Binswanger

Wer hört das Signal?

Die Covid-19-Fälle nehmen zu, aber die Todeszahlen bleiben tief. Was bedeutet das?

Von Daniel Binswanger, 22.08.2020

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Wir steuern auf den Spätsommer zu, jene entspannte Periode des Jahres, wo die grossen Ferien vorbei, die ärgste Hitze überstanden, die Abende noch lang und lauschig sind. Dieses Jahr jedoch ist von Entspannung wenig zu spüren: Es fühlt sich an wie die prekäre Ruhe vor dem Sturm, der sich bald schon zum Orkan auswachsen könnte.

Die Covid-19-Fallzahlen gehen unerbittlich wieder nach oben, nicht nur in der Schweiz, sondern in praktisch allen europäischen Ländern. Gerät die Pandemie in kurzer Zeit erneut ausser Kontrolle, werden sich schon bald die Intensiv­stationen wieder füllen, droht gar ein zweiter Lockdown? Was wird geschehen, wenn die Temperaturen sinken, das Leben sich wieder in schlecht belüfteten Innen­räumen abspielt, eine herbstliche Grippe­welle die schnelle Diagnose von Covid-19-Fällen schwierig werden lässt?

Das Bedrohungsszenario ist sehr konkret und zappenduster, aber die Behörden lassen die Dinge ihren Lauf nehmen in einer seltsamen Mischung aus Hektik und Passivität. Das dürfte einiges zu tun haben mit politischem Opportunismus – aber auch mit einer konfusen Wahrnehmung der epidemiologischen Situation.

Zum einen werden scharfe Massnahmen ergriffen: Der Zürcher Sicherheits­direktor Mario Fehr hat gegen den Willen des Bundes durchgesetzt, dass die Passagier­listen der Flüge aus Risiko­ländern den kantonalen Polizei­behörden vollständig zur Verfügung stehen. Rund 20’000 Personen befinden sich heute in der Schweiz in Quarantäne oder in Isolation, eine nicht unerhebliche volkswirtschaftliche Belastung. Zum anderen sind Tests für Urlaubs­rückkehrer weiterhin kein Thema. Wer mit dem Auto in die Schweiz zurückreist, kann die Quarantäne nach wie vor problemlos umgehen.

Zum einen weben die Kantone einen bunten Flicken­teppich von unterschiedlich scharfen Masken-Obligatorien und Bestimmungen für das Nachtleben – zum anderen will der Bund schon im Oktober wieder Gross­veranstaltungen zulassen. Bei den Masken im öffentlichen Verkehr musste der Bund die Kantone zur Vorsicht zwingen. Bei den Gross­veranstaltungen prescht er plötzlich vor mit einer Lockerung, die sonst im Land keiner will (ausser den Sportvereinen und ihrer hochprofessionellen Lobby). Der Föderalismus erzeugt ständig Konfusion und Wider­sprüche. Jetzt schafft er sogar die Möglichkeit zum Rollentausch.

Der Kern des Problems liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Die epidemiologische Gefahren­lage scheint unterschiedlich bewertet zu werden. Zum einen steigen die Fallzahlen. Bis anhin ist die Zunahme zwar relativ kontinuierlich, aber je höher die täglichen Ansteckungs­zahlen zu liegen kommen, desto wahrscheinlicher wird eine exponentielle Entwicklung. Mit den schon heute gegen 300 täglichen Fällen in den Herbst hineingehen? Das ist keine gute Perspektive.

Zum anderen sind jedoch die Hospitalisationen und die Todesfälle immer noch relativ überschaubar. Knapp 120 Covid-19-Fälle waren am Freitag schweizweit als hospitalisiert gemeldet. Das ist meilenweit entfernt von den über 2000 Spital­patienten auf dem Höhepunkt der ersten Welle. Die Todesfälle pendeln zwischen 0 und 2 pro Tag. Die Behörden stützen sich bei ihrer Lagebeurteilung teilweise stark auf die niedrigen Hospitalisations- und Todeszahlen. Sie zögern, wirtschaftlich belastende Massnahmen zur Eindämmung der Epidemie zu ergreifen, solange das Gesundheits­system noch weit davon entfernt ist, an seine Grenzen zu stossen.

Was ist also wichtiger: Die Hospitalisierungs- und Todesfälle oder die Anzahl der Neuansteckungen? Für diese Abwägung ist die Frage entscheidend, weshalb momentan die Sterblichkeit so erfreulich tief liegt.

Im Wesentlichen gibt es drei Erklärungs­ansätze: Die Behandlungs­möglichkeiten sind heute besser und erlauben es, deutlich mehr Patienten zu retten. Das Virus hat mutiert und ist weniger gefährlich geworden. Die Alters­struktur der Neuansteckungen ist inzwischen anders als in der ersten Phase der Epidemie. Die Infizierten sind im Durch­schnitt deutlich jünger, und entsprechend tiefer liegt die Mortalität.

Was ist von der Hypothese der verbesserten Behandlungs­möglichkeiten zu halten? Huldrych Günthard, Professor für klinische Infektiologie am Universitäts­spital Zürich, weist diese Hypothese zurück. Zwar bestätigt er auf Anfrage der Republik, dass die Behandlungs­möglichkeiten sich verbessern. Mit Remdesivir, Dexamethason und Blutplasma von genesenen Covid-19-Patienten stünden inzwischen drei Präparate zur Verfügung, die ermutigende Resultate zeigten, auch wenn die definitive klinische Ermittlung ihres Wirksamkeits­grads noch ausstehe. Wichtig sei vor allem auch, dass man heute die schweren Fälle tendenziell früher zu behandeln anfange und deshalb grössere Erfolge erziele. Doch Günthard fügt hinzu: «Wir haben keinen Gamechanger.» Man sei noch nicht so weit, die Mortalitäts­rate auf wirklich einschneidende Weise senken zu können.

Bleiben die Hypothesen zwei und drei, die Mutation des Virus oder die verjüngte Alters­struktur der Infizierten. Die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Basel hat sich genau dieser Frage in einem sehr ausführlichen Twitter-Thread angenommen. Dass das Virus aufgrund von Mutationen weniger gefährlich geworden sei, ist nach Hodcroft leider nicht plausibel. Schon zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie sei in der Schweiz eine sehr hohe Diversität von Sars-CoV-2-Viren­stämmen feststellbar gewesen. Dieselbe Diversität liege auch heute noch vor. Es sei also nicht so, dass ein bestimmter Stamm sich durchgesetzt habe. Deshalb hätten alle oder eine Mehrheit der vorhandenen Viren­stämme gleichzeitig so mutieren müssen, dass sie weniger tödlich werden. Das ist äusserst unwahrscheinlich.

Bleibt also nur die Erklärung durch die Altersstruktur. Und in der Tat: Die neuen Fälle sind heute im Durchschnitt deutlich jünger als zu Beginn der Pandemie. Beispielsweise im Kanton Zürich ist heute die deutliche Mehrheit der Neuinfizierten zwischen 20 und 40. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle war die höchste Konzentration der Fälle in der Alters­gruppe zwischen 50 und 60. Die Mortalität ist deshalb stark gesunken, weil sich heute vornehmlich junge Menschen infizieren.

Ist das nun eine beruhigende oder eine beunruhigende Nachricht? Nach Hodcroft leider Letzteres. Es gibt Präzedenz­fälle von Staaten, die zunächst hohe Infektions­zahlen und niedrige Todesraten hatten, weil sich das Virus vornehmlich unter jungen Erwachsenen ausbreitete. In einer zweiten Phase begann dann aber das Virus die Alterstreppe hochzuklettern – und die Todeszahlen schnellten massiv in die Höhe. Genau das ist zum Beispiel in Florida geschehen. Wir seien heute in der Schweiz in der epidemiologischen Situation, in der sich Florida im Juni befand. «Das Infektions­geschehen blieb nicht auf die junge Bevölkerung beschränkt. Wird es in Europa anders sein? Vermutlich nicht», sagt Hodcroft lapidar.

Aufgrund niedriger Todeszahlen wiegen wir uns in falscher Sicherheit. «Eigentlich haben wir Glück», schreibt Hodcroft, «dass die Fälle erst wieder unter den Jungen ansteigen und uns ein Warnsignal geben, ohne dass es gleich zur Tragödie hoher Opferzahlen kommt. Das gibt uns die Chance, einen solchen Verlauf zu vermeiden. Aber nur wenn wir jetzt handeln und die Fallzahlen unter Kontrolle bringen.»

Doch in vielen Ländern, so Hodcroft, gelte die Gleichung «keine Toten = keine Massnahmen». Für die Schweiz müsste man wohl sagen: keine Toten = ein widersprüchliches Potpourri von Massnahmen. Wir sind am Lavieren und verlieren wertvolle Zeit. Stattdessen müsste jetzt entschieden gehandelt werden – bevor die Fallzahlen noch höher liegen, bevor der Herbst beginnt.

«Der Fluch von Sars-CoV-2 liegt darin», sagt Hodcroft, «dass wir weder den Willen aufbringen, zu analysieren, was anderen widerfahren ist, noch uns vorstellen können, dass es auch uns widerfahren könnte. Aber wir können diesen Fluch brechen – und handeln.»

Wir können. Aber die Verantwortungs­träger müssen es auch tun.

Illustration: Alex Solman

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