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Ansteckende Zeiten

Abstand, Maske, Notrecht. Die Corona-Pandemie hat in wenigen Monaten Unmögliches alltäglich gemacht. Wie zum Teufel können sich Gesell­schaften so schnell ändern?

Von Marie-José Kolly, Constantin Seibt, Cinzia Venafro (Text) und Golden Cosmos (Illustration), 14.07.2020

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Die drei Küsschen, das vollgepackte Grossraum­büro, Veranstaltungen aller Art – alles Vergangen­heit. Statt­dessen Masken, Desinfektions­mittel, Konjunktur­spritzen, der Ruf nach Kontrolle von Behörden. Ein Häufchen Erb­information in einer Eiweiss­hülle hat den Alltag in einem Tempo verändert, das niemand für möglich gehalten hätte.

Das auch, weil man dachte, dass die Gewohn­heiten einer Gesell­schaft lang­lebiger als ihre Bauten sind. Doch auch das ist Vergangen­heit. Was also ist passiert? Wie hat sich die Gesell­schaft so schnell angepasst?

Bei offenen Fragen lohnt es sich, ins Blaue zu schiessen. Wir fragten fünf verschiedene Köpfe: den Psycho­analytiker Peter Schneider, die Epidemiologin Emma Hodcroft, den Ökonomen Urs Birchler, die Soziologie­professorin Katja Rost und den Werber David Schärer, den Kopf hinter der Kampagne des Bundes­amtes für Gesundheit (BAG).

Unsere Frage war: Wie verändert man die Gewohn­heiten einer Gesellschaft? (Und wenn das passiert: Wer tut das? Mit welchen Mitteln? Und warum klappt das? Aus Vernunft? Oder aus Angst? Oder ist alles nur Illusion, und es hat sich gar nicht so viel verändert?)

Hier finden Sie natürlich nicht die Antwort auf unsere Frage. Sondern fünf Antworten.

1. Allgemeine kognitive Entlastung

Individuelle Vernunft und epidemiologische Vernunft sind nicht deckungs­gleich. Ein Interview mit Peter Schneider, Psycho­analytiker und Satiriker.

Herr Schneider, der Mensch, heisst es, ist ein Gewohnheits­tier. Und dann ändert er seine Rituale nur wegen einer Pandemie?
Die Pandemie hat gezeigt, wie irritiert man ist, wenn Gewohn­heiten unter­brochen werden. Aber auch, dass wir innerhalb kürzester Zeit neue Gewohn­heiten entwickeln können.

Wozu braucht es überhaupt Gewohn­heiten? Zur Beruhigung?
Beruhigung ist nicht das Entscheidende. Die gibt es natürlich auch. So wie das immer selbe Schlaf­liedchen für das Kindchen. Gewohn­heiten entlasten uns vor allem kognitiv. Das kennen wir vom Auto­fahren: Am Anfang muss man noch über­legen, und entsprechend ruckartig fährt man. Es wird einfacher, je mehr es zur Gewohn­heit, also unbewusst wird. Entsprechend stockt man, wenn die Routine unter­brochen wird. Etwa, wenn man mit einem Miet­wagen fährt.

Wie ändert der Mensch seine Gewohn­heiten? Nach Einführung der Masken­pflicht trugen plötzlich alle eine. Sind wir Schafe?
Nein, wir sind keine Schafe! Aber wenn es darum geht, kollektiv neue Gewohn­heiten zu etablieren, dann muss das eben auch gemein­schaftlich geschehen. Es hilft nichts, an die Eigen­verantwortung zu appellieren und zu sagen, man soll individuell das Richtige tun. Es ist vor allem ihre Allgemein­gültigkeit, die eine Regel vernünftig macht. Der Strassen­verkehr bricht nicht zusammen, wenn jemand bei Rot über die Strasse läuft. Aber das Chaos bräche aus, wenn plötzlich Eigen­verantwortung das einzige Regulations­prinzip wäre.

Also Zwang!
Nein, der Zwangs­charakter von Regeln ist gar nicht so wichtig. Zentral ist der Allgemeinheits-Charakter. Die Gleichheit. Auf einsamen Land­strassen würde auch mal Links­verkehr funktionieren. Niemand würde gross merken, auf welcher Seite ich fahre. Aber spätestens im nächsten Dorf braucht es bereits Verallgemeinerung. Darum ist auch im tiefsten Jura Rechts­verkehr sinnvoll, weil das von der Über­legung entlastet, welche Regel gerade gilt.

Haben Sie persönlich eigentlich eine Maske getragen, bevor es Zwang wurde?
Ja, in Geschäften und im ÖV. In meiner Praxis halte ich auch ohne den Abstand.

War das ein Statement? Dass Sie das Virus ernster nehmen als andere?
Als die Neuansteckungen sehr abgeflacht sind, hatten alle so etwas wie einen individuellen imaginären Umgang mit dem Virus – auch mit einer imaginären Einschätzung, wie hoch ihr eigenes Risiko einer Ansteckung ist. Insofern war es im individuellen Fall nicht so unvernünftig, das Ganze lockerer zu nehmen. Die Unvernunft der Lockerung bestand darin, einem undefinierten Kollektiv die Verantwortung zu übertragen. Wenn ich in Zürich ohne Maske in den Club ging, war mein Risiko vermutlich eher klein. Weil die Kurve ja so flach war. Aber als epidemiologische Mass­nahme, damit die Kurve auch flach bleibt, ist es eben sinnvoll, wenn alle eine Maske tragen. Oder der Club gar nicht öffnet.

Das Bundesamt für Gesundheit sagte lange, Masken würden nichts nützen. Jetzt verordnen sie diese. Ist das ein Problem?
Wegen dieses Masken-Hin-und-Hers ist der Vertrauens­verlust sehr gross. Ich war in der SRF-«Arena» zu Corona vom 28. Februar. Damals sagte Daniel Koch (damals Delegierter des BAG für Covid-19; d. Red.), eine Masken­pflicht bringe nichts. Das hat mich damals zwar nicht wahnsinnig überzeugt, aber ich dachte, okay, vielleicht ist das so. Es gibt ja manch­mal auch kontra­intuitive Fakten. Jetzt hat sich Kochs Behauptung als falsch heraus­gestellt, und sie hat den nicht ganz unbegründeten Verdacht erweckt, man habe aufgrund des Masken­mangels damals einfach eine falsche Empfehlung abgegeben. Dazu hat man viel zu wenig informiert, wo Ansteckungen statt­gefunden haben – etwa durch Aerosole in Innen­räumen. Man hatte längere Zeit keine konkrete Vorstellung davon, wann es prekär wird. Das funktionierte bei Aids und HIV anders. Da hat man erfahren, dass die gemeinsame Kaffee­tasse harmlos ist, die gemeinsame Zahn­bürste keine gute Idee und ungeschützter Anal­verkehr richtig gefährlich. Allerdings hatte man damals auch viel mehr Zeit.

Wenn der Bundesrat von Anfang an gesagt hätte, Masken schützen, aber wir haben zu wenig, und die braucht zuerst das Gesundheits­personal: Wäre das klüger gewesen?
Auf jeden Fall. Man hätte auch die eigenen Unsicher­heiten genauer kommunizieren sollen. Haupt­sache, die Leute merken, dass man offen mit ihnen spricht und ihnen nichts vorenthält. Ganz am Anfang hiess es ja sogar, Masken seien schädlich.

Welche Rolle bei Verhaltens­änderungen spielt Vertrauen?
Die Empfehlung einer neuen Gewohnheit muss plausibel sein. Man muss die Einsicht erlangen, dass es halt allgemeine Mass­nahmen braucht, um allgemeine Ziele zu erreichen. Dann ändert der Mensch seine individuelle Routine. Dann akzeptiert man auch, dass eine unter fünf Mass­nahmen vielleicht nicht wasser­dicht ist. Es aber gescheiter ist, das ganze Paket zu verfolgen, als sich bei jedem Schritt zu überlegen, ob man jetzt besser dies oder das tut.

Warum sind denn Linke eher für Masken – und Rechte eher dagegen? Schliesslich warnt sonst meist die Rechte vor «Parasiten» – die den «Volks­körper» bedrohen.
Weil die Vernunft links ist? (lacht) Nein, es gibt auch links einen esoterischen Rand von Impf­gegnern und Masken­skeptikern. Aber es stimmt wohl, dass man mehr Leute in der SVP finden wird, die sagen, man lasse sich die Maske nicht aufzwingen. Es ist eine seltsame Inter­pretation von Gemein­sinn als Zwang. Auch Linke wollten ja mal aus dem Staat Gurken­salat machen. Man hat seit den Neunziger­jahren in der Linken aber gemerkt, dass die Rechten – wie Reagan und Thatcher – das viel besser können. Sie redeten nicht nur davon, sondern taten es auch. Sehr effizient, indem sie staatliche Institutionen privatisierten. Ihr Aufstieg war kein Marsch durch die Institutionen, sondern eine Art Kapern der Staats­organe. Die Linken kennen schon seit über zwanzig Jahren den Wert funktionierender staatlicher Institutionen, gerade für die Schwächeren. Zurzeit heisst es innerhalb der Rechten, der Main­stream sei links und man müsse das Selber­denken gegen die politische Korrekt­heit verteidigen. Was für Leute, die diesen Glauben nicht teilen, irritierend nach kindischem Trötzeln klingt.

Eine andere neue Gewohn­heit ist das Social Distancing. Was macht das mit uns?
Vor allem vieles einfacher. Wenn wir zwei uns für dieses Interview hätten treffen müssen, wäre es doch umständlich gewesen. Und ich sehe keine Einschränkung, weil wir uns per Zoom unterhalten. Okay, eine Wein­degustation wäre komplexer. (lacht) Und sicher, es gibt Leute, die darunter leiden, wenn die physische Nähe fehlt. Aber man darf jetzt nicht anthropologisieren, indem man sagt: Der Mensch, der ist halt so oder so. Es gibt kein anthropologisch fixes Mass, wie viel Nähe und Kontakt der Mensch braucht. Ich glaube eher, dass Corona uns gezeigt hat, wie flexibel wir sind.

Aber es wird eine Weile dauern, bis wir wieder drei Küsschen geben. Dabei war das fast Schweizer Kulturgut.
Ach. Am Anfang der Pandemie musste ich den Impuls unter­drücken, meinen Patienten die Hand zu geben. Jetzt müsste ich mich dazu überwinden. Und ich bin weit weniger erkältet, seit meine Patienten mir die Hand nicht mehr geben.

Sie sind ein Pragmatiker, oder?
Ein Radikal­pragmatiker ohne fixe Grund­sätze. Vor Corona habe ich bei asiatischen Touristinnen gedacht, die spinnen doch mit ihrer Maske. Ich habe mir so radikale Lungenliga­typen hinter der Gaze vorgestellt. Die Idee, dass man die Maske vor allem aus Höflich­keit trägt, um andere vor Ansteckungen zu schützen, ist erst mit Corona im Westen angekommen. Jedenfalls bei mir.

Wenn der Zwang wegfällt, wird hier doch niemand mehr Maske tragen.
Wenn künftig die traditionelle Grippe­welle kommt, werden vielleicht doch ein paar mehr Leute aus Rück­sicht auf die anderen die übrig gebliebenen Masken aus der Corona-Zeit überziehen. Aber ja: Ich glaube auch nicht an den Kultur­wandel zum japanischen Modell.

Blicken wir kurz in die Zukunft. Die zweite Corona-Welle rollt an, warnen Epidemiologinnen. Ist es nun einfacher, wirksame Massnahmen umzusetzen, weil wir mehr Wissen haben – oder schwieriger, weil wir der Pandemie müde sind?
Wohl eine Mischung aus beidem. Mit der Zeit wird sich eine Try-and-error-Vernunft einspielen. Man hat es in England gesehen mit den Pub-Öffnungen. Oder bei uns in den Clubs: Da zeigte sich die Corona-Müdigkeit: Der Wunsch nach Leichtig­keit spülte die kurz davor gewachsene Vernunft locker weg.

Warum das? Obwohl alle wissen, dass es keine gross­artige Idee ist?
Die individuelle aktuelle Bedrohung durch Corona ist nicht gross genug. Auf HIV stand lange Zeit die Todes­strafe, nach ungeschütztem Geschlechts­verkehr war man in Panik. Also etablierte sich die Konvention des Kondoms. Corona bedroht jüngere Leute nicht so drastisch – und es gibt noch genügend Spital­betten. Es gibt reale Gründe, das eigene Risiko als vertretbar zu betrachten. Epidemiologische Vernunft und individuelle Vernunft sind nicht deckungs­gleich. Darum braucht es Regeln, die für alle gelten, wie die Masken­pflicht. Die Masken dienen nicht so sehr dem individuellen Schutz, sondern der allgemeinen Prävention. Darum war es auch nicht so schlau, die Corona-Eindämmung unter dem Stich­wort Solidarität zu verkaufen. Solidarität nämlich ist individuell – und freiwillig, Mass­nahmen gegen eine Seuche dürfen exakt das nicht sein. Sie müssen lediglich verhältnis­mässig und sinnvoll sein.

2. Tut mir leid, das ist Mathematik

Wer bestimmt eigentlich in der Krise? Ein Gespräch mit Urs Birchler, Spiel­theoretiker und Professor für Ökonomie.

Herr Birchler, wie lassen sich die Gewohn­heiten einer Gesell­schaft verändern?
Erste approximative Antwort (These): überhaupt nicht. Zweite approximative Antwort (Antithese): Selbst­verständlich verändern sich mit der Zeit die Gewohn­heiten einer Gesellschaft. Dritte approximative Antwort (Synthese): Zwar kann man die Gewohn­heiten einer Gesell­schaft nicht einfach aktiv ändern, noch ändern sich diese rein passiv. Die Gewohn­heiten ändern, indem sich eine Mehrheit anders verhält.

Das heisst …
… die wirklich interessante Frage ist: Wer ist «man»?

Zu Beginn der Corona-Pandemie, als man schnell handeln musste, etwa der Bundesrat.
Der Bundesrat hat nicht schlecht kommuniziert. Jedenfalls bis Ende des Lockdown. Er hat aber nicht die Gesell­schaft verändert. Eher hat er wie ein guter König nur verordnet, was er auch durch­setzen konnte.

Nun ja, immerhin regierte er mit einer Art Notrecht.
Und trotzdem war das, was er beschloss, für die meisten nicht ein Zwang. Sondern eher eine Befreiung. Die Leute hatten Angst. Unsere Söhne beispiels­weise wollten nicht mehr zur Schule. Meine Studierenden waren froh, ein Block­seminar nicht im Hotel mit Zweier­zimmern, sondern am Computer absolvieren zu können. Der Bundes­rat ermöglichte den Leuten mit dem – im inter­nationalen Vergleich weichen – Lockdown, dass sie straflos tun konnten, was sie wollten, nämlich zu Hause bleiben. Das mit drei Mass­nahmen: Home­office, Home­schooling und Kurzarbeit. Diese ersparten den Leuten die Abwägung zwischen Gesund­heit und Job oder Gesund­heit und Schulpflicht.

Was heisst: Die Leute waren schon bereit für sämtliche Beschränkungen, noch bevor diese kamen.
Exakt. Nach meinem Eindruck mit grosser Mehrheit.

Nur warum? Der Lockdown war immerhin ein nie für möglich gehaltener Einschnitt in die persönliche Freiheit.
Wirklich? Es gibt ja nicht nur eine Freiheit zu, sondern auch eine Freiheit von. Der Lockdown hat viel Freiheit von Kontakt­zwang und von Angst geschaffen. Die Kehr­seite war die vorüber­gehend eingeschränkte Freiheit, sich beliebig zu bewegen.

Aber wie kamen die Leute dazu, einen Lockdown zu wollen?
Meines Erachtens kippte die Stimmung, als im «Club» auf SRF ein Epidemiologe sagte: «Das ist Mathematik. Tut mir leid.» Als die Schweiz diesen Satz hörte, hat sie verstanden. Mit der Mathematik kann man nicht verhandeln.

Das heisst: Zu Anfang der Krise war also nicht der Bundes­rat der wichtigste Akteur.
Nein, und schon gar nicht das BAG. Sondern die Epidemiologen. Was die Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Teil­disziplinen in den ersten Monaten geleistet haben, war eindrücklich. Sie haben sich freiwillig zusammen­getan, tonnen­weise Daten analysiert und sich neben ihrer normalen beruflichen Belastung mehr­mals pro Woche während Stunden an Telefon­konferenzen ausgetauscht – und das Ganze ausnahmslos gratis, aus Pflicht­gefühl und ausser­halb zivilisierter Bürozeiten.

Die Experten haben die öffentliche Meinung gekehrt? Und damit Bundes­rat und BAG zum Handeln gebracht?
Ja. Das Entscheidende war, dass alle im Land begriffen haben, was exponentielles Wachstum heisst – zumindest im Bauch. Vorher war das für die meisten im besten Fall halb vergessener Schul­stoff. Aber als die Leute es begriffen hatten, war die Sache klar. Auch, dass es keinen echten Gegensatz zwischen Gesund­heit und Wirt­schaft gab. Und dann hatten wir noch die Katastrophe in Italien vor der Tür. Auch wenn vor allem alte Leute bedroht waren – niemand wollte, dass das eigene Grosi mit dem Satz aus dem Spital geschickt wird: «Tut uns leid. Keine freien Betten.» Es gab nicht einmal grosse Kontroversen.

Ein paar doch.
Zugegeben, meine Zunft hat sich zum Teil blamiert. Die Ökonomen haben in der Krise ein zweifel­haftes Bild abgegeben, zum Beispiel mit simpel wider­legbaren Durchseuchungs­theorien. Aber eben, es gab auch kluge Papiere. Im Grunde hat die Corona-Krise in Wissen­schaft, Politik und Medien generell die Spreu vom Weizen getrennt, weltweit.

Sie sagten, die Mehrheit der Leute – nicht die Regierung – bestimmte die Agenda.
Der Bundesrat hat wirklich einen guten Job gemacht – bis zu den Lockerungen. Die aber kamen zu rasch und zu breit. Im Vergleich zu den trotz Zeit­druck gut über­legten Einschränkungen wirkten die Lockerungen konzeptlos, fast fahrlässig. Und auch zu diffus kommuniziert.

Vielleicht. Aber die Masken­pflicht spricht gegen Ihre These, dass eine Mehrheit handelt und nicht die Politik.
Wieso?

In der Woche vor ihrer Einführung waren 78 Prozent der Leute für eine Masken­pflicht im ÖV. Während vielleicht 5 Prozent eine trugen. Die Einsicht war da, die Eigen­verantwortung nicht.
Das ist für Ökonomen wenig überraschend. Eigen­verantwortung ist gegenüber Eigen­nutz eine schwache Kraft. Durch die Maske werden vor allem die anderen geschützt. Den Träger kostet die Maske Geld und Bequemlich­keit. Und oben­drein galt man als Angst­hase. Die Leute handelten also, individuell gesehen, nicht unvernünftig. Dies, obwohl alle es lieber gesehen hätten, dass alle eine Maske tragen.

Wenn 78 Prozent der Menschen einig sind – warum passiert dann nichts?
Ganz einfach: Es braucht Führung. Zwei oder drei Leute könnten sich unter­einander auf eine Massnahme einigen. Aber nicht acht Millionen. Da muss jemand wie bei der asiatischen Reise­gruppe mit dem Fähnchen voraus­gehen. Und sagen: Ladies, Gentlemen, ab jetzt tragen wir Maske!

Kurz: ein Job für den Bundes­rat. Die Politik diente quasi als Katalysator für eine gesättigte Lösung.
Genau. Dies zeigen auch Gegen­beispiele wie jene Staats­präsidenten, die sich grund­sätzlich ohne Maske zeigen.

Trotzdem war es gespenstisch. Am Freitag­abend sah man im Bus fast niemand mit Maske. Am Montag­morgen trugen sie alle. Sind wir obrigkeits­hörig oder Schafe?
Weder noch. Die Leute haben nur rational reagiert. Sie haben gemerkt: Jetzt lohnt es sich zu tun, was wir zuvor nur tun wollten.

Mich hat verblüfft, wie undramatisch das lief: ohne grosse Kontrollen oder Bussen. Die einzige Sanktion war, dass man nun in der Gegen­welt der Panzer­knacker lebt. Die Schurken sind plötzlich die ohne Maske.
Unterschätzen Sie nicht den sozialen Druck, der in der Schweiz aufgebaut werden kann. Ich würde mich ohne Maske in Grund und Boden schämen.

Wie läuft die Geschichte weiter? Contact-Tracing ist komplex, teuer und klappt in mehreren Kantonen noch gar nicht.
Das Contact-Tracing muss funktionieren. Zugegeben, es gibt technische und logistische Heraus­forderungen – aber letztlich ist es eine reine Willens­frage. Ich sehe mittel­fristig keinen anderen Weg. Egal, was es kostet. Denn das Virus wird nicht in ein paar Wochen verschwinden. Wir müssen es kontrollieren können. Für die Gesund­heit. Für die Volks­wirtschaft. Denn Wirtschaft und Epidemie­bekämpfung sind keine Gegensätze: Sie bedingen einander.

Aber irgendwann wird man müde.
Tut mir leid. Die Tatsachen bleiben die gleichen, egal wie Sie sich fühlen:
Das Virus ist da. Die Mathe­matik ist da. Dem müssen wir uns stellen.

3. Unsere einzige Frage war: Was ist effizient?

Was hat die Profis in der Pandemie überrascht? Ein Telefon­gespräch mit Emma Hodcroft, Epidemiologin an der Universität Basel.

Zwang, Angst, Appell an die Eigen­verantwortung – wie installiert man in einer Pandemie neue Gewohnheiten?
Ich denke, dass es besser ist, wenn die Leute frei­willig kooperieren. Wenn sie das Gefühl haben, sie seien Teil der Entscheidung. Wenn sie sich freier fühlen. Aber das bedingt, dass sie verstehen, weshalb sie es überhaupt tun sollten. Und dass genügend andere Leute dasselbe tun. Ideal sind Regeln, die nicht mit aller Härte durch­gesetzt werden müssen. Die Schweiz ist ein gutes Beispiel: Bereits vom ersten Tag an trugen, wie ich hörte, 95 Prozent im ÖV eine Maske. Obwohl es eine Pflicht war, haben sie die Leute gerne befolgt. Die Regierung musste nicht in jedem Bus stehen, um zu kontrollieren.

Wie lassen sich überhaupt kollektive Gewohn­heiten abschaffen, verändern, neu erfinden?
Wie man das Verhalten von Einzelnen für das Gemein­wohl verändert, ist eine schwierige Frage. Und für alle Betroffenen eine schwierige Sache. Der Klima­wandel ist ein klassisches Beispiel. Deshalb, weil es sich um das Ziel der gesamten Gesell­schaft handelt, aber die nötigen Veränderungen für den Einzelnen oft alles andere als bequem oder profitabel sind.

Fällt es einzelnen Menschen oder Gruppen leichter, neue Gewohn­heiten anzunehmen?
Was mich bei der Pandemie überraschte, war ihre Politisierung – etwa bei der Maske. Als Wissenschaftlerin denke ich darüber nach, wie effizient Masken sind: Bringen sie etwas – und wenn ja, wem, wo und wie? Anfangs war das auch die Debatte in der Öffentlich­keit. Aber dann rutschte sie plötzlich ins Politische, besonders in den USA. Als Epidemiologin war ich erstaunt – vielleicht war das naiv von mir. Ich dachte: Wir können darüber sprechen, wie effizient Masken drinnen sind, wie effizient draussen, all diese Sachen. Aber wie sich zeigte, kann eine Maske auch ein Symbol für die politischen Über­zeugungen sein – quasi ein Partei­abzeichen. Das Wir-sind-keine-Marionetten-des-Staates-Argument hatte ich auf der Rechnung. Doch es wurde an einigen Orten zu einem realen Hindernis für die öffentliche Gesund­heit. Das ist ein Problem, das Epidemiologen zu wenig vorher­gesehen haben. Zumindest ich nicht.

Ebenfalls überraschte mich, wie unter­schiedlich Leute die Epidemie beurteilen, je nachdem, wie stark ihre Region betroffen war. In der Romandie waren die Infektions­zahlen und Todes­fälle pro 1000 Einwohner höher als in der Deutsch­schweiz. Dadurch entstanden unterschied­liche Ansichten, wie schnell der Shutdown gelockert werden soll. Dort, wo die Leute nicht so hart betroffen waren, forderten weit mehr Leute eine schnelle Öffnung, während die Kommentare in der Romandie meist lauteten: «Ihr nehmt das nicht ernst genug.» Wir müssen aufpassen, dass die Differenzen zwischen den Regionen nicht zu gross werden. Wie etwa in den USA, zwischen dem vergleichs­weise verschonten mittleren Westen und der Küste. So eine Kluft ist politisch schwer zu überwinden. Sehr wichtig dafür ist, dass man den Leuten klarmacht: Orte, die von der Pandemie nur wenig getroffen wurden, wurden vermutlich gerade wegen der Mass­nahmen verschont, die die Leute nicht wollten. Und dass die Strategie ist, dass das auch so bleibt. Das ist ein Paradox, das es zu über­winden gilt: Wenn die Sachen funktionieren, denken die Leute, das Virus sei gar nicht vorhanden.

Welche Massnahme ist am schwierigsten einzuführen – Maske, Social Distancing, Händewaschen?
Ich fürchte, das können wir aus epidemiologischer Perspektive nicht präzis beantworten. Wir schauen uns einfach an, was effizienter ist.

Okay. Welche der genannten Massnahmen ist die effizienteste?
Tut mir leid, auch darauf gibt es keine klare Antwort. Es sind alles kleine Dinge. Und es ist völlig klar, dass nicht jeder und jede sie jedes Mal befolgt. Aber in der Summe behindern sie auf unterschied­liche Art die Chancen des Virus auf Verbreitung. Das Paket ist die Bedingung für Erfolg.

Wie wichtig für Verhaltens­änderungen ist es, dass die Leute die Massnahmen verstehen?
Schon wieder eine Frage, die wir als Epidemiologen nicht unter­suchen. Aber ich denke aufgrund persönlicher Erfahrungen, dass es eine entscheidende Rolle spielt. Es macht einen Unter­schied, wie geduldig das Warum erklärt wird. Etwa auf Twitter: Wenn jemand eine kritische Frage stellt und Sie ruhig antworten, ohne Politik und Polemik, ist die Reaktion weit positiver. Hier glaube ich, können wir noch besser werden. Wenn Menschen das Gefühl haben, etwas sei wider­sprüchlich oder unverständlich, wird es für sie schwierig, es für sinnvoll zu halten. Gute Kommunikation entscheidet.

4. Wir alle fahren auf Sicht

Wie sah die Corona-Kampagne des BAG von der anderen Seite aus? Also für die, die sie machten? Hier ein kurzer Rückblick von David Schärer, Gründer der Werbeagentur Rod.

Der Anruf des BAG kam am Tag der Abdankung meines Vaters.

Das Bundesamt gab den Agenturen nur eine Woche Zeit für den Pitch. Und es verlangte einen Memory-Stick mit gebrauchs­fertigen Druckvorlagen.

Damals war das Virus noch in Wuhan aktiv und verbreitete sich langsam in der Lombardei.

Uns war sofort klar: Wir müssen Kapazitäten freiräumen. Wenn das BAG eine Kampagne mit derartig wahn­sinnigem Tempo vorantrieb, musste es etwas wahn­sinnig Bedeutendes sein.

Wir arbeiteten mit Szenarien. Ein Motiv, das wir eigentlich nur der Vollständig­keit halber in die Präsentation packten, zeigte ein rotes Absperr­band und den Text: «Bleiben Sie zu Hause. Retten Sie Leben.»

Wir schämten uns fast, es zu zeigen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es drei Wochen später im ganzen Land hängen würde.

Die wichtigste Vorgabe vom BAG war: Pikto­gramme mit einfachen Handlungs­anweisungen. Das gleiche Konzept wie für die Schweine­grippe 2009.

Wir überlegten, wie wir die zentralen Anweisungen rüber­bringen: Hände waschen. In die Arm­beuge niesen. Bei Symptomen zu Hause bleiben.

Wir probierten verschiedene Routen: zum Beispiel drei Eidgenossen, die auf die drei Hygiene­regeln schworen. Doch das war zu werberisch. Der Stil musste nach offizieller Information aussehen, dringlich, aber auch nach: keine Panik.

Wir entschieden uns für eine schematische Darstellung – wie ein Architektur­konzept. Und für wenig Pathos. Wir verwarfen: «So schützen wir die Schweiz.» Und entschieden uns stattdessen für: «So schützen wir uns.» Das klang persönlicher und mehr nach Solidarität.

Wir versuchten, alles so offiziell wie möglich zu machen. Sobald die Plakate in einem Design­museum hätten hängen können, wären sie unbrauchbar gewesen.

Auch die Farben wählten wir so, dass man sie selber ausdrucken konnte. Mit einem herkömmlichen Drucker. Die Leute sollten alles auch selber verbreiten können.

Am Tag der Präsentation kam Daniel Koch hinein mit der Nachricht: der erste Fall in der Schweiz.

Das BAG hatte vier Agenturen angefragt, zwei lehnten dankend ab, die dritte zog sich nach dem Briefing zurück. Keine Ahnung, warum. So einen Job macht man nur einmal im Leben.

Nach der Präsentation ging es sofort los: mit Flyern für das Tessin. Mit ganz­seitigen, gelben Print­anzeigen in den Zeitungen am Samstag.

Danach konnten wir die Vorlagen in den Papier­korb werfen. Am Montag kam schon die Eskalations­stufe Rot. Die Phase Gelb hatte nur genau vier Tage gedauert.

Am 5. März benutzte Bundes­rat Berset in der täglichen Presse­konferenz einen Begriff, den davor niemand kannte: Social Distancing.

Zehn Tage später folgte das für alle kurz zuvor Undenkbare: der Shutdown. Das Bleiben-Sie-zu-Hause-Plakat hing plötzlich überall. Für uns begann der Abschnitt der Kampagne, die wir «Der Kampf gegen das gute Wetter» tauften. Mit Show­down an Ostern. Nach einer Woche schalteten wir Spots mit dem Appell an Solidarität. Schon wenig später war das nicht mehr die richtige Botschaft. Sondern der Appell gegen die Müdigkeit: «Jetzt nicht nachlassen!»

In meinem Beruf hatte ich so etwas noch nie erlebt: Botschaften in Echtzeit. Die Ausnahme als Dauer­zustand. Und als grösste Spezialität von allen: aktive Aufmerksamkeit.

Normalerweise ist unser Job, die Seh­gewohnheiten zu verletzen, damit die Leute hinsehen. Doch das war das kleinste Problem. An der Bundesrats-PK zur ausser­ordentlichen Lage hatte man das Gefühl, das ganze Land sitze vor den Bildschirmen.

Ich denke, die täglichen Presse­konferenzen haben Vertrauen geschaffen. Sie nahmen schnell liturgische Ausprägung an. Täglich dieselben Fragen. Täglich dieselben Antworten.

Die Wirkung hat das BAG permanent mit Umfragen getestet. Das Resultat war erstaunlich. Anfang März kannten schon über 90 Prozent die Verhaltens- und Hygieneregeln.

Ob irgendjemand irgendwas klüger hätte machen können: Ich weiss es nicht. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzu­denken. Und als Agentur vertraut man auf die Expertinnen.

Hat das BAG Masken anfangs deshalb für unwirksam erklärt, weil wir zu wenig hatten? Ich weiss es nicht. Grund­sätzlich gilt für die ganze Corona-Zeit: Wir alle fahren auf Sicht.

Es gibt keine verlässlichen Prognosen: Niemand weiss, was in der nächsten Woche passiert. Und das bis heute nicht. Alles hängt von der Entwicklung der Fallzahlen ab.

Die wirklich schwierige Arbeit hat erst begonnen: nach den Lockerungen, in den Phasen Pink, dann Blau. Die Lage ist entspannter, die Massnahmen weniger radikal – aber das Virus ist noch da. Und wir müssen komplexere Methoden erklären: etwa Contact-Tracing.

Die Lockerungen bedeuten, dass die Entscheidungen für alle schwieriger werden: Homeoffice ja oder nein, welche Veranstaltungen sind zu verantworten, welches Risiko gehen wir ein – privat wie als Kollektiv. Und die Zeit der täglichen Presse­konferenzen ist längst Geschichte. Wir müssen wieder um Aufmerksam­keit kämpfen.

Das, was mich am meisten überrascht hat: Wie Leute über sich hinaus­gewachsen sind. Und wer das war. Ich glaube, die Theorie stimmt, dass die Krise aus zuvor unauffälligen Menschen das Beste herausholt.

Okay: Man soll die Krise nicht verklären. Aber es ist kein Zufall, dass aus dem Silicon Valley, wo – wie immer behauptet wird – die smartesten Lösungen gefunden werden, kaum Impulse kamen. Dass Populisten keine Ideen haben. Und dass dort, wo autoritäre Politiker an der Macht waren, ein Chaos angerichtet wurde.

Denn eine Pandemie ist eine Krise, die nicht durch starke Männer gelöst wird. Oder durch starke Worte. Oder auch starke Werbung. Sondern durch eine starke Gesell­schaft. Durch das Verhalten der ganzen Bevölkerung.

Es ist nicht die Stunde der Schrei­hälse. Die Umfragen mitten in der Krise zeigten nicht nur das Vertrauen in den Bundes­rat. Sondern generell in die Institutionen. Etwa die Wissen­schaft. Auch in die, die in normalen Zeiten dauernd kritisiert werden: die Ämter. Die Medien. Und sogar die Banken.

Das war meine grösste Erkenntnis: Wie solid das Land gebaut ist. Die Schweiz ist enorm resilient.

5. Soziologie in sieben Lektionen

Wie funktionieren Normen? Wie Sanktionen? Und verändert die Krise die Gesell­schaft? Ein Ultrakurz-Seminar mit Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich.

1. Wozu soziale Normen?
Soziale Normen brauchen wir, um allgemeine Verhaltens­regeln für eine Gesell­schaft aufzustellen. Damit möglichst wenige Kosten für die Allgemein­heit anfallen. Aktuell etwa, damit wir zum Wohl aller ein Virus eindämmen können.

2. Wozu Sanktionen?
Weil sich jeder am nächsten ist, braucht es Sanktions­möglichkeiten. Die Strafen sind aber im Alltag oft nicht irgend­welche Gesetze und Bussen. Die meisten funktionieren viel subtiler. Wir räuspern uns, damit jemand leiser ist. Oder rümpfen die Nase, wenn jemand unpassend angezogen ist. Es sind kleine Signale, damit wir wissen: Am Apéro verzichte ich auf zerrissene Jeans, sondern komme wie alle anderen.

Typisch in der Schweiz sind diese Zettelchen, über die Nachbarn kommunizieren. Die sind wirklich schlimm. Härteste soziale Kontrolle, damit der Wasch­plan eingehalten wird. Irgend­wann muss sie nicht mehr ausgesprochen werden. Nach den Zettelchen läuft alles wie geschmiert.

Das Motiv der Zettelchen­schreibenden ist gleichzeitig Egoismus und Gemeinsinn. Sie sorgen erstens dafür, dass Kollektiv­güter aufrecht­erhalten werden. Und zweitens für möglichst wenige negative Externalitäten, wie wir das in der Soziologie nennen. Also Kosten für mich, für die ich nichts kann. Wenn jemand im Zug keine Maske trägt, schadet er mir. Deswegen habe ich auch das Recht, mich einzumischen.

3. Wozu Verordnungen?
Der Mensch braucht klare Regeln. Je verbindlicher diese sind, umso stärker arbeitet dann die soziale Sanktion – weil man per Staat dazu legitimiert wurde. Gleichzeitig trägt keine gerne selbst Sanktionen.

Sie werden wahrscheinlich nichts sagen, wenn jemand im Zug keine Maske trägt – sondern es sich nur denken. Warum sagen sie es nicht? Weil die Wahrscheinlich­keit hoch ist, dass daraus eine unangenehme Situation entsteht. Die Regel aber macht, dass Sie legitimiert sind, die SBB darauf hinzuweisen. Und das wissen die Regel­brecher auch: Sie sehen voraus, dass man sich straf­bar macht und jemand sie anschwärzen darf. Das wollen wir nicht. Darum tragen bei Pflicht plötzlich alle Maske.

4. Wann scheitert Eigenverantwortung?
Jedem ist intuitiv klar, dass Masken­tragen sich nur dann lohnt, wenn es alle tun. Dann sind nicht nur andere geschützt, sondern auch ich. In der Soziologie nennen wir das ein klassisches Kollektivgut­problem. Und eben dieses Kollektivgut­problem hat der Bund lang völlig verkannt. Dieses über­windet man nur, indem eine Autorität sagt: So wirds gemacht. Ansonsten gibts Sanktionen.

In der Soziologie nennen wir es auch Problem öffentlicher Güter. Das bedeutet, dass jede am öffentlichen Gut partizipieren möchte – aber keiner etwas dazu beitragen möchte. Wir alle wollen gesund bleiben, aber keiner die Kosten tragen. Die Corona-Massnahmen sind aber eine sogenannte Gering­kosten-Situation. Im Gegen­satz zur Umwelt. Die zu retten, heisst überspitzt gesagt: Nicht mehr in den Urlaub zu fliegen. Die Corona-Kosten wie Maske, Abstand oder abgesagte Gross­veranstaltungen sind für uns einfach zu tragen, wenn andere es auch tun. Sobald aber jemand als Trittbrett­fahrer ausschert, fällt das Kollektiv­gut zusammen. Im Stil von: Wenn die andere es nicht tut, muss ich auch nicht mehr.

5. Ändert unsere Gesellschaft gerade ihre Normen?
Ich würde es nicht über­interpretieren. Damit Gesell­schaften wirklich anders werden, braucht es grosse Krisen über längere Zeit – rund eine Generation. Beobachtet haben wir es beim Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die Corona-Krise dauert aller Voraussicht nach zu kurz, um die Fundamente unserer Gesell­schaft zu ändern. Wahrscheinlich verändern wir uns nicht einmal kurzfristig. Das Problem ist, dass wir uns nach dem Ende der ersten Welle wieder bereits vorsichtig von unseren Routinen lösen können. Wir denken: Ach, jetzt sind die Zahlen ja nicht mehr so hoch. Dann gibt man halt doch wieder drei Küsschen.

6. Warum ist Veränderung so unwahrscheinlich?
Routine gehört zum Alltags­wissen. Wenn wir uns gut benehmen wollen, sind eben drei Küsschen unser Begrüssungs­ritual. Ich hab grad vorher ein paar Jugendliche beobachtet. Sie machten den Corona-Gruss mit dem Ellen­bogen – ist ja ganz cool – und umarmten sich dann. Das zeigt: Corona verändert zwar Rituale – aber man fällt auch sofort wieder in die alten zurück. Routine ist ein Koordinations­mechanismus. Gerade Begrüssungs­rituale sind von Ort zu Ort unter­schiedlich. Hier sind es drei Küsschen, in Österreich zwei, und dort, wo ich herkomme, ist das Küssen von Fremden ein Skandal. Rituale sind dadurch auch Heimat. Zudem hat Gewohn­heit mit Status zu tun. Durch sie demonstriere ich, dass ich die Werte meiner Gruppe anerkenne.

7. Was tun?
Kant sagt: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Es geht darum, dass wir eine Lösung finden, die allen nützt – und nicht nur mir. Wir müssen zugunsten des Kollektivs zurück­stecken. Wie eben beim Tragen der Maske. Es geht darum, dass wir alle nicht noch einen Lockdown wollen. Da muss man halt in den sauren Apfel beissen. Dafür braucht es aber moralisches Denken und Handeln. Was schwer ist, weil wir unsere eigene Moral über alles stellen. Kant sagt: Klar, jeder hat seine eigene Moral. Aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

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