Nie allein

Warum es für viele Frauen schwierig ist, als Beruf zu schreiben. Und warum der Frauenstreik vor einem Jahr mich so berührte.

Von Olivia Kühni, 13.06.2020

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Es war ein heisser Sommertag vor vielen Jahren, und ich eilte gerade an hohen Grashalmen vorbei zu einem Termin, als sich plötzlich die Welt verschob. Sie rückte kurz zur Seite, wie es immer mal wieder geschieht im Leben, und alles sah anders aus.

Ein Kollege hatte eine alltägliche Bemerkung gemacht – wie er nie mehr allein sei, jetzt, wo er Vater sei, und dass er sich daran gewöhnen müsse –, und ich begriff, schlagartig, schockartig, dass das offenbar nicht für alle Menschen normal war: nie allein zu sein.

Von diesem Tag an war das für mich eines der besten Indizien für Status: die Möglichkeit, einfach mal allein zu sein. Eine Tür zu haben, die sich schliessen lässt. Zugang zu Stille. Zu Zeit. Ein Raum ohne hungrige Blicke, ohne Hände, die an Hemd­zipfeln zupfen, ohne die Sorgen der anderen. Es ist das, was viele Menschen in Armut nie haben. Und Frauen oft selbst dann nicht, wenn sie nicht arm sind.

Weil man uns nicht lässt. Und weil wir, in jahrhunderte­langer Übung, uns selbst nicht lassen.

Seit ich zwölf Jahre alt bin, gibt es in meinem Leben immer jemanden, der meinen Trost und Rat braucht. Der Hilfe braucht, mich als Spiegel oder Krücke braucht, einen Anruf, mein Verständnis, einen mitgebrachten Kuchen braucht. Es ist keine angeborene Begeisterung für Banalitäten, die dafür sorgt, dass es meist Frauen sind, die das Grillfest organisieren, Geburtstags­karten schreiben oder Abschieds­geschenke besorgen. Es ist jahrelanges Training.

«Frauen haben keine halbe Stunde in ihren Leben (ausser bevor oder nachdem jemand im Haushalt auf den Beinen ist), die sie ihr Eigen nennen können, ohne Furcht, jemanden zu beleidigen oder zu verletzen», schrieb einst Florence Nightingale. Auch sie selber, gerne gefeiert als die erste professionelle Kranken­pflegerin der Geschichte, gilt bis heute als Modell selig sich aufopfernder Weiblichkeit. Dabei war sie vielmehr die heraus­ragende Managerin und Statistikerin, die man nun mal sein muss, wenn man – wie sie es tat – eine Notfall­station mitten im Krieg erfolgreich führen will.

Frauen haben, traditionell, zur Verfügung zu stehen – und zwar bei weitem nicht nur Männern, sondern auch den Frauen um sie herum. Die Tür zu schliessen, sich nicht zu kümmern, Nein zu sagen, bringt Sanktionen mit sich – das lernen Mädchen, bevor sie zur Frau werden.

Aus diesem Grund – das stellte Nightingale für das 19. Jahrhundert fest, und es gilt bis heute – wählen Frauen Tätigkeiten, die unterbrochen werden können. Sie wählen Berufe, in denen man die Tage stückeln kann, sodass reinpasst, was reinpassen muss. Etwas, das man gut Teilzeit machen kann. Etwas, das berechenbar ist. Ich wählte ein Ökonomie­studium, weil ich schon mit achtzehn dachte: Ich werde wenige Stunden haben, immer nur wenige Stunden – also brauche ich einen Beruf, in dem ich in möglichst kurzer Zeit genug Geld verdiene, um mich zu ernähren.

Das Schreiben aber – selbst wenn es ein pragmatisches ist wie im Journalismus – funktioniert ganz anders. Es verlangt nach Haut und Haaren, nach Hingabe, nach Tagen, die zumindest hie und da nach hinten offen sind. Schreiben bedeutet immer zu springen – und nicht ganz hundert­prozentig zu wissen, wann und wo man landet. Also ist es etwas, das sich nur ahnungslose, wohlhabende oder wirklich zähe Frauen leisten können. Und lange Zeit, wie jeden Beruf mit Anspruch, nur kinderlose.

«Die Bücher von Frauen sollten kürzer und konzentrierter sein als die von Männern, und so angelegt, dass sie nicht lange Stunden des Studiums benötigen und der ununter­brochenen Arbeit», schrieb Virginia Woolf. «Weil die Unter­brüche wird es immer geben.» Sie schrieb dies in einem schmalen Band, der doch tatsächlich den Titel «Ein Zimmer für sich allein» trug und den ich erst viele Jahre nach meinem schockartigen Begreifen in jenem Sommer in die Hände bekam. Er trieb mir, rund achtzig Jahre nachdem Woolf ihn gesetzt hatte, die Tränen in die Augen.

Genau heute vor einem Jahr weinte ich dann tatsächlich.

Ich stand in der Stadt Zürich am Central, um mich herum ein Trommeln und Pfeifen, als mir plötzlich der Atem stockte. Die Strasse von den Hochschulen hinab kamen die Frauen des Unispitals: Hunderte Pflegerinnen und Ärztinnen in Weiss. Sie marschierten schweigend und entschlossen, Reihe um Reihe um Reihe. Sie nahmen die ganze Strasse ein, zwei Jahrhunderte nach Florence Nightingale, und es bogen immer noch mehr und noch mehr von ihnen um die Ecke.

Das hier war mein Zimmer. Unser Zimmer. Die ganze Stadt war unser Zimmer. Und für einmal war die Tür einfach zu.

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