Auf lange Sicht

Weniger Urwald, mehr Infektions­krankheiten

Woher Erreger wie das neue Corona­virus kommen. Und warum sie immer öfter auf Menschen übertragen werden.

Von Arian Bastani, 22.06.2020

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Hätte Ihnen an der letzten Silvester­party jemand gesagt, dass ein Fledermaus­virus im Verlauf der nächsten Monate die Gesellschaft lahmlegt und Hunderttausende Todesopfer fordert: Wie hätten Sie reagiert?

Vermutlich hätten Sie es für einen schlechten Scherz gehalten und weiter an Ihrem Champagner genippt.

Vielleicht hätten Sie sich aber auch daran erinnert, dass bereits vor nicht allzu langer Zeit eine Fleder­maus eine Pandemie verursachte: Sars im Jahr 2003. Ihr lag ein Erreger zugrunde, der mit dem neuen Corona­virus eng verwandt ist. Ähnlich wie zuletzt wohl Sars-CoV-2 wurde vermutlich auch das erste Sars-Virus von den nacht­aktiven Flug­tieren auf Menschen übertragen.

Womöglich hätte Sie dies zum Nach­denken angeregt. Und dann wäre Ihnen in den Sinn gekommen, dass in der Zwischen­zeit weitere Krank­heiten ausgehend von Tieren ausbrachen: das Ebola-Virus, das 2014 in West­afrika zirkulierte und neben Fledermäusen auch Primaten und Stachelschweine befällt, oder die Vogel- und Schweine­grippen, die sich zuletzt 2004 beziehungsweise 2009 weltweit ausbreiteten.

Und schliesslich hätten Sie sich gefragt: Nehmen solche von Tieren auf den Menschen übertragene Infektions­krankheiten eigentlich generell zu? Wenn ja, warum?

1. Wie viele neue Infektions­krankheiten es gab

Wir haben uns diese Fragen auch gestellt. Und nachgeforscht, inwiefern man darauf eine klare Antwort geben kann. Ein erster, starker Hinweis findet sich in Daten zu den Infektions­krankheiten der vergangenen Jahrzehnte.

Diese wurden vor zwölf Jahren in einer umfassenden Studie zusammengetragen und im Fachmagazin «Nature» publiziert. Dabei wurden zwischen 1940 und 2004 insgesamt 335 neue Erreger identifiziert. Darunter sind mutierte Versionen altbekannter Pathogene (wie etwa antibiotika­resistente Tuberkulose), solche, die seit relativ kurzer Zeit stark vermehrt auftreten (beispiels­weise die von Zecken übertragbare Borreliose), und für Menschen vollkommen neue Erreger (wie etwa HIV).

Wie die folgende Grafik zeigt, nahm die Anzahl dieser Erreger über die Zeit signifikant zu. Den Höhe­punkt erreichte sie während der 1980er-Jahre, als viele unter Aids leidende Menschen an Sekundär­infektionen erkrankten.

Es werden mehr Erreger identifiziert

Weltweit neu auftretende Infektions­krankheiten

194019501960197019801990200005101520

Quelle: Jones et al. (2008)

Wie erwähnt waren einige dieser Erreger (zumindest in verwandter Form) bereits bekannt. Andere waren jedoch gänzlich neu. Woher kamen sie?

2. Wo die Krankheits­erreger herkamen

Auch das wurde in der Studie untersucht. Das Ergebnis spricht eine klare Sprache: Von den 335 Krankheits­erregern, die insgesamt identifiziert wurden, sind 202 tierischen Ursprungs. Das heisst: Rund 60 Prozent der neuen Erreger sind von Tieren auf den Menschen übertragen worden, die meisten davon nicht domestizierte, also nicht Haus- oder Nutztiere.

Viele Viren stammen von Wildtieren ab

Herkunft der Krankheits­erreger

Infektionskrankheiten insgesamt335 tierischen Ursprungs202 von Wildtieren übertragen145

Quelle: Jones et al. (2008)

Die Übertragung erfolgt meist in mehreren Schritten. Ein Beispiel dafür ist das Aufkommen von HIV: Hier wird angenommen, dass das Virus zunächst durch die Jagd und den Verzehr von Schimpansen auf Menschen übertragen wurde. Die anschliessende Urbanisierung und der vermehrte Strassen­bau im Zentral­afrika der 1950er-Jahre verhalf dem Virus, sich in der Bevölkerung zu verbreiten. Durch den inter­nationalen Flug­verkehr wurde es schliesslich über den Globus verteilt. Mehr als 30 Millionen Menschen starben daran.

Das Beispiel von HIV illustriert, wie mehrere Faktoren zusammen­kommen müssen, damit ein neuer Erreger tatsächlich eine Pandemie auslöst.

Wie gross ist der Einfluss von welchem Faktor?

3. Welche Faktoren die Verbreitung begünstigt haben

Basierend auf der Studie von 2008 haben Forscher dies im Jahr 2015 detailliert untersucht. Dabei lag der Fokus auf Erregern, die zuvor nicht bei Menschen vorkamen, und auf Erregern, die nicht nur aufgrund von bestehenden Erst­erkrankungen wie etwa HIV/Aids auftraten.

Ihre Resultate sind in zusammen­gefasster Form in der folgenden Grafik abgebildet. Sie zeigt, dass die Land­nutzung – insbesondere das Abholzen von Wäldern – mit knapp einem Drittel die weitaus häufigste Ursache von neu auftretenden Infektions­krankheiten ist.

Waldrodungen lösen Krankheiten aus

Welche Faktoren für Infektions­krankheiten verantwortlich sind

Landnutzung31%Gesundheitswesen und Gesellschaft17%Landwirtschaft15%globaler Verkehr13%Krieg und Hungersnot8%Klimawandel7%Lebensmittel5%Übrige4%010203040%

Quelle: Loh et al. (2015)

Veränderungen im Gesundheits­wesen und in der Gesell­schaft (etwa wegen der wachsenden Welt­bevölkerung) und die Land­wirtschaft (etwa über die Massen­tierhaltung) tragen mit je etwa einem Sechstel ebenfalls viel zum Aufkommen von Infektions­krankheiten bei. Darauf folgen der Verkehr, humanitäre Notlagen, Klima­wandel und der Umgang mit Lebensmitteln.

Gerade Letzteres ist auch im Zusammen­hang mit der Corona­virus-Pandemie ein Thema. Oft wird der Wildtier­markt in Wuhan als möglicher Ort der Übertragung auf den Menschen genannt. Dass dies bei so vielen Wild­tieren und Menschen auf so engem Raum geschehen könnte, ist naheliegend. Nicht zuletzt sind solche Märkte auch ein Zeichen unseres Eingriffs in die Natur.

Dass die Wald­rodung ein so dominanter Faktor ist, mag im ersten Moment erstaunen. Doch wenn man bedenkt, dass Wild­tiere die wichtigste Quelle von neuen Infektions­krankheiten sind und die Wälder den Lebens­raum für 80 Prozent der landlebenden Arten bieten, währt die Überraschung nicht lange. Wo sich viele verschiedene Organismen aufhalten, herrscht auch eine Vielfalt an Krankheits­erregern.

Durch die Abnahme der Wald­flächen kommen wir zunehmend mit diesen Erregern in Kontakt. Gut belegt ist dies zum Beispiel für Malaria: In den abgeholzten Flächen sammeln sich oft Pfützen an, die Mücken­larven ideale Lebens­bedingungen bieten. Unter anderem deswegen wurden in Teilen Asiens und Afrikas im Anschluss an Rodungen vielfach Malaria-Epidemien beobachtet.

Aber ist die Land­fläche, die wir Menschen beanspruchen, wirklich so gross?

4. Wie viel Lebensraum verschwunden ist

Seit der vorindustriellen Zeit haben weitgehend natur­belassene Gebiete, die von Menschen weder für Land­wirtschaft noch für Besiedlung massgeblich genutzt werden, die Hälfte ihrer Fläche verloren. Von den weltweit knapp 130 Millionen Quadrat­kilometern eisfreier Land­fläche sind heute nurmehr etwa ein Viertel in ihrem ursprünglichen Zustand. Den Rest beanspruchen wir Menschen: insbesondere für Anbau- und Weideflächen.

Naturflächen im Rückzug

Nutzung der weltweiten, eisfreien Fläche

1700180019002000050100150 Millionen Quadratkilometer
Naturfläche
wenig genutzte Fläche
Weideflächen
Anbaufläche
Siedlungen

Quelle: Ellis et al. (2010)

Weil die Weltbevölkerung immer weiter wächst und mit dem zunehmenden Wohl­stand auch immer mehr Flächen für die Ernährung benötigt werden, brechen also auch immer mehr Infektions­krankheiten aus.

Sind wir Menschen somit letztlich selbst an der Corona­virus-Pandemie schuld?

Fazit

Gut möglich, dass wir zumindest Anteil daran haben. In einer 13 Jahre alten Studie, die sich mit dem möglichen Wieder­aufkommen des ersten Sars-Virus befasste, schreiben die Autoren: «Die Präsenz zahlreicher Sars-CoV-ähnlicher Viren in Fleder­mäusen zusammen mit der Kultur des Verzehrs exotischer Säugetiere in Südchina ist eine tickende Zeit­bombe.» Die diesjährige Pandemie könnte also der sinn­bildlichen Explosion entsprechen.

Dass unsere Eingriffe in die Umwelt mit dem zunehmenden Aufkommen neuer Infektions­krankheiten zusammen­hängen, gilt als erwiesen. Angesichts von schätzungs­weise rund 700’000 noch unbekannten Viren, die bisher nur Tiere befallen, aber potenziell auch auf Menschen übertragbar sind, gleicht unser bisheriger Umgang mit der Natur einem Spiel mit dem Feuer.

Es wäre an der Zeit, diesen Umgang zu über­denken. Warum nicht an der nächsten Silvester­party – nicht als Scherz, sondern als Vorsatz fürs neue Jahr?

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