«Puddle Hunting», Pointe-Noire, 2020.

Ansichten aus Afrika

Die unvollständige Welt

Robert Nzaou-Kissolo macht mit seiner Fotografie Pfützen zu Poesie – und blickt hinter gebleichte Schönheitsideale. Teil 1.

Von Flurina Rothenberger (Text) und Robert Nzaou-Kissolo (Bilder), 08.08.2020

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Als Fotograf, Fotografin, musst du mit offenem Geist auf die Strasse, sagt Robert Nzaou-Kissolo. Du kannst weder das Licht noch die Bewegung der Menschen kontrollieren. «Man weiss nie, was man bekommt, aber man bekommt immer etwas.» Er dokumentiert mit seiner Kamera das tägliche Leben in den Strassen von Pointe-Noire, der Wirtschafts­metropole der Republik Kongo, auch genannt Kongo-Brazzaville oder schlicht Kongo, um die Unter­scheidung vom viel grösseren Nachbar­staat zu erleichtern, der Demokratischen Republik Kongo oder Kongo-Kinshasa.

Robert Nzaou-Kissolo ging lange jeden Morgen und späten Nachmittag auf die Strassen. Er legte Kilo­meter zurück und suchte nach diesen Momenten, wenn der Raum, die Farbe, das Licht und die menschliche Bewegung zu einer einzigen Erzählung verschmelzen. Sich an der Grenze zwischen Zufall und Komposition zu bewegen, ist eine anspruchs­volle fotografische Aufgabe. «Die Fotografie», sagt er, «hat mich gelehrt zu sehen, nicht nur zu schauen. Zu beobachten und geduldig zu sein.»

Weil die Strassenfotografie im Kongo ein ziemlich neues Genre ist, kommen weitere Heraus­forderungen dazu. Viele Passantinnen sind der Kamera gegenüber misstrauisch oder bleiben neugierig stehen, um zu beobachten, was Robert Nzaou da macht. Auch der Staat ist kritisch gegenüber jedem, der vielleicht Journalist sein könnte. Schon mehr als einmal musste Robert Nzaou, der mit einer grossen Kamera arbeitet, sich aus unangenehmen Situationen mit der Polizei befreien.

Weil er sich für die vielen kleinen Widersprüchlichkeiten in seiner Gesellschaft interessiert und den alltäglichen Lauf der Dinge zeigen will, stehen die Menschen im Zentrum seiner Bilder. Deshalb lässt er sich nicht davon abhalten, seine fotografischen Studien und Miniserien im öffentlichen Raum anzusiedeln. «Ich habe gelernt, für das, was ich tue, einzustehen. Es geht nicht darum, dass ich die Konfrontation suche, aber ich glaube wirklich, dass es meine Pflicht ist, unser Leben zu dokumentieren. Für uns selbst, für die nächste Generation – und damit uns Menschen ausserhalb des Kongos besser verstehen. Ich vertraue darauf, dass die Menschen diese Absicht erkennen, und sonst nehme ich mir die Zeit, es zu erklären.»

«Puddle Hunting», Pointe-Noire, 2017.

Die Beziehung von Robert Nzaou zur Hafen­stadt Pointe-Noire ist eine sehr persönliche. Auf diesen Strassen fand er nicht nur zu seiner Berufung als Künstler und Fotograf, er fand auch zurück nach Hause. Während des Bürger­krieges flieht er aus dem Kongo, um im südafrikanischen Kapstadt sein Marketing­studium fortzusetzen. Danach widmet er sich voll und ganz einer Karriere im Hip-Hop. Er bloggt und führt ein Aufnahme­studio, beginnt zu fotografieren. Nach zehn Jahren reist er zum ersten Mal zurück, der Besuch verändert sein Leben: Tag und Nacht zieht es ihn mit der Kamera in die Strassen von Pointe-Noire: «Plötzlich war ich nicht mehr losgelöst von den Geschichten, die ich zu erzählen versuchte. Es waren Themen, die auch meine eigene Familie betrafen.» Wenig später zieht er mit seiner südafrikanischen Frau und der gemeinsamen kleinen Tochter in den Kongo nach Pointe-Noire.

Seine Generation sei die erste, die alle Werkzeuge in der Hand habe, um selber zu entscheiden, wie Geschichten aus dem Kongo erzählt werden, sagt Robert Nzaou. Mit seinen umfänglichen Bild­serien drückt er aus, dass er es als Privileg empfindet, als Kongolese «an diesem Ort und in dieser Zeit zu leben, wo es so viel zu sagen und zu tun gibt».

Robert, du arbeitest gern mit Wasser­spiegelungen – etwas, was einem in den Arbeiten afrikanischer Fotografen nicht oft begegnet. Wie kamst du zu dieser Idee?
Der jung verstorbene Künstler Kiripi Katembo aus Kongo-Kinshasa machte dieses Motiv auch in einem afrikanischen Kontext bekannt. Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich seine Aufnahmen zum ersten Mal sah. Ich stellte den Rechner auf den Kopf und rief meine Frau, sie müsse sich das mal ansehen. Ich fand diese Bilder urkomisch und einfach umwerfend. Strassen­pfützen bedeuten im kongolesischen Kontext immer auch eine Ansammlung von Müll. Wir lebten damals noch in Südafrika, da sind die Pfützen ganz anders. Doch beim ersten grossen Regen nach meiner Rückkehr in den Kongo entdeckte ich auf dem Markt in Pointe-Noire eine solche Pfütze. In diesen Spiegelungen offenbart sich die Welt als unvollständig, das liebe ich. Die Bilder sorgen aber für genauso leidenschaftliche Reaktionen bei meinem Publikum in der Demokratischen Republik Kongo. Einige sind der Meinung, ich respektiere das Vermächtnis von Kiripi Katembo nicht. Solche Debatten gehören zur Beziehungs­kultur zwischen Kongo-Brazzaville und Kongo-Kinshasa, mit der Musik ist es dasselbe. Ein Mann schrieb mir kürzlich entrüstet, ich würde ihre Pfützen nachahmen. «Bruder», antwortete ich, «entspann dich mal. Meine Pfützen sind in meinem Kongo fotografiert. Ich habe diese Pfützen nicht inszeniert. Wenn die Pfütze in meiner Nachbarschaft so aussieht wie die in deiner, dann tut mir das leid!»

«Puddle Hunting», Pointe-Noire, 2019.

Du hast dich intensiv mit der Widersprüchlichkeit kongolesischer Schönheits­ideale befasst. Was führte dich zu Bild­serien wie «Salon de coiffure»?
Als Flüchtling passt man nie ganz zur Gesellschaft. Irgendwie gibt es immer irgendeine Eigenschaft, die uns von den anderen unterscheidet. Das lernte ich während meiner Zeit in Südafrika. Als ich in mein Heimatland Kongo-Brazzaville zurück­kehrte, fügte ich mich aber auch nicht so ganz in die Gesellschaft ein. Am häufigsten wurde ich wegen meines Haars gerügt, das ich als natürlichen Afro trage. Der Entschluss, diesem Thema nachzugehen, entwickelte sich letztlich aus den vielen Diskussionen, die ich mit meiner Nichte und meiner jüngeren Schwester führte. So fasziniert sie von künstlichen Haar­verlängerungen und Haut­aufhellern sind, so verärgert sind sie über die Beschaffenheit ihres Eigenhaars. Es ging mir nicht in den Kopf, wie man als Afrikanerin ausgerechnet dieses so bezeichnende, erstaunliche und wunder­schöne Merkmal verachten kann. Ich begann mich bei meinen fotografischen Streifzügen in der Stadt mehr zu achten. In bestimmten Vorstädten von Pointe-Noire trifft man alle hundert Meter auf einen Coiffeur- und Schönheits­salon. Sie bewerben ihre Dienst­leistungen mit hand­bemalten Tafeln am Strassen­rand, auf denen praktisch immer hellhäutige, glatthaarige Menschen abgebildet sind. Die meisten Passanten in den Strassen sehen aber ganz anders aus. Ich fragte nach bei den Malern. Sie antworteten, alle Kundinnen würden das wünschen und sie seien nicht geübt darin, dunkle Haut zu malen. Über die kommenden Monate machte ich unzählige Aufnahmen, ich untersuchte die Medien und führte verschiedene Gespräche. Was ich lernte, bestätigte die immer gleiche Erfahrung, die Frauen aller sozialen Klassen machen. Natürlich krauses Haar und dunkle Haut gehören nicht zum Schönheits­ideal. Letztlich untersuchte ich mit «Salon de coiffure», was die Kongolesen dazu gebracht hat, etwas zu begehren und zu erfinden, das eine Verneinung des Selbst ist. Es sind nicht länger die äusserlichen Merkmale unserer afrikanischen Herkunft, weshalb wir unsere Wertigkeit anzweifeln. Nun ist es etwas viel Subtileres, ein schleichender, wachsender Glaube, dass es vielleicht nicht ausreicht, so zu sein, wie wir sind.

«Salon de coiffure», Pointe-Noire, 2014.
«Salon de coiffure», Pointe-Noire, 2014.
«Dans ma rue», Brazzaville, 2017.
«Dans ma rue», Pointe-Noire, 2017.
«Salon de coiffure», Pointe-Noire, 2014.
«Dans ma rue», Pointe-Noire, 2018.
«Salon de coiffure», Pointe-Noire, 2018.
«Dans ma rue», Pointe-Noire, 2018.

Weil die Produkte zur Aufhellung der Haut schädlich sind, werden sie in immer mehr afrikanischen Ländern verboten. Hat sich auch in deinem Land etwas verändert?
In Kongo-Brazzaville gibt es in dieser Hinsicht keine Fortschritte, ich habe sogar das Gefühl, dass es jetzt schlimmer ist als vor vier Jahren, als ich mich dem Thema widmete. Ich fotografiere weiter sehr viel auf der Strasse und tue nichts anderes, als auf solche Dinge zu achten. Begegnet man jemandem, der nur sein Eigenhaar trägt, ist es garantiert jemand aus der Kunst­szene. Oder es sind minderjährige Schülerinnen einer öffentlichen Schule, denen es verboten ist, die Haut zu bleichen oder falsches Haar tragen. In so jungen Jahren sollte man sich auf den Unterricht und nicht auf die Schönheit konzentrieren – das steckt hinter dem Regierungs­erlass und nicht etwa eine Aufklärungs­absicht. Unser Staats­oberhaupt und auch seine Gattin bleichen ihre Haut, wie die meisten hochrangigen Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft.

«Salon de coiffure», Pointe-Noire, 2014.
«Dans ma rue», Brazzaville, 2017.
«Dans ma rue», Pointe-Noire, 2018.
«A la côte sauvage», Pointe-Noire, 2018.
«Puddle Hunting», Pointe-Noire, 2018.

Wie reagieren deine Landsleute auf deine Arbeit?
Die Fotografie ist wie andere Kunst­formen auch eine Sprache. Nicht jeder spricht sie, und nicht jeder versteht sie. Ich bekomme nicht so leicht Applaus von meinen eigenen Leuten. Nicht weil sie meine Arbeit nicht mögen, sondern weil sie nicht wissen, worauf ich damit hinauswill. Man muss den Menschen die Chance geben, Kunst zu verstehen, um sie schätzen zu können. Als Gesellschaft werden wir wenig ermutigt, uns mit künstlerischen und kulturellen Themen zu beschäftigen, deren Potenzial zur Wissens­produktion wird nicht gefördert. Zudem versuchen die meisten Menschen in Kongo-Brazzaville, täglich über die Runden zu kommen. Für sie ist es nicht so wichtig innezuhalten, zu hinter­fragen und zu beobachten, wie es für uns Künstler ist. Deshalb betrachte ich meine Arbeit auch als Erinnerung und Weckruf für meine Mitmenschen. «Wo hast du das fotografiert?», ist oft die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich meine Bilder zeige. Und wenn ich die Menschen dann auf eine Stelle gleich um die Ecke verweise, rufen sie aus: «Du bist ein Zauberer!» Ich lenke ihre Aufmerksamkeit auf etwas, was für sie so alltäglich ist, dass sie aufgehört haben, es zu beachten. Wenn ich ihnen erkläre, dass es einen Dialog zwischen allen Elementen in meinen Bildern gibt, und sie bitte, die Farbe, die Bewegung, das Licht und die Komposition zu betrachten, sehen sie plötzlich, wie alles zusammen­hängt. Sie verstehen die Bedeutung und die Botschaft, die sich aus diesen Verbindungen ergibt, und sind begeistert. Ah, das ist aber clever und sehr interessant, sagen sie dann.

«Madia ya bwala, Ntété», Pointe-Noire, 2018.
«Madia ya bwala, Ntundu», Pointe-Noire, 2018.
«Madia ya bwala, Nsombé», Pointe-Noire, 2018.

Der Austausch mit deinen Lands­leuten erweitert nicht nur ihre, sondern auch deine visuelle Rhetorik. Das zeigt sich sehr schön in der Serie «Madia ya bwala». Was für einen Ansatz verfolgst du in dieser Arbeit?
Eine Weile lang wurden alle meine Werke von Expats gekauft, während sich die Kongolesinnen etwas ratlos zeigten gegenüber meiner Bild­sprache. Mit «Madia ya bwala» wollte ich meine Leute abholen, und es hat funktioniert: Zum ersten Mal haben viele Kongolesen meine Arbeiten gekauft. Jeder in diesem Land kann sich damit identifizieren, was «Madia ya bwala» bedeutet: Es ist das naturbelassene Essen von zu Hause, das Essen, das wir lieben. Ntété, Ntundu, Nsombé, Saka saka, wir kennen es alle, sei es aus der Kindheit oder weil wir es auch heute noch essen. Es ist die Art Essen, die nicht in schicken Restaurants serviert oder in Super­märkten verkauft wird. Die wir lernen zu verschmähen im Übergang zu einer Esskultur, die von anderswo zu uns gebracht wurde. Was die Kongolesinnen an meiner Arbeit ansprach und faszinierte, war die Verbindung dieses bescheidenen und doch so emotional aufgeladenen Essens mit einer visuellen Hochwertigkeit. Einer Hoch­wertigkeit, die es rechtfertigte, dieses Essen zu rahmen und an die Wand zu hängen.

Zum Fotografen

Der Fotograf und Künstler Robert Nzaou-Kissolo, geboren 1976 in Nkayi, Republik Kongo, studierte während des Bürger­kriegs in seiner Heimat im südafrikanischen Kapstadt. Seine Arbeit erschien unter anderem in «Jeune Afrique», «Le Monde», RFI, «Le Temps», «African Digital Art» und «Afropunk». Er wird von der Pariser Galerie Art-Z vertreten und hat in Afrika, Europa und den USA ausgestellt. Nzaou-Kissolo lebt mit seiner Familie in Pointe-Noire.

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