Ausgestorben: Die Markthalle war einst einer der belebtesten Orte in Perus Hauptstadt Lima.

Warum Familie Tanta fast ruiniert ist –und Familie Sánchez Glück hatte

Peru und Kolumbien gelten als aufstrebende Staaten in Südamerika. Doch das Coronavirus legt die Unterschiede zwischen den beiden Ländern offen: Hier rettet das Gesundheits­system die Kranken – dort sind die Menschen auf sich alleine gestellt.

Eine Reportage von Hildegard Willer, Katharina Wojczenko (Text), Luisenrrique Becerra und Andrés BO (Bilder), 20.07.2020

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Olinda Tanta und ihre Schwester hieven mit vereinten Kräften die grüne, mannshohe Stahl­flasche über die Tür­schwelle und rollen sie hundert Meter die Strasse hinunter. Dort wartet das Taxi, um sie ins Hafen­viertel Callao zu fahren, wo sie Sauer­stoff kaufen wollen. Denn ohne Sauerstoff, das wissen sie, wird ihr Vater Eulogio an der Corona-Infektion sterben.

Johanna Sánchez versucht, nicht zu weinen. Auch ihr Vater ist schwer krank, er liegt im Nebenzimmer mit Covid-19. Sohn Nicolás ist im Erd­geschoss bei Oma und Tante. Er ist wütend. Mit anderthalb Jahren versteht er nicht, warum er seine Mama nicht mehr umarmen, sondern nur noch über diesen kleinen Bild­schirm sehen darf. Das Handy, das ihm seine Oma reicht, schiebt er weg und läuft heulend davon. Und Johanna Sánchez bricht es fast das Herz.

Die beiden Frauen – Olinda Tanta und Johanna Sánchez – leben fast 2000 Kilo­meter voneinander entfernt. Die eine in Lima, die andere in Bogotá. Doch sie teilen ein ähnliches Schicksal: Sie müssen ihre Angehörigen pflegen, während die Corona-Pandemie übers Land fegt, müssen ihre Familien durch­bringen, während sie selbst mit dem Corona­virus infiziert sind. Beide Frauen bringt dies an den Rand ihrer Kräfte – aber nur eine in eine existenzielle Notlage.

Denn Olinda Tanta und Johanna Sánchez leben in zwei Ländern, die zwar auf den ersten Blick eine ähnliche Geschichte haben, aber doch unterschiedlich funktionieren. Sowohl in Peru als auch in Kolumbien zerstört die Pandemie gerade so etwas wie einen Traum: Beide Länder glaubten, die Armut endlich abzuschütteln und an der Tür­schwelle zum Club der entwickelten Länder zu stehen. Stetiges Wachstum, offene Märkte, neue Hoch­häuser, Autos für jedermann und Shoppingmalls überall sind die Zeichen dieses Wandels, auf den viele Leute stolz sind – in Peru wie auch in Kolumbien.

Doch das Corona­virus offenbart mit aller Brutalität, auf welch wackligem Fundament die wirtschaftlichen Erfolge stehen. Denn die Pandemie schert sich nicht um die Anzahl verkaufter Offroader oder Plasma­fernseher – sie lässt sich nur dann besiegen, wenn ein Land genügend Krankenhaus­betten, Beatmungs­geräte, Sauerstoff­flaschen und Intensiv­mediziner für alle hat. Und da offenbaren sich zwischen Peru und Kolumbien entscheidende Gegensätze.

An den Geschichten von Olinda Tanta und Johanna Sánchez lassen sie sich aufzeigen.

1

Als sie die Haustür öffnet und ihr Vater Eulogio vor ihr steht, ist Olinda Tanta überrascht. Ihr Vater wohnt am anderen Ende von Lima, der Haupt­stadt von Peru. Dort hätte er auch bleiben sollen, wenn er den Anordnungen seines Präsidenten Folge geleistet hätte. Doch der 73-Jährige hat sich gelangweilt. Seit dreissig Jahren betreibt er als Schneider einen Strassen­stand in der Altstadt. Wegen des Corona­virus musste er ihn schliessen und zu Hause bleiben.

In der Quarantäne hielt es Eulogio nicht mehr aus: Er wollte unbedingt seine Töchter und seine Enkel­kinder für ein paar Tage besuchen. Seit März hat er sie nicht mehr gesehen. Alle vier Töchter leben zusammen mit ihrer Mutter und ihren eigenen Kindern in einem inzwischen drei­stöckigen Haus. Immer wenn ein Kind zur Welt kam, wurde ein Stock­werk draufgesetzt.

«Wenn eine Familie zusammen­hält, kann sie ihre Liebsten auch von Covid heilen»: Olinda Tanta, Lima.

Zur Feier seines Besuchs gibt es Kuchen. Es ist der 8. Juni. Zu dem Zeit­punkt befinden sich Perus 32 Millionen Einwohnerinnen schon seit drei Monaten im Lockdown. Das Haus dürfen sie nur für notwendige Einkäufe verlassen. Schulen, Universitäten, Flug­häfen, Fabriken, Einkaufs­zentren, Restaurants, alles ist geschlossen.

Am 15. März hatte Präsident Martín Vizcarra einen der ersten und strengsten Lockdowns Südamerikas erlassen. Ein Hilfs­paket in Höhe von 12 Prozent des Brutto­inland­produkts sollte denen helfen, die nun ohne Einkommen blieben. Die Regierung glaubte, sich das leisten zu können. Schliesslich hatte Peru in den vergangenen Jahr­zehnten gut gewirtschaftet, und die Staats­kassen waren gefüllt mit Einnahmen aus dem Rohstoff­boom.

Umfassende Ausgangssperre plus Hilfen für die Bedürftigen plus Aufrüstung des Gesundheits­wesens: Das geplante Programm von Präsident Vizcarra, um das Corona­virus in Schach zu halten, klang vernünftig. Auch für Olinda Tanta, die zweit­jüngste der vier Schwestern. Gerade hatte sie angefangen, in einem Handels­geschäft für medizinische Geräte zu arbeiten, als die staatliche Quarantäne ausgerufen wurde. Mit dem Job blieb auch das Gehalt aus. Wie die meisten Peruanerinnen glaubte auch Olinda, in ein paar Wochen wäre der ganze Spuk zu Ende.

Doch wider Erwarten schlägt das Virus im Muster­land besonders stark zu. über 300’000 Corona-Infizierte zählt Peru bislang. Und auch Olinda Tanta fällt an jenem Juni­nachmittag auf, dass ihr Vater ungewöhnlich müde ist.

2

Als Oberschwester im staatlichen Hospital Universitario de la Samaritana in Bogotá ist Johanna Sánchez verantwortlich für das gesamte Personal der Nacht­schicht. Als das Coronavirus nach Kolumbien kommt, ist sie 30 Jahre alt und hat in allen Abteilungen ihres Kranken­hauses in der Haupt­stadt gearbeitet. Sie weiss, wie man Intensiv­patienten versorgt, und sie hat sich fortgebildet: Schutz­kleidung, Abstand. Jedes Mal, wenn vom Gesundheits­ministerium neue Sicherheits­protokolle kommen, schult sie ihr Team.

Doch als ihr Vater José im Mai krank wird, verdrängt sie alles, was sie gelernt hat. Sie kann ihren eigenen Vater nicht wie einen Isolierten behandeln.

«Ich glaube, wir werden als bessere Menschen aus dieser Quarantäne hervor­gehen»: Johanna Sánchez mit Sohn Nicolás zu Hause in Bogotá.
Das staatliche Hospital Universitario de la Samaritana: Hier arbeitet Johanna Sánchez als Oberschwester.
Auf dem Marktplatz Corabastos betrieben die Eltern Sánchez seit Jahrzehnten einen Obststand. Der Platz galt als einer der grössten Infektionsherde in Bogotá.

Wahrscheinlich hat sich José Sánchez an seinem Stand in Corabastos angesteckt, dem grössten Markt in Bogotá. Mit seiner Frau verkauft – er dort Früchte: Lulos, Curubas, Tamarillo-Baumtomaten, Maracujas, Guaven, Limetten, Brombeeren, Erdbeeren. Etwa 80’000 Menschen gehen hier täglich ein und aus. Aus der ganzen Region kommen Last­wagen mit Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Getreide. Markt­arbeiter schleppen Kisten und Säcke durch enge Gänge, zwischen den Markt­hallen bieten Tage­löhner und fliegende Händlerinnen ihre Dienste und Waren an – auch in Pandemie-Zeiten.

Bürgermeisterin Claudia López hatte immer wieder betont, dass die Stadt keinen Versorgungs­engpass erleiden werde. Von der nationalen Quarantäne samt Arbeits­verbot, die in Kolumbien seit dem 24. März herrscht, blieben die Märkte deshalb ausgenommen. Und so fuhren José Sánchez und seine Frau Yamile weiter jede Nacht um halb zwei Uhr nach Corabastos und kehrten gegen Mittag mit einem der kleinen Busse zurück nach Hause.

Am kolumbianischen Mutter­tag, dem 10. Mai, klagt José Sánchez zum ersten Mal über Glieder­schmerzen. Zwei Tage später verkündet die Bürger­meisterin nach einer Sonder­sitzung, dass die Sicherheits­massnahmen in Corabastos verstärkt und die Tore geschlossen werden, sobald der Gross­markt zu einem Drittel voll ist. Im Arbeiter­stadtteil Kennedy, in dem sich der Markt befindet, haben sich besonders viele Menschen mit dem Virus infiziert.

Don José hat jetzt Fieber. Seine Tochter Johanna, die Gesundheits­expertin in der Familie, macht mit seiner Kranken­kasse einen Termin aus. Doch der Arzt der Kranken­kasse hält es nicht für nötig, Don José auf Corona zu testen.

Johanna Sánchez macht sich Sorgen, denn ihr Vater hat zum Fieber nun auch ständig Kopf­schmerzen. Er hat Schmerzen in der Brust und tut sich beim Atmen schwer. So bringt sie ihn in die Not­aufnahme ihres Kranken­hauses. Sie begleitet ihn bei den Unter­suchungen, spricht ihm Mut zu, reicht ihm die Wasser­flasche, wenn er durstig ist, nimmt seine Hand, wenn ihn Schüttel­frost überkommt, und richtet ihn auf, damit er die Suppe besser löffeln kann. Alles mit einem einfachen Mund­schutz aus Stoff.

Im Krankenhaus wird dem Vater Blut abgenommen und seine Lunge wird geröntgt. Eine Computer­tomografie zeigt Entzündungen in beiden Lungen­flügeln. Die Ärztinnen behalten ihn auf der Intensiv­station und sagen der Tochter, dass sie sich daheim vorsichts­halber isolieren solle. Am nächsten Tag hat Johanna Sánchez Gewissheit: Der Corona­test des Vaters ist positiv.

3

Drei Tage nach seiner Ankunft muss auch Olinda Tanta mit ihrem Vater in Lima zum Arzt. Eulogio hustet und kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Der Arzt meint, es sei bloss eine Lungen­entzündung. Doch die vier Töchter glauben das nicht. So packt Olindas Schwester Aurora den Vater in ein Taxi und fährt mit ihm in die Clínica Sanna, eine schicke Privat­klinik im Stadtteil San Borja. Dort bekäme man schneller einen Corona-Test, hatten ihr Freunde gesagt.

Es stimmt – doch die Behandlung hat ihren Preis. 1400 Soles, rund 380 Franken, muss sie bezahlen, damit ihr Vater an eine Sauerstoff­flasche angeschlossen, seine Lunge geröntgt und ihm der Abstrich genommen wird. Die Ärztin sagt, Eulogios Sauerstoff- und Blut­zucker­werte seien zu schlecht, er müsse im Kranken­haus bleiben. Dafür sind 40’000 Soles Anzahlung fällig, gut 10’000 Franken. Olindas Schwester traut ihren Ohren nicht. Das ist mehr, als sie das ganze Jahr über in der Schokoladen­fabrik verdient.

So hilft sie ihrem kranken Vater erneut in ein Taxi und fährt mit ihm zum staatlichen Spital Santa Rosa. Bett und Sauer­stoff gebe es nicht, wird ihr dort bescheinigt. Immerhin bekommt sie ein paar Medikamente in die Hand gedrückt. Zu Hause richten die Schwestern für ihren Vater ein Kranken­zimmer ein. Enkel Adrian wird zu seinem älteren Cousin einen Stock höher geschickt, sein Opa kurzer­hand ins Bett des 11-Jährigen gesteckt.

Kostenpunkt 80 Franken: das Bild einer Computertomografie, die Olinda Tanta von ihrem Vater Eulogio machen liess in einer Privatklinik. Anders wäre es nicht möglich gewesen.

Der sonst so gesprächige Eulogio redet jetzt kaum mehr. Aber etwas liegt ihm auf dem Herzen: «Ich will nicht ins Kranken­haus.» Denn dort sind bereits fünf seiner Cousins an Covid gestorben. Auch Tochter Olinda hat Schlimmes über die staatlichen Kranken­häuser gehört: Die Über-60-Jährigen würden im Spital gar nicht mehr behandelt. Drei Tage später kommt per Handy der Bescheid, dass Eulogio Tantas Test positiv ist. In seiner schönsten Block­schrift schreibt Enkel Carlitos ein Plakat und hängt es an die Tür: «Die Mitglieder dieser Familie müssen ihre Schuhe beim Betreten mit Chlor desinfizieren.» Und gross darunter: «Vereint werden wir das Virus besiegen.»

4

In Bogotá kommt José Sánchez auf die Intensiv­station. Er erhält Antibiotika. Das Pflege­personal bringt ihn in Bauch­lage und verabreicht ihm Sauerstoff. Einmal am Tag meldet sich die Ärztin bei Tochter Johanna. Zu ihrem Vater kann sie in dieser Zeit nur per Video­anruf sprechen. Der Vater wispert am dritten Tag so leise, dass sie ihn am Telefon kaum versteht. «Was, wenn das alles nicht hilft», denkt sie. «Wenn sein Körper das nicht aushält?»

Doch José erholt sich überraschend schnell. Nach zehn Tagen auf der Intensiv­station darf er nach Hause – bezahlen muss er nichts.

In Kolumbien hat ausgerechnet eine liberale Reform unter Begleitung der Weltbank dazu geführt, dass mehr Bürgerinnen kranken­versichert sind – heute sind es 96 Prozent. Mit der Gesundheits­reform von 1993 wurde der Grund­stein für ein System gelegt, das solidarische Elemente mit staatlich geregeltem Wettbewerb vereint. Angestellte zahlen seitdem automatisch zusammen mit ihrem Arbeit­geber einen prozentualen Anteil ins System ein (régimen contributivo).

Für Leute, die nach staatlicher Einstufung als arm gelten, zahlen Staat und Gemeinden eine Kopf­pauschale an die Versicherungen (régimen subsidiado). Diese Pauschale wird durch weitere Prämien ergänzt, zum Beispiel für Indigene oder Menschen, die in dünn besiedelten Gebieten leben. So verdienen die Kranken­kassen unter Umständen genauso viel mit «Sozial­fällen» wie mit den regulär Versicherten.

Drei Stunden Warten für das Notwendige: Anstehen vor einer Drogerie in Bogotá für die Medikamente, die von der Krankenkasse gegen Covid 19 verschrieben werden.

Seit einem Verfassungs­gerichts­urteil von 2009 müssten die Leistungen für Versicherte beider Beitrags­schemata theoretisch sogar exakt gleich sein. Das kommt die öffentliche Hand teuer zu stehen, weil der Anteil der staatlich Bezuschussten, die die Hälfte aller Versicherten ausmachen, weiter steigt. Ob das System auf die Länge finanzierbar ist, wird von manchen bezweifelt.

Doch das Gute ist: In Kolumbien wird niemand finanziell ruiniert, weil er eine medizinische Behandlung braucht. So kann es sein, dass Arme und reguläre Beitrags­zahler in derselben Privat­klinik versorgt werden. Und in Notfällen müssen kolumbianische Kranken­häuser alle Menschen behandeln – selbst die 4 Prozent der 50 Millionen Kolumbianerinnen ohne Versicherung. Das Geld holen sie sich vom Staat oder von der Kranken­versicherung zurück. Für Behandlungs­termine und Medikamente wird ein geringer, eher symbolischer Beitrag fällig (copago). Er dient vor allem dazu, dass Versicherte ihre gebuchten Termine nicht verfallen lassen.

Während der Corona-Krise hat sich gezeigt: Das kolumbianische System funktioniert im Grossen und Ganzen.

5

Anders als in Peru. Wenige Wochen nach Ausrufung des Notstands ist klar, dass die Spitäler dem Ansturm nicht gewachsen sind. Die Quarantäne greift nicht wie geplant. 70 Prozent der Menschen arbeiten informell und ohne soziale Absicherung: Viele leben von ihren Tages­einnahmen und können es sich nicht leisten, wochen­lang zu Hause zu bleiben. In Kolumbien sind es weniger als 50 Prozent.

Ausgerechnet die Hilfe­leistungen erweisen sich in Peru als Bumerang: Während diese in Kolumbien mithilfe von Apps, Überweisungen und bar in Banken und in Sofort-Geldtransfer-Büros verteilt werden, müssen sich die Peruaner die Hilfs­leistung persönlich am Bank­schalter abholen. In den Armen­vierteln stehen Menschen stunden­lang vor den wenigen Filialen Schlange – und stecken sich so mit dem Virus an.

Vor allem aber bringt das Corona­virus ans Licht, wie schlecht es um das peruanische Gesundheits­wesen steht. «Hier gibt es einen still­schweigenden Pakt, dass die staatlichen Spitäler nur für die Armen da sind, dass sie hässlich und schmutzig sind und nur das Allernötigste anbieten», sagt Camila Gianella, Sozial­psychologin der Katholischen Universität von Peru. Sie hat diverse Gesundheits­systeme in Latein­amerika untersucht. Jenes von Peru schneidet mit am schlechtesten ab. Staatliche Gesundheits­leistungen würden hier als Almosen verstanden – und Almosen könne man nicht als Recht einfordern.

Die Quittung für ein marodes Gesundheitssystem: Fast 400 Franken muss Olinda Tanta in der privaten Clínica Sanna bezahlen, damit ihr Vater untersucht wird.

Öffentliche Gesundheit als Armen­fürsorge: Das klingt nach 19. Jahr­hundert, nicht nach einem modernen Staat. Aber es kommt noch schlimmer. Das alte, nie reformierte Gesundheits­system trifft in Peru auf das neoliberale Gedanken­gut, das seit drei Jahr­zehnten das Land prägt. In den 1990er-Jahren privatisierte Präsident Alberto Fujimori auf Teufel komm raus. Fast alle Ärztinnen arbeiten seither sowohl in einem staatlichen Kranken­haus als auch in einer Privat­klinik. Das fördert die Korruption: Es ist gang und gäbe, dass der Arzt im staatlichen Kranken­haus seine Patientinnen zur Diagnostik in die private Klinik eine Strasse weiter­schickt – die ihm selbst oder einer Kollegin gehört.

«Die staatlichen Spitäler sind dafür da, dass die Ärzte ihr Hand­werk lernen – und die privaten, damit sie Geld verdienen», sagt Patricia García ernüchtert. Sie war von 2016 bis 2017 peruanische Gesundheits­ministerin und hat wie so viele ihrer Vorgänger vergeblich versucht, das System zu reformieren.

Die Gesundheits­industrie ist inzwischen ein lukratives Investitions­objekt für Konzerne geworden. Die Clínica Sanna, in der die Tanta-Schwestern ihren Vater zuerst unterbringen wollten, gehört einer der grossen Kranken­versicherungen. Und die wiederum ist Teil einer Holding, zu der der grösste Lebensmittel­produzent und eine der grössten Banken Perus gehören.

6

Familie Sánchez in Bogotá hat Glück – nicht nur mit dem Gesundheits­system, sondern auch privat: In ihrem zwei­geschossigen Haus in dem ruhigen Wohn­viertel Santa Isabel ist genügend Platz, es gibt mehrere Bade­zimmer. Die Familie lebt dort zu fünft.

Johanna isoliert sich die erste Woche mit ihrem Vater im ersten Stock. Sie hat als Einzige mit ihm Kontakt, bringt ihm das Essen, misst seine Temperatur und seinen Sauerstoff­gehalt. Bis sie ihr eigenes Test­ergebnis zurück­bekommt – positiv. «Mach dir keine Sorgen, Papa, von zehn Infizierten haben acht keine Symptome», sagt sie ihrem Vater, der sich Vorwürfe macht, sie angesteckt zu haben. «Ich werde zu den acht gehören.»

Zeichen gegen die Ansteckung: Die Becher bei der Familie Sánchez sind markiert.
Bloss niemanden mehr infizieren: Der Mundschutz gehört zum Alltag in Bogotá.
Der Quarantäneort für 30 Tage: José Sánchez im Elternschlafzimmer.

Ein Tisch im Flur markiert jetzt die Grenze. Auf ihn stellt die Mutter das Essen für Mann und Tochter – alles auf Einweg­geschirr, das nach Gebrauch in eigens beschriftete Müll­säcke geworfen wird. Alle tragen Mund­schutz. Vater José ist immer noch schwach. Er kann nicht schlafen, verbringt die Zeit mit Fernsehen, nimmt sechs Kilo ab.

Während­dessen erledigt die Mutter den Haushalt und hütet den kleinen Nicolás. Ihre Schwester besorgt die Einkäufe. Manchmal bringen Verwandte Lebens­mittel vorbei und stellen sie durch die Gitter­stäbe in den Hof. Aus dem Nichts tauchen Onkel auf: «Einer brachte Eier, der andere Schweine­fleisch, der dritte Hühnchen, der vierte Linsen, Bohnen, Reis, Öl, Milch, sogar Süsses für mein Baby», erzählt Johanna.

Trotz guter Gesundheits­versorgung wird es für die Familie eng. Johanna Sánchez hat den Lohn für die ersten beiden Mai­wochen noch bekommen, doch das restliche Kranken­tag­geld wird sie auch Mitte Juli noch nicht auf dem Konto haben. Ihre Eltern haben als Selbst­ständige überhaupt keine Absicherung. Zähe Telefonate und Mails mit der Kranken­kasse sind nötig, um einen Test für ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Sohn zu erhalten.

Als Johannas Mutter Hals­schmerzen bekommt, fährt sie kurzer­hand mit ihr in ihre Klinik. Vier Tage später ist klar: Auch die Mutter hat sich infiziert. Doch beide Frauen haben Glück: Bis auf ein bis zwei Tage, die sich wie eine heftige Grippe anfühlen, geht Covid-19 beschwerde­frei an ihnen vorüber.

7

«Oxígeno industrial y medicinal» steht in grossen Lettern über dem Haus in der Nähe des Flug­hafens von Lima: technischer und medizinischer Sauerstoff. Daneben lädt eine evangelische Freikirche zum Gottes­dienst, ein Haus weiter prangt das Schild eines Fitness­studios. Beide sind geschlossen. Nur vor dem Haus mit dem Sauerstoff­schild herrscht grosser Andrang: Rund hundert Menschen, alle mit Mund­schutz, stehen seit Stunden hier und warten. Sie alle haben Covid-Patienten zu Hause, die Sauerstoff brauchen.

Olinda Tanta hat ihre leere Sauerstoff­flasche aus dem Auto gehoben und an die Wand gelehnt, in eine Reihe mit anderen Flaschen. Der Sauerstoff ist für ihren Vater. Doch auch sie selbst ist geschwächt. Zusammen mit ihren drei Schwestern hat auch sie das Corona­virus erwischt.

Erfreulich: Die Symptome sind weniger stark als beim Vater. «Ich bekam Herz­rasen und meine Krampf­adern taten mir weh, keine Ahnung, was die mit Covid zu tun haben», sagt Olinda und lacht dabei schon wieder. Sie hätte sich auch nicht einfach ins Bett legen können. Denn jemand aus der Familie muss jeden Tag den Sauerstoff für den schwer­kranken Vater besorgen.

Keine einfache Aufgabe, Sauerstoff ist in Peru knapp. Und teuer: Zuerst mussten Olinda und ihre Schwestern umgerechnet rund 1000 Franken nur für die leere Flasche bezahlen. Dazu kommt das Honorar der Ärztin, die jeden zweiten Tag nach dem Vater schaut und den Schwestern gezeigt hat, wie der Sauerstoff angeschlossen und reguliert wird. Ein Covid-Patient mit grosser Atemnot verbraucht bis zu zwei Sauerstoff­flaschen am Tag. Das macht 80 Franken pro Tag – und über einen Zeitraum von zwei Wochen gut und gerne 1000 Franken. Das ist das Dreifache eines monatlichen Mindest­lohns in Peru.

Wenn die Pflege des Vater zum Fulltime-Job wird: Olinda und Eulogio Tanta auf dem Weg zum Röntgen …
… in einer Privatklinik, in der wenigstens die Versorgung funktioniert.
Geschäft mit der Not: Das Pulsmessgerät für ihren Vater hat Olinda Tanta für 150 Franken selbst gekauft. Zu einem drastisch überhöhten Preis, wie sie später feststellen musste.
Ohne Sauerstoff geht gar nichts: Seit 5 Uhr morgens hat Olinda Tanta gewartet, bis sie die lebensrettenden Flaschen für ihren Vater mitnehmen konnte.

Damit ihr Vater weiter Luft bekommt, müssen Olinda und ihre Schwestern einen Teil ihrer Alters­vorsorge auflösen und bei der Bank Schulden machen.

Sauerstoff gehört eigentlich zur Grund­versorgung eines Kranken­hauses. Doch in Peru sterben Corona-Patientinnen, weil sie das Gas nicht rechtzeitig oder nicht in genügender Menge bekommen. Durch die Corona-Pandemie ist die Nachfrage drei- bis fünfmal so hoch wie vorher. Bereits Ende April warnte die staatliche Ombuds­stelle davor, dass dem Land der Sauerstoff ausgehe. Grund dafür sei die fehlende staatliche Planung und die Tatsache, dass ein Kartell von zwei internationalen Firmen sich den Markt aufteilt. 80 Prozent des medizinischen Sauerstoffs für die staatlichen Spitäler werden von einem Unternehmen der ehemals deutschen Linde Group geliefert, 20 Prozent vom US-Konkurrenten Air Products. Beide Firmen stellen wesentlich mehr Sauerstoff für den industriellen Gebrauch her als für die Krankenhäuser.

Die peruanische Kartell­behörde Indecopi hat die beiden Unternehmen bereits vor sieben Jahren zu einer Strafe von umgerechnet 6 Millionen Franken verurteilt. Der Oberste Gerichtshof hat dieses Urteil erst im Juni 2020 endgültig bestätigt. Die peruanische Regierung hat zwar per Dekret verkündet, medizinischer Sauerstoff solle Vorrang vor industriellem haben. «Aber bis heute wissen wir nicht einmal, wie viel Sauerstoff die beiden grossen Firmen für die Industrie und wie viel für die Kranken­häuser produzieren», sagt Alicia Abanto von der staatlichen Ombuds­stelle. «Wir wissen auch nicht, zu welchem Preis sie den Sauerstoff verkaufen.»

8

In Kolumbien kämpfen die Sánchez’ zunehmend mit Lager­koller. Doch erst, wenn alle negativ getestet werden, wollen sie wieder aus dem Haus gehen.

Deshalb will Johanna Sánchez nun endlich wissen, ob neben ihrer Mutter noch jemand aus ihrer Familie infiziert ist. Aber die Kranken­kasse meldet sich nicht. Nach zehn Tagen hätten die Ergebnisse spätestens da sein müssen, teils sind schon zwanzig Tage vergangen. Und längst wären weitere Tests fällig. Nach Stunden in Warte­schleifen am Telefon legt sie Beschwerde bei der Aufsichts­behörde ein. Wenige Tage später erhält sie das Ergebnis, das angeblich schon wochen­lang vorlag: Ihr Sohn und ihre jüngere Schwester sind negativ; ihr Vater immer noch positiv.

Den Mundschutz legen die Sánchez daheim immer noch nicht ab. Aber Baby Nicolás hat endlich tagsüber seine Mama wieder – und lässt sie kaum mehr los. «Dieses Kerlchen war für uns alle der Antrieb, uns zusammen­zureissen und weiterzukämpfen», sagt Johanna Sánchez. Bis Mitte Juli hat nur sie die Bestätigung per Molekular­test, dass sie offiziell wieder gesund ist. Vater, Mutter und alle anderen Familien­mitglieder harren weiter im Ungewissen.

Zumindest wird die Familie wegen Corona nicht arm. Die Erkrankung hat sie nur 360’000 Pesos gekostet, gut 90 Franken: für das Antibiotikum, weil die Kranken­kasse es nach der Spital­entlassung zu spät bewilligte, da angeblich immer etwas im Antrag fehlte; für die Antikörper­tests der Eltern, die Johanna zusätzlich machen liess; und für das Puls­oxymeter zum Messen des Sauerstoffs im Blut von Vater José. Alles andere zahlt die Krankenkasse.

Endloses Gemeinschaftserlebnis: Familie Sánchez vor dem TV-Gerät, sehr viel bleibt nicht.
Immer die Ruhe bewahren: Johanna Sánchez ist als Krankenschwester diejenige, die ihr Zuhause zusammenhalten muss.
Ach, könnten wir bloss wieder alle zusammen hinaus! Der wehmütige Blick aus dem Fenster auf die Welt.

Auch den Sauerstoff: Kolumbiens Kranken­häuser haben besser vorgesorgt. Manche von ihnen produzieren das Gas selbst, und im Land gibt es zehn Fabriken, die alle in der Nähe von Gross­städten liegen. Das einzige Problem ist, den Sauerstoff in die abgelegenen Regionen zu bringen. Gas­tanks dürfen eigentlich aus Sicherheits­gründen nicht per Flugzeug transportiert werden – doch ohne Flugzeug kann etwa das entlegene Amazonas-Gebiet nicht erreicht werden.

9

Lateinamerika ist zu einem Hotspot der Pandemie geworden. In Peru ist die Infektions­kurve nach über drei Monaten Lockdown endlich abgeflacht. Der Stillstand war eine Katastrophe. Millionen haben ihre Arbeit verloren. Seit Juli ist deshalb wirtschaftliche Reaktivierung angesagt: Immer mehr Geschäfte und Betriebe haben wieder geöffnet; Reisen innerhalb des Landes sind möglich. Doch Epidemiologinnen befürchten, dass die wirtschaftliche Öffnung zu früh kommt und die Infektions­zahlen erneut ansteigen.

Trotz des besseren Gesundheits­systems hat Kolumbien bei der Toten- und Infizierten­statistik massiv aufgeholt. Die Spitze soll Ende August kommen. Vor allem an der Karibik­küste explodieren die Zahlen: Barranquilla, die Hauptstadt der Region Atlántico, hat das siebenmal so grosse Bogotá bei den Todes­zahlen fast eingeholt. Zusammen­sein mit Freunden und Familie ist gerade in der Karibik ein Teil des Alltags, der sich nur schwer unterdrücken lässt. Die zunehmende Öffnung der Wirtschaft im ganzen Land tut das Ihre.

«Autocuidate! Pass auf dich auf! Für dich, für deine Familie, für uns»: ein gelbes Warnschild auf dem Corabastos-Markt.
Auf dem richtigen Weg: In Kolumbien sind mittlerweile die grünen Biotonnen eingeführt. Auch wenn es noch Verbesserungs­potenzial gibt, der Wille ist da.

Die Pandemie hat am Selbstbild der beiden Länder gekratzt. Kolumbien und Peru sind doch nicht die zwei «Tiger­staaten», die Länder auf dem Weg zum wirtschaftlich erfolgreichen Industriestaat, die sie gerne sein würden.

Und sie hat die Stärken und Schwächen der beiden Länder offengelegt. Dabei schneidet Kolumbien mit seinem reformierten Gesundheits­system eindeutig besser ab. Doch wer sich nicht wie Johanna Sánchez gut im Versicherungs­dschungel auskennt und seine Rechte einfordern kann, bleibt womöglich auf der Strecke. Menschen in den abgelegenen Gebieten des Landes sowieso.

Peru hat als neoliberales Versuchs­labor die Quittung für die Versäumnisse der letzten drei Jahr­zehnte bekommen: ein solidarisches und gutes Gesundheits­wesen aufzubauen für alle Bürgerinnen, egal ob reich oder arm. Aus dieser abschreckenden Erfahrung könnten auch andere Länder etwas lernen. «Wenn wir die Chance jetzt nicht ergreifen und das System nicht ändern, dann haben wir verloren», sagt die Gesundheits­wissenschaftlerin Camila Gianella. «Irgendetwas Gutes muss doch aus diesem Unglück entstehen.»

10

Die Sonne dringt durch den Winter­nebel und scheint auf den kleinen Park vor dem Haus der Tantas. Vater, Tochter und Enkel­kind sitzen auf einer Bank. Im Haus versprüht während­dessen ein Desinfektor seine Chemikalien und tötet auch das letzte Virus ab. Eulogio Tanta ist über den Berg, ist fast schon wieder der Alte. Seine Töchter sind um mindestens 3000 Franken ärmer.

Das Bild einer hoffentlich schönen, virenfreien Zukunft: Das Haus von Familie Tanta wird desinfiziert, nachdem kein Mitglied mehr positiv getestet wurde.

Olinda, die fürs Kochen zuständig war, ist überzeugt, dass ihre andine Hausmanns­kost mit viel Quinoa, Kartoffeln und der Inka­nuss Sacha Inchi ihren Vater gesund gemacht hat. Sie hofft, dass sie bald wieder arbeiten kann. Ob das Virus auch etwas Gutes gehabt habe? Bedächtig sagt sie: «Wenn eine Familie zusammen­hält, kann sie ihre Liebsten auch von Covid heilen.»

Die Familien­mitglieder in den Arm nehmen – davon träumt auch Johanna Sánchez in Bogotá. Sie arbeitet seit kurzem wieder Nacht­schicht im Kranken­haus. Die Garage hat sie zur Sicherheits­schleuse mit Wasser­eimer, Seife und Desinfektions­mittel aufgerüstet, wo sie ihre Kleidung lässt und sich duscht, bevor sie ihre Familie begrüsst. Johanna will nicht das Risiko eingehen, auch noch ihre Schwester und ihren Sohn mit dem Corona­virus anzustecken. «Ich glaube, wir werden als bessere Menschen aus dieser Quarantäne hervor­gehen, uns nicht mehr wegen Blödsinn streiten und dankbarer sein für die Zeit, die wir miteinander verbringen dürfen.»

Zu den Autorinnen

Hildegard Willer (55) lebt und arbeitet seit 20 Jahren als freie Journalistin in Peru. Ihre Schwerpunkte sind Sozial- und Umweltthemen, die sie unter anderem in «Bild der Wissenschaft», «Natur», WOZ, NZZ und dem Portal der Infostelle Peru veröffentlicht hat. Sie hat Romanistik und katholische Theologie in Freiburg im Breisgau studiert und ist Journalismus-Dozentin an der Päpstlich-Katholischen Universität Peru in Lima.

Katharina Wojczenko (36) arbeitet als freie Journalistin in Kolumbien und in den Nachbarländern. Sie schreibt über den Friedensprozess, Menschenrechte, Umwelt- und Sozialthemen, Migration, Frauen und Gender, Kultur. Sie hat Theater-, Film- und Fernseh­wissenschaften sowie deutsch-französische Kultur­wissenschaften in Köln, Madrid und Paris studiert.

Die Recherche für diese Reportage wurde gefördert vom Recherchefonds Covid-19 der WPK – Die Wissenschaftsjournalisten.

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