La Belote oder Jass: Das hängt auch davon ab, in welchem Land der Tisch im «Arbézie Franco-Suisse» steht, an dem gespielt wird.

Ein Bett in zwei Ländern

Schleuse für Schmuggler und Flüchtlinge, ein Ort für Geheimverhandlungen und nun auch Liebesnest in Corona-Zeiten. In La Cure im Jura steht ein Hotel an einer weltweit einzigartigen Lage. Serie «Grenzerfahrungen», Folge 1.

Von Michael Rüegg (Text) und Niels Ackermann (Bilder), 25.08.2020

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Die Fahrt den Waadt­länder Jura hinauf mit der kleinen roten Bahn ist kurvenreich, die Aussicht auf den Genfersee und die französischen Alpen prächtig. Die Eisenbahn­gesellschaft trägt den unaussprechlichen Namen NStCM. Das N steht für Nyon, den Ausgangs­punkt. Von dort gehts eine Dreiviertel­stunde den Hang hoch, vorbei an Villen, einer Klinik, Dörfern und winzigen Weilern mit bloss zwei, drei Chalets.

Zum col, der Krete, hin verändert sich die Landschaft. Ausgedehnte Misch- und Nadel­wälder, Wiesen, übersät mit Gesteins­brocken und Wild­blumen, dazwischen meterhohe Stauden Gelben Enzians, so weit das Auge reicht. So hoch wie die Enziane im Sommer wachsen, so viel Schnee wird im Winter liegen, sagen die Leute hier im Vallée des Rousses.

In La Cure endet die Fahrt. Enden die Geleise. Ist die Schweiz fertig.

Aus dem Mobiltelefon eines Fahr­gastes pfeift die Todes­melodie aus «Kill Bill». Das passt zu diesem Ort, dem Wilden Westen der Schweiz.

Gleich neben der Bahnstation liegt das Schweizer Zoll­gebäude, schräg vis-à-vis dasjenige Frankreichs. Unlängst standen an dieser Stelle Grenz­wächter beider Länder und schickten alle nach Hause, die ohne guten Grund hinüber­wollten. Auf französischer Seite bildeten sich im März zu Beginn der Corona-Krise kilometer­lange Staus: Gesundheits­personal, das auf Schweizer Seite dringend erwartet wurde, aber in Frankreich stecken blieb.

Geschlossene Grenzen – etwas Derartiges hat man hier seit dem Ende des Zweiten Welt­krieges nicht gesehen.

Damals, vor acht Jahrzehnten, war hier Stachel­draht entlang der Grenze. Diesseits lag die Schweizer Armee, drüben die Wehrmacht. Und dazwischen Max Arbez und seine Frau, mit ihrem Hotel L’Arbézie Franco-Suisse, durch das noch heute die Grenze beider Länder führt. Mitten durchs Gebäude.

Durch einen Speise­saal, Treppen, gar Hotel­betten. In der Brasserie steht die Kaffee­maschine auf Schweizer Seite, das Besteck liegt in Frankreich, der Zapf­hahn fürs Bier befindet sich genau auf der Grenze. Es gibt keinen Hinter­ausgang, nur zwei Vorder­eingänge, je einer pro Land.

Zur Serie «Grenzerfahrungen»

Was bedeuten Grenzen für uns? Wie sind sie entstanden? Geben Grenzen Sicherheit oder engen sie ein? Wie beeinflussen sie unser Leben? Hier finden Sie den Auftakt zur Serie.

In der Brasserie sassen einst deutsche Soldaten an den Tischen und tranken Bier, während der Wirt Max Arbez mit ihnen – seinen Gästen, Schrägstrich, Besatzern – schäkerte. Und wenn sie nicht da waren und keiner hinschaute, schmuggelte er französische Résistance-Mitglieder, Angehörige der britischen Royal Air Force und jüdische Flüchtlinge über «seine» Grenze in die Schweiz. 2012 verlieh die israelische Holocaust-Gedenk­stätte Yad Vashem Hotelier Arbez postum den Ehren­titel «Gerechter unter den Völkern».

Einzigartig auf der Welt

Der heutige patron, Alexandre Peyron, wässert gerade die Pflanzen­tröge entlang der Strasse auf der Schweizer Seite. Peyron, grau meliertes Haar, Ross­schwanz, joviale Erscheinung, zeigt mit dem Finger zum Gebäude: «Hier, hat mein Grossvater erzählt, ist Jean-Marie Bressand durch den Zaun geschlüpft.» Bressand gilt als Held der Résistance, ihm gelang es, den Alliierten wichtige Informationen über deutsche Stellungen zu über­geben. Seine Flucht aus dem besetzten Frankreich führte ihn durch Arbez’ Hotel.

Nirgendwo sonst auf der Welt gebe es heute ein Gast­haus, das in zwei Nationen gleichzeitig steht, sagt Peyron: «Eine Bar zwischen Slowenien und Kroatien sowie eine zwischen Frankreich und Belgien sind beide mittlerweile geschlossen.» Das Kuriosum «Franco-Suisse» verdankt seine Existenz Napoleon III. und dem Konflikt um das Dappen­tal oder Vallée des Dappes.

1862 lösten die Eidgenossenschaft und das kaiserliche Frankreich einen mehrere Jahre schwelenden Territorial­konflikt mittels Staats­vertrag. Am 8. Dezember unterzeichneten beide Nationen den Kompromiss, der eine neue Grenze durchs Tal zog. Doch erst Ende Januar 1863 ratifizierte die Bundes­versammlung das Abkommen, die französische Seite gar einen Monat später.

Damals lebte in dem Gebiet ein 25-jähriger Franzose mit Namen Ponthus. Ponthus verdiente seinen Lebens­unterhalt mit Schmuggel und sah nun ein einmaliges fenêtre d’opportunités. Würde er vor der Ratifikation des Vertrags ein Haus auf der Grenze bauen, dürfte es stehen bleiben. Also erstellte er mitten im Winter, so gut es ging, die Aussen­mauern und setzte ein Dach drauf.

Als die Grenze galt, stand dort bereits eine Hütte, durch die der passeur Ponthus später bequem seine marchandises de contrebande, die Schmuggel­ware, von der einen auf die andere Seite verfrachten konnte. Er hatte wohl nicht geahnt, dass sein Enkel hier später zum Helden avancieren würde. Oder dessen Enkel sich gegen eine doppelte Bürokratie behaupten muss.

Wie lässt sich erkennen, ob ein Rind aus Frankreich oder der Schweiz stammt?
Der Name als Programm: Mehr doppelte Staatsbürgerschaft geht nicht. Und der Zoll hat alles im Blick.

«Das ist nicht eine Grenze. Das sind drei», doziert Peyron am Grenzstein neben dem Gasthaus. Er meint diejenige zwischen zwei Gemeinden einer Ortschaft, zwischen dem Staat Frankreich und der Republik Waadt – respektive Frankreich und der Schweiz (es ist kompliziert) – und zwischen der EU und der Nicht-EU. Streng genommen sind es sogar vier Grenzen: Denn die Linie trennt zudem protestantisches und katholisches Gebiet, weshalb das Bildnis der Mutter­gottes an einer Wand auf französischem Boden hängt.

Und wessen Gesetz gilt?

«Hier», Alexandre Peyron zeigt auf eine etwas hervor­stehende Mauer am Neben­gebäude, wo einige Hotel­zimmer untergebracht sind. «Diese Mauer liegt in Frankreich, die daneben in der Schweiz.» Am Vorsprung ist ein Strom­verteiler­kasten angebracht, der in Frankreich angeschraubt ist. Die Elektrizität fürs Haus in der Schweiz kommt also aus Frankreich, obwohl der Kasten selber eigentlich über Schweizer Boden hängt.

Wir denken an die Geometrie­stunde in der Schule und erinnern uns verschwommen: Eine Linie ist eine Aneinander­reihung von Punkten. Ein eindimensionales Gebilde ohne Quer­ausdehnung. Das macht die Sache schwierig. Es gibt hier keinen Bereich zwischen der Schweiz und Frankreich. Es gibt nur ein Entweder-oder. Theoretisch. Praktisch steht das Hotel auf beiden Seiten. Und das stellt die Besitzer­familie vor gewisse Herausforderungen.

Etwa bei der Frage, wessen Gesetz hier gilt.

Im Innern der Dépendance, in einem Familien­zimmer im Erd­geschoss, zeigt Peyron auf die Wand über dem Wasch­becken: «Das hier ist eigentlich ein Fenster. Der Vorbesitzer hat es hier in die Mauer gehauen. Von den Schweizer Behörden hatte er die Bewilligung dafür an der Innen­mauer, von den französischen jedoch nicht für die Aussenmauer.» Heisst: Man hätte von der Schweiz nach Frankreich schauen dürfen, aber von Frankreich nicht ins Haus, also in die Schweiz hinein. Nun hängt hier ein Spiegel: «Ein Fenster zu sich selbst», erklärt Peyron.

«Das ist nicht alles», fährt der patron fort. Seine Versicherung hatte Mühe mit der Vorstellung, dass die Schweizer Aussen­mauer des Gebäudes an eine ausländische anliegt – der in Frankreich vorgeschriebene Dämmungstyp hinter der Einfassung ist in der Schweiz verboten. Das Kunstwerk über dem Bett ist wiederum in einem weiteren Fenster angebracht, das kein Fenster sein darf, und hängt daher technisch gesehen wie der Spiegel im Bad an einer französischen Wand – weshalb es in der Schweiz auch nicht verzollt werden musste. (Wie das wohl in den Ohren von Dolder-Besitzer und Kunst­sammler Urs Schwarzenbach klingen muss?)

Verzollen tut Peyron eh nichts. Den französischen Wein, den er ausschenkt, kauft er in Frankreich, die Schweizer Tropfen auf der anderen Seite. Das Personal ist nach französischem Arbeits­recht angestellt, die Mehrwert- und die Unternehmens­steuer teilen sich die Länder im Verhältnis 70 (F) zu 30 (CH). Auch das war ein Kampf.

Das Coronavirus hat die Situation nicht gerade unkomplizierter gemacht. «Heute Morgen war ein Waadt­länder Gendarm da, der überprüfen wollte, ob wir gesetzes­konform die Kontakt­daten unserer Gäste in der Brasserie aufnehmen.» Das tut das Gast­haus allerdings nicht, weil in französischen Restaurants keine Daten aufgenommen werden, sondern allgemeine Masken­pflicht gilt. Das Problem wurde so gelöst wie meistens im Hotel Franco-Suisse: Im Zweifelsfall gilt die strengere beider Regeln; im vorliegenden Fall die Maskenpflicht.

Der patron selber wohnt mit seiner Familie übrigens schon lange gegenüber der Strasse in einem Haus gleich neben der Schweizer Bahn­station. Daher konnte er sich einbürgern lassen und besitzt nun, passend zum Hotel, beide Nationalitäten. Seine Kinder hingegen, die Schweizer Schulen besuchen, haben bislang ausschliesslich die französische Staatsbürgerschaft.

Gut bewacht können die Gäste …
… im Hotelbett auf der Schweizer oder der französischen Seite liegen …
… und auch die Wappen in der Gaststube sind schwesterlich geteilt.

Die Autos, die auf beiden Seiten des Gebäudes entlang­fahren, auf der französischen und auf der Schweizer Seite, tragen Nummern­schilder beider Länder. Die Grenze ist da, doch die Bevölkerung bewegt sich dessen ungeachtet. Schliesslich ist das Tal ein Tal, der Jura ein Gebirge und die Linie völlig willkürlich. Für die Nyonnais vom See unten ist das hier ihr Hausberg, genauso wie für die Französinnen auf deren Seite des Tals. Hier auf 1200 Meter über Meer aufwärts stellen sie sich im Winter auf die Ski – auf ein gemeinsames Ski­gebiet konnte man sich allerdings erst kürzlich – und nach Jahr­zehnten – einigen.

Geheimverhandlungen über die Zukunft Algeriens

Im Herzen Europas liegt mit dem Jura eine etwas gott­vergessene Gegend, in der die Bienen noch genügend Blüten finden. Es ist wohl auch der Grenze zu verdanken, dass die ausgedehnten Wälder belassen wurden und sich hüben und drüben nicht alles stärker entwickelt hat.

In Frankreich kennt man sehr wohl das Zentral­massiv, die Pyrenäen, die Ardennen, sogar die Vogesen sind ein Begriff. Aber dass von Paris aus südöstlich gesehen noch ein anderes Gebirge als die Alpen liegt, ist kaum bekannt. «Im Jura», sagt Alexandre Peyron, «ist alles etwas versteckt und anders.» Das sei schon zur Römer­zeit so gewesen. Und dann erzählt er von den Kelten und ihren Druiden, die hier lebten, von Wasser­fällen und Höhlen dahinter. Und von J. R. R. Tolkiens «Herr der Ringe»-Saga, und man ist sich einig: Doch, die würde gut hierhin passen.

Nur einmal wurde Paris gewahr, dass es da in der hintersten Ecke zwischen den dunklen Wäldern ein Stück Frankreich gibt, das nicht nur Frankreich ist. 1961 trafen sich im Hotel Vertreter der République mit der algerischen Befreiungs­front für die Vorverhandlungen über die Verträge von Evian, die den Krieg beendeten und dem nord­afrikanischen Land die Unabhängigkeit brachten. Die algerischen Delegierten betraten das Haus von der Schweiz aus, die Franzosen von der anderen Seite.

Daheim auf dem historischen Grenzstein: Alexandre Peyron, Patron und Inhaber zweier Pässe.

«Darüber sprach mein Grossvater mit niemandem ausserhalb der Familie», sagt Alexandre Peyron. «Genauso wenig wie über die Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg und seine Zusammen­arbeit mit dem britischen Geheim­dienst.» Max Arbez wusste, was Diskretion bedeutete. Und er ahnte die Risiken, die eingeht, wer zu viel plaudert. Sei dies während des Krieges oder später in der Algerien­frage: Einige Monate bevor sich beide Länder in Arbez’ Wirts­stube trafen, hatte eine rechts­gerichtete französische Untergrund­bewegung den damaligen Bürger­meister von Evian ermordet – weil dieser sich für den Frieden in Algerien eingesetzt hatte.

Es ist ein eigenes Völkchen, das hier beidseits der Grenze die Landschaft bewohnt. Und das Hotel Franco-Suisse ist längst eine Institution, ja gar 1958 als eigenes Fürstentum proklamiert worden – wenn auch abgesehen von einer selbst gemachten Urkunde an der Wand in der Brasserie nicht viel davon zeugt. Gewisse Freiheiten nimmt man sich in der «Arbézie» dennoch: Als Peyrons Onkel trotz Lockdown seine Verwandten in der Schweiz besuchen wollte, überquerte er die Grenze auf einer Wiese. Einer der Grenz­wächter empfahl ihm daraufhin: «Nimm doch besser den Weg durchs Hotel wie sonst auch.»

Im Weiler erzählte man sich diesen Frühling ausserdem die Geschichte eines Schweizers aus dem Vallée de Joux, nordöstlich von La Cure. Er wollte während des confinement, des Lockdown, die Grenze nach Frankreich passieren, um via französisches Gebiet zu seinem Schweizer Ziel zu fahren. Die Strecke ist kürzer als jene über Schweizer Strassen. «Geht nicht», sagte der Grenz­beamte, und orderte die Umkehr. «Geht doch», korrigierte ihn der Auto­fahrer und bezog sich auf Artikel 5 des Vertrags betreffend das Dappental von 1862. Er garantiert freien Durchgang zwischen den beiden Schweizer Gebieten, über französisches Gebiet. Der Zöllner gab angesichts des korrekt zitierten gültigen völker­rechtlichen Abkommens nach und liess den Mann passieren – solange er auf französischer Seite nicht anhalte!

Patron Alexandre Peyron selber fand im Corona-Jahr übrigens zu den Gewohnheiten seines Grossvaters zurück. Als dem Kranken­haus in der Nähe die Masken auszugehen drohten, sorgte er von Schweizer Seite unter Umgehung des Export­verbots für Nachschub. Und als eines Tages eine Frau aus Nancy vor der Tür stand und darum bat, ihren Freund aus Nyon im Hotel treffen zu dürfen, brachte er es nicht übers Herz, sie wegzuweisen. Allerdings verband er den Aufenthalt der beiden mit Auflagen: «Madame, ich habe ein Zimmer, in dem die Grenze durchs Doppelbett verläuft. Sie dürfen auf der französischen Seite liegen, Ihr Partner auf der Schweizer. Was Sie dort machen, geht mich nichts an.»

Ein langer Eintrag im Gästebuch geht zwar nicht ins Detail über die Frage, was die beiden genau in ihrem Zimmer getan haben. Aber die Dank­barkeit, die aus den Worten spricht, lässt erahnen, dass sie ihr Wochen­ende im «Arbézie» genossen haben. Sie kämen wieder, steht da geschrieben, auch ohne confinement.

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