Tirana, im Mai 2013: Am Stadtrand von Albaniens Hauptstadt.

Das dunkle Gesetz

Ein Mann ohne Ehre ist tot: Das sagt der Kanun, ein jahrhunderte­altes Recht, das in Teilen Albaniens immer noch das Leben prägt. Ein Leben mit Selbst­justiz, Vergeltung, Sterben. Blutrache in Albanien, Teil 1.

Eine Reportage von Franziska Tschinderle (Text) und Roland Schmid (Bilder), 18.08.2020

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Marijas Grab liegt am Ende des Friedhofs, dort, wo das freie Feld beginnt. Es sieht aus wie jede andere katholische Grab­stätte auch – weisser Marmor, bunte Plastik­blumen, rote Kerzen, Marien­statuen, Kreuze. Zwei ovale Fotografien sind in den Stein eingelassen. Eine zeigt Marija, eine junge Frau mit weisser Bluse und offenen Haaren; auf der anderen Hälfte des Grab­steins prangt das Bild eines älteren Mannes im Anzug, es ist ihr Gross­vater Kolë, der ernst in die Kamera blickt. Der in den Stein gravierte Sterbetag lautet – 14. Juni 2012. Der Ort fehlt.

Fragt man jedoch Menschen aus der Gegend, dann erzählen sie. Marija und ihr Gross­vater starben in einem kleinen Dorf in den nord­albanischen Bergen, so abgelegen, dass es nur mit Gelände­wagen zu erreichen ist. Sie sind weder im Auto verunglückt noch beim Wandern abgestürzt. Enkelin und Gross­vater starben als Opfer von Blut­rache, einer bis heute vor allem im Norden Albaniens verbreiteten Praxis, die auf einem jahrhunderte­alten Gesetz beruht, dem Kanun. Bei der Blut­rache regeln Menschen Konflikte unter­einander, ohne den Rechts­staat. Man könnte auch Selbst­justiz dazu sagen – oder Krieg der Sippen.

Von der Blut­rache hatte ich schon gehört, bevor ich nach Albanien kam. Ich wusste, dass es bis heute Familien geben soll, die ihr Haus nicht verlassen, aus Angst, von einer verfeindeten Sippe erschossen zu werden.

Ich dachte, dass es nicht mehr als eine Handvoll sein können.

Appartementhäuser in Tirana.

Zu den Bildern

Der Basler Fotograf Roland Schmid (13 Photo) bereist seit mehr als 20 Jahren Osteuropa. Er war seit 2012 auch in Albanien unterwegs, kennt die Gegend und die Menschen, die er über längere Zeit begleitet hat. Seine Bilder erzählen ihre eigenen Geschichten – losgelöst von diesem Beitrag über die Blutrache selbst, aber eingebettet in die jüngere Geschichte Albaniens.

Nach meiner Ankunft in Albanien lernte ich die 60-jährige Liljana Luani kennen, eine Lehrerin, die seit 15 Jahren Kindern aus Blutrache-Familien Haus­unterricht gibt, weil sie ihre Häuser nicht verlassen können. Insgesamt viermal trafen wir uns in Shkodra, einer Stadt im Nordwesten Albaniens, unweit der Grenze zu Montenegro, wobei Luani mir bei jedem Treffen ein bisschen mehr erzählte: von Schülern, die mit Polizei­eskorte zur Abschluss­prüfung begleitet werden müssen, weil die Gefahr besteht, dass sie erschossen werden. Und von den Ausflügen, die Luani ein paarmal im Jahr für diese Jugendlichen und Kinder organisiert, damit sie das Meer und den Strand sehen, anstatt immer nur die eigenen vier Wände. «Diese Kinder hören die ganze Zeit nur, wer aus ihrer Familie wen rächt», sagt Luani, «ich möchte, dass sie einmal an etwas anderes denken.»

In Dobraç, einem Vorort von Shkodra, sprach ich mit einer bayerischen Nonne namens Schwester Christina, eine Frau, die 1999 wegen des Kosovo-Kriegs in die Region gekommen und seitdem geblieben ist. Sie spricht fliessend Albanisch, lebt seit 20 Jahren hier – und leitet ein Kloster, eine Ambulanz und einen Kinder­garten.

Dobraç ist bekannt für Banden­kriege, Drogen­handel und Prostitution, eine Siedlung am Stadt­rand, in der es immer wieder zu Festnahmen und Razzien kommt. Mehrere Familien leben in Blut­rache zueinander. Schwester Christina erzählt, dass sie mehrmals in den Lauf einer «Knarre» geblickt habe, weil sie versucht habe, zwischen den Familien zu vermitteln. Ihre Angst hat sie mittler­weile abgelegt. «Sonst müsste ich gleich meine Koffer packen und gehen», sagt sie und zuckt mit den Achseln.

Schwester Christina, eine Frau mit violettem Schleier und grauem Habit, sitzt auf der Kante ihres Bettes, ein Kruzifix an der Wand und eine Bibel auf dem Nacht­kästchen. Blut­rache, so die Nonne, sei für sie nichts anderes als eine «dunkle Religion», mit der sie täglich konfrontiert sei.

Einmal, erzählt Christina, kam eine Frau in die Ambulanz, die mit ihrer Familie seit drei Jahren in Isolation lebte. Wie viele Betroffene habe sie das Thema Blut­rache nicht direkt angesprochen, sondern stattdessen Codes verwendet. Familien sagen: «Unser Haus ist im Blut», «Wir haben Probleme miteinander» oder «Wir können nicht raus».

Im Norden Albaniens: Im Hintergrund das Kupferbergwerk von Fushë-Arrëz.
Im Dorf Fushë-Arrëz mit seinen 5000 Einwohnerinnen gibt es auch eine Missionsstation.

Es ist unmöglich, die genaue Zahl der Menschen, die in Albanien von Blut­rache betroffen sind, anzugeben. Im Laufe der Recherche bin ich auf unter­schiedliche Angaben gestossen, die stark voneinander abweichen. Nicht­regierungs­organisationen und Versöhnungs­assoziationen sprechen von bis zu 1000 betroffenen Familien und von Hunderten isoliert lebenden Kindern. Albanische Behörden wiederum gehen von einer deutlich niedrigeren Zahl aus. Eine Sprecherin der Polizei in Shkodra etwa gab mir gegenüber an, dass es seit 1990 nur 158 Fälle in der Region gegeben habe.

Laut Kanun sind Frauen und Minder­jährige von der Blutrache ausgeschlossen, doch es gibt Fälle, in denen es auch sie trifft. Marija war 17 Jahre alt, als sie am helllichten Tag bei der Feld­arbeit erschossen wurde.

Marijas Tod war eine Zäsur. Wenige Blutrache-Fälle haben Albanien derart erschüttert wie der Mord an der Schülerin. Ihr Gesicht war in den Abend­nachrichten zu sehen, auf den Titel­seiten von Zeitungen und auf den Plakaten von Demonstrantinnen, die nach Marijas Tod vor dem Regierungs­gebäude in Tirana protestierten. Auf ihren T-Shirts und Bannern stand: «Im Namen von Marija» und «Gegen Blutrache».

Der Mord an Marija sorgte für so viel Betroffen­heit, dass knapp tausend Menschen das Begräbnis besuchten. Sie kondolierten vor dem Sarg, in dem Marija in einem weissen Hochzeits­kleid aufgebahrt war, eine alte Tradition für unverheiratete Frauen. Auch die mutmasslichen Mörder, die an jenem 14. Juni die Kugeln abgefeuert haben sollen, wurden eingeladen. So verlangt es die Tradition – und das seit Jahr­hunderten. Aber die drei Männer blieben dem Begräbnis fern.

«Sie schämen sich, dass sie eine Frau getötet haben», sagt Marijas Mutter, eine in Schwarz gekleidete Frau. Sie lebt unweit vom Friedhof in einem einstöckigen, weiss verputzten Flachbau, vor dem Kohl wächst. Statt einer Tür ist am Eingang nur ein Vorhang angebracht. Ihre älteste Tochter, die eine Lehre als Coiffeuse abgeschlossen hat, bringt türkischen Kaffee und einen Schnaps, Rakia.

Der Sohn, noch keine 18 Jahre alt, mit Flaum statt Bart­haaren auf der Ober­lippe, schliesst einen roten Plastik­heizstrahler an die Steckdose an. Die Vorhänge im Wohn­zimmer sind zugezogen, zwei nackte Glüh­birnen hängen von der Decke. Im Fernsehen läuft der Kinder­kanal, die jüngste Tochter, schmal und still, geht noch in die Grund­schule. Der älteste Sohn ist nicht zu Hause, er ist ins Ausland geflüchtet, aus Angst, das nächste Opfer zu sein.

Marija hat im Alter von 10 Jahren die Schule abgebrochen, so gross war die Angst ihrer Eltern, dass ihr etwas angetan wird. Allein in die Stadt gehen und Freundinnen treffen – all das war dem Mädchen verwehrt geblieben. Stattdessen nahm sie Haus­unterricht bei Luani, der Lehrerin aus Shkodra. Gemeinsam bereiten sie sich auf die Abschluss­prüfung vor, zu der Marija nie angetreten ist. Luani beschreibt Marija als ein gross gewachsenes, ruhiges Mädchen, das früh Arbeiten verrichten musste, die in Albanien reine «Männer­sache» sind. Im Garten der Familie steht bis heute ein Stein­brunnen, den sie gemeinsam mit dem Vater gegraben hat.

Die Missionsstation wird von Kapuziner­mönchen geleitet, hier finden vor allem Kinder Aufnahme.
Im Zentrum von Tirana.

Ihre Mutter lässt sich auf einem der fünf Sessel nieder, hinter sich an der Wand das gerahmte Foto ihrer Tochter, behangen mit Perlen­ketten und Kreuzen. Es ist dieselbe Fotografie, die auch auf dem Grabstein angebracht ist und nach Marijas Tod durch die Medien ging. Die sieben Jahre seit dem Mord, erzählt die Mutter, kämen ihr vor wie sieben Monate: «Niemand hat je Verantwortung für den Tod meiner Tochter übernommen.»

Zur Autorin

Franziska Tschinderle ist freie Journalistin, sie lebt in Wien und war im Jahr 2019 mit der Übersetzerin Aida Kolenović in Albanien unterwegs. Diese zweiteilige Reportage ist ein adaptierter Vorabdruck aus Tschinderles neuem Buch, das aus dieser Reise entstand. Es erscheint im September im DuMont-Reiseverlag.

Was ist gjakmarrje?

Um zu verstehen, warum Marija starb, muss man sich mit dem uralten Phänomen der Blutrache beschäftigen. Im Albanischen sagt man gjakmarrje dazu: gjak bedeutet «Blut» und marrje «nehmen».

Wird der Sohn einer Familie im Streit mit einem Nachbarn getötet, spricht man dann von Blutrache, wenn die Familie des Sohnes jemanden aus der Familie des Nachbarn tötet – sei es der Bruder, der Onkel oder der Vater. Zwei Unter­schiede gibt es zum klassischen Rache­mord, wie er überall auf der Welt vorkommt: Erstens – Blutrache wird begangen, um die Familien­ehre wieder­herzustellen; zweitens – anders als bei gewöhnlicher Rache kommen mehrere Opfer infrage, nämlich sämtliche männlichen Familien­mitglieder der Gegenseite.

Blutrache entsteht nicht zwingend im Affekt, etwa wenn der Täter seine Wut und Trauer nicht kontrollieren kann. Sie wird als Verpflichtung angesehen und mündet oft in einen blutigen Kreislauf, der sich mitunter über Generationen zieht. Familien­mitglieder leben in permanenter Angst, erschossen zu werden. Nur in ihrem Haus, wo die Blutrache nicht gilt, können sie sich sicher fühlen. Das ist der Grund, warum manche Männer das Haus über Jahre gar nicht oder nur in Notfällen verlassen. Auch ihre Kinder, die eigentlich zur Schule gehen müssten, bleiben zu Hause.

Um all dies zu verhindern, kann die Fehde mithilfe eines Vermittlers geschlichtet werden, häufig ist das ein angesehener Dorf­bewohner, Priester oder Imam. Aber auch Frauen wie Luani, die Lehrerin, und Schwester Christina, die Nonne, versuchen sich als Brücken­bauer. Frieden ist möglich, wenn beide Familien bereit sind, das «genommene Blut» zu vergeben. Kurzfristig kann eine Familie auch um eine Art Waffen­stillstand, besa genannt, bitten. Besa kann ins Deutsche auch mit «Ehrenwort» übersetzt werden. Es ist ein Versprechen, das nicht gebrochen werden darf und den Albanern hoch und heilig ist. Gewährt eine Familie der Gegenseite besa, dürfen sie sich in einem vereinbarten Zeitraum frei bewegen, ohne fürchten zu müssen, erschossen zu werden.

Bis zum Aufkommen des Kommunismus war gjakmarrje ein weit verbreitetes Mittel, um Konflikte zu lösen. Heute ist die Blutrache illegal. Weil aber das Justiz­system in Albanien schwach und korrupt ist, wird sie im Schatten des Rechts­staates trotzdem bis heute ausgeübt, vor allem im Norden des Landes. Statt des Strafgesetz­buches befolgen die Familien ein jahrhunderte­altes Recht, den Kanun, auch «Gesetz der Berge» genannt. «Für manche Albaner ist der Kanun wichtiger als die Bibel oder der Koran», sagt Schwester Christina.

Im Nordwesten von Albanien: Landschaft nahe Blinisht.

Der Kanun ist das mündlich überlieferte Gewohnheits­recht der Albanerinnen. Je nach Region gibt es verschiedene Varianten davon, wobei die berühmteste der Kanun des Lekë Dukagjini ist, der seine Wurzeln im Mittel­alter hat. Lekë Dukagjini (1410–1481) war ein mächtiger albanischer Fürst, über dessen Leben wenig bekannt ist, ausser dass er ein Weggefährte des National­helden Skanderbeg gewesen sein soll. Im 15. Jahr­hundert herrschte die Dukagjini-Familie über weite Teile der Albanischen Alpen, eines Gebirgs­massivs, das sich von Nord­albanien über Monte­negro und den West­kosovo erstreckt.

Es wird auch «Verfluchtes Gebirge» genannt, weil sich hier bis ins 20. Jahrhundert keine staatliche Ordnung durchsetzen konnte. Nicht einmal den Osmanen ist es während ihrer langen Herrschaft gelungen, das Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Menschen lebten in Gross­familien, weitgehend isoliert vom Rest des Landes. Jede Familie hatte eine Stimme im Ältesten­rat ihres Dorfes, der Konflikte mithilfe des Kanun löste. Die Familien lebten in kullas, wehrhaften Stein­häusern, die kleinen Burgen ähnelten. Sie waren Hirten und Bäuerinnen, vorrangig römisch-katholischen Glaubens.

«Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Freunde», heisst es im Kanun: Daheim bei Mrico Hasaj in der nordalbanischen Siedlung Pjetroshan.

Der Kanun legte in über 1200 Bestimmungen fest, wie das Leben der Menschen auszusehen hatte. Von der Art und Weise, wie Hoch­zeiten und Begräbnisse abgehalten wurden, über Familien­hierarchien, die Bewirtung von Gästen und das Ziehen von Grundstücks­grenzen. Der Grossteil des Kanun dreht sich nicht ums Blut­vergiessen, sondern um Alltägliches – Erbschaften, Handel, Fischerei, Jagd und Land­wirtschaft. Banalitäten wie das Haare­schneiden oder das Zubereiten des Hochzeits­mahls werden penibel beschrieben und vorgegeben.

Darüber hinaus legte der Kanun Preise fest: «Eine gute Pfanne» sollte 50 Groschen kosten, ein Esel 300 Groschen, eine silber­beschlagene Pistole 1000 Groschen. Frauen hatten laut Kanun keinerlei Rechte. Sie waren vom Erbe ausgeschlossen und wurden vom Vater oder von den Brüdern zwangs­verheiratet. War die Frau untreu oder behauptete ihr Mann nach der Hochzeits­nacht, sie sei keine Jungfrau mehr gewesen, durfte er sie erschiessen. Zu diesem Zweck schenkte ihm sein Schwieger­vater zur Hochzeit eine Pistolenkugel.

Heute wirkt der Kanun ungemein frauen­feindlich und brutal. Doch im Spät­mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten Frauen im Rest Europas oft ebenso wenig Rechte wie in den Albanischen Alpen. Man denke etwa an die Hexen­verbrennung. Auch diese grausame Praxis, die sich vor allem gegen Frauen richtete, basierte auf einem weit verbreiteten Buch, dem «Hexenhammer», verfasst vom deutschen Dominikaner­mönch Heinrich Kramer.

Für die damalige Zeit war der Kanun also weder besonders rückständig noch ausser­ordentlich frauen­feindlich. Nur: Warum wird er in Teilen des Landes bis heute angewandt? Eine einfache Antwort darauf lautet: Die Menschen vertrauen dem Rechts­staat nicht und greifen zur Selbst­justiz. Eine etwas komplexere Antwort lautet: Sie glauben an das Konzept der Ehre als etwas, das mehr Gewicht hat als das eigene Leben. Im Kanun heisst es: Ein Mann ohne Ehre ist tot.

Durch den Regen vom Fussballplatz vertrieben: Die Spieler suchen Schutz beim stillgelegten Bahnhof am Rand von Tirana.

Die Ehre ist ein zentraler Begriff, auf dem weite Teile des Kanun aufbauen, wobei die Definition breiter gefasst ist als unser mittel­europäisches Verständnis davon. Im Kanun heisst es: dy gisht nderë në lule të ballit na i njiti Zoti i madh, was übersetzt bedeutet: «Zwei Finger breit Ehre gab uns Gott auf die Mitte der Stirne.» Wird die ndera (Ehre) geraubt, etwa wenn ein Mann bedroht, bespuckt oder Lügner genannt wird, kann sie nur durch Blut­vergiessen oder Vergebung wieder­hergestellt werden, nicht durch Geld oder Gegenstände. Im Falle des Blut­vergiessens wäscht das Abfeuern einer Kugel gewisser­massen die eigene Stirne rein. In seinem Roman «Der zerrissene April» beschreibt der Autor Ismail Kadare einen Rächer, der stunden­lang auf der Lauer liegt, weil ihm sein Vater eingebläut hat, mit der Kugel exakt auf die Mitte der Stirne zu zielen.

Aus der Ehre ergeben sich gemäss Kanun eine Reihe von Pflichten, von denen die Blutrache nur eine ist. Auch positive Aspekte wie etwa die Gast­freundschaft bauen darauf auf. So heisst es im Kanun: «Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Freunde.»

Das Gastrecht im Kanun schreibt vor: Klopft ein Fremder an die Tür und bittet um Einlass, so muss er vom Herrn des Hauses in die Stube geführt werden, wo ihn ein entfachtes Feuer, Speis und Trank erwarten. Er darf den Ehren­platz am Tisch einnehmen, an dem sonst nur der Älteste sitzt. Dem Gast wird das Haus überlassen, und wenn nötig werden ihm sogar die Füsse gewaschen. Während der Freund zu Gast ist, wird der Haus­herr zu seinem Hüter: «Verspottet dir jemand den Freund oder beschimpft ihn, so wirst du die Ehre des Freundes wieder­herstellen mit Gefahr deines Lebens.» Die allergrösste Schande ist es, den Gast eigen­händig zu töten. Solche Männer werden vom Dorf hingerichtet, und ihr Blut geht verloren, sprich: Niemand darf für sie Rache nehmen.

Reist man durch das Albanien der Gegenwart, begegnet einem diese Gast­freundschaft immer noch. Wildfremde öffnen ihre Häuser, kochen Kaffee, servieren Rakia und decken den Tisch. Der Umgang mit Fremden ist, egal ob im Norden oder im Süden, ungemein herzlich. Es war übrigens genau dieses Gastrecht, das im Zweiten Weltkrieg Hunderten Jüdinnen das Leben gerettet hat, weil Albaner sich verpflichtet fühlten, sie bei sich vor den Nazis zu verstecken.

Die Gastfreundschaft ist die Sonnen­seite des Kanun, die Blutrache sein dunkler Schatten. Sie hat bis in die Moderne überlebt, obwohl nichts mehr so ist wie zur Zeit von Lekë Dukagjini. Die Albanerinnen leben nicht mehr in Türmen, sondern in Wohnungen oder Häusern mit WLAN, sie nutzen Smart­phones und Facebook, und bei Blut­fehden feuert man nicht mehr «silber­beschlagene Pistolen» ab, sondern mitunter eine Glock. Doch obwohl die Menschen reisen, in die Städte ziehen und Zugang zum Internet haben, spielt die Blutrache nach wie vor eine Rolle.

Um zu verstehen, warum das so ist, habe ich mich mit einem Mann verabredet, der einen eigenwilligen Beruf hat.

Er ist Blutfehden-Schlichter.

Zu Teil 2: Die Früchte des Zorns

Alles begann mit einem Streit zwischen zwei Familien um eine Mühle. Der offizielle Schlichter beginnt einen jahrelangen Prozess mit unzähligen Gesprächen. Er will den Streit beenden, will die ewige Spirale an Rache und Gewalt durchbrechen. Lesen Sie hier den zweiten Teil der Reportage.

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