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Social Disdancing

11.06.2020

Liebe Leserin, lieber Leser

First in, last out: Das Schweizer Nachtleben ist schon lange und immer noch stark von den Pandemie-Massnahmen betroffen. Seit dem 11. Mai dürfen die Bars wieder öffnen. Seit dem letzten Samstag nun auch die Clubs. Doch zurück ist das frühere Nachtleben deswegen noch lange nicht.

Denn die Einschränkungen sind gross: Maximal 300 Personen sind erlaubt, pro Person müssen vier Quadratmeter einberechnet werden. Falls das nicht möglich ist, müssen die Kontaktdaten der Gäste aufgenommen werden. Und vor allem: Um Mitternacht ist Polizeistunde.

Die Begeisterung hält sich darum bei den Betreiberinnen in sehr engen Grenzen: Wie kann man feiern, wenn man um Mitternacht die Türen schliessen muss? Rentieren Clubs mit weniger als 300 Gästen? Wie gehen Contact-Tracing und der Wunsch nach Anonymität zusammen?

Klar ist: Sehr viel ist noch nicht los. Grosse Clubs haben nach wie vor geschlossen, Konzerte finden kaum statt. Noch ist nicht bekannt, ab wann Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen wieder erlaubt sein werden, der Bundesrat will das am 24. Juni entscheiden. Manche Clubs bieten zurzeit Zwischenlösungen an: Der Zürcher Kanzlei-Club beispielsweise, der bis zu 500 Personen fassen würde, rettet sich mit einem bestuhlten Barbetrieb durch die neue Normalität, andere organisieren Tagespartys.

Was kann also gesagt werden über das Corona-Nachtleben? Vor allem: Was erwartet uns, wenn wir ausgehen wollen? Alexander Bücheli, Sprecher der Schweizer Bar- und Club-Kommission, gibt Antwort.

  • Weil um 24 Uhr Schluss ist, beginnen viele Partys früher, manche sogar schon mittags. «Statt Spontaneität gilt jetzt Planung», sagt Bücheli: Weil der Platz begrenzt ist, bieten viele Veranstalter einen Vorverkauf an. Etwas spontanere Partygängerinnen sollten sich «zumindest über die Uhrzeiten informieren, früher hingehen und nicht enttäuscht sein, wenn sie aus Platzgründen abgewiesen werden».

  • Um allfällige Infektionen nachzuverfolgen, sind die Kontaktdaten erforderlich. Falls diese durch den Vorverkauf nicht schon vorliegen, muss man sich vor Ort registrieren. «Papierlisten wirken zwar archaisch, sind aber aus Datenschutzgründen eine gute Lösung», sagt Bücheli. «Es gibt keine Datenspeicherung, und Zettel zu vernichten, ist manchmal einfacher, als Daten zu löschen.» Einzelne Clubs verwenden zur Registrierung auch QR-Codes.

  • Schutzmasken sind empfohlen. Bücheli dazu: «Masken sind an allen Partys erhältlich, auch dazu sollte man sich im Voraus informieren. Ganz grundsätzlich empfehlen wir, sich die gleichen Fragen zu stellen wie überall dort, wo es zu einem engen Kontakt mit unbekannten Personen kommen kann, beispielsweise im öffentlichen Verkehr: Wie schütze ich mich, wie nehme ich Rücksicht auf die anderen?»

  • Die Zusammenarbeit mit den Gästen spielt für die Veranstalter eine noch grössere Rolle als sonst. Bücheli: «Jeder soll sich fragen, bevor er einen Club besucht: Wie geht es mir gesundheitlich? Ist es mir wohl in einem kleinen Club, in dem es enger werden könnte, oder suche ich mir lieber einen grösseren, in dem man besser Distanz wahren kann?»

Das ist viel. Und doch, sagt der Sprecher der Bar- und Club-Kommission, sei die Wiedereröffnung, so wie er sie erlebt und von Betrieben mitbekommen habe, sehr schön gewesen. «Es ist eine grosse Dankbarkeit zu spüren, dass wieder etwas läuft, dass die Leute wieder arbeiten können, dass es diese Freiräume wieder gibt.» Um 24 Uhr seien die Gäste gegangen, ohne zu murren – auch wenn die wenigsten nach Hause wollten. «Ich würde sagen, die Wiedereröffnung war wie ein erstes Date», sagt Bücheli: «Vorsichtig, aber zugleich euphorisch.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 31’044 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 33 Fälle mehr.

Profi-Sportclubs bekommen Geld: Das Parlament hat das zweite Paket der Nachtragskredite zur Bewältigung der Corona-Pandemie bewilligt. Demnach sollen professionelle Sportclubs mit Darlehen in Höhe von 175 Millionen unterstützt werden. Können die Clubs das Geld nicht innert dreier Jahre zurückzahlen, müssen sie die Löhne der Spieler um durchschnittlich 20 Prozent senken.

Soziale Netzwerke in der Pflicht: Die EU-Kommission verlangt von Betreibern sozialer Netzwerke künftig einen monatlichen Bericht über ihr Vorgehen gegen Desinformation. Denn in der Corona-Krise seien diese Plattformen von einer «massiven Welle falscher oder irreführender Informationen» heimgesucht worden. Russland und China beispielsweise hätten ganze Kampagnen gestartet, um die Krise für politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Lateinamerika als neuer Brennpunkt: Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters sind bislang in Lateinamerika 70’972 Menschen nachweislich an einer Corona-Infektion gestorben. Rund 1,45 Millionen Ansteckungsfälle wurden bestätigt. Am stärksten betroffen sind Brasilien und Mexiko.

Öffnung der EU-Aussengrenzen: Die Europäische Kommission will die Beschränkungen für die Einreise in die EU ab dem 1. Juli schrittweise aufheben. Mitgliederländer müssen eine Liste mit Staaten ausarbeiten, aus denen eine Einreise wieder erlaubt werden soll. Sie müssen dabei berücksichtigen, wie stark die jeweiligen Länder von der Pandemie betroffen sind und ob sie ihrerseits EU-Bürger einreisen lassen. Schweizerinnen dürfen aufgrund der Personenfreizügigkeit bereits ab dem 15. Juni wieder in alle EU-Staaten einreisen.

Die interessantesten Artikel

  • Systemfehler: Zwar wissen wir bereits deutlich mehr über Covid-19 als noch vor einigen Wochen. Doch nach wie vor bleibt es ein Rätsel, wieso einige Infizierte die Krankheit überhaupt nicht bemerken, während andere daran sterben. Der «Spiegel» berichtet nun von einer möglichen Antwort: Der Grund, wieso gewisse Personen sehr schwer an Covid-19 erkranken, könnte eine Fehlfunktion des eigenen Immunsystems sein.

  • Realitätsfremd: Japans Umgang mit der Pandemie gilt als vorbildlich. Die Infektionszahlen sind niedrig, und bereits Ende Mai gab Ministerpräsident Shinzo Abe bekannt, dem Land sei es gelungen, die Ausbreitung des Virus in weniger als zwei Monaten unter Kontrolle zu bringen. Doch nun wächst die Angst, dass die offiziellen Angaben nicht der Realität entsprechen. Die «Zeit» hat das Land genauer unter die Lupe genommen.

  • Auch das darf Satire: Darf man während einer Pandemie noch Witze machen, oder ist das respektlos gegenüber den Opfern? Man darf, sagt der Wiener Satiriker Alfred Dorfer im Interview mit der TAZ: Humorlosigkeit sei Intelligenzmangel. Ein Gespräch über Niederlagen, Moral und den Tod.

Zum Schluss ein Blick nach Indonesien, wo die Regierung einen Post-Corona-Babyboom befürchtet

«Ihr könnt Sex haben. Ihr könnt heiraten. Aber werdet nicht schwanger!» Das verkündeten Beamte über Lautsprecher in den indonesischen Städten. «Väter, bitte kontrolliert euch selber. Ihr müsst verhüten!» Der Grund für diese aussergewöhnliche Aktion: Die Regierung befürchtet, dass die Pandemie zu einem überdurchschnittlichen Anstieg der Geburtenrate führen könnte. Sie geht aufgrund von Klinikdaten davon aus, dass rund 10 Millionen verheiratete Paare während des Lockdown auf Verhütungsmittel verzichtet haben, weil Frauen der Zugang zu chemischen Verhütungsmitteln erschwert wurde. Apotheken waren teilweise geschlossen. Oder Frauen trauten sich nicht, das Haus zu verlassen. Die Wissenschaftler, die für die indonesische Familienplanung zuständig sind, schätzen, dass es in diesem und dem nächsten Jahr 350’000 bis 500’000 zusätzliche Geburten geben wird. Für die indonesische Regierung wäre das ein grosser Rückschlag. Sie bewirbt seit längerem kleinere Familien. Damit soll unter anderem die Unterernährung von Kindern verhindert werden.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Elia Blülle, Bettina Hamilton-Irvine und Daria Wild

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PPPS: Die Pandemie hat auch ihre guten Seiten: Grossbritannien beispielsweise kommt seit zwei Monaten komplett ohne Strom aus Kohlekraftwerken aus – zum ersten Mal seit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

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