Covid-19-Uhr-Newsletter

Was bleibt?

15.06.2020

Liebe Leserin, lieber Leser

Vielleicht haben Sie sich manchmal im Stillen gefragt, wann es denn so weit ist. Oder verspürten Sie heute etwa so ein komisches Grummeln im Magen? Gut möglich, dass keines von beidem auf Sie zutrifft.

So oder so: Wir müssen mit Ihnen reden.

Diese Woche endet eine Ära. Okay, vielleicht nicht gleich eine ganze Ära. Aber es war schon aussergewöhnlich, was in dieser Pandemie mit der Republik passierte. Wie wir uns von unseren Sofas aus zusammenrauften, ein wenig gegen unsere Grundsätze verstiessen und unsere verrosteten Newsdesk-Gelenke für Sie lockerklopften. Tag für Tag, seit zwölf Wochen, für diesen Newsletter hier.

Kommenden Freitag, den 19. Juni, und darauf freuen wir uns ein bisschen, werden wir endlich unsere Push-Meldungen abbestellen. Denn kommenden Freitag, zum Ende der ausserordentlichen Lage, werden wir den (vorerst) letzten Covid-19-Uhr-Newsletter für Sie schreiben. (Mehr dazu lesen Sie am Donnerstag und am Freitag.)

Als wenn das nicht schon traurig genug wäre, liefern wir Ihnen heute ein Editorial über den Tod. Also, eigentlich gehts ja gar nicht um den Tod, sondern um den lange zurückliegenden Fehler eines Schreiners. Aber dann gehts eben doch wieder um den Tod. Aber lassen wir doch Adrian Soller, leitender Redaktor beim Kulturmagazin «Ernst», erzählen:

«Es ist jetzt nicht so, dass ich am Küchentisch vermehrt über meinen eigenen Tod sinnieren würde. Ich habe keine Angst vor der Pandemie, ich nicht, ich hatte sie die ganze Zeit über nicht. Wieso sollte ich auch? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich …, na ja …, sie war und ist zum Glück sehr klein. Die eifrig publizierten Mortalitätsraten, die Corona-Ansage der SBB, die Menschen mit Masken im Gesicht und die hartnäckigen «Bliib gsund»-Ermahnungen machen mich nicht wirklich unsicher, mich nicht. Auch die viel beschriebene Vulnerabilität unserer Gesellschaft, unseres Systems, wie es so schön heisst, spüre ich nicht wirklich, eher spüre ich dessen Hartnäckigkeit, es ist die Hartnäckigkeit unserer Gewohnheiten. Es muss also Zufall sein, dass ich wieder vermehrt an diesen Mann denke.

Ich sehe ihn vor mir, wenn ich einschlafe, stelle ihn mir mit vollem Bart vor, mit etwas rundlichem Gesicht und die Brille stets etwas «schäps» auf seiner für die Körpermasse viel zu kleinen Nase tragend. Und auch wenn er nicht so ausgesehen haben mag, haben kann, es muss ihn gegeben haben, das ist klar, das ist schön, und das reicht mir. In den Zwanzigern oder Dreissigern des vergangenen Jahrhunderts war er wohl tätig gewesen. Wir haben uns nicht gekannt, dieser eine Schreiner und ich, und doch bindet mich nun schon seit dreissig Jahren eine zärtliche Erinnerung an ihn. Eine Art Geheimnis, das mal seines war und jetzt meines ist.

So gab es da diese Rillen, die die Beine des Esszimmertisches meiner Grossmutter zierten, je drei Rillen am oberen Ende der Tischbeine waren es, die er dereinst von Hand da reingeschnitzt haben muss. Als Kind gehörten für mich dieser Tisch, der Raum, wo er stand, und die Wohnung darum herum zu den schönsten Orten überhaupt. Der Platz unter dem Esszimmertisch meiner Grossmutter war mein Reich. Oft habe ich dort mit meinen Cowboyfiguren gespielt und so gesehen, was den meisten Erwachsenen damals verborgen blieb: Auf der Innenseite des Tischbeines nahe der Tür war da neben der einen Rille diese Kerbe, die da nicht hätte sein sollen. Sie war ein Fehler, eine Unachtsamkeit, seine Unachtsamkeit und unser Geheimnis. Dieser eine Schreiner muss an diesem einen Tag, vor rund neunzig Jahren, beim Anfertigen dieses einen Tischbeines ausgerutscht sein.

Wie gesagt, wir haben uns nicht gekannt, dieser eine Schreiner und ich, und doch bindet mich seit dreissig Jahren nun schon diese eine zärtliche Erinnerung an ihn. So vieles habe ich vergessen in meinem Leben. Das meiste. Diese eine Kerbe nicht. Und diesen, meinen einen Schreiner auch nicht. Er ist mir all die Jahre, wie man so schön sagt, in guter Erinnerung geblieben, so wie auch ich mal in guter Erinnerung bleiben will. Auch ich würde gerne etwas machen, was bleibt. Auch ich will nach meinem Tod nicht ganz vergessen gehen. Und dass ich gerade diese Tage wieder öfters daran denken muss, dass ich gerade diese Tage wieder öfters an ihn denken muss, an meinen Schreiner. Es muss einfach Zufall sein.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 31’131 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 14 Fälle mehr.

Die Grenzen öffnen: Die coronabedingten Restriktionen an den Grenzen der Schengen-Staaten sind seit heute grösstenteils wieder aufgehoben. Auch Menschen aus Drittstaaten dürfen die Schweizer Landesgrenzen wieder passieren. Einzelne Länder wie Spanien, Norwegen oder Finnland behalten ihre Einreisesperren jedoch noch bei. Reisende nach Grossbritannien oder Irland müssen sich zudem nach ihrer Ankunft weiterhin in eine zweiwöchige Selbstisolation begeben.

Fiebermessungen für Schweden: In der Schweiz hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) heute Temperaturmessungen bei Einreisenden aus Schweden bekannt gegeben. Die Massnahme gilt für alle, die über einen Direktflug aus Schweden in die Schweiz einreisen. Das BAG behält sich diesen Schritt vor bei Ländern mit einer hohen Zahl an Neuinfektionen. Am 10. Juni haben die schwedischen Behörden 1474 neue Covid-Fälle verzeichnet – so viele wie noch nie an einem Tag.

Neue Angst in Peking: Die chinesischen Behörden haben Teile der Hauptstadt wieder unter Lockdown gesetzt. Mindestens 79 Menschen sollen sich an einem Fischmarkt in Peking mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Die ersten Fälle waren am Donnerstag bekannt geworden. Die Behörden haben den Markt am Samstag geschlossen und den Geschäftsführer entlassen. Mehrere zehntausend Menschen sollen auf das Virus getestet worden sein. Unter den Shopbetreibern herrscht die Angst vor einem Ausbruch wie Ende 2019 in Wuhan, von wo sich das Virus weltweit verbreitete.

Die interessantesten Artikel

Mit den wachsenden Fallzahlen wuchs auch die eine grosse Frage: Reagierten sie in Bern – namentlich der Bundesrat, das Bundesamt für Gesundheit (BAG), Abteilungsleiter Daniel Koch – schnell genug und vor allem: richtig? Namhafte Schweizer Epidemiologen zerrten auf Twitter ihren Disput mit dem BAG und Daniel Koch an die breite Öffentlichkeit. Sie warfen den Beamten vor, veraltete Informationen veröffentlicht und frühzeitige Warnungen in den Wind geschlagen zu haben. Erst kürzlich gipfelte der Streit in neuen, hitzigen Epidemiologen-Tweets.

Was ist über die Monate hinweg nun genau geschehen in den Bundesberner Amtsstuben? Über das Öffentlichkeitsgesetz, das die Bundesverwaltung zur Herausgabe von Dokumenten zwingt, hat das Tamedia-Recherchedesk Dutzende Protokolle von Sitzungen der Corona-Taskforce, des Bundesstabs für Bevölkerungsschutz und des Krisenstabs erhalten. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse, die das Recherchedesk daraus zieht:

  • Das BAG gab sich lange ruhig und hoffnungsvoll. Während Ende Februar die Fallzahlen in Italien explodierten, sagte Daniel Koch, das Virus werde «nicht so leicht übertragen wie das Grippevirus». Erste grössere Studien aus China zeigten bereits damals das Gegenteil. Gemäss Koch gibt es für Italien «gute Aussichten, die Situation unter Kontrolle zu bringen».

  • Eine Mitarbeiterin des BAG forderte bereits am Montag, den 24. Februar, in der Schweiz die besondere Lage auszurufen. Ihrem Antrag wird jedoch erst am darauffolgenden Freitag Folge geleistet. Eine besondere Lage erfordere immer «konkrete Massnahmen», und diese hatten offenbar gefehlt.

  • Bei der Frage, ob die breite Bevölkerung Masken tragen solle, herrschte auch intern Uneinigkeit. Ein BAG-Vertreter sagte, eine solche Anordnung würde «aufgrund des Druckes von aussen auf der politischen Stufe gefällt und nicht aus epidemiologischer Sicht». Matthias Egger, der die wissenschaftliche Taskforce leitet, widersprach: «Dass Masken schützen, ist ‹Common Sense›. Dies muss auch so kommuniziert werden.»

  • Das BAG will unter allen Umständen Panik in der Bevölkerung verhindern. Deshalb soll von einem «Aktionsplan» statt eines Pandemieplans gesprochen werden. Gleich bei der ersten Sitzung des Bundesstabs vom 24. Januar hält BAG-Chef Pascal Strupler fest: «Das BAG verfolgt eine verhaltene Informationspolitik.»

Dieser Newsletter war bis hierhin sehr männerlastig, oder? In Sachen Medienpräsenz war die Corona-Pandemie für die Frauen bisher leider eine bittere Pille. Das zeigt eine neue Studie der Universität Rostock, die zahlreiche deutsche Medien analysiert hat. Ihr Fazit: Im Fernsehen waren 22 Prozent, in den untersuchten Onlinemedien nur 7 Prozent der befragten Expertinnen weiblich. Im Interview mit dem österreichischen «Standard» ordnet Studienautorin Elizabeth Prommer ein und sagt uns, was zu tun ist.

Frage aus der Community: Dieses Wochenende kam es in der Schweiz zu verschiedenen Demonstrationen. Allein in Zürich haben sich am Samstag über 10’000 Menschen versammelt. Werden die Covid-Fallzahlen nun wieder steigen?

Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minnesota am 25. Mai kommt es vor allem in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt – so auch in der Schweiz – zu grossen Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Ungeachtet der häufig noch geltenden Versammlungsverbote, die während der Pandemie gesprochen wurden.

In den USA, wo die Proteste seit dem 26. Mai andauern, lassen sich bisher keine grösseren Covid-Ausbrüche auf die Proteste zurückführen. Die USA verzeichnen täglich noch immer Zehntausende neue Covid-Fälle. Nur vereinzelt lässt sich bei Erkrankten eine Verbindung zu den Protesten herstellen, wie die «New York Times» berichtet. Sars-CoV-2 verbreitet sich in geschlossenen Räumen wesentlich einfacher als an der frischen Luft – das könnte ein wichtiger bremsender Faktor sein. Zudem tragen viele Protestierende eine Gesichtsmaske, die – richtig getragen – die Chance für Ansteckungen nachweislich verringert.

In der Schweiz, wo es seit den Corona-Restriktionen erstmals am 6. Juni in Basel zu einer grossen Black-Lives-Matter-Demonstration mit rund 5000 Teilnehmenden kam, sinken die Fallzahlen weiterhin. Gesundheitsexperten befürchten jedoch, dass der Wind drehen könnte, wenn die Menschen nicht genügend Abstand zueinander wahren. Zumal es 14 Tage dauern kann, bis eine infizierte Person erste Symptome zeigt.

Gesundheitsexperten, darunter auch der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé, raten Demonstrierenden stark zum Tragen einer Maske. Besonders bei Menschen, die zwar infiziert und ansteckend sind, aber noch ohne Symptome, also präsymptomatisch sind, kann das matchentscheidend sein.

Zum Schluss ein Blick in die Schulklassen, wo der Lockdown die Mobber in die Schranken gewiesen hat

Dieses Bauchweh nach dem Aufstehen, weil auf dem Schulweg immer dieser eine böse Junge auf einen wartete. Oder weil man wusste, dass man die Pause allein verbringen musste. Schule kann sich für Kinder schnell zur Tortur wandeln. Und, wie sich im Umkehrschluss nun zeigt: der Lockdown zur Befreiung. Der coronabedingte Wechsel zu Online-Unterricht bringt gepeinigten Kindern etwas Ruhe. Zu Hause sind sie sicher vor den Hänseleien ihrer Mitschüler und können besser, freier lernen, wie Fachexpertinnen gegenüber CNN berichten. Natürlich lässt sich auch ohne physische Präsenz mobben. Bisher würden die Daten aber keinen Anstieg an Cybermobbing zeigen. Ein kurzfristiger Zustand, keine Frage, sind die Schulen heute an den meisten Orten doch wieder geöffnet. Und natürlich benötigen auch Kinder ein Sozialleben, so hart es manchmal sein mag. Gönnen wir ihnen ihre kleine Pause.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Ronja Beck und Adrian Soller

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wollen Sie auch in den nächsten Wochen von Montag bis Samstag von uns hören und unabhängigen, werbefreien Journalismus unterstützen? Wir liefern Ihnen Fakten und Zusammenhänge als Grundlage für Ihre eigenen Überlegungen und Entscheidungen – nicht nur bei Covid-19. Werden Sie Verlegerin der Republik: mit einem jederzeit kündbaren Monatsabo oder einer Jahresmitgliedschaft.

PPPS: In Deutschland ist am Samstag wegen Corona die wohl deutscheste Sache in der Geschichte Deutschlands passiert. Dabei begann es ziemlich süss. René Wilke, Bürgermeister der ostdeutschen Grenzstadt Frankfurt an der Oder, und sein polnischer Amtskollege aus Słubice trafen sich das erste Mal seit dem Lockdown wieder in Person. Und weil sie sich so freuten, fielen sie sich beim Grenzübergang gleich in die Arme. Wilke schoss dabei durch den Kopf, dass er damit gegen die noch immer geltenden Abstandsregeln verstossen hat. Also hat er sich nun gleich selbst angezeigt.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018