Der, der du niemals sein wirst

Privilegien

Die ADHS-Kolumne, Folge 8 – Die wichtigste Entscheidung, die Sie im Leben treffen, ist die erste: wo, wann und von wem Sie geboren werden.

Von Constantin Seibt, 25.06.2020

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Als ich von der «Wochen­zeitung» zum «Tages-Anzeiger» wechselte, verhandelte ich zum ersten Mal in meinem Leben gut. Genauer gesagt, ich verhandelte zum ersten Mal in meinem Leben.

Die Folge war, dass mein Gehalt sich verdreifachte. Ich war stolz darauf, es in eine respektable Liga gebracht zu haben. Und als ich einen Link zu einer Seite fand, auf der man sein Einkommen mit dem der Welt­bevölkerung vergleichen konnte, klickte ich darauf.

Ich tippte mein Gehalt ein und las: «Sie verdienen mehr als 99 Prozent der Weltbevölkerung.»

«Hey!», dachte ich.

Dann tippte ich mein erbärmliches Gehalt von vorher ein. Und las: «Sie verdienen mehr als 99 Prozent der Weltbevölkerung.»

«Oh!», dachte ich.

Ihre wichtigste Entscheidung

Die wichtigste Entscheidung im Leben ist die erste: wo, wann und von wem Sie geboren werden.

Ich kam 1966 zur Welt, zwei Wochen zu früh, in Frankfurt am Main, am Fasnachts­sonntag um Punkt 14 Uhr, weil ein unerfahrener Arzt meiner ungeduldigen Mutter sagte, falls die Wehen ausblieben, sollte sie doch einmal energisch pressen. Sie tat es, leider zu energisch. Ich rutschte sofort in den Geburts­kanal, meine Mutter musste ohne Wehen weiter pressen, der Arzt konnte keine Sekunde mehr weg, um Verstärkung zu rufen.

Als die Schwestern aus der Mittags­pause kamen, waren sie entsetzt, meine Mutter gelähmt und ich auf der Welt.

Meine Nase war zu zwei Löchern eingedrückt, meine Stirn war ein einziger blauer Fleck, und der erste Gedanke meiner Mutter war: «Warum muss er so hässlich sein?»

Sie fragte den Arzt wegen der Nase: «Ändert sich das noch?»

Und der Arzt machte den zweiten Fehler, als er scherzte: «Nein, die bleibt für immer so.»

Meine Mutter brauchte zwei Tage, bis sie nur die Arme genug weit heben konnte, um ein Glas Wasser zu trinken. Und den Entschluss fasste, dass sie mich gegen kein anderes Baby der Welt tauschen würde.

Kurz, wenige Leute trafen eine bessere Wahl als ich.

Das nicht nur, weil ich eine Mutter mit Kampf­kraft hatte. Sie zog mich und meinen Bruder mit wachsamem Ehrgeiz auf. Aber ich musste keinen Augen­blick um ihre Liebe fürchten. Ich wusste: Sie würde mich nie tauschen, selbst wenn ich sie enttäuschte.

Sondern auch einen Vater, der keinen Zweifel daran liess, dass es sich lohnt, die eigene Sache durchzuziehen – weil nur so etwas Unverwechselbares entsteht. Ist man hartnäckig genug, wird jemand einem genau dafür Geld zahlen.

Im Adelsstand

Ein paar Wochen später, als meine Mutter mich im Kinder­wagen herum­fuhr, nannte sie mich: «Conte».

Eine andere Mutter, die des Italienischen mächtig war, sagte: «Wie können Sie Ihr Baby nur ‹Graf› nennen? Das arme Kind wird ja völlig verrückt!»

Meine Mutter war irritiert.

«Ich hab das überhaupt nicht verstanden», erzählte sie mir später. «Natürlich warst du ein Graf. Was solltest du denn sonst sein? Du warst tatsächlich ein Prinz. Mein Prinz!»

Meine Mutter ist eine kluge Frau. Sie hat, wie ich oft im Nach­hinein zugeben muss, sehr oft recht. So auch hier.

Denn ich wurde kurz vor Ende des grössten wirtschaftlichen Booms der Menschheits­geschichte geboren. Und dann von meinen Eltern mit zwei Jahren in eines der reichsten Länder der Welt verfrachtet: die Schweiz. Es war die Zeit, als die westliche Mittel­klasse alle bisherigen Grenzen sprengte. Es war die Zeit der Wasch­maschinen, Fernseher, Autos, Einfamilien­häuser, Swimming­pools und bald auch der politischen Proteste. Nichts deutete darauf hin, dass sich daran etwas ändern würde. Eine ganze Generation von Babys würde die erste in ihrer Familie sein, die auf die Universität ging.

Zu dieser Zeit an diesem Ort geboren zu werden, war ein Privileg wie in den Tausenden Jahren zuvor nur ein Adels­titel: Zu einem gelungenen Leben brauchte es kaum mehr viel persönliches Verdienst.

Dazu hatte ich zusätzlich das Glück, weiss, männlich, hetero­sexuell geboren zu werden: Wenn mich später jemand angriff oder ich an etwas scheiterte, wusste ich, dass es persönlich war. Und nicht irgendwas Unveränderliches an mir.

Der erste Disclaimer zur vorher­gehenden Folge 7

Des Weiteren hatte ich ein gutes Timing. Ich war ein Spät­zünder und gegen Ende des Baby- und Wirtschafts­booms geboren: Ich verpasste den schatten­losen Boom, das selbst­verständliche Geld und die fraglose Karriere wenig älterer Kollegen – und war, wenn denn etwas schieflief, nicht beleidigt, als würden die Natur­gesetze ausser Kraft gesetzt.

Und ich kam kurz nach dem Ende der 80er-Revolte nach Zürich. Das verhinderte zwar, dass irgend­jemand aus der Szene mich ernst nahm. (In der Xenix-Bar etwa wurde man erst nach drei Jahren Besuch gegrüsst. Und dann mit dem Satz: «Wohär chunnsch?» Was keine Frage war, sondern ein Urteil.) Anfangs war ich melancholisch. Aber dann wurde mir klar: Die Revolution verschlafen zu haben, war das Beste, was mir passieren konnte. Es ersparte mir das Schicksal, dass der Höhe­punkt des Lebens in der Vergangenheit lag: Soviet Union’s best days lie still ahead.

Kurz: Ich hatte die Sorglosigkeit der 60er-Jahre im Blut und schwamm im Punk der 80er. Wohl zu keiner Zeit seit der Invasion der Hunnen war ADHS gesellschaftlich angesehener. Es war sogar schick. Alle lebten so. Nie vor 30 hörte ich auch nur einen Gleich­altrigen von Karriere sprechen. Das Thema war höchstens, welche zahllosen Bedingungen ein seelenloser Konzern erfüllen musste, damit man ihm gnädig ein Minimum seiner Arbeits­kraft überliess.

Das alles als Disclaimer zu den Überlebensstrategien in Folge 7: Jeder ist ein Kind seiner Eltern, aber auch seiner Zeit. Ich bin zwar noch immer der Meinung, dass es keine Alternative dazu gibt, seinem Herzen zu folgen. Auf seine Stärken zu setzen. Und im Konflikt den Teufel auf den Rest zu geben.

Aber es ist keine Frage, dass die Zeiten sich geändert haben: Bei mir persönlich, weil ich älter wurde und nicht mehr allein bin. Eine Familie, eine Firma verlangen Verlässlichkeit. Man lebt in einem System. Und zahlt die Rechnung für Taten wie Untaten nicht mehr nur persönlich.

Und dann ganz allgemein: Punk ist tot. Stattdessen leben eine Menge Leute in einem Kontinuum von Aufgaben, Ausbildungen, Arbeit: ohne je ein klares Ziel zu erreichen, das nicht sofort mehr Aufgaben, mehr Kenntnisse, mehr Arbeit verlangt. In der eng getakteten Endlosigkeit der Just-in-time-Lieferungen ist eine Hit-and-run-Strategie keine sichere Option.

Ich bin zwar trotzdem dafür – die Ergebnisse sind besser –, aber die Antwort ist oft ein erschöpftes Grinsen um weisse, starke Zähne herum – nicht die Ergebnisse zählen, sondern der Workflow. Und dann der Satz: «Heute hättest du so keine Chance mehr.»

Gut möglich, dass für mich die Zeit gekommen ist wie einst für die russischen Aristokraten im Exil nach der Revolution 1918: Alle ihre Erfahrungen waren wertlos, weil die Welt, in der sie sie machten, nicht mehr existierte.

Das als erste Warnung zu den Strategien in Folge 7.

Der zweite Disclaimer zur vorher­gehenden Folge 7

Die zweite Warnung traf mich vor einem halben Jahr in irgend­einem Feuilleton-Artikel, dessen Thema ich leider vergessen habe.

Sie traf mich, weil ich ein Leben lang als Profi in meinem Beruf für Unschuld gewesen war: Die Neugier, nicht das Wissen, die Sehnsucht, nicht das Erreichte, der Hunger, nicht die Sicherheit schärft den Blick. Es ist die Unschuld, die einen das Neue sehen lässt. Und nie die Erfahrung.

Nun, Unschuld ist eine schwer erneuerbare Ressource. Und je älter man wird, desto mehr Arbeit braucht man, sie wiederherzustellen.

Nun las ich in dem Artikel ein ziemlich starkes Zitat, ich glaube, es war von dem schwarzen Schrift­steller James Baldwin. Zusammen­gefasst lautete es etwa so:

Unschuld ist etwas für weisse Jungs.

James Baldwin (?)

Oder wie Lana Del Rey singt:

Hope is a dangerous thing for a woman like me to have.

Lana Del Rey.

Was mich traf, war die Erkenntnis, wie viele Privilegien ich in meinem Leben gebraucht hatte, um gerade so über die Runden zu kommen. Ich war an ihnen empor­gewachsen, krumm und gierig, wie ein Efeu an einem Barockschloss.

Und ich hatte sie nicht selten voll genutzt. Kein Wunder, denn ich war ein Kind meiner Zeit – eben der aristokratischen Phase der westlichen Mittel­klasse. Und die Dramaturgie jeder Aristokratie ist diese: Wer adelig geboren wurde, kann sich Unfähigkeiten und Fehler leisten, ohne grössere Konsequenzen.

Nur schon als Frau etwa wäre ich gleich am Start gescheitert – mit meiner ersten Strategie, die ich bewusst wählte: als Klassen­clown. Damals gab es so gut wie keine weiblichen Komikerinnen. Und die Debatte drehte sich auch nicht darum, ob Frauen komisch sein können, sondern nur darum: warum seltsamer­weise nicht.

Kurz: Ich dachte, ich hätte mit einigem Risiko einen respektablen Berg erklettert. Und im Rückblick sah ich, dass die Route mit Bier­henkeln gespickt war. Fast jeder hätte es machen können. Wahrscheinlich war auch meine lange Sorglosigkeit nicht Mut oder Glaube gewesen, sondern nur Mitschwingen.

Kein Wunder, warnte mich selbst in meiner Zeit als Punk ein gesunder Instinkt vor dem Ideal der Gerechtigkeit. Der Grund, warum ich damals gegen das Bürgertum war, war nicht sein Geld oder sein Einfluss, sondern seine unverzeihliche Unauffälligkeit. Mein aristokratischer Blick fand es nicht in Ordnung, dass die teuersten Bauwerke in der Schweiz keine Türme und Schlösser, sondern Zivil­schutz­bunker und Tunnels waren.

Warum, in Cesare Borgias Namen, entfaltete das Land nicht die Pracht der Renaissance­fürsten? Wenn es schon ihren Reichtum besass?

Ich weiss noch, dass ich wünschte, schottischer Staats­bürger zu sein, als im Auto­fenster auf einem der gras­grünen Hügel ein unfertiges Amphi­theater auftauchte. Irgendein Exzentriker hatte es gebaut. Nach der Hälfte ging ihm das Geld aus – aber na und? Es war eine grossartig absurde Ruine.

Identity Politics

Schopenhauer schrieb einmal: «Das Schicksal mischt die Karten; wir spielen.»

Tatsächlich sieht in der aktuellen Hirn­forschung alles danach aus, als seien wir selbst in persönlichsten Entscheidungen einiges unfreier, als wir uns einbilden. Das Bewusstsein als Spitze des Eisbergs zu sehen, war zu optimistisch. Es gleicht eher einem Schneeball auf der Spitze des Eisbergs.

Es gibt empörende Experimente: So konnten Forscher in den USA mit einem Gehirn­scanner und einem Set Fotos nahezu perfekt das politische Lager ihrer Probandinnen erkennen. Entscheidend waren die eingestreuten Bilder von Chaos oder Tod: Bei Republikanerinnen aktivierten sich dann – lang vor der bewussten Wahrnehmung – die im Gehirn zuständigen Regionen für intensiven Ekel. Bei Demokraten nicht.

Weiss der Henker, ob meine Präferenz für Privilegien statt Gerechtigkeit ebenfalls nur eine Fix­verdrahtung des Gehirns ist. Also vielleicht doch nicht eine Frage der Zeit meiner Geburt, sondern bei Lieferung bereits eingebaut.

Die Erfahrung zeigt – zumindest meine –, dass diese eine Frage alle politischen oder privaten Organisationen spaltet: in Anhänger des Buch­stabens und Anhänger des Geistes.

Man findet überall die Fraktion, die für Ausnahmen, Gross­herzigkeit, Chaos, Neugier und den Ausbau von Nischen ist. Nicht selten sind es Leute, die das auch brauchen. Man kann grossartig Zeit mit ihnen verbringen, aber nicht immer auf sie bauen. Schon aus zwei Gründen:

  1. Das Ziel allen ungezielten Denkens ist letztlich der Verrat: an seiner vorherigen Position.

  2. Wer Unterhaltsamkeit schätzt, formuliert im Schwung eher selten Vertragstexte.

Und überall findet man die Fraktion der Reinheit, deren Ziel auf die Einhaltung des Prinzips gerichtet ist. Und das quer durch alle Lager: bei den Liberalen die Anhänger des reinen Marktes, auf der Rechten die der sauberen Lösungen, bei der Linken die Freunde der Gerechtigkeit.

Viele sind in ihrem Herzen Chirurgen: Sie schneiden weg – Regulierungen, Kriminelle, Ausländerinnen, Lohn­exzesse, was immer. Das tun sie vor allem aus Verantwortung: Denn nichts ist für das Prinzip gefährlicher als die Ausnahme – am schlimmsten ist eine aus persönlicher Sympathie. Denn ein konsequent verfolgtes System kollabiert unter der Summe der Einzel­fälle. Sie zuzulassen, wäre eine Schwäche, die sich am Ende an allen rächt.

Kein Wunder, sind die Freunde der Reinheit oft leidenschaftliche Buch­halter der Regel­verletzungen: meist der anderer Leute. Kein Wunder, verbreiten sie eine archaische Mischung aus Sicherheit und Schrecken.

Wo immer ich hinkam, war der stille Krieg zwischen diesen beiden Fraktionen schon da – in Familien, Büchern oder Büros.

Man erkennt die Angehörigen gleich welchen Lagers sofort, völlig egal, welchen Beruf oder welche Partei jemand hat: Handelt es sich um einen Bruder, eine Schwester? Oder um jemanden zum Fürchten?

Im zweiten Fall ist die gegenseitige Nervosität umso grösser, je näher man sich ist, politisch, beruflich oder privat: weil die möglichen Schäden steigen. Die einen fürchten die Liste ihrer Verstösse – und als Strafe Amputation. Die anderen riechen Ablenkungen, Sabotage, möglicher­weise Verrat.

Es ist ein objektives Dilemma: Jede Erfindung bedroht den Nutzen der vorherigen, Möglichkeiten werfen ein schales Licht auf das Mögliche, Grosszügigkeit gegen den einen steht gegen Gerechtigkeit für alle, Ideen gefährden Ideale, Charme ersetzt oft Konsequenz – und umgekehrt.

Recht in diesem Krieg haben natürlich alle. Aber das macht die Sache nicht friedlicher.

Und so verfolgen die Vertreter des Geistes die Vertreter des Buch­stabens oft bis in den Schlaf. Und die Vertreter des Buchstabens rächen sich dann zu den Bürozeiten.

Nullsummenspiel

Es ist kein Wunder, dass man die Lager am besten nach ihrer ökonomischen Idee klar trennen kann: Die Vertreter der Gerechtigkeit vertreten links wie rechts, privat wie im Beruf, das Nullsummen­spiel: Alles, was jemand bekommt, wird jemand anderem weggenommen.

Das Nullsummen­spiel war auch fast die komplette Menschheits­geschichte hindurch das korrekte Modell: Der Kuchen war gegeben, der Kampf drehte sich nur um die Grösse der Stücke. Oder meistens: der Krümel.

Dann, vor einer Winzigkeit von 200 Jahren, mit dem Kapitalismus, änderte sich das. Durch Maschinen, Arbeits­teilung, Handel wurden Win-win-Situationen möglich: mit explosivem Wachstum. Je mehr unterschiedliche Teilnehmer dabei waren, desto explosiver. Plötzlich waren die Träumerinnen und Verschwender der Motor der Welt.

Kein Wunder, sehnen sich die Anhänger von Reinheit und Gerechtigkeit zurück zum Nullsummen­spiel: Dort gab es noch die ehrliche Rechnung. Den ehrlichen Kampf. Und nicht das dekadente Gewucher.

Kein Wunder, sind ihre Vertreterinnen überall auf dem Vormarsch.

Denn zugegeben: Sowohl private Gross­herzigkeit wie der Boom der Welt­wirtschaft funktionieren nur durch Verschwendung von Ressourcen.

Und die Welt ändert sich gerade:

  • Mit der Klima­katastrophe wird plötzlich unklar, ob der ganze Win-win-Zauber nicht doch auf Ausbeutung beruht hatte: der gesamten Umwelt.

  • Die unglaublichen Gewinne des Booms haben sich zunehmend bei Super­reichen, Banken, Pensions­kassen konzentriert. Der Zugang dazu wird knapper. Vermögen wird wichtiger als Fleiss oder Ideen.

  • Der weltweite Kapitalismus war so erfolg­reich, dass nun grosse Teile Asiens oder sogar Afrikas boomen: Zum ersten Mal seit Beginn des Kapitalismus ist die westliche Mittel­klasse nicht mehr der zentrale Motor der Weltwirtschaft.

Kurz: Der allgemeine Adels­stand steht infrage, auf der Kippe, vor Gericht. Was tun?

Die Antwort der Freunde der Gerechtigkeit ist: alle Titel sofort aberkennen.

In der Tat sind sich radikale Linke, Ultra­liberale und Rechts­konservative in zwei Dingen einig:

  1. Dass einer Menge Leuten Privilegien und Adels­titel gestrichen gehören. Möglichst mit deutlichen Exempeln.

  2. Dass der Wert eines Menschen wie folgt neu bestimmt wird: soweit er dem System dient.

Kein Wunder, bin ich als geborener Prinz damit nicht an Bord. Kein Wunder, beeindrucken mich Ökonomen wie Keynes, der für absurd grosszügige Staats­ausgaben in der Krise war – und auch sonst für pretty good practices: ein Set von Improvisationen, die gerade funktionieren. Kein Wunder, schätze ich Politiker wie Franklin D. Roosevelt, der am Tiefpunkt der Wirtschafts­krise sagte: «Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.» Oder: «Wir müssen immer experimentieren!»

Kein Wunder, halte ich Ökonomie nicht für eine Wissenschaft, sondern für eine Kunst, Unschuld für die Bedingung der Erkenntnis, Journalismus für eine Form des Existenzialismus; kein Wunder, schätze ich Freundlichkeit mehr als Konsequenz, Unter­haltung mehr als Präzision und wilde Ideen mehr als harte Massnahmen. Kein Wunder, wäre meine moralische Antwort auf die Privilegien meiner Geburt die Verteilung von Privilegien samt Adels­titeln an möglichst viele Leute.

Das, was mir bei allem komplett unklar bleibt, ist: Denke ich, was ich denke, weil ich: nur das Kind meiner Zeit bin? Der Erfüllungs­gehilfe eines vorverdrahteten Gehirns? Ein seine Privilegien verteidigender Aristokrat? Oder schreibe ich es einfach nur so, aus dem Schwung heraus? Oder: weil es halbwegs das Richtige ist?

Keine Ahnung also, wer als Autor unter meinem Namen schreibt. Sie lesen seine Tipps auf eigene Gefahr.

Genauso wie wahrscheinlich jeden Text, den ich bisher geschrieben habe.

PS: Falls Sie zufällig weitere Tipps brauchen, diesmal für eine Gehalts­verhandlung, finden Sie sie mit einem Klick hier.

Wir haben in einer früheren Version ein Zitat Theodore Roosevelt zugeschrieben, tatsächlich stammte es von Franklin D. Roosevelt. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

Illustration: Alex Solman

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