sagt sie: weil sie mit ihrem Mann zusammen­arbeiten kann und weil sie die Tiere mag.

Im Sommer sind die Schafe mit anderen Schafen oben auf der Alp, mit einem Hirten und vier Herden­schutz­hunden. Dort hatten sie bisher Glück. Doch diesen Frühling, als die Schafe auf der Heimweide waren, Tag und Nacht eingezäunt, 350 Meter vom Haus entfernt, lag eines Morgens ein totes Schaf ausserhalb des Geheges. Dazu ein totes Lamm im Gehege, zwei verschwundene Lämmer und zwei noch lebende Lämmer mit Kehlbiss, die getötet werden mussten. Es war ein schrecklicher Anblick.

Der Wildhüter kam, nahm den Fall sachlich auf. Weinen musste Claudia Berther erst später, als ihr Mann mit den toten Tieren auf dem Laster an der Weide vorbeifuhr und die Schafe alle an den Zaun kamen und wie zum Abschied blökten. «Es macht mich noch heute traurig», sagt Claudia Berther mit zitternder Stimme.

Nun haben Claudia Berther und ihr Mann über einen Freund zwei Hunde bestellt, privat, weil es sonst länger dauern würde; es gibt gerade zu wenige Hunde der vom Bund anerkannten Rassen (aktuell Pyrénées und Maremmano-Abruzzese). Die Berthers bekommen nun Mischlings­welpen mit etwas Kangalblut.

An den Hunden und Zäunen vorbei

«Ich kann schon verstehen, dass man erst reagiert, wenn das Problem gross ist», sagt David Gerke von der Gruppe Wolf. Schliesslich sei es aufwendig, sich um den Herdenschutz zu kümmern. «Aber es ist auch klar, dass man dann nicht von heute auf morgen reagieren kann. Und dann sollte man nicht jammern, wenn man Probleme mit dem Wolf bekommt.»

Gerke argumentiert sachlich und gibt sich pragmatisch. Er kennt die Details, Zahlen und Studien aus dem In- und Ausland und zeigt überzeugend die vielen Schwächen und Wider­sprüche der Jagdgesetz­revision auf. Dass die Kantone über den Abschuss entscheiden können, ist womöglich nicht vereinbar mit der Verfassung. Und dazu, dass Wölfe gejagt werden könnten, bevor sie Schaden verursacht haben, sagt er: «Gerade weil Abwarten menschlich ist, bin ich kein Freund des Arguments, dass man mit vorsorglichen Eingriffen in die Wolfs­population Zeit gewinnt.»

Trotz Herdenschutz finden die Wölfe in der Surselva immer wieder einen Weg an den Hunden und Zäunen vorbei. Für die Schaf­bauern der Beweis dafür, dass es dringend wieder mehr Abschüsse braucht – auch präventive. In ihren Augen reicht der Herden­schutz nicht aus, um die neuen Wolfsrudel von ihren Schafen fernzuhalten.

Am Calanda, wo diese Aufnahmen gemacht wurden, entstand 2012 das erste Wolfsrudel in der Schweiz seit 150 Jahren. Amt für Jagd und Fischerei Graubünden und KORA

Daniel Mettler – braun gebrannt, schwarzes Haar, hellblaues Kurzarmhemd – pachtete als Philosophiestudent mit einem Freund während sieben Jahren im Pizolgebiet eine Alp mit 900 Schafen. Von 2004 bis 2014 war er für den Aufbau der nationalen Herdenschutz-Fachstelle zuständig. Und seit sechs Jahren leitet er bei der landwirtschaftlichen Beratungs­zentrale Agridea die Abteilung Ländliche Entwicklung mit den Fachbereichen Alpwirtschaft und Herden­schutz. Wenn in der Schweiz jemand untersucht hat, wie Landwirtschaft und Wolf zusammen­passen könnten, dann er.

Momentan erfüllten etwa 60 Prozent der Schafe in der Schweiz die Voraussetzungen, um mit Herdenschutz­hunden geschützt zu werden, sagt Mettler. Das heisst, sie sind im Sommer auf Umtriebs­weiden – also auf Weideflächen, die mit Zäunen in mehrere Koppeln unterteilt sind – oder von einem Hirten betreut. Davon würden etwa 25 Prozent tatsächlich mit Hunden geschützt. Allerdings sind schätzungsweise 25 Prozent der Schweizer Schafalpen nur mit unverhältnis­mässigem Aufwand zu schützen. Mettler vermutet, dass ein Teil davon aufgegeben, ein Teil mit anderem Vieh beweidet oder Alpen zusammen­gelegt werden.

Doch was ist, wenn die Schutz­massnahmen auch bei den anderen nicht greifen? Was, wenn es auch mit verhältnis­mässigem Aufwand keinen genügenden Schutz gibt?

«Der Herdenschutz braucht auch Abschüsse», sagt Mettler. «Das eine bedingt das andere. Ohne Herden­schutz gab es bisher keine Abschüsse. Und ohne Abschüsse wiederum wird der Herden­schutz überfordert.»

Mettler ist grundsätzlich zufrieden mit dem Umgang mit dem Wolf, gerade wenn er die Situation mit den umliegenden Ländern vergleicht. Er glaubt, dass gerade auch die gezielten Abschüsse von Tieren, die Schaden angerichtet haben, dazu beigetragen haben, dass sich das Gefühl der Ohnmacht weniger verbreitet hat als anderswo. Und dass auch deshalb weniger gewildert wird.

Die Revision des Jagdgesetzes sei nicht perfekt, findet Mettler, aber es sei nun höchste Zeit dafür. Schon fünf Jahre dauere der Prozess, und bei einem Nein gingen nochmals Jahre verloren. Jetzt brauche es dringend Handlungs­spielraum, sagt er, weil die Wolfs­population gerade rasant wachse.

Mettler glaubt nicht, dass sich im Fall einer Annahme der Vorlage einzelne Kantone radikalisieren und Wölfe ohne Begründung auf Vorrat abschiessen würden. Wie Gerke von der Gruppe Wolf kennt er die Widersprüche und Details der Gesetzes­revision. Wie Gerke kennt er auch die Studien aus dem In- und Ausland. Er weiss, dass sich ein Wolfsrudel in Italien unter ganz bestimmten Umständen auch auf Kühe spezialisiert hat. Er kennt auch die Studie aus Slowenien, die zeigte, dass sich die systematische Bejagung des Wolfs dort nicht unbedingt auf die Nutztierrisse auswirkte.

Aber: «Generell zu sagen, dass das Bejagen von Wölfen keinen Einfluss auf die Nutztier­risse hat, ist schlicht falsch. Deshalb ist eine differenzierte Antwort dringend nötig.»

Irgendwann ist in der Facebook-Gruppe «Surselva Wolf», eine Woche bevor es der Kanton auf seiner Website vermelden wird, zu lesen, dass auf der Alp Mer wieder Schafe gerissen wurden. Jakob Niedermann bestätigt das am Telefon und erzählt nüchtern, dass der Wolf nun auch schon am Nachmittag vorbei­gekommen sei, um sich die Hunde und die Schafe anzuschauen.

Wie Schafbäuerin Claudia Berther hat Niedermann in den Gesprächen das revidierte Jagdgesetz nur am Rande erwähnt. Die Details und die Wider­sprüche sind ihnen egal. Sie wollen einfach, dass jetzt jemand etwas tut.

Zum Autor

Pascal Sigg ist freier Journalist, er schreibt unter anderem für das Magazin «Forum» und die «Medienwoche».

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