Der Patriarch in dir

In linksliberalen Kreisen gehört es zum guten Ton, dass «Mann» sich Feminist nennt. Bloss: Jenseits der Rhetorik ändert sich häufig herzlich wenig.

Von Anja Nora Schulthess (Text) und Agnes Ricart (Illustration), 01.09.2020

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Meine männlichen Freunde, Arbeits­kollegen, Partner und Ex-Partner sind Feministen. Manche bezeichnen sich gar so. Ausnahmslos sind sie für Geschlechter­gerechtigkeit, für den Vaterschafts­urlaub, gleiche Löhne für Frauen. Sie setzen sich für mehr Frauen in Teams und auf Bühnen ein, zumindest dort, wo es aus ihrer Sicht Sinn ergibt. Manche nehmen an Debatten teil, posten und reposten Artikel zur geschlechter­gerechten Sprache, solidarisieren sich mit dem Frauen­streik und ernten Applaus.

Nur: Dort, wo keine Likes in Sicht sind, fallen mir manche von ihnen ins Wort – oder lassen mich gar nicht erst zu Wort kommen (ohne dass sie es auch nur zu merken scheinen). Manche trauen mir insgeheim weniger zu als meinen männlichen Kollegen. Andere halten meine Empörung über die Allgegenwart von retuschierten Brüsten und Frauen­hintern für eine Form von Überspanntheit. Die allermeisten von ihnen fühlen sich nicht angesprochen, wenn von Sexismus oder Patriarchat die Rede ist. Und deshalb besteht zwar kein Grund zum zynischen Pauschal­verdacht, aber auch nicht zum naiven Jubilieren, wenn ein Mann sich Feminist nennt.

Feminismus beziehungsweise das, was gemeinhin darunter verstanden wird, ist gegenwärtig Konsens. Selbst die «Weltwoche» titelt, freilich ohne Selbst­ironie: «Warum Feminismus gut für Männer ist». Der Frauen­streik 2019 war ein kleines, farbiges Medien­ereignis und Anlass für vielfältiges «Mansplaining». Spätestens seit der #MeToo-Debatte sind «Manterrupting» und «toxische Männlichkeit» als Begriffe und Hashtags in den sozialen Netzwerken und Feuilletons angekommen. Feminismus ist mitunter auch Lifestyle, lässt sich vermarkten, und wer scharf­züngig sein will, kann sagen: Eine feministisch gefärbte Attitüde, ein hübscher Vulva-Button gehört zum Chic der Fortschrittlichen: «It’s women’s day anyday now.» Mit abweichenden, kritischen Positionen manövriert man sich so ziel­bewusst und sicher ins Abseits wie ein Skinhead an einer Party des Schwarzen Blocks in einem besetzten Haus.

Das hat natürlich alles seine Richtigkeit. Nur: Gut gemeint bedeutet nicht immer gut.

Der Versuch, das Geschlecht zu denken, bringt die Vernunft zuverlässig in einen Widerstreit mit sich selbst, schrieb die Autorin Joan Copjec. Beginnt man einmal mit den Begriffen «Mann», «Frau», «Feminismus», findet man sich in einer Art Minen­feld wieder, die Begriffs- und Hetero­normativitäts­polizei lauert an jeder Ecke, und die Chance, mit den Worten zu scheitern und andere damit zu verärgern, ist enorm.

Meinen Komplizen, den ich während meiner Recherchen zu diesem Text ab und zu mit meinen Überlegungen behelligte, schien ich schon zu verärgern oder zumindest zu verunsichern, bevor ich einen einzigen Satz geschrieben hatte. Ich solle aufpassen mit allfälligen Ressentiments, nicht so streng und zynisch sein, zumindest etwas wohl­wollender gegenüber den Männern, es sei doch gut und wichtig, wenn Männer sich für den Feminismus einsetzten und so weiter. Ich gab genervt zurück, er kritisiere mich schon, bevor er überhaupt wisse, was ich schreibe. Und als er wieder anhob mit seinen Ausführungen, hielt ich abwehrend die Arme über Kreuz vor den Kopf und rief: «Mansplaining!» (ein Witz). Mein Komplize lachte, zeigte mir den Mittel­finger; ich revanchierte mich mit beidem.

Für einen Augen­blick und aus reinem Trotz spielte ich kurz mit dem Gedanken, eine undifferenzierte Polemik mit dem Titel «Berlusconi war Feminist» zu schreiben, verwarf die Idee jedoch schneller wieder, als ich «Sexist» sagen konnte.

Die Besserwisser

Was motiviert Männer, sich selbst öffentlich als Feministen zu bezeichnen? Anlass zu dieser Frage boten mir Männer, die sich vermehrt als Geschlechter­gerechtigkeits­polizisten aufspielen und sich, selbst­redend vor Publikum, in Solidaritäts­bekundungen mit Feministinnen gegenseitig überbieten.

Die Autorin Margarete Stokowski stellte etwa in ihrem Text «Verdächtig viele Helden» fest, dass sich in der Öffentlichkeit stehende Männer zunehmend dann zu Feministen berufen fühlen, wenn sie Väter von Töchtern werden. Zu Recht bemerkt Stokowski: «Es ist beachtlich, wenn Männer für den Erleuchtungs­schritt, dass gerechtigkeits­mässig noch nicht alles in Ordnung ist, erst Töchter bekommen müssen. Wie haben sie diese Kinder bekommen, per Lieferung unter den Stein, unter dem sie vorher ein paar Jahrzehnte gelebt haben? Oder mit einer Partnerin? Haben diese Männer vorher nie mit einer Frau geredet? Oder […] einer Frau mal zugehört?»

Ein unfreiwillig komisches Beispiel gab auch der kanadische Premier Justin Trudeau, der sich selbst als Feminist bezeichnet: Bei einem Gespräch des Premiers mit Studierenden an der Universität in Edmonton korrigierte Trudeau eine junge Frau, die das Wort «mankind» (Menschheit) benutzte: «Wir sagen lieber peoplekind, nicht mankind, das ist integrativer.» Gegen Trudeau, der vor fünf Jahren noch als progressivster und charmantester Politiker und Feminist galt, wurden inzwischen zahlreiche Vorwürfe laut: Korruption, Mobbing von Frauen und ein sexueller Übergriff gegen eine Reporterin. Die Fallhöhe für einen selbst ernannten Feministen in einer solchen Position ist relativ hoch.

Die Vermutung, dass man es bei Männern, die sich mit feministischem Vokabular hervortun, mit einer unschönen Mischung aus eitler Selbst­darstellung und einer Abwehr unbewusster chauvinistischer Züge zu tun hat, fällt zugegebener­massen in den Bereich der Spekulation. Die These lässt sich schwer überprüfen. Den Verdacht, dass überholte Frauen­bilder auch bei sich als feministisch verstehenden Männern nach wie vor allgegenwärtig sind, kann ich jedoch mit gutem Gewissen bestätigen.

Unter linken Alltagschauvinisten

Jede meiner Kolleginnen erfährt sexistische Bemerkungen, dumme Anmachen oder wird mit dem Hinweis konfrontiert, sie sei als Musikerin oder Autorin im Vorteil, weil der Veranstalter eine bestimmte Frauen­quote erfüllen müsse. Jede meiner Freundinnen kennt die Situation, dass sie durch ihre männlichen Freunde und Partner in einer heiteren Runde, in der mehrere Männer zugegen sind, zugetextet und überfahren wird oder sich reisserische, anzügliche und sexistische Witze anhören muss.

Jede meiner Freundinnen, die Mutter ist, kennt auch die Erfahrung, das Back-up ihres Partners selbst­verständlich zu übernehmen und bei der Kinder­betreuung immer und jederzeit einzuspringen, wenn es dem Vater gerade zu viel wird oder er ganz dringend seinen eigenen Bedürfnissen nachgehen muss.

Jede soziale Situation, so schreibt Siri Hustvedt in «Being a Man», ist aufgeladen mit Ungesagtem und Ungesehenem. Und eben dies mache es so schwer, den Moment zu erkennen, in dem tatsächlich das Geschlecht der Frau den herab­lassenden Ton in der Stimme eines Mannes veranlasst hat und nicht der Inhalt ihres Gesagten.

Sexuelle Voreingenommenheit existiert, bei Frauen und Männern gleicher­massen, ebenso wie Vorurteile bezüglich sexueller Orientierung, Herkunft, Bildung und so weiter. Nils Pickert, übrigens der Lieblings­feminist der deutsch­sprachigen Feuilletons schlechthin, hat dies in seinem Buch «Prinzessinnen-Jungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechter­falle befreien» sehr anschaulich aufgezeigt. Wissen allein macht lange eingeprägte Vorurteile und Vorstellungen nicht einfach zunichte. Stereotype seien eben keine Scheu­klappen, die man einfach abnehmen könne. Stattdessen müssten sie in einem sehr mühe­vollen Prozess abgeschliffen werden, schreibt Pickert. Bewusste politische und moralische Überzeugungen kollidieren zuverlässig mit unbewussten Mustern und Strukturen. Und Strukturen gehen bekanntlich nicht auf die Strasse.

Das an sich ist kein Problem. Zum Problem wird es dort, wo diese unbewussten Muster und Klischees geleugnet und überspielt werden. Männer, die sich das Verinnerlichte mit einem Feminismus­label vom Leibe halten, sind ebenso absurd wie Weisse Europäerinnen, die sich eifrig schwarze T-Shirts über den Kopf ziehen, sich mit dem Hashtag «Black Lives Matter» von Rassisten distanzieren und glauben, damit allein wäre es getan. Als könnten ein schwarzes T-Shirt und ein Hashtag die eigene Geschichte und Prägung für immer im Keim ersticken.

Nach all den schlechten Beispielen bedarf es der Differenzierung.

Wie hast du’s mit dem Feminismus, Mann?

Ich startete eine kleine, nicht repräsentative Umfrage in meinem Freundes- und Bekannten­kreis. Ich fragte Männer zwischen Mitte zwanzig und Mitte sechzig, ob sie sich selbst als Feministen bezeichnen würden, und bat um eine Begründung ihrer Antwort. Um es gleich vorweg­zunehmen: Die Antworten fielen reflektiert und durchaus selbst­kritisch aus. Zwei Drittel der befragten Männer würden sich als Feministen bezeichnen. Ein Sechstel antwortete mit «Jein» und ein weiterer Sechstel mit «Nein», wobei das Nein vor allem einem generellen Unbehagen gegenüber Schub­laden, Labels und Ismen geschuldet war oder der Meinung, sie seien zu wenig aktiv, um sich selbst als Feministen zu bezeichnen.

Praktisch alle Befragten sprachen sich für Gleich­berechtigung aus, gaben an, sich mit den Anliegen des Feminismus zu identifizieren, und versuchten gleich näher zu bestimmen, was sie unter Feminismus verstehen. Interessant ist, dass die Mehrheit der befragten Männer Feminismus auf der praktisch-politischen Ebene situiert: geschlechter­gerechte Sprache, Frauen­quoten, gleiche Löhne für beide Geschlechter, Vaterschafts­urlaub, Ausgeglichenheit in der Arbeits­welt und bei der Kinder­betreuung. Nur wenige sprachen Sexismus, sexualisierte Gewalt und überholte Frauenbilder an.

Wie und wo sich diese Männer überall für mehr Repräsentanz von Frauen und mehr Gerechtigkeit einsetzen, kommt in den Antworten etwa gleich oft zur Sprache wie die Bedenken, die Männer äussern: «Ich weiss nicht, ob ich es mir anmassen kann, mich als ‹Feminist› zu bezeichnen»; «Es obliegt den Frauen, dies zu entscheiden»; «Diese Frage bringt mich kurz zum Zaudern»; «Ich müsste mich wohl mehr um Geschlechter­gerechtigkeit bemühen». Auffällig sind der oft entschuldigende Ton («Falls ich das als Mann überhaupt sagen kann»), das Relativieren («Das ist Definitions­sache») und Unsicherheit («War das soeben eine Antwort, die man beifall­erheischend bezeichnen könnte?»). Gibt es hier eine Art Kollektiv­scham?

Es geht nun mal nicht ohne Reflexion

Die Frage, ob ein Mann sich Feminist nennen darf/soll, trifft im Kern jene immer wieder­kehrende Frage, ob jemand, der keine Diskriminierung hinsichtlich der eigenen Geschlechts­identität erfahren hat, sich dazu äussern darf. Es gibt in feministischen Kreisen den berühmten Satz «No uterus, no opinion». Ich bin der Meinung, dass man sich auch dann zu einem Thema positionieren kann, wenn einem die Erfahrung fehlt – jedoch mit Zurück­haltung.

Interessanter scheint mir die Frage, warum Männer sich vermehrt eines feministischen Vokabulars bedienen, statt bei der eigenen Erfahrung und den eigenen blinden Flecken anzusetzen. Diese Arbeit aber können den Männern weder der Feminismus noch die Frauen abnehmen. Es spricht für sich, dass kein begriffliches Pendant zu «Feminismus» existiert – ein Wort für eine politische Haltung und einen Diskurs, der sich kritisch mit Männlichkeits­stereotypen auseinandersetzt. Feministinnen haben – nicht ganz freiwillig – über Geschlechter­fragen bisher schlicht mehr nachgedacht als Männer.

Männer sollen sich – ohne Entschuldigung – Feministen nennen dürfen, wenn das nicht bedeutet, den eigenen Chauvinismus und die eigenen Vorurteile zu überspielen; oder der Auseinander­setzung mit einem gewissen (problematischen) Mannsein dadurch aus dem Weg zu gehen, dass man für ein bestimmtes Frausein einsteht. Wichtig wäre ja gerade, dass Männer sich nicht die Reflexionen der Frauen «überziehen», sondern etwas Ähnliches für ihr Geschlecht leisten.

Laut anzuklagen und sich sichtbar auf der «richtigen» Seite zu positionieren, ist einfach. Aber Sexisten werden, ebenso wie Rassisten, nicht weniger, nur weil sie sich nicht mehr öffentlich so aufführen. Die eigenen Vorurteile zu erkennen, sich unbewusst wirkenden Über­bleibseln verquerer Männlichkeits- und Weiblichkeits­vorstellungen zu stellen, Wider­sprüche auszuhalten, den konstruktiven Streit (zwischen den Geschlechtern) nicht zu scheuen – all das ist schwieriger, aber notwendig. Ob man sich dabei Feminist oder Feministin nennen will, ist sekundär.

Im Falle des Vorzeige-Feministen Nils Pickert bin ich übrigens über meine eigenen Vorurteile gestolpert. Einer, der sich in seiner eigenen Autoren­zeile Feminist nennt und sich mit seinem Sohn in einem Rock ablichten lässt – ein Bild, das via Instagram viral ging –, schien mir verdächtig. Seine differenzierten und aufrichtigen Texte belehrten mich eines Besseren.

«Would you consider yourself a feminist?» erscheint übrigens auch in einem Fragen­katalog einer neuen Dating-App, wie mir ein Freund kürzlich berichtete. Da die allermeisten Männer auf Frauen­suche selbst­redend mit «yes» antworten würden, erlaubte er sich den Scherz, als Antwort «Maskulinist» anzugeben. Daraufhin habe er relativ viele Anfragen von Frauen erhalten, die ihn für Sexspiele (mit ihm in der Rolle des dominanten Maskulinisten) gewinnen wollten. Dieser Freund hat die Dating-App gelöscht, da sich dort, wie er selbst sagte, zu viele ironie­freie Frauen tummeln würden, bei denen «Fifty Shades of Grey» und «365 dni» wohl ein paar irreparable Schäden hinterlassen hätten. Er hat sich nun einem feministischen Lese­kreis angeschlossen.

Zur Autorin

Anja Nora Schulthess, 1988 geboren, studierte Philosophie, Kultur­analyse und Literatur­wissenschaft in Zürich. Sie schreibt kultur­wissenschaftliche Texte, Essays, Lyrik und Prosa. 2017 erschien ihr Lyrik­debüt «worthülsen luftlettern dreck». Ihr Sachbuch «Müllern, Spotten, Brechen!» zu den Untergrund­zeitungen der Zürcher Jugend­bewegung erscheint im Herbst 2020 im Limmat-Verlag. Sie lebt mit ihrer Tochter in Luzern.

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