Darf die das? – Fuck! Ja! Weil es gut ist: Die preisgekrönte Autorin Jessica Jurassica.

Sex mit dem Bundesrat

Der erste politische Roman aus der Corona-Krise enthält wilde Sexszenen. Und ein ebenso leidenschaftliches Plädoyer für Höflichkeit, Anstand und bürgerliche Tugenden.

Von Constantin Seibt (Text) und Joël Hunn (Bilder), 12.08.2020

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In der Kunst ist das Unerwartete das einzig Logische. Jedes ernst zu nehmende Werk schlägt ein wie ein Meteorit. Niemand sah es kommen, aber sobald es da ist, ist die Welt eine andere.

So hätte es niemand für möglich gehalten, dass der kühnste Schweizer Roman dieses Jahres nur 25 Seiten kurz ist, sich so aktuell liest wie eine Ticker­meldung und Szenen wie diese enthält:

Nachdem sie gekommen war, entfernte Melissa Alains Knebel und erklärte: «So, jetzt ist es Zeit für einen Blowjob zur Feier von Dr. Daniel Kochs Pensionierung. Schliesslich warst du ja sozusagen sein Chef und du hast gesagt, du seist nicht gerne Chef. Also werden wir jetzt die Rollen umdrehen. Du wirst alle Verantwortung abgeben dürfen. Hast du Lust, Dr. Daniel Kochs Schwanz in deinem Mund zu spüren?»

Alain schaute sie überrascht an. Er hatte noch nie den Schwanz eines Mannes in seinem Mund gehabt. Wie würde sich das anfühlen?

Melissa kniete vor ihm und packte ihn am Hals: «Hast du Lust, Dr. Daniel Kochs Schwanz in deinem Mund zu schmecken, habe ich gefragt!»

Alain nickte zögerlich.

Jessica Jurassica: «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus».

In der Tat handelt der Kurzroman «Die verbotenste Frucht im Bundes­haus» über weite Strecken von einem in der Schweizer Literatur bisher komplett ignorierten Thema: Sex mit einem Mitglied der Landesregierung.

Genauer: mit dem Vorsteher des Departements des Inneren, Alain Berset. Der in obiger Szene von der Heldin des Romans, der Journalistin Melissa Ferrari, kurz zuvor nackt an das Geländer einer Dach­terrasse unter der Bundeshaus­kuppel gefesselt wurde.

Das Datum der Handlung ist genau definiert. Es ist der 27. Mai 2020 – der Tag der Presse­konferenz, an dem Bundesrat Berset mit zahlreichen Lockerungen das Ende des Lockdown ankündigte und der Chef­beamte Daniel Koch den letzten Auftritt vor der Pensionierung hatte.

Man kann der Autorin Jessica Jurassica keinen Mangel an Eindeutigkeit vorwerfen. Eine Tugend, die sie mit ihrer Roman­heldin teilt:

Melissa verstärkte den Druck ihrer Hand an seinem Hals. «Sage es laut, Alain», forderte sie: «Ich muss wissen, ob du es wirklich willst.»

«Ja …», stammelte Alain.

Melissa drückte noch stärker: «Sag den ganzen Satz!»

«Ich habe Lust, Dr. Daniel Kochs Schwanz in meinem Mund zu schmecken», brachte Alain Berset schliesslich keuchend vor Lust hervor.

Jessica Jurassica: «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus».

Kurz: Der Untertitel «Eine erotische Fan-Fiction» ist kein leeres Versprechen. Auf 25 Seiten übertrifft der Roman so gut wie jede Erwartung. Und auch das Cover lügt nicht: Der Roman ist konsequent in der ebenso klaren wie blumigen Sprache eines Bahnhof­romans geschrieben.

Der Stil des Heftromans ist in der deutsch­sprachigen Literatur weitgehend vermieden worden. Zwar gab es Experimente: 1997 veröffentlichte die Österreicherin Marlene Streeruwitz etwa die Arztroman-Trilogie «Lisa’s Liebe» – doch übernahm sie nur die Form. Geschildert werden darin fast ausschliesslich die Enttäuschungen der Hauptfigur.

Davon kann in der «verbotensten Frucht» keine Rede sein. Nach dem ersten heftigen Beischlaf auf der Dach­terrasse des Bundes­hauses bemerkt die Journalistin Ferrari: «Ich bin beeindruckt, Herr Bundes­rat, Sie sind nicht nur ein begnadeter Redner, Sie wissen auch ausserordentlich geschickt mit ihren Fingern umzugehen.» Worauf sich Bundesrat Berset umgehend revanchiert: «Vielen Dank, Madame Ferrari. Und Sie beeindrucken mich nicht nur mit Ihrer Intelligenz, sondern auch mit Ihrer ausserordentlich attraktiven Art, sich Ihrer Lust hinzugeben.»

Und das ist das Aussergewöhnliche an diesem Roman, der mitten in der Corona-Pandemie spielt, der ernstesten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.
Es ist trotz der expliziten Stellen ein aussergewöhnlich höflicher, positiver, erwachsener, sogar staats­bürgerlicher Roman.

Der nackte Mensch

Die grosse Frage zu Anfang der Corona-Pandemie war: Wer sind wir, wenn es hart auf hart geht?

Die konventionelle Antwort im Journalismus, aber auch in Philosophie und Literatur ist: Die Zivilisation ist eine dünne Schicht Staub. Und darunter liegt die Barbarei. Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Etwa im Klassiker «Herr der Fliegen», der seinem Autor William Golding den Nobelpreis einbrachte. Eine Schar von Jungs strandet nach einem Flugzeug­unglück auf einer einsamen Insel. Nach kurzer Idylle spalten sie sich in zwei Stämme, gehen auf Jagd, erst nach Schweinen, dann nach den Jungs aus dem anderen Stamm. Sie foltern, brennen und töten.

Nur: Stimmt das?

Die Gegenthese vertritt der niederländische Historiker Rutger Bregman in seinem Buch «Im Grunde gut»: Der Mensch hat beim Menschen ein miserables Image. Aber oft zu Unrecht: Menschen sind zwar alles andere als harmlos, aber geboren, um zu kooperieren. Nicht zuletzt in einer Katastrophe. Die weit häufiger das Beste in den Leuten hervorbringt als das Schlimmste.

In seinem Interview mit der Republik am Anfang der Krise sagte Bregman:

Wenn man den einzigen realen «Lord of the Flies»-Fall ansieht, den ich ausfindig machen konnte, ist das eine erbauliche Geschichte von sechs Jungen, die für fünfzehn Monate allein auf einer Insel zusammen­gelebt haben und bis heute miteinander befreundet sind. Allerdings wäre es schwer, daraus einen spannenden Roman zu machen. Das ist das Problem mit der Güte des Menschen: Sie ist wahnsinnig langweilig, hat keinen Nachrichtenwert.

Interview mit Rutger Bregman in der Republik.

Das hat etwas.

Es wird oft beklagt, dass Erwachsene kaum mehr Romane lesen – teils aus Zeit­mangel, teils aus Fantasie­losigkeit. Nur ist es wirklich die Fantasie­losigkeit der Lesenden? Oder die der Literatur?

Eine der Enttäuschungen beim Seriös­werden ist, dass die eigene Bücher­wand plötzlich zu schweigen beginnt. Sobald man ins tätige Leben geht, eine Karriere plant, eine Familie gründet oder eine Firma, hat die Fiktion fast nichts mehr zu sagen. Es ist verblüffend schwer, einen einzigen Roman mit einer heilen Ehe zu finden. Oder einen, in dem ein gewagtes Unternehmen oder eine ehrgeizige Karriere nicht in Zerfall, Wahnsinn oder der Katastrophe endet.

Sobald alles in die Brüche geht, steht die Welt­literatur wieder auf deiner Seite. Nur ist Erwachsen­sein das Gegenteil. Sobald man in einer Familie oder Firma ernsthaft Verantwortung übernimmt, ist Scheitern keine Option.

Kurz: Ernsthafte Literatur ist wie ein falscher Freund. Sie vergisst dich, während alles in Ordnung ist. Und liebt dich, wenn du in Einsamkeit, der Gosse oder im Grab landest.

Professionelle ohne Halbheiten

Nicht so in diesem Roman. Seine Figuren benehmen sich – ausser beim hemmungslosen Sex – jederzeit erfreulich professionell. Und so höflich, dass man ein Lehrbuch danach schreiben könnte.

Denn Höflichkeit bedeutet für die Roman­figuren Berset und Ferrari weder Perfektion noch Verwedelung.

Als Alain Berset die ihm bisher unbekannte Journalistin Melissa nach der Presse­konferenz zu einem Kaffee einlädt, begeht er den Fauxpas, ihr zu sagen, dass er sie in die Welt des Bundes­hauses einführen wolle.

Worauf Melissa erwidert: Vielen Dank, aber sie sei vor seiner Zeit bereits Bundeshaus­korrespondentin gewesen – länger, als er im Bundesrat sei. Und brauche keine Hilfe für ihre Arbeit.

Er antwortet: «Pardon, das war unhöflich von mir. Ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie Ihre Arbeit nicht gut machen. Dann könnte ich vielleicht umgekehrt von Ihnen etwas lernen?»

Sie überlegt, dass das Angebot, ihr bei ihrem Job zu helfen, ihr zwar überhaupt nicht passt. «Andererseits waren derartige Bemerkungen keine Seltenheit, sie hatte schon deutlich Schlimmeres gehört und der Bundesrat hatte sich sehr charmant aus der Situation gerettet.»

Also trinken sie zusammen im menschen­leeren Bundeshaus Kaffee. Bis Berset vorschlägt, auf der Terrasse eine Zigarette zu rauchen.

Eine alte bürgerliche Regel besagt: Treten Sie in der Öffentlichkeit nicht als Privatperson auf.

Die Motivation von Alain Berset ist alles andere als fahrlässig. Er lädt die Journalistin nicht ohne schlechtes Gewissen zum Kaffee und danach auf die Terrasse ein: Er ist in einer Macht­position, verheiratet – und sein Job wäre eigentlich, das Land sicher aus der Krise zu führen.

Doch ist gerade seine Professionalität der Grund für seine Einladung. Denn erstens konnte Berset bisher auf seine unbestechliche Moral vertrauen. Und zweitens lernte er in seiner politischen Karriere, «dass es am intelligentesten war, auf Leute, die ihm gefährlich werden können, direkt zuzugehen».

Sie geht aus ähnlichen Motiven mit: weil sie als Journalistin den in der Corona-Krise haupt­verantwortlichen Politiker schon aus professionellen Gründen begleiten sollte.

Worauf auf der Dach­terrasse das Unvermeidliche geschieht. Die leidenschaftliche gegenseitige Anziehung, ein betäubender Kuss und schliesslich die Hitze der entkleideten Körper brennen Berufs­ethos und Moral bis auf ihre Grund­mauern nieder.

Doch wie alle Tugenden beweisen sich auch Professionalität und Höflichkeit nicht bei mildem Wetter. Sondern nur im Sturm.

Als beide mit einer weiteren Zigarette hoch über Bern sitzen, hört man von dem entkleideten Bundesrat Berset keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte, keine Halbheiten. Sondern einen konstruktiven Vorschlag:

«Wir haben hier, auf diesen wenigen Quadrat­metern, hoch über der helvetischen Föderation, einen Raum geöffnet für diese, wie du es nennst und wie ich es genau so nennen würde, verbotene und unmoralische Situation. Wir haben Regeln ausgehebelt, die nie hätten ausgehebelt werden sollen. Aber dies ist nun einmal geschehen, und wie ich sagen muss, auf eine sehr angenehme und erregende Art und Weise, das lässt sich nicht rückgängig machen. Ich würde also zum Wohle des Volkes vorschlagen, dass wir den Raum für diesen Tabubruch hier oben auf der Kuppel behalten und sobald wir diesen Ort verlassen, wieder unsere gewohnten Rollen einnehmen.»

Jessica Jurassica: «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus».

Sie einigen sich darauf. Wonach das Kapitel in einem privateren Ton endet:

Melissa sah Alain direkt in die Augen: «Wenn alles erlaubt ist, dann will ich, dass (…) du mich fickst, wie ich noch nie gefickt wurde. Ich will deinen Schwanz in mir drin.» Und sie fügte an: «Herr Bundesrat.»

Jessica Jurassica: «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus».

Das Rezept für Anstand

Je genauer man den Roman liest, desto klarer wird, dass er im Kern eine moralische Botschaft enthält: eine leidenschaftliche Verteidigung der bürgerlichen Werte.

In der Tat lässt sich sogar fragen, ob es überhaupt ein pornografisches Werk ist. Zumindest, wenn man Papst Johannes Paul II. so interpretiert wie der Autor Mark Houck:

Pornografische Aufnahmen reduzieren die begehrte Person auf ihre Körper­teile. Es gibt keine Würde, wenn das Menschliche vom Menschen getrennt wird. Kurz gesagt: Das Problem an Porno­grafie ist nicht, dass zu viel von den Leuten gezeigt wird, sondern viel zu wenig.

Doch im Roman wird von Melissa Ferrari, Alain Berset (und teils von Daniel Koch) weit mehr gezeigt als nur der erregte Körper: Verantwortungs­bewusstsein, Umgangs­formen und – nicht zuletzt – ein fast unfehlbares Gefühl für Anstand.

Denn Bundesrat, Journalistin und Chef­beamter können sehr genau unterscheiden, was wo angebracht ist: Davor und danach reden sie höflich, konstruktiv und voller Respekt. Dazwischen ficken sie, als gäbe es kein Morgen.

Kurz: Sie zeigen klassisch bürgerliches Benehmen.

Denn das Bürgertum zeichnet sich durch Ablehnung von Authentizität aus. Man benimmt sich nicht jederzeit und überall gleich. Sondern hat eine Rolle zu spielen: im Geschäft eine andere als in der Familie, bei Freunden eine andere als bei Bekannten, in Gedanken eine andere als in der Öffentlichkeit.

Wer bürgerlich erzogen ist, weiss, dass bei der Zigarette danach ein anderer Ton gefragt ist als beim Beischlaf zuvor. Bürgerlicher Anstand besteht aus der Fähigkeit zur Unterscheidung.

Wirklich widerliche Dekadenz

Diese Unterscheidung wird zunehmend schwieriger.

Auf den ersten Blick etwa wirkt der Präsident des Verwaltungs­rates beim «Schweizer Monat», Georges Bindschedler, schlackenlos bürgerlich: Anzug­träger, graues Haar, ernste Miene, Klassiker­zitate. Und die Autorin Jessica Jurassica ist eine Vertreterin der Dekadenz: 27 Jahre alt, Tweets über Sex und Drogen, trägt in der Öffentlichkeit eine Sturm­maske, hat eine Recht­schreibung aus der Hölle.

Auf den zweiten Blick bestätigt sich der Eindruck: Georges Bindschedler bezeichnet sich bei jeder Gelegenheit als bürgerlich. Jessica Jurassica feiert die Dekadenz.

Keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte, keine Halbheiten.

Doch wenn man nicht die Oberfläche, sondern die Essenz betrachtet, ändert sich das Bild dramatisch: Jessica Jurassica, die preis­gekrönte Autorin, befolgt hinter ihrer Sturm­maske die alte bürgerliche Regel, dass man nicht mit seiner privaten Person in die Öffentlichkeit tritt, sondern eben in einer Rolle. Durch die sie sagen kann, was zu sagen ist – etwa durch einen Kurzroman.

Während Bindschedler in der NZZ zu Anfang der Corona-Krise im Namen von Augen­mass, Realismus und der nationalen Wirtschaft einen sofortigen Abbruch des Lockdown fordert. Und dabei Klassiker im Multi­pack zitiert: von Benjamin Franklins Evergreen «Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren» bis zu dem Aufruf: «Wollt ihr denn ewig leben? Diese Frage stellte Friedrich der Grosse im Jahre 1757 seinen Soldaten in der Schlacht von Kolin, als sie vor dem Feind wichen.»

Doch gerade die Klassiker­zitate sind in diesem Fall das Dekadente. Denn Bindschedler vermischt die Kategorien. Er fordert eine Massnahme, die, wenn er falsch liegt, den Tod Tausender Menschen bedeuten könnte. Und liefert als Belege Schiller, Hölderlin und Friedrich den Grossen – aber keine einzige Zahl und keinen einzigen für eine Pandemie kompetenten Experten.

Das ist liederlich und intellektuell verdorbener als eine Spalte Online­kommentare bei «20 Minuten».

Natürlich: Bindschedler ist nicht allein. Ihm zuvor forderte etwa der Ökonom Reiner Eichenberger eine «Durchseuchung» der Schweizer Bevölkerung. Ebenfalls ohne irgendwelche zusammenhängende Zahlen. In der Sendung «NZZ Standpunkte» gefragt, was passiere, wenn die Sache schiefliefe, sagte Eichenberger: «Ich hafte mit meiner Reputation.»

Auch das ist ein obszönes Verrutschen der Kategorien. Als wäre während einer Katastrophe die Entehrung eines Ökonomie­professors noch von irgendeiner Bedeutung. Hätte Eichenberger stumm seinen Reiner entblösst, wäre das ein ehren­werterer Beitrag zur Debatte gewesen.

Nun, beide Herren werden ihre Unanständig­keiten mit ihrer liberalen Grundhaltung und der Meinungs­freiheit begründen. Als würde zum Liberalismus nicht Verantwortung gehören. Und zur bürgerlichen Freiheit nicht auch die Fähigkeit, zu unterscheiden.

Sie und ähnlich gewickelte Herren sollten Jessica Jurassica in etwa das schreiben, was Alain Berset zu Melissa Ferrari sagte: «Pardon, das war unhöflich von mir. Vielleicht könnte ich von Ihnen etwas lernen?»

Denn sie kann, was sie nicht können.

Kitsch vs. Kunst

Der Grund, warum Herren wie Bindschedler oder Eichenberger überhaupt ernst genommen werden, ist, dass in der deutschen Sprache das Wort Kitsch viel zu eng gefasst ist: Man denkt automatisch an Sonnen­untergänge. Oder Bahnhof­romane. Dabei gibt es Kitsch nicht nur in Rosa.

Sondern auch in Schwarz. Wer finstre Urteile fällt, finstere Zeiten prophezeit, finstere Massnahmen fordert, gilt als Realist, weil der Mensch des Menschen Wolf ist. Egal, wie unfundiert sein Geschwafel ist.

So funktioniert der Kitsch der Härte.

Nicht zuletzt, sagte der Historiker Bregman im zitierten Republik-Interview, hat schwarzer Kitsch eine politische Funktion:

Auf einer tieferen Ebene (…) ist ein düsteres Menschen­bild ganz im Interesse der Mächtigen. Denn wenn wir einander nicht trauen können, brauchen wir sie, um uns zu kontrollieren. Weil sonst der Krieg aller gegen alle herrschen würde.

Interview mit Rutger Bregman in der Republik.

Weiter sagte er, dass schlechte Nachrichten durch die Verzerrung in Medien, Kunst und Unterhaltung massiv überschätzt werden. Obwohl, wenn man genau hinschaue, oft das Gute überwiege. Er fügt hinzu: «Das übrigens ist die einzige Chance, die das Gute hat: in der überwältigenden Mehrheit zu sein.»

Doch Bregman irrt. Das Gute hat noch eine zweite Chance – wenn es gut ist.

Jessica Jurassicas Bundeshaus-Bahnhof­roman hat das Befreiende, das mit Risiko hergestellte Kunst immer hat: Man fragt sich: «Darf die das? Sex mit einem Bundes­rat?» Und kommt darauf: «Fuck! Ja! Weil es gut ist.»

Nicht zuletzt deshalb, weil Jurassica Bregmans ästhetisches Problem der Langweile der Güte souverän gelöst hat.

Und deshalb sollte die Schweizerische Eidgenossenschaft allen 18-Jährigen beim Erreichen der Stimm­fähigkeit ein Exemplar dieses Romans über­reichen. Die neuen Staats­bürgerinnen würden zumindest nebenbei Höflichkeit, Professionalität, die Tugend der Klarheit und – wer weiss – die Tugend der Unterscheidung lernen.

Immerhin lesen würden sie diesen hochpolitischen, zutiefst moralischen Roman garantiert alle. Wegen der Sexszenen.

Zum Buch

Jessica Jurassica: «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus. Eine erotische Fan-Fiction». In der ersten Auflage waren noch die echten Namen von Alain Berset und Daniel Koch enthalten. Sie wurden in der zweiten Auflage auf Bitte der Bundes­kanzlei anonymisiert in André Beret beziehungs­weise Dimitri Schoch.

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