Auf lange Sicht

Warum Grossmamis und Kinder Emma heissen, aber nur Grossmamis Erika

Wie wir heissen, ergibt sich aus den Vorlieben unserer Eltern. Diese sind aber bei der Namens­findung weniger unabhängig, als man denkt.

Von Marie-José Kolly, 24.08.2020

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Gab es in Ihrer Schulklasse drei Emmas? Zwei Marias? Oder mehrere Lucas?

Letzteres war in der ehemaligen Klasse von einer der jüngsten Republik-Journalistinnen der Fall. Wenn einer der vielen Lucas die Schule verliess, erzählt sie, rückte irgendwie immer wieder ein weiterer Luca nach. Denn Luca war um die Jahrtausendwende der Schweizer Trendname.

Dafür gibt es auf der Republik-Redaktion kaum jemanden, der mit mehr als einer Maria in die Schule ging, obwohl Maria in der Schweizer Bevölkerung mit weitem Abstand der häufigste weibliche Vorname ist. Die meisten von uns sind für solche ehemaligen Schul­gspänli schlicht zu jung: Die letzte Maria-Trend­welle begann in den 1950er-Jahren. Viele der Frauen, die damals diesen Namen bekamen, haben heute schon das Renten­alter erreicht.

Babyboomerinnen heissen Maria, junge Männer Luca

Anteil an der Bevölkerung in jedem Jahrgang

Maria
Luca
1925195019752000201902040 Promille

Quelle: Bundesamt für Statistik, Vornamen in der Schweizer Bevölkerung und ständige Wohnbevölkerung nach Alter und Geschlecht. Die Daten zur Bevölkerung nach Alter und Geschlecht für das Jahr 2019 sind noch provisorisch.

Da wir die Entwicklung von Vorlieben betrachten wollen, zeigen die Grafiken in diesem Artikel Vornamen­daten als Anteile an der Bevölkerung in den jeweiligen Alters­gruppen – und nicht, wie andernorts, als absolute Zahlen pro Jahrgang. Damit hebeln wir Unter­schiede zwischen geburten­starken und -schwachen Jahr­gängen aus. Sonst fielen etwa Vornamen der Baby­boomer-Generation zu stark ins Gewicht.

Damit fällt aber in den niedrigeren Jahr­gängen die Variation von Jahr zu Jahr höher aus, wenn man prominente Namen wie Maria betrachtet: Der Anfang der Kurve schwingt also stärker auf und ab. Denn die Gesamt­zahl der Personen mit Jahrgang 1920 ist um ein Vielfaches niedriger als die mit Jahrgang 2019. Eine Maria mehr oder weniger fällt bei diesen Alters­gruppen stärker ins Gewicht.

Das Comeback von Emma und Louis

Wie man heisst, hat also oft damit zu tun, wie alt man ist. Unter den aktuell beliebtesten Vornamen befinden sich manche, die erst in den vergangenen Jahren richtig beliebt wurden – Mila, Liam –, ein paar grosse Trends, die schon wieder abklingen – Lara, Luca –, und Klassiker wie David und Samuel.

Es finden sich aber unter den zehn häufigsten Frauen­namen nur wenige, die schon vor längerer Zeit einmal sehr beliebt waren:

Emma und Lina sind zurück …

Anteil an der Bevölkerung in jedem Jahrgang

Emma
Lina
Mia, Sofia, Emilia, Lara, Mila, Lia, Lena, Lea
19251950197520002019015 Promille

Quelle: Bundesamt für Statistik, die zehn häufigsten Frauen­namen im Jahrgang 2019.

Und unter den zehn beliebtesten Männer­namen gibt es nur einen, der auch vor den 1950er-Jahren schon einmal sehr oft vergeben wurde.

… und auch Louis ist aufs Neue beliebt

Anteil an der Bevölkerung in jedem Jahrgang

Louis
Noah, Liam, Matteo, Luca, Gabriel, Leon, Elias, David, Samuel
19251950197520002019015 Promille

Quelle: Bundesamt für Statistik, die zehn häufigsten Männer­namen im Jahrgang 2019.

Warum feiern gerade Emma, Lina und Louis ein Comeback? Und nicht Erika und Margrit, Peter und Kurt? Sie gehörten um 1940 zu den zehn beliebtesten Frauen- und Männernamen.

Um das zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf die zehn Frauen­namen, die bei Klein­kindern mit Jahrgang 2019 am häufigsten vertreten sind. Auffallend ist: An keiner einzigen Stelle folgt auf einen Konsonanten ein weiterer Konsonant (wie etwa bei rgr in Margrit oder rt in Kurt). Auf Konsonant folgt immer ein Vokal. Und mit Ausnahme von f in Sofia kommen keine sogenannt stimmlosen Konsonanten vor, also Laute, bei deren Aussprache die Stimme nicht schwingt:

  1. Mia

  2. Emma

  3. Sofia

  4. Emilia

  5. Lara

  6. Mila

  7. Lina

  8. Lia

  9. Lena

  10. Lea

Konsonanten wie l, m, n dagegen gibt es in diesen Namen zuhauf. Sie klingen für das menschliche Ohr, ähnlich wie Vokale, besonders harmonisch: Ein Experiment aus der Psychologie zeigt etwa, dass Menschen mit dem Laut l zarte, weiche Emotionen verbinden. (Nur selten kommt dagegen r vor, ein Laut, der meist ebenfalls mit Stimme artikuliert wird. Er kann je nach Aussprache verschiedene Assoziationen hervorrufen, auch weil er von Sprache zu Sprache und von Dialekt zu Dialekt, teilweise sogar von Sprecherin zu Sprecherin unter­schiedlich gesprochen wird.)

Emma, Lina und Louis passen perfekt in das harmonische Klang­muster, zumal das s in Louis in der Regel stumm bleibt. Erika, Margrit, Peter und Kurt dagegen, die vor 80 Jahren beliebt waren, enthalten Verschluss­laute wie p, t und k, die besonders hart klingen.

Die Germanistin Simone Berchtold Schiestl untersucht am Deutschen Seminar der Universität Zürich Vor- und Nachnamen. «Plötzlich taucht ein Vorname in der Hitparade auf», sagt sie, «und das hat teilweise mit Zufällen zu tun. Aber rückblickend versteht man häufig, wie der Aufstieg zustande kam.»

Meist müssten mehrere Mechanismen zusammen­kommen, um einen Namen in die hohen Ränge der Hitparade zu hieven. Im Moment gelingt dies bei:

  • Vornamen, welche die aktuell beliebten weichen Klang­muster befolgen, also Kombinationen zwischen l, m, n und Vokalen.

  • Vornamen, die aus zwei Silben bestehen. Dreisilbige Namen wie Ursula oder Erika sind weniger beliebt.

  • Vornamen, die als Kurzform eines längeren Vornamens daher­kommen, etwa Mia (von Maria), Lena (von Magdalena) und Ben (von Benjamin oder Benedikt).

  • Vornamen, die aus dem Französischen oder Räto­romanischen stammen – Louis, Gian – und deshalb als besonders schick oder hübsch gelten.

  • Zusätzlich hilft ein prominentes Vorbild: Bei Emma etwa die Schau­spielerin Emma Watson, die in den «Harry Potter»-Filmen auftrat.

Beim Blick auf die beliebtesten Frauen­namen um 1940 tut sich ein anderes Bild auf, was Klänge und Länge angeht:

  1. Maria

  2. Elisabeth

  3. Anna

  4. Ruth

  5. Verena

  6. Erika

  7. Ursula

  8. Rosmarie

  9. Marie

  10. Margrit

Namensforscherin Berchtold Schiestl erklärt die heute beliebten Formen unter anderem mit dem steigenden Wunsch der Eltern nach informellen Vornamen, die eine gewisse Intimität ausdrücken.

Kurzformen und die beschriebenen Klang­muster erfüllen beides, sie erinnern häufig an Kosenamen, die man in intimen Eltern-Kind- oder Paar­beziehungen und in freundschaftlichen Konstellationen verwendet. Aber auch zweisilbige Namen haben gegenüber dreisilbigen etwas Informelleres, denn die meisten Wörter im normalen Wortschatz des Deutschen bestehen seit mittel­hochdeutscher Zeit aus zwei Silben.

Namen, die die genannten Mechanismen – häufig in Kombination – aufnehmen, klingen weniger formell. Woher aber kommt dieser Wunsch nach Informalität?

«Einerseits sind heute Kindheit und Jugend lange Lebens­abschnitte», sagt Berchtold Schiestl, «und sie haben einen hohen Stellenwert.» Das habe unter anderem damit zu tun, dass Frauen und Paare heute eine grössere Kontrolle darüber haben, ob sie Kinder bekommen und, wenn ja, wann und wie viele. Man könne diesen Stellen­wert etwa am gesellschaftlichen Diskurs zur Kinder­erziehung ablesen oder daran, dass Kinder heute in der Regel wirklich Kinder sein dürfen (und nicht etwa im elterlichen Bauern­betrieb mit anpacken müssen).

Andererseits seien vermutlich auch die sozialen Medien mitverantwortlich für einen Zeitgeist, in dem Intimität und Informalität zur Norm werden. «Wir schauen den Leuten via Instagram ins Badezimmer – das Private wird öffentlich, und das macht etwas mit der Gesellschaft», sagt Berchtold Schiestl.

Dieser informelle Zeitgeist schlägt sich in den Vornamen nieder. Kinder heissen also heute zweisilbig und weich­klingend Emma und nicht etwa Erika. Was ist aber mit Erna?

Wie Erika ist Erna fast verschwunden

Anteil an der Bevölkerung in jedem Jahrgang

Emma
Erna
Erika
19251950197520002019020 Promille

Quelle: Bundesamt für Statistik.

Der Vorname Erna befolgt trotz zweier aufeinander­folgender Konsonanten viele der klanglichen Regeln, die zurzeit beliebt sind: Er ist zweisilbig, enthält klingende Konsonanten und Vokale und ist mit vier Buchstaben auch in der Schrift sehr kurz.

Vielleicht fehlt ihm im Moment einfach noch ein prominentes Vorbild für ein Comeback.

Zu den Daten

Möglicherweise haben Sie auch die Rangliste der Vornamen der Neugeborenen gesehen, die das Bundesamt für Statistik herausgibt: Sie weicht von der hier präsentierten Top-10-Liste leicht ab, denn dabei handelt es sich um Daten zu den Lebend­geburten, die die Zivil­stands­ämter erheben und die nur bis ins Jahr 2000 zurück­reichen. Wir betrachten die Verteilung der Vornamen nach Jahrgang in der ständigen (und lebenden) Wohnbevölkerung der Schweiz am 31.12.2019.

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