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12.06.2020

Liebe Leserin, lieber Leser – and everybody beyond

Am Sonntag ist es ein Jahr her, dass in der Schweiz Hunderttausende von Frauen im Namen der Gleichstellung auf die Strasse gingen. Dieses Jahr ist alles anders. Aber nicht nur wegen Corona. Die Journalistin Charlotte Theile hat sich Gedanken über die Bedeutung des Frauenstreiks in diesem Jahr gemacht:

Wie passt der Schweizer Frauenstreik in die Pandemiezeit? Noch vor kurzem dachte ich, der Jahrestag diesen Sonntag würde vor allem vom drohenden Infektionsrisiko überschattet. Eine riesige Demonstration wie im letzten Jahr? Tausende Menschen zusammenbringen? Ganz klar ein Superspreading-Event, der so im Sommer 2020 eben leider nicht möglich sein würde. Ganz egal, wie aktuell die Forderungen vom 14. Juni 2019 nach wie vor sein mögen, ganz egal, wie sehr die Schweiz international in Sachen Gleichberechtigung hinterherhinkt.

Denn tatsächlich hat diese Krise die Anliegen des Frauenstreiks nochmals mit aller Deutlichkeit sichtbar gemacht: Frauen, die plötzlich wieder in die Rollen der Fünfzigerjahre hineingerutscht sind. Pflegefachfrauen, die Applaus, aber keine Lohnerhöhung erwarten können. Beziehungen, in denen Frauen als Blitzableiter für den Stress ihrer Männer herhalten müssen. Ein nationaler Krisenstab, der es kaum für nötig hielt, auch Frauen einzubeziehen. All das ist real, all das sollte uns auf die Strasse bringen – und da haben wir noch nicht einmal über unterschiedliche Bezahlung, fehlenden Vaterschaftsurlaub und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gesprochen. Es ist klar: Einen feministischen Streik braucht die Schweiz heute mehr denn je.

Trotzdem hat die Pandemie noch mehr offengelegt. In seiner nüchternen Grausamkeit hat das Virus Sars-CoV-2 nicht nur gezeigt, dass einige westliche Gesundheitssysteme ihre Bürger in Notsituationen nicht versorgen können, sondern auch: dass es Themen gibt, die alle anderen in den Schatten stellen können. Das Sterben war für mich in diesen Wochen so nah und real wie noch nie zuvor – und es ist klar geworden: Wenn es um Leben und Tod geht, habe ich weit weniger zu befürchten als andere.

Denn das Land, in dem ich lebe, kann mich auch dann versorgen, wenn ich das Pech haben sollte, mit trockenem Husten und schmerzender Lunge im Spital zu liegen. Wenn ich ein Polizeiauto sehe, muss ich persönlich keine Angst haben – im Gegenteil. Das Coronavirus hat in brutaler Art und Weise den Boden bereitet für die ganz grossen Themen. Es hat uns durchgeschüttelt – und gleichzeitig deutlicher gemacht als je zuvor, was auf dem Spiel steht.

Unsere westlichen Gesellschaften funktionieren nur dann, wenn alle die Chance haben, ein gutes und freies Leben zu führen. Frauen sind dabei benachteiligt. In der Schweiz noch viel stärker als in vielen anderen entwickelten Ländern. Daran muss sich etwas ändern: Die Aktionswoche der Gewerkschaften erinnert uns daran, und das ist gut so. Gleichzeitig haben die vergangenen zwei Wochen klar gemacht: Rassistische Gewalt und Diskriminierung von allen Menschen, die nicht weiss sind, sind Alltag – und noch viel stärker vorhanden, als wir es wahrhaben wollen. Auch in der Schweiz.

Wenn in den nächsten Tagen Frauen auf die Strasse gehen, um gegen Ungerechtigkeit zu demonstrieren, dann sollten sie nicht nur darauf achten, Masken zu tragen und Abstand einzuhalten. Ich finde: In diesem Jahr gehört die Plattform vor allem denjenigen Frauen, die von Rassismus betroffen sind.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 31’063 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 19 Fälle mehr.

Asylregeln verlängert: Die seit Anfang April geltenden Corona-Sonderregeln bei Asylverfahren bleiben bis Anfang Oktober in Kraft, wie der Bundesrat heute beschlossen hat. Dazu gehören zum Beispiel Anhörungen per Video- oder Telefonkonferenz oder längere Rekursfristen. Zudem dürfen bei der Befragung von Asylsuchenden weniger Menschen im gleichen Raum anwesend sein.

Volle Personenfreizügigkeit: Per Montag, 15. Juni, werden alle Einreisebeschränkungen gegenüber Schengen-Staaten aufgehoben. Die Kontrollen an den Grenzen zu diesen Staaten werden beendet, und es gilt wieder die volle Personenfreizügigkeit mit allen EU-/Efta-Staaten und Grossbritannien.

Klage gegen britische Regierung: Die Fluggesellschaften British Airways, Ryanair und Easyjet verklagen die britische Regierung wegen der Quarantäneregelung. Seit kurzem müssen Einreisende nach Grossbritannien zwei Wochen lang in Quarantäne gehen. Laut den Fluggesellschaften werde die Massnahme «verheerende Auswirkungen auf den britischen Tourismus und die weitere Wirtschaft haben und Tausende Arbeitsplätze vernichten».

Die interessantesten Artikel

– Plötzlich lebensbedrohlich: In Brasilien stirbt aktuell jede Minute ein Mensch an Covid-19. Infiziert haben sich bisher offiziell 700’000 Personen, wobei die Dunkelziffer bis zu 15-mal so hoch sein könnte. Auch andere lateinamerikanische Länder werden gerade sehr hart von Corona getroffen. Wieso? Der «Tages-Anzeiger» zeigt auf, wie Probleme, die Lateinamerika schon seit langer Zeit plagen, mit dem Virus nun zur lebensgefährlichen Bedrohung werden.

– Absolut keimfrei: Die Pandemie hat uns dazu gebracht, häufiger und gründlicher die Hände zu waschen und generell mehr auf Hygiene zu achten. Das ist gut. Aber gleichzeitig boomt der Markt für Produkte, die uns vor Krankheitserregern schützen sollen: keimabtötende Stäbchen für den Kühlschrank, antibakterielle Sportkleidung, Desinfektionsmittel für das Abwaschbecken. Der Hygienemediziner Ernst Tabori sagt im Gespräch mit dem «Tagesspiegel», wieso das alles «ein grosser Unfug» ist.

– Hoffnungslos allein: In Hongkong protestierten vor einem Jahr rund 1,7 Millionen Menschen für Demokratie. Doch seit Ende März sind aufgrund der Pandemie Demonstrationen mit mehr als 8 Personen illegal. Deswegen kämpft die Bewegung heute ums Überleben. Dazu kommt: Je weniger protestieren, desto gefährlicher wird es. «Alle haben Angst davor, zusammengeschlagen oder festgenommen zu werden», sagt eine Aktivistin zu «Zeit Campus».

Frage aus der Community: Ist es in Anbetracht der sinkenden Fallzahlen überhaupt noch sinnvoll, Restriktionen einzuhalten? Werde ich nicht sowieso informiert, wenn ich in der Nähe einer infizierten Person war?

Ja, selbst wenn in der Schweiz täglich nur noch ein paar wenige Neuinfektionen gemeldet werden, ist es immer noch sinnvoll. Denn auch wenn die Wahrscheinlichkeit im Moment relativ klein ist, dass Sie auf eine infizierte Person treffen: Ohne eindämmende Massnahmen reicht theoretisch schon ein einziger aktiver Fall, um wieder eine exponentielle Zunahme der Neuinfektionen auszulösen. Das Contact-Tracing ist ein wichtiges Puzzleteil, um eine zweite Welle zu verhindern – aber es ist längst nicht das einzige. Genauso wichtig sind die Abstands- und Hygieneregeln, Tests und, je nach Situation, Schutzmasken. Beim Contact-Tracing gibt es einerseits eine nationale App und andererseits das manuelle Rückverfolgen von Fällen, für das die einzelnen Kantone zuständig sind. Bei beiden Methoden gilt: Informiert werden können Sie erst, wenn eine Person, die mit Ihnen in Kontakt stand, positiv getestet wurde. Und zu diesem Zeitpunkt ist es möglich, dass Sie sich bereits angesteckt haben und das Virus weitergegeben haben, auch wenn Sie noch keine Symptome zeigen.

Daher: Wenn Sie bis auf weiteres vorsichtig sind und sich an die empfohlenen Massnahmen halten: Merci.

Zum Schluss ein Blick nach Afghanistan, wo Frauen, die ihre Geschäfte schliessen mussten, nun die Pandemie bekämpfen

Die 19-jährige Freshta hatte in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, ein paar Tabus gebrochen: Sie hatte ein Franchise-Geschäft aufgebaut und war seither mit einem fahrbaren Essensstand unterwegs und servierte ihren mehrheitlich männlichen Kunden Burger und Reis. Damit konnte sie ihre Familie ernähren. Doch am 26. März kam der Lockdown, das Geschäft musste schliessen. Glücklicherweise kam ihr die Organisation zu Hilfe, die sie bereits beim Geschäftsaufbau unterstützt hatte. Sie half Freshta und rund 100 anderen Frauen, ihre Essensstände in Desinfektionswagen zu verwandeln, um damit die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen. Nun besuchen die Frauen vor allem die ärmeren Quartiere, wo sie Autos, Läden und Gemeinschaftszentren desinfizieren sowie Schutzmasken und Handschuhe verteilen. Die Leute seien zuerst schockiert gewesen, als sie Frauen gesehen hätten, die auf der Strasse arbeiteten, sagt Freshta zum «Guardian»: «Aber jetzt grüssen sie uns.»

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bettina Hamilton-Irvine und Charlotte Theile

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Ein netter Nebeneffekt der Pandemie ist, dass uns beim Einkaufen an der Kasse niemand mehr von hinten den Nacken anhaucht. Und dass sogar einzelne Vögel die Vorteile des Abstandhaltens erkannt haben, wie dieser Twitterer beobachtet hat.

PPPPS: Was macht man an Orten, die sonst stark frequentiert, nun aber aufgrund der Pandemie menschenleer sind? Tanzen! Das zumindest sagte sich das Royal Ballet, das in London Orte zur Bühne machte, die durch Corona-Regeln nicht zugänglich sind. Sieht schön aus.

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